Heute in den Feuilletons: Rahmenlose Träume

In der "NZZ" erklärt Youssef Rakha, warum viele liberale Intellektuelle in Ägypten das harte Vorgehen der Armee gegen die Muslimbrüder befürworten, und der "Guardian" berichtet, dass Google, Facebook und Co. für ihre Zusammenarbeit mit der NSA mit Millionenzahlungen entschädigt wurden.

Weitere Medien, 24.08.2013

Der Guardian veröffentlicht neue Dokumente in Bezug auf das geheime Überwachungsprogramm Prism. Demnach hat die NSA Millionenbeträge an Firmen wie Google, Facebook, Microsoft und Yahoo gezahlt, um deren Kosten für bestimmte Sicherheitszertifikate zu erstellen: "The disclosure that taxpayers' money was used to cover the companies' compliance costs raises new questions over the relationship between Silicon Valley and the NSA. Since the existence of the program was first revealed by the Guardian and the Washington Post on June 6, the companies have repeatedly denied all knowledge of it and insisted they only hand over user data in response to specific legal requests from the authorities."

Neue Zürcher Zeitung, 24.08.2013

Der Schriftsteller Youssef Rakha erklärt, warum er, wie viele liberale Intellektuelle in Ägypten, das harte Vorgehen der Armee gegen die Muslimbrüder befürwortet. Dazu stellt er fest, "dass es so etwas wie gemäßigte oder prodemokratische Islamisten, die zur Eindämmung des Terrorismus willens oder in der Lage sind, nicht gibt - trotz der scheinbaren (und mir völlig schleierhaften) Sympathie des Westens für den politischen Islam, die sich unter anderem darin zeigte, dass nach den gewalttätigen Ereignissen des 14. August Washington und die Taliban praktisch identische Statements veröffentlichten... Das Durchgreifen gegen den politischen Islam in Ägypten ist weder eine 'Rückkehr zum Polizeistaat' noch eine 'Einmischung der Armee in die Politik'. Es ist ein Zeichen dafür, dass eine Gesellschaft sich neu ausrichtet, einen Neubeginn sucht und sich vielleicht, allen Schwierigkeiten zum Trotz, selbst neu entdeckt."

Weiteres: Für die Rubrik "Schlaflos" träumt der koreanische Romancier Jung Young Moon "rahmenlose Träume". Urs Hafner berichtet von der zweiten agrarhistorischen Tagung der European Rural History Organisation in Bern. Besprochen werden die ARD-Krimireihe "Polizeiruf 110" aus Rostock (deren Protagonisten "derzeit das Dream-Team in der deutschen Fernsehkommissaren-Szene" bilden, wie Claudia Schwartz schwärmt; hier die Vorschau auf die nächste Folge morgen Abend), eine Ausstellung in St. Gallen zum Werk des Schriftstellers und Journalisten Niklaus Meienberg und Bücher, darunter Varujan Vosganians Armenien-Saga "Buch des Flüsterns" (mehr in unserer Bücherschau heute um 14 Uhr).

In Literatur und Kunst porträtiert Renate Wiggershaus die kenianischen Autoren Ngugi wa Thiong'o und Binyavanga Wainaina, deren Erinnerungen kürzlich in deutscher Übersetzung erschienen sind. Marco Frei spricht mit dem sizilianischen Komponisten Salvatore Sciarrino über dessen neues Werk "L'ideale lucente". Edu Haubensak stellt James Tenney (1934-2006) nicht nur einen der "wichtigsten Komponisten in der Nachfolge von John Cage" vor, sondern auch einen "Pianist, Dirigent, Performer, Mentor, Forscher, Theoretiker, Trinker, Raucher - und eine Persönlichkeit von außergewöhnlicher Kraft."

Die Welt, 24.08.2013

Paul Jandl trifft für die Literarische Welt im Hotel Izvir im slowenischen Kurort Radenci den inzwischen hundertjährigen Boris Pahor, dessen Roman "Nekropolis" zu den großen Zeugnissen der Konzentrationslager zählt: "Fragt man einen Hundertjährigen mit der Biografie Boris Pahors, wie man es schafft, so alt zu werden? Was im Körper sei, das sei auch im Kopf, zitiert Pahor den materialistischen Philosophen Spinoza. Und was ist im Körper? Der Hunger."

Weiteres: Henryk Broder mosert über die EU, die Energiesparlampe und Griechenlandhilfe: "Ich fürchte, eine weitere menschenbeglückende Idee ist im Begriff, totalitäre Züge anzunehmen." Besprochen werden außerdem Daniel Kehlmanns Familien-Künstler-Finanzkrisen-Roman "F" (Richard Kämmerlings ist sich nicht ganz sicher, ob er ihn für meisterhaft oder gut gemacht halten soll), Thomas Glavinics Erzählung vom Mount Everest "Das größere Wunder" und Rüdiger Safranskis Goethe-Biografie.

Die Tageszeitung, 24.08.2013

50 Jahre nach Martin Luther Kings "I have a Dream"-Rede droht der Bürgerrechtsaktivist von allen und jedem vereinnahmt zu werden, schreibt Klaus Walter: "Posthum wird der Nestbeschmutzer zur nationalen Ikone, seine Rede wird gegen ihre Intention zitiert".

Der Schriftsteller Nir Baram hat genug vom Parlare im Nahostkonflikt: "Der nie enden wollende 'Prozess' schadet: Früher war damit die Hoffnung auf eine bessere Zukunft verbunden, jetzt steht er nur noch für Zynismus und Verzweiflung."

Weiteres: Anke Richter kennt sich nach über 10 Jahren Abwesenheit in Deutschland nicht mehr aus. Der griechische Krimiautor Petros Markaris erzählt aus seinem Leben. Heinrich Dubel plaudert ausführlich mit Gunter Gabriel.

Besprochen werden die Ausstellung "Juden im befreiten Berlin" im Centrum Judaicum, diverse niederländische Ausstellungen zur Abschaffung der Sklaverei vor 150 Jahren, Maurico Kagels von der Gruppe Phase 7 in Berlin aufgeführte Oper "Himmelsmechanik", Keith Millers Film "Welcome to Pine Hill", eine Ausstellung mit Arbeiten der Künstlerin Christine Prinz in der Bremer Galerie Mitte und Bücher, darunter Peter Fröberg Idlings Aufarbeitung des Völkermords der Roten Khmer in Kambodscha (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Und Tom.

Aus den Blogs, 24.08.2013

Das Designblog Dezeen präsentiert eine Reihe hyperrealistischer Architektur-Entwurf-Fotos, die sich glatt zu so etwas wie einer neuen Kunstform entwickeln könnten - der Unterschied zu realen Fotos ist nicht mehr zu erkennen.

Auf Carta schlägt Urheberrechtsexperte Ilja Braun eine Reform der Künstlersozialkasse vor: "Es ist dringend an der Zeit, den eigentlichen Systemfehler im Modell der Künstlersozialkasse zu korrigieren. Er besteht darin, dass die Kreativen einen festgelegten Prozentsatz ihres Einkommens als Versichertenbeitrag zahlen, während das Pendant dazu, die Verwerterabgabe, jedes Jahr neu festgelegt wird." Die Verwerter zahlen im Moment 4,1 Prozent auf die Summe ihrer Honorare - In dem Modell von Ilja Braun hätten sie mehr zu berappen: 10,92 Prozent.

Süddeutsche Zeitung, 24.08.2013

Auf der Medienseite wissen Claudia Fromme und Johannes Boie von regen Protesten hinter den Kulissen des Spiegel gegen die vom designierten Chefredakteur Wolfgang Büchner bekannt gegebene Personalie Blome (mehr) zu berichten. Viele Mitarbeiter sprechen sich mittlerweile ganz offen gegen Büchner aus. "Der neue Chef habe schon zu viel kaputt gemacht, sagt ein leitender Redakteur. Ein freundlicher Empfang sieht anders aus." Die Anteilseigner des Spiegel freut das gar nicht: "Wenn Büchner seinen Job nicht antreten könne, weil Blome verhindert werden solle, würde auch Geschäftsführer Saffe gehen. 'Dann hat die Mitarbeiter KG das Unternehmen platt gemacht', sie hätte sich dann 'moralisch selbst überlebt'. Es gehe folglich bei der Frage, ob Büchner seinen Job antrete, letzten Endes 'um die Existenz des Unternehmens'."

Im Feuilleton beobachtet Laura Weissmüller mit Freude ein gesteigertes Interesse an sozialer Architektur, der "es wichtig ist, unter welchen Rahmenbedingungen sie entsteht, wer sie langfristig nutzen kann und ob sie überhaupt eine gesamtgesellschaftliche Funktion besitzt." Kia Vahland begutachtet die fertig restaurierten Raffael-Fresken im Vatikan. Karl Lippegaus gratuliert dem Jazzer Wayne Shorter zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden der amerikanische Indiefilm "Kid-Thing", eine Sammlung bislang unveröffentlichter Dylan-Songs (Diese "ergänzen ein kryptisches Gemälde, erweitern es um ein paar Fragmente, von denen gar niemand so genau gewusst hat, dass sie fehlten", schreibt Joachim Hentschel) und Bücher, darunter Rüdiger Safranskis neue Goethe-Biografie (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

In der SZ am Wochenende zieht Willi Winkler 50 Jahre nach Martin Luther Kings Rede "I have a Dream" Bilanz: "Ja, die Dinge haben sich dramatisch verändert. Ein Schwarzer kann inzwischen Präsident werden, aber Barack Obama schlägt mehr Hass entgegen als irgendeinem seiner Vorgänger (den Watergate-Anstifter Nixon vielleicht ausgenommen), und dieser Hass ist kaum verhüllter Rassismus." Cornelius Plummer staunt über die Schlammlust und körperliche Belastbarkeit jugendlicher Festivalbesucher. Hans Holzhaider erzählt die schaurige Geschichte von Ernst Wagner, der vor 100 Jahren für den ersten Amoklauf der deutschen Geschichte verantwortlich war. Außerdem unterhält sich Gabriela Herpell beim Spaziergang an der Elbe mit dem Schauspieler Charly Hübner.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.08.2013

Der Künstler Peter Šourek macht aus der grassierenden Korruption in Tschechien eine Tugend und bietet "Corrupt Tours" durch Prag an, berichtet Noemi Smolik. Vor der ehemaligen Zentrale der Škoda-Werke erfahren Korruptionstouristen beispielsweise folgendes: "Seit 2006 siedelt in diesem Gebäude die Prager Stadtverwaltung und zahlt laut Vertrag, der für mehrere Jahre abgeschlossen ist, 210,6 Millionen Dollar Miete an eine in einem Steuerparadies registrierte Firma, deren Besitzer unbekannt ist. Das ist das Vierfache des Kaufpreises, für den dieses Gebäude der Stadt Prag angeboten worden war."

Weiteres: Sandra Kegel meldet besorgt, das Brentanohaus am Rhein könnte wegen der Zaudertaktik der hessischen Landesregierung an Interessenten aus Russland oder China verkauft werden und seinen Rang als Kulturdenkmal verlieren. Henrike Junge-Gent besichtigt das vor sechzig Jahren fertiggestellte Gropiushaus in Hannover. Wolfgang Sandner unterhält sich mit dem Jazzduo Heinz Sauer und Michael Wollny, dem heute der Binding-Kulturpreis für seine Verdienste um den Ruf Frankfurts als Jazz-Metropole verliehen wird.

Besprochen werden das Salzburger Gastspiel von Michael Gielen und dem SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg mit der Sechsten von Gustav Mahler (das, wie Gerhard Rohde schwärmt, "unbestritten zu den Höhepunkten der diesjährigen Festspiele" gehörte, "vielleicht war es sogar der Höhepunkt") und Bücher, darunter T. C. Boyles neuer Roman "San Miguel" (mehr in unserer Bücherschau heute um 14 Uhr).

Für Bilder und Zeiten schreibt Bernd Eilert einen Essay über Nathanael Wests Hollywood-Roman "Der Tag der Heuschrecke". In der Frankfurter Anthologie liest Hans-Joachim Simm das Gedicht "Not" von Annette von Droste-Hülshoff:

Was redet ihr so viel von Angst und Not
In eurem tadellosen Treiben?
Ihr frommen Leute, schlagt die Sorge tot,
Sie will ja doch nicht bei euch bleiben! (...)"

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