Heute in den Feuilletons: Gott, den Zufall und die Freiheit

Julian Nida-Rümelin lässt Thomas de Maizière in der "taz" Nachlässigkeit nicht als Ausrede für Nachlässigkeit durchgehen. Die "FR" beschwört angesichts von Big Data und NSA finsterste Science-Fiction-Szenarien. Greta Gerwig beklagt sich in der "SZ" über den jugendlichen Wildheitszwang.

Aus den Blogs, 27.07.2013

Nicht vergessen: Für heute hat die Organisation stop watching us weltweit zu Demonstrationen gegen die staatliche Überwachung aufgerufen. Alle Termine für deutsche Städte sind hier aufgelistet (Berlin: ab 14 Uhr am Heinrichplatz).

Neue Zürcher Zeitung, 27.07.2013

Durch das Einspannen in die große Meinungs- und Vermarktungsmaschine hat der zeitgenössische Schriftsteller seine Aura verloren, beklagt der Autor und Verleger Jochen Jung in einem geistvollen Essay: "Aber hat es nicht auch was, wenn ein Dichter wirkt wie ein Dichter? Redet wie ein Dichter? Womöglich sogar aussieht wie ein Dichter? Selbst wenn niemand sagen könnte, wie ein Dichter denn bitte auszusehen hat. Die Physiognomie von Handke brauchte keinen Warhol, um eine Ikone zu werden. Der Blick von Frisch, der Schnauz von Grass, die Pfeife von Lenz, die Brauen von Walser, die ältere Generation wusste immerhin, dass sie uns Köpfe schuldig war, die vier sahen eben nicht von ungefähr nicht so aus wie Böll."

Weiteres: In zwei Kasseler Ausstellungen (nämlich dieser und jener) über Jacob und Wilhelm Grimm vollzieht Roman Bucheli die "wunderbar ironische Pointe" nach, dass Dorothea Viehmann, die wichtigste Quelle der "Kinder- und Hausmärchen", hugenottische Wurzeln hatte: "Was darum die Grimms als urdeutsche Erzähltradition ausgaben, brachten sie ahnungslos als französische Flaschenpost in die deutsche Literatur ein. Können schöne Absichten schöner konterkariert werden?" Angesichts des vielbeachteten Videos der elfjährigen Jemenitin Nada al-Ahdal empfiehlt Angela Schader die eindrucksvolle National Geographic-Fotoserie über "Child Brides" von Stephanie Sinclair. In der Rubrik "Schlaflos" zählt der bulgarische Schiftsteller Georgi Gospodinow die "Schafe der Nacht". Besprochen werden Bücher, darunter Angelika Meiers "Stürzen, drüber schlafen".

Für Literatur und Kunst denkt Georg Kohler, Emeritus für politische Philosophie an der Universität Zürich, über Gott, den Zufall und die Freiheit nach: "Dem Zufall bewusst zu begegnen, heißt auch, das Rätsel der Welt ein Stück weit tiefer als Rätsel zu erfahren." Hoo Nam Seelmann erläutert die kulturellen Differenzen von Schuld und Vergebung in der europäischen und ostasiatischen Kultur. Petra Kipphoff streift durch die 55. Biennale von Venedig. Gabriele Detterer besucht die "kollateralen Ausstellungen", die in Venedig dazu einladen, "neben den Hauptwegen der Biennale auch Seitenwege zur Gegenwartskunst" zu entdecken. Und Christian Saehrendt beschreibt, wie immer mehr Länder den Biennale-Auftritt ihrer Künstler und Kuratoren als Bühne zur nationalen Selbstdarstellung nutzen.

Weitere Medien, 27.07.2013

Beim Blick in die Big-Data-Welt von Morgen kommt Arno Widmann in der FR das nackte Grausen: "Eine Gesellschaft, die weiß, wo diese oder jene Art von Verbrechen zu Hause ist, die weiß, in welchen Datensätzen ein künftiger Breivik sich - noch vor sich selbst verborgen - heranbildet, die wird alles in Bewegung setzen, um den Ausbruch des Verbrechens zu verhindern. Die Präventionsidee wird übermächtig werden, weil die Illusion ihrer radikalen Realisierung entsteht. Ist es nicht besser, zehn bis fünfzehn mögliche Attentäter präventiv einzusperren, statt abzuwarten, bis einen von ihnen tätig wird?"

Daneben schreibt Christian Thomas zum Prism-Skandal: "Für diesen Generalangriff auf die Köpfe, praktisch die Akteneinsicht in das Privatleben von Millionen, ist das bisherige Rechtsbewusstsein auf den Kopf gestellt worden. Der Generalverdacht wiegt schwerer als das Prinzip der Unschuldsvermutung."

Die Welt, 27.07.2013

Im Interview mit Gerhard Gnauck spricht der polnische Historiker Bohdan Cywinski über den Imperialismus des Zarenreichs, der immer mit einer Russifizierung der besetzten Gebiete verbunden war: "Die anderen Mächte haben versucht, kulturell zu dominieren, aber sie haben andere Kulturen nicht zerstört. Russland dagegen wollte die Gebiete, die es erobert hatte, aufsaugen. Man könnte es Kulturimperialismus nennen. Die herrschende Nation sagt zu den anderen: 'Deine Sprache ist nur ein Dialekt meiner Sprache. Deine Kultur ist ein Element meiner Kultur. Du kannst dir alle Elemente meiner Kultur aneignen, ich gestatte es dir.' Was sich nicht aufsaugen lässt, wird zerstört."

Weiteres: Josef Engels blättert ehrfürchtig durch den Band des Fotografen Arne Reimer, der "American Jazz Heroes" nicht in Schwarzweiß oder in verrauchten Kellern porträtiert, sondern in Farbe, im Freien und ohne Instrument. Henryk M. Broder besucht das kleine Städtchen Berlin in Pennsylvania. Manuel Brug protokolliert den Aufmarsch der Polit-Prominenz zur Bayreuth-Eröffnung. Gerhard Midding trauert um die Nouvelle-Muse Bernadette Lafont.

In der Literarischen Welt stellt Andreas Rosenfelder in seinen kulturhistorischen Betrachtungen zur NSA-Affäre fest, dass "die Menschenbeobachtung eine der stolzesten Erfindungen der Aufklärungsepoche war".

Besprochen werden unter anderem Grace McCleens Debütroman "Wo Milch und Honig fließen" und Edgar Wolfrums Analyse "Rot-Grün an der Macht".

nachtkritik, 27.07.2013

Wolfgang Behrens durfte für die nachtkritik in die Premiere von Frank Castorfs Bayreuther "Rheingold" und äußerst sich recht positiv: Es gab kein Rumstehtheater, Kirill Petrenkos Dirigat war sehr fein, und gegen all die Stanley-Kowalski-Typen in dieser ins Amerika der 50er Jahre verlegten Handlung kann Behrens auch nichts sagen: "Die konkrete Handlung des 'Rheingolds' gerät dabei zuweilen in den Hintergrund. Was genau etwa der proletenhaft virile Alberich (von Martin Winkler darstellerisch wie stimmlich mit explosiver Präsenz verkörpert) den Rheintöchtern bei den sexuell aufgeladenen Foppereien mit Grillwurst und Cocktails am Pool stiehlt, scheint unwichtig (es ist wohl eine Art Überlebensdecke aus einem Globetrotter-Laden). Kongruenz zu Wagner sucht Castorf weniger in direkten szenischen Entsprechungen als im boshaft in die Klischees hineingetriebenen Typenpersonal. Wotan (Wolfgang Koch) ist ein schmierig rücksichtsloser, verschwitzter Patriarch mit Zuhälter-Charme, der grundsätzlich jede Frau aufs Unangenehmste sexuell bedrängt; die Riesen Fasolt (mit grandioser Noblesse gesungen von Günther Groissböck) und Fafner (Sorin Coliban) sind Mechaniker im Unterhemd, die mit Baseballschlägern um Menschen und Limousinen herumschleichen, um sich ihr Recht zu verschaffen."

Aus den Blogs, 27.07.2013

Das ist wichtig. Buzzfeed präsentiert die 16 schwulsten Putin-Fotos.

Die Tageszeitung, 27.07.2013

Sehr ausführlich spricht Jan Feddersen mit Julian Nida-Rümelin über Verantwortung im Allgemeinen, über Thomas de Maizière und dessen Aussitzen der Euro-Hawks-Affäre im Besonderen. Dem Philosophen geht in seiner Kritik an de Maizière "auch um eine ganz schwierige Entscheidung: Ob man die Verantwortlichkeit für Tötung oder Nichttötung gegebenenfalls delegieren kann an technische Systeme. (...) Das war und ist eine hochsensible Debatte. Ich kann nicht verstehen, wie man Minister werden kann und diese Dinge einfach schleifen lässt, sich monatelang nicht darum kümmert und sich dann darauf beruft, dass man sich nicht darum gekümmert hat."

Weitere Artikel: Alle Gesetze zur Gleichstellung und Gleichberechtigung nützen ja doch nichts, wenn sich im Falle einer Geburt am Ende doch wieder - und meist auch bereitwillig - hauptsächlich die Mutter um den Nachwuchs kümmert, ärgert sich Andreas Rüttenauer: "Die Gesellschaft müsste sich von der Familie aus verändern." Eva-Christina Meier stellt das Museum Reina Sofía in Madrid vor, wo sie die Konferenz "La Invención Concreta" besucht. Andreas Hartmann lässt sich beim Festival Berlin Atonal beglückt die Ohren durchpusten. Dietrich Kuhlbrodt liegt krank im Bett, verabschiedet sich vom Billard und zappt im Fernsehen in einen Film von Buñuel. Außerdem bringt die taz einen Vorabdruck aus Ralph Bollmanns neuem Buch über Angela Merkel, deren Machtpragmatismus er detailliert nachzeichnet.

Besprochen werden Bücher, darunter der Comic "Die große Odaliske" und Aléa Toriks postmoderner Roman "Aléas Ich".

Und Tom.

Süddeutsche Zeitung, 27.07.2013

Jörg Häntzschel bietet Hintergründe zum Bau des wuchtigen Hongkonger Museums M+, von dem sich die einstige Kronkolonie verspricht, zum Global Player in der Kunstszene aufzusteigen, "doch in Wahrheit, das zeigt sich bei näherem Hinsehen, ist die Zeit schon wieder vorbei, als aufstrebende Weltstädte glaubten, sie könnten sich Museen samt dem damit verbundenen Status schlüsselfertig kaufen". Dazu gibt es ein Gespräch mit Direktor Lars Nittve, der zuvor die Tate Modern leitete.

Außerdem: Catrin Lorch verabschiedet sich von dem Land-Artist Walter De Maria. Paul-Philipp Hanske ist sich sicher, dass das britische Pop-Duo AlunaGeorge das Zeug zum Hype des Jahres hat.

Besprochen werden die Paderborner Groß-Ausstellung über die Christianisierung Europas, eine Ausstellung mit Exponaten der Sammlung Heinz Beck im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen, der aktuelle Bayreuther "Holländer" und Bücher, darunter gesammelte Erzählungen von E.L. Doctorow.

In der Wochenendbeilage wundert sich Alex Rühle, was für Filme heute bei der FSK schon ab 12 durchgehen. Miriam Stein hält Ausschau nach einigermaßen stilvoller kurzer Beinbekleidung für Männer (wir plädieren für diese Variante). Und außerdem gibt es ein ausführliches Gespräch mit der großartigen Greta Gerwig (aktuell mit "Frances Ha" im Kino - hier unsere Berlinalekritik), die sich, gerade mal 30 geworden, sehr darüber beklagt, dass sie sich in ihren Zwanzigern unter dem Druck wähnte, "viel wilder zu sein, mehr Drogen zu nehmen und Sex auf keinen Fall in der Missionarsstellung zu haben, jedenfalls nicht mit Männern". Und wie 40 fühlte sie sich dabei auch noch die ganze Zeit - hach, Greta ...

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.07.2013

Im Feuilleton berichtet Karen Krüger, dass die türkische Regierung scharf auf einen in der britischen Times abgedruckten offenen Brief an Recep Tayyip Erdo¿an reagiert hat, in dem prominente Kulturschaffende wie Sean Penn, Ben Kingsey, Susan Sarandon und David Lynch das brutale Vorgehen gegen die Demonstranten im Gezi Park kritisieren: "Wer wirklich wissen möchte, wie exzessive Polizeigewalt aussieht, sollte sich die jüngsten Polizeieinsätze in Großbritannien anschauen", so AKP-Sprecher Hüseyin Celik.

Weiteres: "Frau Merkel trägt etwas Hochgeschlossenes in Mittelblau", vermeldet Eleonore Büning, die mit einer schwungvollen Besprechung von Jan-Philipp Glogers bereits im vergangenen Jahr verrissenen "Holländer"-Inszenierung die Bayreuther Festspiele einläutet. Julia Voss feiert die Wiederentdeckung der Malerin Marie Ellenrieder (1791-1863), deren Werk gerade in einer Konstanzer Ausstellung zu sehen ist. Als ein "dem Leben abgelauschtes Meisterwerk" empfiehlt Olivier Guez den vor 100 Jahren erschienenen Roman "Der große Meaulnes" von Henri Alain-Fournier. Besprochen werden Bücher, darunter Lars Gustafssons Roman "Der Mann auf dem blauen Fahrrad".

Die Online-Rubrik Bilder und Zeiten dreht sich um das noch bis morgen im Kreuzberger Willi-Kressmann-Stadion stattfindende Frauenfußball-Festival Discover Football, zu dem in diesem Jahr sechs Mannschaften aus arabischen Ländern eingeladen sind. Swantje Karich spricht mit Nevine Gamal von der ägyptischen Mannschaft Wadi Degla über die Entwicklungen in Ägypten und untersucht in einem zweiten Artikel die Auswirkungen des arabischen Frühlings auf den Fußball, denn "ob Frauen in einem Land frei und offen Fußball spielen dürfen, ist ein Gradmesser für die Gesellschaft."

In der Frankfurter Anthologie stellt Jörg Schuster das Gedicht "Thrakien" von Peter Huchel vor:

"Eine Flamme züngelt
Hier nachts am Boden,
Es wirbelt weißes Laub..."

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