Heute in den Feuilletons Hamlet? Zu gewalttätig fürs Netz

"Der Suhrkamp-Irrsinn geht weiter", stöhnt der "Tagesspiegel". In der "FAZ" fordert FDP-Politiker Christian Lindner mehr Staat. Und in der "Zeit" stellt Helene Hegemann hysterisch fest: Bayreuth ist so anders als Berliner Nachtclubs.


Der Tagesspiegel, 14.08.2013

"Der Suhrkamp-Irrsinn geht weiter, und die Frage ist, ob selbst die Juristen noch so genau wissen, was sie da tun", schreibt ein ungenannter Autor im Tagesspiegel. Vorm Landgericht Frankfurt wurde nun entschieden, dass kein Anlass für ein Insolvenzverfahren bestanden hätte (das in Berlin trotzdem weitergeht), weil Hans Barlach seine Gewinnansprüche zurückgestellt hat und seine Miteigner das gleiche hätten tun müssen. "In Berlin befindet man so, in Frankfurt so, in Berlin urteilt ein Insolvenzgericht, in Frankfurt eine Handelskammer. Was das für Folgen für den Verlag und seine Zukunft hat? Man weiß es nicht."

Neue Zürcher Zeitung, 14.08.2013

Ein bisschen mitgenommen ist Martin Walder von den vielen Wechselbädern, die ihm in Locarno vom neuen Festivaldirektor Carlo Chatrian beschert wurden. Besonders imponiert haben ihm bisher die Westschweizer Dokumentarfilme "Tableau noir" über eine Dorfschule und "L'Expérience Blocher" über den Schweizer Populisten. Peter Hagmann bedauert den schwachen Auftritt der Neuen Musik bei den Salzburger Festspiele in diesem Jahr. Brigitte Kramer berichtet, dass der spanische Architekt Juan Herreros ein neues Munch-Museum am Oslofjord entwerfen soll.

Besprochen werden die Biografie der "Madame Blavatsky" von Ursula Keller und Natalja Sharandak, Thomas Braschs Gesammelte Gedichte "Die nennen das Schrei" und Lisa Moores Roman "Im Rachen des Alligators".

Weitere Medien, 14.08.2013

Die New York Times hat in ihrem Magazin ein Porträt der Filmemacherin Laura Poitras veröffentlicht, die auch mit Edward Snowden gesprochen hat. Im Interview mit Times-Autor Peter Maass spricht Snowden über seine ersten Kontakte zu Poitras und dem Guardian-Reporter Glenn Greenwald und über seine Irritation, dass Greenwald keine veschlüsselte Mail benutzte: "Es ist das Jahr 2013 und ein Journalist berichtet regelmäßig über Konzentration und Auswüchse staatlicher Macht. Ich war überrascht, dass es Leute in Nachrichtenorganisationen gibt, die nicht wussten, dass jede unverschlüsselte Mail, die übers Internet gesendet wird, zugleich an jeden Geheimdienst dieser Welt ausgeliefert wird. Angesichts der Enthüllungen in diesem Jahr sollte klar sein, dass unverschlüsselte journalistische Kommunikation unverzeihlich rücksichtslos ist."

Gerade hat Kanzleramtsminister Ronald Pofalla stolz verkündet: "Die US-Seite hat uns den Abschluss eines No-Spy-Abkommens angeboten" und dann werde sich die NSA "in Deutschland" an deutsches Recht halten. Für Sascha Lobo ist das auf Spon reine Schönmalerei: "Um die Absicht von Pofallas Einschränkung zu erkennen, reicht aus, genau zu lesen, was ein kleines hessisches Amt im Juli 2013 schrieb. Zur Groteske um einen Spaziergang zum Dagger-Areal zitiert das Darmstädter Echo ein Schreiben des zuständigen Griesheimer Ordnungsamts. Darin wird der Dagger-Komplex der NSA ausdrücklich als 'amerikanisches Hoheitsgebiet' bezeichnet. Zählt US-Hoheitsgebiet in Deutschland als Deutschland? Sehen sich NSA-Agenten auf US-Hoheitsgebiet an alle Versicherungen mündlicher, schriftlicher und pofallascher Natur gebunden?"

Mit Filter-Software gegen Gewalt und Pornos im Netz vorgehen? Da gerät leicht klassisches Kulturgut unter die Räder, erzählt bei Zeit online Angela Gruber. Der Buchautor Mark Forsyth musste in der British Library feststellen, dass der Filter ihm keinen Zugang mehr zu Shakespeares "Hamlet" gewährte: "Er wiederholte seine Suchanfrage. Vergeblich. 'Ich hab es nochmal probiert. Das System sagte mir, dass meine Versuche, diesen gewalttätigen Inhalt aufzurufen, protokolliert würden.'"

Die Zeit, 14.08.2013

Helene Hegemann liefert einen leicht hysterischen Bericht von den Festspielen in Bayreuth. Auf der Busfahrt dorthin stellt sie erstmal fest, dass Bayreuth kein "neobürgerliches Auffangbecken für stillose Arschlöcher" ist, klar? "Kein Mensch weiß, was er hier tut. Den Gestus, der hier aufrechterhalten wird, gibt es gar nicht mehr. Natürlich ist Bayreuth eine zutiefst widersprüchliche Farce. Aber der Rest der Welt ist das nicht minder. Ich fühle mich ziemlich sicher. Wenn man hier jemanden anlächelt, lächelt derjenige zurück. Das ist in Berliner Nachtclubs anders."

Die Deutschen sollen sich endlich von ihrem Kinderglauben an die liebevoll-beschützende Freundschaft Amerika lösen und sich für ihre Sicherheit selbst verantwortlich fühlen, fordert Jens Jessen im Aufmacher. "Dass die Amerikaner selbst wenig Lust haben, sich zum Schutz ihrer Sicherheitsinteressen auf deutsche Grundrechtszimperlichkeiten einzulassen, mag man ihnen gerne zugestehen. Aber die deutsche Regierung ist verpflichtet, die Souveränität des Staates zu wahren, zu der Hoheit über die Innere Sicherheit und Schutz der Grundrechte zwingend gehören."

Weitere Artikel: Sebastian Kleinschmidt nimmt im Interview Abschied von der Zeitschrift Sinn und Form, die er 30 Jahre lang geleitet hat. Abgedruckt ist die Rede, mit der sich die Reporterin Marie-Luise Scherer für die Verleihung des Kunstpreises des Saarlands bedankte (die Rede ist nicht online, hier aber die Laudatio von Martin Mosebach). Der kanadische Rapper Baba Brinkman erklärt im Interview, warum er Atheist ist und über Darwin rappt.

Besprochen werden eine von Susanne Mayer wärmstens empfohlene Werkschau zum 100. Geburtstag von Meret Oppenheim im Berliner Martin-Gropius-Bau (Bild: Meret Oppenheim, Eichhörnchen 1969), Thomas Arslans Film "Gold" und Bücher, darunter Jennifer Egans Roman "Black Box" und zwei neue Polanski-Biografien (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Außerdem: Im Dossier beschreibt den Kampf um ein "Luxushochhaus" in Berlin, der alle Beteiligten gleichermaßen unsympathisch aussehen lässt.

Die Welt, 14.08.2013

Statt für den Alexanderplatz endlich den großen Entwurf von Hans Kollhoff zu realisieren, möchten der Berliner Landeskonservator Jörg Haspel und Senatsbaudirektorin Regula Lüscher die DDR-Bauten am Alexanderplatz unter Denkmalschutz stellen, stöhnt Rainer Haubrich. Dazu gehören das "Haus der Elektroindustrie", das ehemalige "Haus der Zeitung" links davon und das "Haus des Reisens" rechts davon und das Hochhaus des ehemaligen Hotels "Stadt Berlin": "All das sind Rasterkästen, die sich allenfalls dazu eignen, Berlin-Besuchern noch einmal die absurden Dimensionen und den Grusel des sozialistischen Städtebaus vor Augen zu führen - ganz abgesehen von den miserablen Details dieser Gebäude. Im Sommer mag es noch gehen, aber wenn bei fünf Grad und Nieselregen der Wind über das Areal fegt, versteht jeder, dass dies ein menschenfeindlicher Ort ist."

Weiteres: Seit es Facebook gibt, sterben alte Liebhaber nie, verkündet Anne Waak im Aufmacher des Feuilletons. Alan Posener versteht die Aufregung um Richard Dawkins Tweet "Alle Muslime der Welt haben weniger Nobelpreise als Trinity College Cambridge. Aber im Mittelalter haben sie Großes geleistet" nicht. Besprochen wird eine Ausstellung zur RAF im Haus der Geschichte in Stuttgart.

Im Forum sieht Tilman Krause angewidert auf deutschen Straßen und Plätzen Kleinbürger und Proletariat ästhetisch dominieren, und wo die ihre aggressive Schludrigkeit her haben, weiß er auch: "Die 'deutsche Volksgemeinschaft" definiert sich, Gott sei Dank, nicht mehr politisch. Aber in ihrer unübersehbaren sozialen Homogenität, die sie von den anderen führenden Kulturnationen Europas unterscheidet, lebt sie munter fort; allzu munter."

Die Tageszeitung, 14.08.2013

Im Interview mit Astrid Kaminski erklärt der kongolesische Choreograf Faustin Linyekula, dessen neues Stück beim Tanz im August in Berlin gezeigt wird, warum er nur an einen Gott glauben will, der auch tanzen kann: "Wir, unsere Company, kommen aus einer Welt, in der Glaube und Körper nicht voneinander getrennt sind. Anders als beispielsweise in der römisch-katholischen Kirche, wo der Körper oft unterdrückt werden muss, damit Gott erscheinen kann. In den traditionellen Religionen unserer Kulturen kann Gott nur durch körperliche Offenbarung erscheinen. Trance ist eine Praktik dazu."

In ihrer Medienkolumne zeigt sich Silke Burmester voller Bewunderung für Jörg Pilawa, der für ein paar Sendungen Titelschutz beantragt hat: "Neun Titel aus nur acht Wörtern hat Wurstwerbejörg zusammengestoppelt: Der, die, Deutschland, deutsch, Quiz, Champion Meister und Master."

Besprochen werden Neill Blomkamps Science-Fiction-Film "Elysium" und Michael Krennerichs Studie "Soziale Menschenrechte".

Aus den Blogs, 14.08.2013


Der Künstler Marc Ngui hat sein Projekt wieder aufgenommen, die "Milles Plateaux" von Gilles Deleuze und Felix Guattari zu zeichnen, erzählt Michael Connor auf Rhizome. Die ersten zwei Kapitel hatte er schon vor einiger Zeit illustriert, die anderen stellt er jetzt peu a peu bei Tumblr hoch. Hier eine Zeichnung zu Kapitel 1, Absatz 6, der unter anderem folgenden Satz enthält: "Jeder beliebige Punkt eines Rhizoms kann und muss mit jedem anderen verbunden werden."

Martin Weigert gibt auf Netzwertig zu, noch ein Mailkonto bei web.de zu betreiben und schildert eindringlich die Grässlichkeit deutscher Mailprovider à la gmx.de, Telekom und eben web.de, die kaum eine Alternative zu Google sind. Darum traut er der Sicherheitsinitiative ausgerechnet dieser drei Akteure nicht über den Weg. "Felix Schwenzel kommentierte jüngst pointiert: 'Sicherheit, Verschlüsselung, Datensparsamkeit werden jetzt Marketingbegriffe wie Probiotisch, Bio und Light'. Im Marketing kennen sich die alteingesessenen, stets leicht verkrustet wirkenden deutschen Netzkonzerne aus. Produktqualität und Kundenfokus jedoch werden gerne vernachlässigt."

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.08.2013

Der FDP-Politiker Christian Lindner erinnert seine Politikerkollegen in Zusammenhang mit Prism an ein Grundprinzip: "In der liberalen Demokratie gewährt nicht der Staat uns Freiheit, sondern wir gestatten dem Staat Einschränkungen unserer Freiheit, wenn und soweit sie verhältnismäßig sind." Und dann fordert er mehr Regulierung, um die Entstehung eines staatlich-digitalen Komplexes zu verhindern: "Eine Lehre der Finanzkrise ist, dass sich systemrelevante Kapitalmarktakteure Regeln beugen und öffentlicher Finanzaufsicht öffnen müssen. Wenn es im Internet Quasi-Monopolanbieter gibt, die wie Google nahezu den Charakter von Infrastruktur gewinnen, brauchen auch sie Datenaufsicht: Welche Algorithmen werden zu welchem Zweck verwendet?" Jetzt müsste Christian Lindner noch eine liberale Partei gründen!

Weitere Artikel: Sandra Kegel erklärt die neuste Volte im Fall Suhrkamp: Das Frankfurter Landgericht hat einem Antrag Hans Barlachs stattgegeben und dem gerade siegreichen Suhrkamp Verlag eine Niederlage zugefügt - das Insolvenzverfahren diene nur dazu, "sich des unliebsamen Gesellschafters zu entledigen", für Kegel auch ein klares Zeichen, dass Barlach nicht gewillt ist aufzugeben. Nils Minkmaar kommentiert die jüngsten Äußerungen von Günter Grass. Dieter Bartetzko feiert die von den Frankfurter Architekten Schneider + Schumacher entworfene Autobahnkirche Siegerland (Bilder). Olivier Guez liest eine Studie der Fondation Jean Jaurès, die bestätigt, dass das "soziale Gewebe Frankreichs mit beängstigender Geschwindigkeit" zerfällt. Auf der TV-Serien-Seite stellt Daniel Haas die Serie "Comedians in Cars Getting Coffee" des Komikers Jerry Seinfeld vor, der durch "Seinfeld" so reich geworden ist, dass er sein Metier jetzt mehr aus Hobby betreibt - darum sind die "Comedians" kostenlos im Netz zu sehen. Und Nina Rehfeld unterhält sich mit Vince Gilligan, dem Erfinder der Serie "Breaking Bad", deren letzte Staffel in den USA gerade gestartet ist. Jordan Mejias stellt auf einer Seite mit abgründigen Fotos den Fotografen Phillip Toledano vor, der Menschen porträtiert, die sich Schönheitsoperationen unterzogen haben. "Es ist ihre ganz eigene Vorstellung von Schönheit. Eine posthumane Schönheit", sagt er.

Besprochen werden Sofia Coppolas neueste Glamourschmonzette "The Bling Ring" und Bücher, darunter Wolf Wondratscheks Roman "Mittwoch".

Süddeutsche Zeitung, 14.08.2013

Unbedingt für Freispruch plädiert Lothar Müller in Jonathan Meeses Hitlergruß-Prozess, in dem heute der Urteilsspruch erwartet wird. Dennoch hält er von Meeses künstlerischem Projekt einer Neutralisierung der Nazi-Emblematik, gelinde gesagt, wenig. Dies vor allem, weil Meese im direkten Vergleich mit künstlerischen Vorläufern in solchen Dingen eine schlechte Figur macht: Dabei "fällt sogleich auf, dass dieser verbal wie gestisch eher grobmotorische Künstler mit Humor und Sprachwitz wenig am Hut hat, auch wenn sein frommer Sammler Falckenberg ihn allen Ernstes in eine Reihe mit Chaplin und Werner Finck stellt, der mit seinem Hitlergruß-Sketch im Nationalsozialismus ein beträchtliches Risiko einging. Die Trash-Show, die Meese unter dem Titel 'Diktatur der Kunst' abzieht, ist ungefährlich."

Außerdem: Helmut Mauró spricht mit dem Hagen-Quartett über Beethoven. Fritz Göttler besucht in Locarno die Retrospektive mit Filmen von George Cukor. Ulrich Rüdenauer gratuliert Wolf Wondratschek zum 70. Geburtstag. Jörg Feyer besucht auf Kampnagel ein Konzert der Sängerin Sophie Hunger.

Besprochen werden neue Popveröffentlichungen, die Ausstellung "Die erwartete Katastrophe" in der Freien Akademie der Künste in Hamburg, Neil Blomkamps dystopischer Science-Fiction-Film "Elysium" und Bücher, darunter Hermann Kurzkes Biografie über Georg Büchner.



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