Heute in den Feuilletons: "Menschen beim Denken zusehen"

Die "Welt" möchte bei der Kritik an den Geheimdienst-Enthüllungen die Maßstäbe gewahrt sehen. In "Volltext" mahnt Hubert Winkels: Der Bachmann-Wettbewerb gehört unter UN-Schutz, mindestens. In der "taz" spricht der türkische Musiker Burak Tamer über seine Erfahrungen auf dem Taksim-Platz.

Die Welt, 24.06.2013

Marko Martin warnt angesichts der Enthüllungen über unsere umfassende Bespitzelung durch amerikanische und britische Geheimdienste vor falschen Maßstäben im Vergleich von Demokratien und Diktaturen: "So zählen bis heute die Gräuel des Vietnamkrieges zu den bestdokumentierten der Welt, während die Massenmorde nach dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan 1979 nicht einmal verdrängt sind, sondern kaum je zur Kenntnis genommen wurden."

Im Feuilleton porträtiert Julia Smirnova den Direktor des Museums für moderne Kunst in Perm am Ural, Marat Gelman, der jetzt von Putin entlassen wurde, weil er eine satirische Ausstellung organisiert hatte. Dankwart Guratzsch begrüßt die Aufnahme der Kasseler Wilhelmshöhe ins Weltkulturerebe der Unesco. Eckhard Fuhr fragt nochmals, ob ein jüngst aufgefundenes Porträt tatsächlich Georg Büchner zeigt. Und Marc Reichwein befasst sich in seiner Feuilleton-Kolumne mit der Zeitschrift Neon. Besprochen werden Ereignisse des Neue-Musik-Festivals Infektionen in Berlin.

In der Welt am Sonntag fasst sich Richard Kämmerlings angesichts der Börne-Preis-Dankrede Peter Sloterdijks mit ihren Ausführungen zum 11. September an den Kopf: "Sloterdijk ist der gar nicht so seltene Fall eines Intellektuellen, der sich selbst zum unkonventionellen Freigeist und vom geistigen Mainstream bekämpften Außenseiter stilisiert und dabei mit Staunen machender Rhetorik allzu bekannte Thesen verbreitet. Ein Populist im Gewand des Dissidenten. Für kaum etwas bekommt man in Deutschland mehr Beifall als für USA-Bashing. Bei Sloterdijk kommt das freilich im Gewand einer 'sperrigen' Theorie 'von einigem sozialphilosophischen Anspruch' daher."

Perlentaucher, 24.06.2013

Was wissen wir, fragte Perlentaucherin Anja Seeliger am Freitag. Den meisten Medien, die noch mit der krimireifen Flucht Edward Snowdens befasst sind, ist es noch nicht aufgefallen, aber der Guardian hat nachgelegt: Der britische Geheimdienst hat durch Anzapfung der Glasfaserkabel auch die gesammelte Kommunikation Kontinentaleuropas angezapft. Da stellt sich die Frage: "Was sagt Angela Merkel dazu? Wusste die Bundesregierung, dass die Briten zusammen mit vier anderen englischsprachigen Nationen auch die gesamte Kommunikation Kontinentaleuropas ausspionieren? Wusste sie es, und hat amerikanische und britische Geheimdienste benutzt, um deutsche Einschränkungen und das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu umgehen, das die Vorratsdatenspeicherung für illegal erklärt hat? Indem sie klammheimlich von Erkenntnissen profitiert hat, deren Beschaffung nach deutschem Recht illegal gewesen wäre? Oder hatte sie keinen blassen Schimmer vom Treiben der fünf? In dem Fall sollte man neben dem Verfassungsschutz, der beim Zwickauer Nazi-Trio versagte, auch gleich den BND abschaffen."

Weitere Medien, 24.06.2013

(via BoingBoing) Als herauskam, dass Journalisten der News of the World die Handys von Politikern, Prominenten und Mordopfern gehackt haben, war das ein Riesenskandal. Doch wusste die Serious Organised Crime Agency (Soca) - eine Art FBI in Britannien - damals schon, dass Journalisten nicht die einzigen waren, die fremde Telefone abhörten, berichtet der Independent. "Die Soca weiß seit sechs Jahren, dass auch Anwaltsfirmen, Telekomgiganten und Versicherungen Privatdetektive engagiert haben, um das Gesetz zu brechen und ihre wirtschaftlichen Interessen zu befördern", enthüllt ein Report, der jetzt dem Independent geleakt wurde. "Doch die Agency hat nichts unternommen, um diesen ungesetzlichen Handel zu unterbinden."

In der österreichischen Literaturzeitschrift Volltext singt Hubert Winkels vorsorglich eine Hymne auf den von Einstellung bedrohten Bachmann-Wettbewerb: "Nehmen wir zunächst die Jurydiskussion: Man kann anderen Menschen beim Denken zusehen, man kann sehen, wie Denken aus der Situation, in der Formulierung und im Zusammenspiel mit den Erwartungen Anwesender und imaginärer Anderer entsteht..." Und weiter: "'Klagenfurt' ist also einmalig, ein Unikum, unbedingt unter den UN-Schutz nicht reversibler ziviler planetarer Errungenschaften zu stellen."

(Via @hemartin) In manchen deutschen Zeitungen ist der Skandal um die Lauschpraxis der Briten Aufmacher, in den britischen Zeitungen nicht, beobachtet der Blogger Jon Worth:


Neue Zürcher Zeitung, 24.06.2013

Wilhelm Genazino gratuliert dem Literarischen Colloquium Berlin zum 50. Geburtstag und hebt insbesondere den sensiblen Umgang mit den Literaten hervor: "Die Geschäftsführung hält sich stets im Hintergrund. Jeder Stipendiat kann sich jederzeit im Sekretariat melden und dies und jenes anregen, wünschen, hoffen. Selbstverständlich gibt es keinerlei Druck auf die eingeladenen Schriftsteller. Wer Pech hat und nicht viel zustande bringt, wird nicht geächtet. Man weiß hier, was eine Schreibkrise ist, und verhält sich diskret."

Weiteres: Joachim Güntner findet keinen Beleg dafür, dass die türkische Gülen-Bewegung, die weltweit mehr als tausend Privatschulen gegründet hat, ihre Schüler religiös indoktriniert. Besprochen werden Inszenierungen von Calderóns "Welttheater" in Einsiedeln (die Beatrice Eichmann-Leutenegger "sich beherzter, kühner gewünscht" hätte) und Giuseppe Verdis "Attila" in St. Gallen (die Jürg Huber "hermetisch und grau wie der Himmel am Premierenabend" erscheint).

Die Tageszeitung, 24.06.2013

Im Interview mit Ebru Tasdemir schildert der türkische Musiker Burak Tamer seine Erfahrungen auf dem Taksim Platz und beklagt die unverhältnismäßige Härte der Polizei: "In bestimmten Momenten entscheidet ein Mensch in Uniform, ob er seinem Gegenüber das Tränengas direkt ins Gesicht spritzt. Er entscheidet, ob er das junge Mädchen nicht vor den Schlägen und Tritten seines Kollegen beschützt. Er entscheidet, einen Protestler angemessen festzunehmen oder mit vier Kollegen am Boden schleifend in den Wagen zu tragen. Das ist der Unterschied."

Weiteres: Die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei auszusetzen wäre ein Fehler, meint Felix Dachsel: "Wenn es im Moment ein Land gibt, das jenes Europa verkörpert, wie es sein sollte, dann ist es dieses: die Republik Gezi. Solidarisch, friedlich, pluralistisch, mutig, frei."

Im Kulturteil spicht Gabriele Goettle mit dem Medizinhistoriker Gerhard Baader über Palliativmedizin und Sterbehilfe. Besprochen wird das musikalische Hörspiel "Orphée Mécanique" des Hamburger Künstlers Felix Kubin.

Und Tom.

Süddeutsche Zeitung, 24.06.2013

Wenig Verständnis hat Till Briegleb für die Empörung, die Hermann Nitschs Leipziger Aufführung seines zuletzt in den Sechzigern verbotenen, auf Tierkadaver zurückgreifenden "3-Tage-Spiels" bei Tierschützern hervorruft, "während auf der Restaurant-Meile, an der das Theater liegt, auf jeder Speisekarte 90 Prozent Fleischgerichte stehen" (wir erinnern uns viel lieber an Nitschs Auftritt bei Phettbergs Nette Leit Show).

Weitere Artikel: Enttäuscht erstattet Willi Winkler Bericht von einer Historikertagung, die einige Herausgeber der Studie über das Auswärtige Amt im "Dritten Reich" auf ihre Kritiker treffen ließ, doch gibt es "keine nennenswerten Ehrenhändel, keine Duellforderung und nicht einmal das angetäuschte Ertränken eines Gegners im Starnberger See" zu vermelden. Tim Neshitov erzählt, wie eine vor drei Jahren aufgetauchte Beutekunst-Vase aus der Sammlung Pawlowsk die deutsch-russischen Beziehungen belastet. Außerdem meldet er, dass die Familie Schulenburg die in ihrem Besitz befindlichen Bücher aus der Sammlung an die Schlossbibliothek Pawlowsk rücküberstellen will (mehr). Gerhard Matzig gratuliert dem Architekten Fritz Auer zum 80. Geburtstag. Außerdem dokumentiert die SZ die Laudatio des Islamwissenschaftlers Stefan Weidner auf den Dichter Adonis.

Für die Reportage auf Seite Drei legt sich Detlef Esslinger mit dem Parteienkritiker Hans Herbert von Arnim an den Strand des Rheins.

Besprochen werden die Ausstellung "Dark Optimism" im MoMA PS1, Nikolaus Harnoncourts Inszenierung vom "Ritter Blaubart" in Graz und ein Bildband über die Insel Gunkanjima.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.06.2013

Sehr böse ist Harvard-Ökonomin Shoshanna Zuboff den Internet-Giganten von Google und Facebook dafür, dass diese sich so mir nichts, dir nichts von NSA und Prism so vor den Karren haben spannen lassen und damit ihr Modell vom "dezentralisierten Kapitalismus", in dessen Mittelpunkt die Verbrüderung mit dem Nutzer steht, so rasch verabschiedet haben: "Fest steht offenbar, dass keines der Unternehmen sich Anfragen der NSA widersetzt hat. Und sie haben auch nicht beschlossen, gemeinsam zu kämpfen oder die Milliarden Nutzer über Praktiken zu informieren, die einige für illegal halten. Diesen Unternehmen gehört das Internet! Was hätten sie mit ihrer vereinten Macht ausrichten können!"

Weitere Artikel: "Brasiliens Jugendrevolte ist kein Ergebnis wirtschaftlicher Not wie in Spanien", sondern der Forderung, demokratische Versprechungen endlich umzusetzen, beobachtet der Schriftsteller Hans Christoph Buch. Martin Halter führt durchs Programm der Schillertage in Mannheim. Andreas Platthaus verabschiedet sich von dem spanischen Autor Javier Tomeo.

Besprochen werden die Konrad Klapheck gewidmete Ausstellung im Museum Kunstpalast in Düsseldorf (Rose-Maria Gropp bestaunt "Geräte in ihrer Gemachtheit"), eine Open-Air-Aufführung von "Grimes on the Beach" am Strand von Aldeburgh und Bücher, darunter Daniel Everetts "Die größte Erfindung der Menschheit".

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