Heute in den Feuilletons "Das Jahr des Verscherbelns"

Die "SZ" möchte von Hans-Peter Uhl und Evgeny Morozov wissen, warum ihr Fernmeldegeheimnis nichts wert ist. In der "FAZ"warnt George Dyson: Wer sich vor gefährlichen Gedanken schützt, schützt sich auch vor originellen. Außerdem wird Springers Ausverkauf seiner Regionalzeitungen kommentiert.


Die Tageszeitung, 26.07.2013

Großer Bahnhof beziehungsweise Titelseite für Mick Jagger, der heute 70 wird. Arno Frank gratuliert dem "Zentralorgan des Rock" und schreibt: "Er ist der Prototyp. Das Rollenmodell für unzählige andere Rockstars, die ihrerseits wieder Rollenmodelle für andere Rockstars werden sollten ... Andere mögen sich aus Eitelkeit irgendwann Schönheitsoperationen unterziehen, Mick Jagger lässt es aus Eitelkeit bleiben. Er ist ein Dorian Gray, an dessen Stelle nicht ein Spiegel altert. Sondern sein Publikum."

Weitere Artikel: Finn Johannsen porträtiert das Chicagoer Label Dance Mania Records, das als das Motown der elektronischen Clubmusik gilt. Jürn Kruse berichtet über den Ausverkauf von Hamburger Abendblatt, Berliner Morgenpost und Hörzu an die Funke Mediengruppe, mit dem Springer seinen Umbau zum "führenden Digitalkonzern in Europa" vorantreibe. In einem Kommentar nennt Kruse die Strategie "eiskalt", das von Springer vollmundig angekündigte Jahr der Investitionen werde zum "Jahr des Verscherbelns".

Besprochen werden der Dokumentarfilm "Virgin Tales" der Schweizerin Mirjam von Arx, der ein Jahr im Leben einer evangelikalen Familie in Colorado Springs dokumentiert, Davide Manulis Film "The Legend of Kaspar Hauser", den Rezensent Thomas Groh als "Beitrag zu einer sich lose formierenden neuen Welle des absurden Kinos" bewertet, und der Sampler "Hugs and Kisses", zusammengestellt von dem gleichnamigen queeren Lifestyle-Magazin.

Und Tom.

Neue Zürcher Zeitung, 26.07.2013

Claudia Kramatschek porträtiert den Schriftsteller Helon Habila, dessen Roman "Öl auf Wasser" im vergangenen Jahr allenthalben gefeiert wurde. Als im Jahre 1967 Geborener gehört er zur "lost generation" Nigerias, die der Dekolonisierung ebenso kritisch gegenübersteht wie der vorkolonialen Tradition, wie Kramatschek zitiert: "Gerade als Afrikaner ist man von Tradition förmlich durchtränkt. Manchmal ödet einen das an. Kultur ist gut und wichtig, denn sie prägt unseren Blick auf die Welt. Aber Tradition ist etwas anderes: Tradition ist eine Erfindung, die fraglos übernommen werden soll. Doch gerade ein Künstler sollte Dinge anders machen und Grenzen überschreiten."

Weiteres: Der Welterbestatus des Mittelrheintals zwischen Bingen und Koblenz bringt die "typischen Interessenkonflikte zwischen Tourismus, Stadtentwicklung und Denkmalschutz" hervor, berichtet Jürgen Tietz. In der Münchner Ausstellung "Aus Dämmerung und Licht" mit Meisterwerken nordischer Malerei zwischen 1860-1920 vermisst Hanne Weskott die schwedische Malerin Hilma af Klint und den Aufbruch in die Moderne.

Besprochen werden das Debütalbum "Body Music" des britischen Duos AlunaGeorge (das Aram Lintzel als "Pop für viele - allerdings mit kleinen Unterschieden zum Pop für die Masse" beschreibt) und Bücher, darunter Arne Reimers "American Jazz Heroes".

Die Welt, 26.07.2013

Hanns-Georg Rodek annonciert gleich drei deutsche Filme, davon zwei im Wettbewerb, beim Festival von Venedig. Der Chefredakteur von Zenith, Daniel Gerlach, berichtet im Interview von Reaktionen auf die neue Ausgabe des Magazins, das auf dem Titel eine Karte Kurdistans abgebildet hat, unterlegt mit der Frage: "Ist dieses Land noch zu verhindern?" Michael Pilz schreibt zum Siebzigsten von Mick Jagger. Joachim Mischke hat eine Probe besucht, die der Dirigent Gustavo Dudamel mit Chorsängern des Sozialprojekts El Sistema in Salzburg für die Aufführung von Mahlers Achter Sinfonie abhielt.

Besprochen werden die Moses-Dramatisierung von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel in Oberammergau sowie Dror Mishanis Krimi "Vermisst".

Mit Verspätung zitieren wir Gerhard Amendts Kommentar zu neuen Pädophilie-Vorwürfen gegen die Grünen in ihrer Frühzeit und die Bewältigungsversuche des Grünen-Politikers Volker Beck. "Der erschreckende Mangel an Empathie für Kinder, der die schwankende Position der Grünen noch immer markiert, lässt sich nicht dadurch beheben, dass die sexualpolitische Vergangenheit der Grünen wie im Fall von Dany Cohn-Bendit und Volker Beck vom Radar der Öffentlichkeit genommen wird. Was die Grünen zu Recht Kirchenfunktionären und Trägern von Kinderheimen als Verdunklung von sexuellem Missbrauch vorwarfen, das, so will es scheinen, tun sie jetzt selber." Am Sonntag hatte die WamS neue Vorwürfe erhoben.

Aus den Blogs, 26.07.2013

Henryk Broder antwortet auf SZ-Kulturchef Andrian Kreye, der in einem unvergessenen Text Kurt Westergaard dafür kritisiert hatte, dass er gläubige Muslime zu Mordaktionen provozierte, und nun das Video eines elfjährigen Mädchens in Zweifel stellt, weil es von einer amerikanischen Organisation ins Netz gestellt wird. Das Mädchen wehrt sich darin gegen Zwangsheirat. Kreye wendet ein, dass es das auch woanders gebe. Broder kommentiert auf Achgut: "Kreye, du Knalltüte, Sitzen machen! Versuch doch mal, nur eine westliche Gesellschaft zu finden, in denen 'Sekten', die Kinder missbrauchen, ungestraft davon kommen. Kindesmissbrauch, den es natürlich auch im Westen gibt, ist ein Straftatbestand, im Jemen und in 'vielen islamischen Ländern' ist es das Normale und Selbstverständliche."

Süddeutsche Zeitung, 26.07.2013

Dirk von Gehlen ärgert sich sehr über die Ratschläge aus Politik und Feuilletons - hier Hans-Peter Uhl, dort Evgeny Morozov -, dem NSA-Skandal mit Datensparsamkeit zu begegnen. "Evgeny Morozov und Hans-Peter Uhl raten den Bürgern eines demokratischen Landes, sich vor der flächendeckenden Überwachung ihrer Kommunikation dadurch zu schützen, dass sie weniger reden. ... Sie halten den gerade aufgedeckten flächendeckenden Angriff auf den Artikel 10 des deutschen Grundgesetzes nicht für ein politisches, sondern für ein persönliches Problem der Internetnutzer, deren Fernmeldegeheimnis ihnen irgendwie weniger wert zu sein scheint als das derjenigen, die noch anständig Briefe schreiben."

Außerdem: "Gelungen" findet Harald Eggebrecht Alexander Pereiras Idee, bei den Salzburger Festspielen Sakralmusiken unterschiedlicher Religionen aufeinander treffen zu lassen. Alexander Menden stellt Katharina Fritschs vier Meter große blaue Hahnskulptur vor, die in den kommenden Monaten am Trafalgar Square zu sehen sein wird (mehr). Theologe Hubert Wolf durchforstet die Annalen der Kirchengeschichte nach Tips für Papst Jorge Bergoglio zur Kirchenreformation. Zum 70. Geburtstag von Mick Jagger und Keith Richards dämmert es Kurt Kister, dass Rock heute nicht mehr ausschließlich eine Jugendkultur darstellt.

Besprochen werden das 67. Festival d'Avignon, bei dem Christine Dössel einen starken Fokus auf postkoloniale Themen beobachtete, und Bücher, darunter Alexander Nitzbergs Neuübersetzung von Michail Bulgakows "Das hündische Herz".

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.07.2013

Eine gefährliche Dimension von NSA und Prism liegt für den Wissenschaftshistoriker George Dyson auch darin, dass die totalüberwachte und nach gefährlichen Gedanken bzw. Meta-Daten abgescannte Gesellschaft sich in die eigene Verkrustung begibt: "Es wird nie restlos möglich sein, systematisch zwischen wirklich gefährlichen Gedanken und guten, aber verdächtig erscheinenden Gedanken zu unterscheiden, wenn man ihnen keine Chance lässt. Jedes System, das ermächtigt wird (oder sich die Macht nimmt), sich vor gefährlichen Gedanken zu schützen, wird sich notwendigerweise auch vor originellen und ungewöhnlichen Gedanken schützen. Für den Einzelnen und für die Gesellschaft ist das ein Verlust." Ansonsten könnte er sich mit Online-Überwachung schon einrichten, sofern ein ordentliches Gericht für rechtsstaatliche Verfahren und Transparenz bürgt.

Außerdem dokumentiert die FAZ einen offenen Brief von 32 Autoren, darunter Juli Zeh, Ilija Trojanow, Eva Menasse, Sten Nadolny, Ingo Schulze und Clemens J. Setz, die darin die Bundeskanzlerin auffordern, in Sachen NSA für Aufklärung zu sorgen: "Frau Bundeskanzlerin, in Ihrer Sommer-Pressekonferenz haben Sie gesagt, Deutschland sei 'kein Überwachungsstaat'. Seit den Enthüllungen von Snowden müssen wir sagen: Leider doch. Im gleichen Zusammenhang fassten Sie Ihr Vorgehen bei Aufklärung der Prism-Affäre in einem treffenden Satz zusammen: 'Ich warte da lieber.' Aber wir wollen nicht warten. Es wächst der Eindruck, dass das Vorgehen der amerikanischen und britischen Behörden von der deutschen Regierung billigend in Kauf genommen wird. Deshalb fragen wir Sie: Ist es politisch gewollt, dass die NSA deutsche Bundesbürger in einer Weise überwacht, die den deutschen Behörden durch Grundgesetz und Bundesverfassungsgericht verboten sind?"

Weiteres: Constanze Kurz beobachtet mit äußerstem Argwohn die Pläne des britischen Premiers David Cameron, Pornografie aus dem britischen Netz und dabei gleich auch noch "entsetzliche Begriffe" zu filtern: "Wir müssen uns klarmachen: Die technischen Möglichkeiten, den Netzverkehr eines ganzen Landes zu zensieren, sind heute vorhanden - und nicht nur in Diktaturen." Auf der Schallplattenseite führt Jürgen Kesting durch die Editionsgeschichte von Wagners "Ring" auf LP und CD.

Besprochen werden Paolo Sorrentinos neuer Film "La Grande Bellezza" und Bücher, darunter ein Fotoband von Elliott Erwitt.

Weitere Medien, 26.07.2013

Die Sprache der Bilder zu lernen ist genauso wichtig, wie das Alphabet zu lernen. Dafür muss man die Bilder aber haben! In einem leidenschaftlichen Essay in der New York Review of Books plädiert Martin Scorsese darum für die Archivierung von Filmen. Und man solle sich dabei nicht auf einen Kanon von Klassikern beschränken. Selbst Alfred Hitchcocks "Vertigo" war zeitweise in Gefahr, für immer verlorenzugehen und wurde erst Jahre später in den Rang des Klassikers erhoben, argumentiert Scorsese: "Wir müssen uns immer bewusst machen: Wir glauben, wir wüssten, was bleiben wird und was nicht. Aber so sicher wir uns auch sind: wir wissen es nicht. Wir können es nicht wissen."

Weitere Medien, 26.07.2013

Für morgen, Samstag den 27. Juli, ruft die Organisation stop watching us weltweit zu Demonstrationen gegen die staatliche Überwachung auf. Alle Termine für deutsche Städte sind hier aufgelistet (Berlin: ab 14 Uhr am Heinrichplatz). Eine weitere Demonstration ist für den 7. September in Berlin angekündigt.

In der FR erklärt Rechtsanwalt Udo Vetter, warum er bei der nächsten Bundestagswahl für die Piraten kandidieren wird. Wenn der Einzug in den Bundestag gelingt, "sind wir die schwächste politische Kraft, aber eine politische Kraft, die jetzt notwendig ist. Alle anderen Parteien, mit Ausnahme der Linken, die allerdings andere Schwerpunkte hat, haben sich im Rahmen dieses Sicherheitswettlaufs nicht mit Ruhm bekleckert. Die SPD, die jetzt halb entschlossen und etwas ängstlich gegen die CDU schießt, hat wie die Grünen auch maßgeblich an den Gesetzen zur Überwachung mitgearbeitet. Die Fundamente für diese Überwachung haben Leute wie Otto Schily und Gerhard Schröder gelegt. Die Piraten werden eine Stimme sein, die den Grundrechten Nachdruck verschafft."



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