Heute in den Feuilletons: "Die Kanzlerin lügt uns ins Gesicht"

In der "Zeit" beteuert die Kanzlerin ihre totale Ahnungslosigkeit über Prism und die fürsorgliche Belagerung durch die Briten. Und Eugen Ruge wendet sich in seiner Eigenschaft als Ausländer an Barack Obama.

Aus den Blogs, 11.07.2013

Empört schreibt Udo Vetter in seinem Lawblog zum Kanzlerinnen-Interview (mehr) in der Zeit: "Die Kanzlerin lügt uns ins Gesicht, wenn sie sich unwissend stellt. Sie bringt sich damit nicht nur, wenn auch wenig elegant, aus der Schusslinie im Falle weiterer Enthüllungen (die kommen werden). Sie bagatellisiert die Angelegenheit auch zu einer Frage der Alltagspolitik. Ziel: das Thema ad acta legen, so weitermachen wie bisher."

Im Prozess gegen Bradley Manning erklärte der Juraprofessor Yochai Benkler dem Gericht, warum Wikileaks für den Journalismus und damit für die öffentliche Debatte so wichtig war, berichtet bei Gawker Adrien Chen. "On the stand at Ft. Meade today, Benkler compared what is happening to journalism to changes in software industry in the 90s, where development moved from a couple key companies - IBM and Microsoft - to many different organizations, including open source communities. 'What happened with networked production is you got a decomposition of the functions,' he said. And in a world so distributed, something like Wikileaks is needed to do the arduous work of exposing secret information that underpins the most important kinds of investigative journalism. Wikileaks mattered because it was able to facilitate the leak and distribution of this information in a way that no old organization could. (Remember, Manning approached both the Washington Post and the New York Times in vain before turning to Wikileaks.)" Hier ein Transkript der Vernehmung Benklers, ab Seite 16.

Die Tageszeitung, 11.07.2013

Den Umstand, dass es in den USA der zweite Supreme Court war, der in aller Stille den elektronischen Abschöpfaktionen der NSA ein "rechtsstaatliches Mäntelchen umhängte" lotet Micha Brumlik in einem Vergleich mit den "lettre de cachet" aus, mit denen erst unter Ludwig XVI. und später wieder Napoleon unliebsame Personen verhaftet werden konnten, und resümiert: "Der Absolutismus ist nie völlig überwunden worden, er west als 'tiefer Staat' - den es keineswegs nur in der Türkei gibt -, als immerwährende Möglichkeit westlicher Demokratien geisterhaft fort."

Pascal Beucker informiert über den Abbruch einer Comic-Ausstellung an der Universität Duisburg-Essen, nachdem eine Studentin offenbar aus Hass auf Israel ein Ausstellungs-Exponat beschädigt hatte. In einem Kommentar wirft Beucker der Universität, die die Ausstellung geschlossen hat, eine "Überreaktion": ihr Vorhaben, Islamwissenschaftler mit einer Überprüfung der beiden angegriffenen Plakate mit Motiven aus Craig Thompsons "Habibi" und Rutu Modans "Exit Wounds" zu beauftragen, impliziere überdies, es könne eine "inhaltliche Rechtfertigung für die Zensur" geben.

Weitere Artikel: Rene Martens unterhält sich mit dem Technikphilosophen Sandro Gaycken über eine notwendige Revision von Kommunikationsverhalten und Verschlüsselungspraktiken, die auch politisch gestützt werden müsse. Ulrich Gutmair berichtet über das Jerusalemer In-House Festival, das Theaterprojekte und Konzerte in Privatwohnungen veranstaltete. Auf der Medienseite berichtet Rene Martens, dass sieben Autoren öffentlich die neuen Verträge von Gruner und Jahr kritisiert haben: "Die renommierten Autoren kritisieren, dass in den Vereinbarungen ein 'Exklusivitätszeitraum von 12 Monaten' vorgesehen ist, 'der eine Zweitverwertung unmöglich macht'. Außerdem missfällt ihnen, wie die 'Weiterverwertung innerhalb und außerhalb der sogenannten Markenfamilie' geregelt ist. ... In Paragraf 2.1 der neuen Rahmenverträge heißt es unter 'Grundhonorar': 'Die Nutzungen in den deutschsprachigen Zeitschriften der Markenfamilie' seien inklusive digitaler Ausgaben 'mit dem vereinbarten Honorar abgegolten'."

Besprochen werden Rama Burshteins Film "An ihrer Stelle" über die Welt und die Gesetze ultraorthodoxer Juden in Tel Aviv, eine Ausstellung des US-amerikanischen Fotografen Robert Adams im Josef Albers Museum Quadrat Bottrop und die DVD von Harmony Korines Anti-Sozialdrama "Gummo" von 1997.

Und Tom.

Die Welt, 11.07.2013

Für die Leitglosse recherchiert Berthold Seewald, seit wann Griechenland einen derart aufgeblähten Beamtenapparat hat und stellt fest: Die Bayern sind schuld.

Besprochen werden die von Bernhard-Henri Lévy kuratierte Ausstellung "Les aventures de la vérité - Peinture et philosophie: un récit" in der Fondation Maeght in Saint-Paul-de-Vence, ein Konzert von Keith Jarrett in Berlin, Alex Gibneys Wikileaks-Doku "We Steal Secrets", Wolfgang Groos' Punkrockfilm "Systemfehler" und Louis Leterriers Magierfilm "Die Unfassbaren".

Neue Zürcher Zeitung, 11.07.2013

"Zeigt ein Gemälde eine Frau, umringelt von einer Schlange, aber ohne Evas Apfel, dann hat man es mit Kleopatra zu tun", findet Joachim Güntner bei der Bonner Schau "Kleopatra. Die ewige Diva" heraus: "Ob sich die ägyptische Königin... wirklich auf diese Weise umbrachte, weiß man nicht. Generationen von Künstlern aber gab das Motiv der Schlange, die in Kleopatras Brust beißt, eine willkommene Legitimation, barbusige junge Frauen zu malen." (Bild: Guido Cagnacci: Der Tod der Kleopatra, ca. 1659/61-1662, © Kunsthistorisches Museum Wien)

Weiteres: Veronika Szalay stellt die 2001 gegründete Andrássy-Universität in Budapest vor, an der auf Deutsch unterrichtet wird. Besprochen werden die Filme "The Grandmaster" von Wong Kar-Wai (in dem laut Till Brockmann deutlich wird, "dass hier jemand nicht nur viel wagt, sondern auch viel kann") und "Now You See Me" von Louis Leternier sowie Bücher, darunter drei neue Biografien von Georg Büchner.

Süddeutsche Zeitung, 11.07.2013

Whistleblower Daniel Ellsberg (Website), dessen 1971 geleakte Pentagon-Papiere maßgeblich zur Beendigung des Vietnamkriegs beitrugen, erklärt (hier im Original), warum es für Edward Snowden - anders als für ihn selbst damals - keine Option darstellt, in den USA zu bleiben: "Das Land, in dem ich damals lebte und blieb, war ein anderes Amerika. ... Wenn wir seinen Enthüllungen und den daraus folgenden Herausforderungen gerecht werden, hat er uns die größte Chance gegeben, dass wir uns vor einer vollkommen außer Kontrolle geratenen Überwachung retten, die alle effektive Macht an die Exekutive und ihre Geheimdienste verschiebt: an eine Vereinigte Stasi von Amerika."

Außerdem: Sebastian Schoepp beobachtet einen Boom der spezifisch lateinamerikanischen Form der Reportage, der "Crónica", deren moderne Prägart "Ausdruck eines sozialen Wandels" ist: "Die Themen spiegeln eine sich verändernde Wirklichkeit und mithin eine zunehmend gemeinsame lateinamerikanische Identität: Rapper mit Down-Syndrom, eine rätselhafte Teenager-Selbstmordwelle in Patagonien oder ein Transsexuellenpärchen in Lima."

Außerdem: Schauspieler Jesse Eisenberg gesteht Fritz Göttler und Susan Vahabzadeh, dass er statt ins Kino viel lieber ins Theater geht. Auf Seite Drei schwärmt Alex Rühle vom Münchner Konzert des Jazz-Pianisten Keith Jarrett, das die Stadt regelrecht verzauberte. Paul-Philipp Hanske staunt, wie das Elektroprojekt Darkside die Retro-Sounds des Daft-Punk-Hitalbums "Random Access Memories" mit einem nonchalant im Netz veröffentlichten Komplett-Remix modernen Klangwelten zuführt. Hier der Remix in voller Länge:



Besprochen werden eine Ausstellung mit Fotografien von Philip-Lorca diCorcia in der Frankfurter Schirn, Julian Moores neuer Film "Das Glück der großen Dinge", der Episodenfilm "7 Tage in Havanna", Dieter Wedels in Worms aufgeführte Inszenierung von Hebbels "Nibelungen", eine Tanzchoreografie von Martin Schläpfer in Düsseldorf und Bücher, darunter Grace Paleys "Die Widrigkeiten des Lebens"

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.07.2013

Bert Rebhandl stellt die amerikanische Dokumentarfilmerin Laura Poitras vor, die mit ihren kritischen Arbeiten schon seit längerem im Blick der US-Behörden ist und deshalb nicht nur jedesmal bei der Einreise schikaniert wird, sondern auch von Edward Snowden bereits im Januar 2013 kontaktiert wurde. Über ihr neues Projekt gibt es bislang vor allem Gerüchte: Es soll um Überwachung gehen, in Zusammenarbeit mit Julian Assange entstehen und sich wohl auch mit Snowden befassen. "Das politische Zeitgeschehen [liefert] derzeit täglich neues Material. Aus ihren Erfahrungen bei den Reisen in ihr Heimatland hat sie inzwischen eine Konsequenz gezogen: Sie lebt außer Landes - ein Schicksal, mit dem auch Snowden gut leben könnte, der vermutlich schon froh wäre, wenn er irgendein Land hätte, das ihn aus seiner Vogelfreiheit erlöste. Aus beiden Fällen ist jedenfalls sehr gut ersichtlich, was es für die bürgerlichen und politischen Freiheiten bedeuten kann, wenn man den Argwohn eines nach Allwissenheit strebenden Staates auf sich zieht."

In einer knappen Wortmeldung ärgert sich der Schriftsteller Eugen Ruge maßlos über Obamas Abwinken im Prism-Skandal, davon seien ja nur Ausländer betroffen: "Allein für diese Äußerung, für diesen Halbsatz, müsste sich Barack Obama beim Rest der Welt entschuldigen. Wenn nicht er selbst, müssten seine Diplomaten herumfahren und versuchen, Schadensbegrenzung zu betreiben. Was passiert jedoch? Ein Minister aus dem Kabinett Merkel darf in die Vereinigten Staaten fliegen, um dort mit der Bitte um Aufklärung vorstellig zu werden. Mit anderen Worten: Der Unverschämtheit folgt die Demütigung."

Weitere Artikel: Rhetorikforscher Hans Hütt wundert sich über den Wahlkampf, der offenbar "durch örtliche Betäubung ersetzt" wurde: Er sieht "rüde Symptomverschiebung, robuste Realitätsverweigerung. Die Wahlkämpfer flüchten zu Posen. So schrumpft Öffentlichkeit zum postpolitischen Wohlgefühl." Swantje Karich staunt, dass Hollywood jetzt schon einen Film über den Anschlag von Boston plant. Nils Minkmar beklagt den gefühlten Zwang zur Optimierung von Kindern. Oliver Tolmein freut sich, dass sich die Bundesärztekammer in der Debatte zur Verwahrung psychisch Kranker für die Patientenrechte stark macht. Eleonore Büning stellt eine Düsseldorfer, auf die Zipperlein und Gebrechen professioneller Musiker spezialisierte Ambulanz vor.

Besprochen werden die Ausstellung "Aus Dämmerung und Licht" in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München, Aufführungen von Wagners frühen Opern "Die Feen" und "Das Liebesverbot" in Bayreuth und Bücher, darunter Mark Thompsons "Birth Certificate".

Die Zeit, 11.07.2013

In ihrem ersten Interview nach dem NSA-Skandal beharrt Angela Merkel auf ihrer Ahnungslosigkeit in Sachen Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Geheimdienst: "Wanzen in Botschaften oder EU-Einrichtungen wären inakzeptabel, wenn diese Berichte zuträfen. Der Kalte Krieg ist vorbei. Insgesamt ist der Umgang mit Daten in unserer heutigen Zeit ein überaus komplexes Feld. Darüber hinaus stoßen hier unterschiedliche nationale Regierungen aufeinander. Nachrichtendienste neigen naturgemäß zur Intransparenz."

In seinem Kommentar mokiert sich Josef Joffe über die in seinen Augen gekünstelte Empörung mancher Medien und Politiker und mahnt zu einem konstruktiven Dialog zwischen Europa und den USA: "Wenn die Heuchelei-Arien verklungen sind, sollten die 'Freunde' nüchtern über die gemeinsame Bedrohung ihrer Freiheit nachdenken."

Zu den Opfern der Entwicklungen in Ägypten gehören die antiken Kulturschätze, schreibt Ronald Düker im Feuilleton nach einem Treffen mit der Archäologin Wafaa El Saddik: "Auf dem Pyramidenplateau von Giseh und in den Nekropolen von Sakkara, Daschur oder El-Hibe wüten bis heute die Plünderer. Sie decken sich mit Waffen ein, die über Libyen, den Sudan und die palästinensischen Gebiete durch die Wüste geschmuggelt werden und denen die vereinzelten Wachen vor Ort nichts entgegenzusetzen haben. Die Diebe öffnen Gräber und Sarkophage, und ihr Werk ist sogar auf Satellitenbildern zu erkennen, auf denen einzelne Grabfelder der durchlöcherten Oberfläche eines Schweizer Käses gleichen."

Weiteres: Volker Hagedorn informiert über den aktuellen Stand der Debatte um die Zugehörigkeit des späteren Musikwissenschaftlers Hans Heinrich Eggebrecht (1919-1999) zur berüchtigten Feldgendarmerie der Wehrmacht, die der Musikhistoriker Boris von Haken vor drei Jahren aufgedeckt hat. Als "eine Liebesgeschichte mit nur einem Hauptdarsteller" beschreibt Peter Kümmel den Fernsehfilm "George" mit Götz George als Heinrich George: "Er gibt ihm einen wehmütigen Blick, mit dem dieser im Film auf den eigenen Sohn und mit dem der Heinrich-George-Darsteller Götz George auf sich selbst hinab- und zurückblickt - auf das Kind, das er war."

Die Pet Shop Boys sprechen mit Thomas Groß über ihr neues Album "Electric". "Der beste und einzig wahre Satiriker unter den Nachkriegskünstlern" war Piero Manzoni (1933-1963), stellt Hanno Rauterberg angesichts einer Frankfurter Ausstellung fest. Marie Schmidt geht der Frage nach, warum eigentlich alle Ryan Gosling so heiß finden. Besprochen werden Rama Burshteins Film "An ihrer Stelle" ("eine Symphonie der heruntergezogenen Mundwinkel", stellt Maximilian Probst ein wenig überzeugt fest online findet sich ein Interview mit der Regisseurin), Peter Konwitschnys Inszenierung von Verdis "Attila" am Theater an der Wien (der Christine Lemke-Matwey einen "abgründigen, bösen Humor" attestiert) sowie Bücher, darunter Goce Smilevskis Roman "Freuds Schwester".

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