Heute in den Feuilletons "Es ist besser, keinem zu gehören"

Die "Welt" spricht mit der russischen Internetpublizistin Maria Stepanowa über ihre unabhängige Plattform "colta.ru". Die "taz" streift in London durch das abgetakelte Szeneviertel Camden Town. Und die meisten Medien kommentieren den Verkauf der "Washington Post" an Amazon-Gründer Jeff Bezos.


Weitere Medien, 07.08.2013

In der New York Times kommentiert Jenna Wortham den Verkauf der Washington Post eher positiv. Bezos bringe der Zeitung ein "Versprechen auf Innovation", meint sie: "Now that he is the private owner of The Post, it would not be surprising to see him worry little about turning a quick profit and instead push to upend the often ossified world of newspaper publishing, just as he did with books more than a decade ago."

"Sehr taurig" findet in The Daily Beast Bob Woodward den Verkauf: "But if there's somebody who can succeed, it's Bezos. He's the innovator, he's got the money and the patience, so we'll see."

Im Wall Street Journal schreibt ein optimistisch gestimmter Carl Bernstein: "I have high hopes that today's announcement will represent a great moment in the history of a great institution".

Michael Wolff ist im Guardian nicht sehr gut auf die Verlegerfamilie Graham zu sprechen, die vor der Washington Post schon Newsweek abwickelte und denkt über die Umstände des Verkaufs nach: "If journalists were stunned by the Bezos purchase, so were people at the highest level of the newspaper deal business. The likely buyers of newspapers had no idea. That means no black books were compiled, no auction held, no feelers put out. In other words, this was not so much an effort to get asset value, as for the family to wash its hands of something. Gone."

Auch Alec MacGillis, ehemaliger Reporter der Washington Post, sieht in The New Republic nicht nur Bezos, sondern auch die Grahams kritisch: "And we should most definitely not forget the failure to prevent what unfolded at the company's Kaplan education division, which was raking in huge profits from for-profit colleges with a highly dubious business model; when those improprieties were exposed and the Obama administration proposed new rules to protect students and taxpayers from being exploited, Don Graham went to Capitol Hill to lobby aggressively against them, seemingly unaware that his indubitable virtue as grandfather of the Post did not necessarily transfer to this other realm. Now the Grahams can go back to doing as they see fit with Kaplan, without worry that they are in any way imperiling the newspaper's public trust."

Die Intendanten der öffentlich-rechtlichen Anstalten verdienen besser als bisher bekannt. Alexander Kissler erinnert in cicero.de derweil an das Qualitätsprogramm, das sie uns im Gegenzug bescheren: "Koalitionsgeplänkel, Wetterkapriolen, fiese Gauner, lustige Leute, der moralische Zeigefinger und wieder retour."

Die Welt, 07.08.2013

Julia Smirnova unterhält sich mit der russischen Internet-Publizistin Maria Stepanowa, die es geschafft hat, gegen die staatstreue Presse eine Diskussionsplattform im Netz zu etablieren: colta.ru, die sie durch Crowdfunding finanziert: "Die Medien in Russland leben nach den Regeln der Breschnew-Zeit. Zuerst kommen Nachrichten über die Volkswirtschaft, etwas Alarmierendes kann an vierter oder fünfter Stelle durchschlüpfen. Die Position einer Zeitung oder einer Internetseite hängt dabei völlig davon ab, wie widerstandsfähig der Eigentümer ist, oder davon, ob er verhandeln kann oder will. In solchen Zeiten ist es besser, keinem zu gehören."

Weitere Artikel: Barbara Möller spießt in der Leitglosse die posthume Duce-Verehrung in Italien auf, die zum Teil auch gleich auf Berlusconi übertragen wird. Alan Posener wendet sich in "J'accuse" gegen den vegetarischen Bekehrungsdrang der Grünen. Besprochen werden die Filmkomödie "Das ist das Ende", Ereignisse in Salzburg (Manuel Brug feiert das Spektaktel "The Children and the Animals" der britischen Theatergruppe 1927) und eine Ausstellung über malende Schriftsteller in Lübeck.

Verlegerfamilie Graham kapituliert vor dem Neuen, muss Torsten Krauel in einem kurzen Kommentar zur großen Meldung von gestern konstatieren (während die Herren von Springer auf Du und Du sind mit dem Silicon Valley, wie wir alle wissen).

Hannes Stein (dessen Artikel wohl nur online steht) kann dem Verkauf an Jeff Bezos dagegen etwas abgewinnen: "Die gute Nachricht für Journalisten lautet: Es wird weitergehen. Jeff Bezos und andere Mäzene werden ihn mit ihren Dollars und Euros stützen. Die schlechte Nachricht: Nur ganz wenige Traditionsmarken werden übrigbleiben."

Nur online auch ein Gespräch mit Helene Hegemann, deren neuer Roman demnächst erscheint. Der Skandal um "Axolotl Roadkill" hat keine gute Erinnerung in ihr hinterlassen: "Wir sprechen von Sätzen, die ich aus anderen Zusammenhängen übernommen und modifiziert habe. Zusammengenommen ergeben die eine einzige Seite von 205."

Neue Zürcher Zeitung, 07.08.2013

Christiane Hanna Henkel sieht den Kauf der Washington Post durch Jeff Bezos vor allem positiv. Der Mann sei einfach ein begabter und erfolgreicher Unternehmer: "Wie wenige andere hat er gezeigt, was Kundenfokus im Internet bedeutet und wie man eine Wertschöpfungskette aufstellt, die diesen generiert. Überdies wird Bezos eine große Neugier zugesprochen. Er ist ein passionierter Leser und sucht den Austausch mit Denkern und Lenkern in den unterschiedlichsten Gebieten. "

Weitere Artikel: Heute eröffnet das Filmfestival Locarno. Seinen neuen Leiter Carlo Chatrian sieht Martin Walder klar am Aufstieg in die A-Liga arbeiten, aber vor allem schüre Chatrian mit seiner exquisiten Schweizer Auswahl "große Erwartungen". Nils Aschenbeck freut sich über die Sanierung zweier Bauten von Erich Mendelsohn im polnischen Olsztyn.

Besprochen werden die Luftbilder-Schau "Vues d'en haut" im Centre Pompidou-Metz, Kinderbücher und Jürgen Schmidts Bebel-Biografie "Kaiser der Arbeiter".

Die Tageszeitung, 07.08.2013

Daniel Zylbersztajn streift in London durch das recht abgetakelte Camden Town, an dessen pulsierende Vergangenheit ein Walk of Fame erinnern muss: "Früher gab es hier massenhaft Plattenläden und fliegende Händler, die auf der Straße Mixtapes verkauften, wenige sind übriggeblieben. Out on the Floor auf dem Inverness Market hat überlebt. 'Eigentlich brauche ich nur ein paar Dauerbrenner im Laden: Nirvanas 'Never Mind', 'Abbey Road' von den Beatles, 'Dark Side of the Moon' von Pink Floyd und 'Quadrophenia!' von the Who', schimpft sein Besitzer Jake Travis."

Weiteres: Jens Uthoff beschwert sich, dass die Antifa-Punkband Feine Sahne Fischfilet nicht auf dem Stadtfest von Riesa spielen darf. Christina Nord liest Joyce Carol Oates' Essayband "Über Boxen".

Auf den Tagesthemenseiten blickt Bernd Pickert wehmütig auf die große Geschichte der Washington Post und ihre legendäre Verlegerfamilie zurück. "KSC" porträtiert den Amazon-Chef und Neueigentümer Jeff Bezos als Kapitalisten, der auf Gewinne pfeift, um aggressiver expandieren zu können, und der mit seiner Personalpolitik vor allem bei Gewerkschaften verhasst ist: "Seit Monaten streiken deutsche Mitarbeiter für einen besseren Tarifvertrag."

Und Tom.

Süddeutsche Zeitung, 07.08.2013

Bei der staatstragenden Rhetorik in Juli Zehs Resolution bezüglich NSA und Prism schlafen Willi Winkler gepflegt die Füße ein. Was für wackere Rebellen waren dagegen doch Andersch und Enzensberger anno '62 zu Zeiten der Spiegel-Affäre! "Eine Resolution ist schnell geschrieben. Selten aber gab es eine, die derart staatsfromm daherkam. .. 'Es wächst der Eindruck', so formuliert es Juli Zeh in ihrer treuherzigen Art, 'dass das Vorgehen der amerikanischen und britischen Behörden von der deutschen Regierung billigend in Kauf genommen wird'. Was gibt es da noch zu wachsen?"

Der Typus des klassischen Zeitungstycoon ist im Verschwinden begriffen, stellen Peter Richter und Kathrin Werner auf Seite Drei nach Jeff Bezos' Aufkauf der Washington Post (mehr) fest. Stattdessen pflückt sich nun ein Millardär nach dem anderen Zeitungen zum Spottpreis vom Baum. Die alten Zeitungsmacher "gründeten und betrieben Zeitungen noch dezidiert als Machtmittel. An ihre Stelle treten jetzt erstaunlicherweise aber nicht anonyme Medienkonzerne, sondern, ja, wie soll man das nennen? Vermögende Unternehmer, die eigentlich fachfremd sind, aber das nötige Kleingeld haben, sich ein paar Dinge zu gönnen, die ihnen am Herzen liegen. Sind sie Sammler? Oder besser: Mäzene?"

Weitere Artikel: "Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913", schrieb Robert Musil einst über den 07. August vor 100 Jahren auf der ersten Seite seines "Mann ohne Eigenschaften", den Thomas Steinfeld aus diesem Anlass ausgiebig würdigt. Florian Hassel gruselt sich in Titos Atombunker, wo der Kurator Branko Franceschi die Ausstellung "D-0 Underground" präsentiert (hier viele Fotos davon).

Besprochen werden neue Pop-Veröffentlichungen, zwei Lowry-Ausstellungen in London und in Salford sowie Bücher, darunter "Am Rande der Welt", Roland Berbigs Studie über den Autor Günter Eich.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.08.2013

Der Verkauf der Washington Post an Jeff Bezos hat in der FAZ heute sage und schreibe 10 Artikel ausgelöst. Michael Hanfeld muss sich im Leitartikel auf der Seite 1 schon sehr wundern, dass die Washington Post an einen "Online-Händler verkauft wird, dessen Firma Amazon geistiges Eigentum und geistige Arbeit verschleudert". Gegenüber "Online-Konzernen wie Google, die ihr Eigeninteresse als Allgemeinwohl ausgeben", seien Zeitungen "viel ehrlichere Makler auf dem Markt der Meinungen". Hanfeld fragt sich, ob "Lenin mit seiner Theorie des Staatsmonopolkapitalismus nicht doch recht behalten könnte: Die Welt wird bestimmt von einer Finanz-Daten-Online-Oligarchie, mit besten Verbindungen zum Geheimdienst."

Im Wirtschaftsteil erwähnt Roland Lindner, dass die jüngsten Zeitungsverkäufe zeigen, "dass es den Verlagen nicht gelingt, aus eigener Kraft ein Rezept zu finden". Im Feuilleton zeichnet Patrick Bahners Jeff Bezos als schlimmen Finger, der politische Einflussnahme sucht - "Zusammen mit seiner Frau gab er 2,5 Millionen Dollar für ein Referendum zugunsten der Homosexuellenehe im Bundesstaat Washington aus - mit dem gewünschten Erfolg" -, um gegen mögliche Regulierungsmaßnahmen für die Internetwirtschaft agitieren zu können. Erst ganz am Ende des Artikels wird erwähnt, dass die Verkäuferfamilie, die Grahams, selbst aggressive Lobbyisten für ihr gewinnbringendes Geschäft mit Unterrichtsmaterialien sind. (Mehr dazu in The New Republic). Auf der Medienseite zickt flü. über "das Internet", wo derzeit "Hymnen auf den Online-Händler" zu lesen seien.

Paolo Baratta, Präsident der Biennale von Venedig, spricht in einem (von der Werbung abgesehen) ganzseitigen Interview über das Konzept der Biennale, und er erklärt, warum in Italien oft so wenig Geld für neue Kunst da ist: "In Italien stehen wir vor der ganz anderen Herausforderung, diese riesige Menge gebauter alter Kultur überhaupt zu erhalten. Wir haben darum Hunderte ganzer Innenstädte unter Denkmalschutz gestellt und versuchen zu retten, was zu retten ist: Diese Herkulesaufgabe wird im Ausland oft unterschätzt."

Weitere Artikel: Jürg Altwegg annonciert das Programm des Filmfestivals von Locarno. Gerhard Rohde stellt das venezolanische Musikprojekt "El Sistema" vor, das derzeit in Salzburg gastiert. Abgedruckt sind einige erstmals auf Deutsch vorliegende Liebesbriefe Iwan Gontscharows an Jelisaweta Tolstaja. Hartmut Ellrich freut sich über die Restauration von Schloss Braunshardt bei Darmstadt.

Besprochen werden Gore Verbinskis Film "Lone Ranger" mit Johnny Depp, der laut Daniel Haas das einzig Gute an dem Film ist, und Bücher, darunter Anja Karneins Theorie des ungeborenen Lebens, "Zukünftige Personen".



© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.