Heute in den Feuilletons "Gegen Los Angeles war Berlin wie ein Kuraufenthalt"

In der "Welt" erinnert sich Iggy Pop an seine Zeit in der deutschen Hauptstadt. In der "taz" versetzt sich Heinz Strunk in das grässliche Leben, das seine Großmutter-Generation führte. Und die "NZZ" lernt aus 100 Jahren "Vogue" die Gesetze von Inklusion und Exklusion.


Efeu - Die Kulturrundschau

Kunst, 17.03.2016

Wie können sich Künstler heute noch selbst darstellen, wenn Selfies zum allgegenwärtigen Medium geworden sind? Zwei Ausstellungen über das Selbstbildnis in Stade und in Frankfurt lassen Felix Stephan auf ZeitOnline über den Wandel der Selbstdarstellung nachdenken. Sein Schluss: "Auf dem Feld der Fotografie ist der Kampf zwischen Mensch und Maschine gewissermaßen längst entschieden. Der Fotoapparat musste in der Kunstgeschichte nur auftauchen und der Mensch hat sich verschüchtert aus dem Staub gemacht. Für die anstehenden Verhandlungen zwischen den Menschen und der künstlichen Intelligenz der Maschinen über die Machtverhältnisse der Zukunft ist das eher kein verheißungsvoller Auftakt."

Außerdem: Die Documenta hat eine Fluglinie zu ihrer Dependance in Athen eingerichtet, meldet Ingo Arend in der taz.

Besprochen werden die zwei Londoner Ausstellungen "Big Bang Data" und "Electronic Superhighway" ( taz ), Nick Caves Bildband "The Sick Bag Song" ( SZ ), die Studie "Die Galerie des 20. Jahrhunderts in Berlin 1945-1968: Der Weg zur Neuen Nationalgalerie" ( SZ ) und die Boris-Lurie-Retrospektive im Jüdischen Museum in Berlin ( Tagesspiegel ).

Musik, 17.03.2016

In der Welt plaudert Iggy Pop sehr lustig mit Ralf Niemczyk über sein neues Album "Post Pop Depression", die Rückenschmerzen und die guten alten Zeiten: "Ach, wissen Sie, gegen Los Angeles war Berlin wie ein Kuraufenthalt. Man konnte bei diesem Griechen auf der Hauptstraße in Schöneberg den Studententeller für fünf Mark bestellen und im Supermarkt ganz in der Nähe war der Wodka so billig, dass man ihn nicht mal klauen musste. Das Wichtigste aber war: Wir wurden in Ruhe gelassen. Keiner kümmerte sich um uns. Selbst in diesen Discos am Kurfürstendamm, mit denen ich so diesen aufgetakelten Provinzchic verbinde, blieben wir unerkannt. Da haben wir Studio 54 gespielt. Eben Sekt auf Eis."

Übernächtigt, aber beglückt berichtet Ivo Ligeti in der Welt von der monumentalen MaerzMusik-Aufführung von Max Richters Komposition "Sleep", die Stunden lang für schlafende Menschen gespielt wurde: Musik ist, dass sie tatsächlich genauso funktioniert, wie ihr Schöpfer es vorgesehen hat. Ein paar sanfte, hallende Pianoakkorde, die im Laufe der Nacht immer wieder an der Oberfläche des Hörbaren auftauchen, bilden die Basis, die Startrampe für den Schlaf. Richters Begleitmusiker, fünf Streicher und eine Sängerin, setzen erst spät ein, übernehmen aber kurz vor 2 Uhr das Kommando und stoßen den Zuhörer zur rechten Zeit in die nächste Schlafphase, von Traum zu Traum." Für die taz war Stephanie Grimm bei dem Ereignis.

Weiteres: Andrian Kreye von der SZ sinkt vor den Livequalitäten des Countrymusikers Chris Stapleton auf die Knie.

Film, 17.03.2016

Stéphane Brizés Sozialdrama "Der Wert des Menschen", das minutiös die Zumutungen schildert, denen ein Arbeitsloser nach vielen Jahren reger Tätigkeit ausgesetzt ist. Andreas Busche ist in der taz sehr beeindruckt, "in welcher Weise Brizé seinen Hauptdarsteller filmt und damit Thierrys individuelle Erfahrungen in einem gesellschaftlichen Kontext verortet. Darin liegt eine analytische Qualität von Brizé Inszenierung, die nie vordergründig versucht, eine humanistische Moral an alltäglichen Konflikten zu exemplifizieren, sondern vielmehr die Rahmenbedingungen dieser Konflikte mit filmischen Mitteln hinterfragt. Insofern ist 'Der Wert des Menschen' vielleicht der beste Film, den die Dardenne-Brüder seit Jahren nicht gemacht haben." Weitere Besprechungen in Berliner Zeitung , Freitag und SZ .

In einem schönen Text schreibt Gabriel Winslow-Yost im NYRB-Blog über Apichatpong Weerasethakuls jetzt auch in den USA angelaufenen Film "Cemetery of Splendor", den er bei aller "taghellen Freundlichkeit" als sehr politischen, aber auch als Horrorfilm aufnimmt: "His films are delivered with a kind of mystic deadpan. No matter what is happening onscreen-from a dental appointment to the sudden appearance of a dying man's dead wife at the supper table-his camera never wavers, his long, slow takes never speed up, no one screams, no music swells. There is no distinction between the mundane and the supernatural, and Weerasethakul never fixes on a single tone or meaning, always holding a bit of mystery in reserve."

Die Zeit spricht mit den Regisseuren Christian Schwochow, Florian Cossen und Züli Aladag, die im Auftrag der ARD jeweils einen Spielfilm über die Täter, die Opfer und die Ermittler der NSU-Morde gemacht haben. Schwochow erzählt, wie unheimlich es ist, Nazi-Lieder zu singen: "Wenn 200 Kehlen das gleiche singen oder schreien, begreift man wie das funktiniert. Am Ende eines Drehtages, an dem wir hundert Mal 'Sieg heil' geschrien hatten, habe ich meistens eine Ansprache gehalten, und wir haben alle zusammen 'Nazis raus' gebrüllt."

Weiteres: Ausgerechnet unter der Ägide des Geschichtsschmonzettenkönigs Nico Hoffmann soll eine ZDF-Serie entstanden sein, die den großen Vorbildern das Wasser reichen soll. Verena Friederike Hasel bekommt das ganze Dossier der Zeit, um die Autorin Annette Hess von "Ku'damm 56" zu porträtieren. Das Berliner Kino Arsenal widmet der großartigen Monica Vitti eine Retrospektive, freut sich Carolin Weidner in der taz. Im Freitag empfiehlt Lukas Foerster die Retrospektive des philippinischen Auteurs Kidlat Tahimik, die das Kino Arsenal und im Anschluss das Werkstattkino in München zeigt. Ekkehard Knörer hat für den Freitag zweite Staffeln von "Les Revenants", "The Returned" und "Colony" gesichtet. Für die SZ plaudert Tobias Sedlmaier mit dem deutschen Special-Effects-Bastler Marian Mavrovic über dessen Arbeit am letzten "Star Wars"-Film.

Besprochen werden das Entführungsdrama "Room" ( NZZ ), Julie Delpys Sexklamotte "Lolo - Drei ist einer zu viel" (eine "Parade der Peinlichkeiten", ärgert sich SZler Rainer Gansera, taz ), Peter Kurths "Herbert" ( taz ) und James Ponsoldts "The End of the Tour" (FAZ), die Verfilmung von David Lipskys Buch über seinen erfolglos gebliebenen Versuch, eine Reportage über den Schriftsteller David Foster Wallace zu schreiben (mehr dazu hier).

Bühne, 17.03.2016

Besprochen werden Peter Sellars' Inszenierung von Kaija Saariahos neuer Oper "Only the Sound Remains" in Amsterdam ( SZ ), Ferdinand von Schirachs Stück "Terror" ( NZZ ), Régis Debrays und Michael Tabachniks in Lyon aufgeführte Oper "Benjamin, dernière nuit" über Walter Benjamin ( FR ), Hofesh Shechters "Barbarians" in Wiesbaden ( FR ) und Olaf Kröcks Inszenierung von Anders Lustgartens "Lampedusa" in Bochum (FAZ).

Literatur, 17.03.2016

Heinz Strunk betont im taz-Interview mit Jenni Zylka, dass er in seinem Roman "Der Goldene Handschuh" über den Mehrfachmörder Fritz Honka vor allem versucht hat, sich in die Opfern hineinzuversetzen, Frauen wie seine Großmütter: "Das waren einfache Frauen, zum Teil aus der Zone geflohen - was die mitgemacht haben, Vergewaltigungen, Hunger, Entwurzelung, Vertreibung, solche Schicksale sind wirklich kaum zu fassen. Dann stirbt der Mann, und die Frauen haben nichts - keinen Beruf, kein Geld, keine Perspektive. So habe ich mir die Gerda vorgestellt, Honkas erstes Opfer: Sie versucht ihr grässliches Leben auszuhalten, bis sie endlich das Rentenalter erreicht hat und der Staat sich um sie kümmert, sie eine winzige Wohnung mit Bett, Stuhl und Heizung bekommt. Sie hat nicht einmal mehr Erinnerungen!"

Der Freitag reicht Hans Hütts Besprechung der Shortlist zum Leipziger Buchpreis nach, die Hütt in ihrer Zusammenstellung sehr geglückt findet: "Spannungen, tief im Inneren der Erde, die durch noch unmerkliche Mikrobeben das Gebirgsmassiv der Gesellschaft erschüttern lassen, sensorisch wahrgenommen, in Traumarbeit konvertiert. Zwar scheint sich nichts verändert zu haben. Wo kommt nur dieses trostlose Gefühl her, das sich langsam ins Gemüt fräst, namenlose Trauer, gut abgekapselt? Seltenes Seufzen, tiefes Durchatmen, blank liegende Nerven bezeugen ihre Gegenwart. Vortrauervorrat."

In den Romanen dieses literarischen Frühjahrs tummeln sich bemerkenswert viele Tiere, stellt Sandra Kegel in der FAZ fest. Wie man sich als ausgebuhter Schriftsteller auf der Leipziger Buchmesse fühlt, hat der Autor Radek Knapp für die SZ notiert. Mehr von der Leipziger Buchmesse in den Updates unseres Metablogs Lit21.

Im Perlentaucher räumt Arno Widmann Bücher vom Nachttisch und bedankt sich unter anderem bei Joachim Sartorius, der am Wochenende siebzig wird und sich in der Mittagspause nicht nur Notizen machte, sondern Gedichte schrieb: "Dass die Notiz nicht nur da sein, sondern schön da sein soll, ja ergreifend, das ist ein solches Mehr an Aufmerksamkeit der Welt - und natürlich der eigenen Existenz - gegenüber, dass viele von uns auch ein Gefühl der Beschämung beschleicht."

Weiteres: Im Blog der NYRB verweist Tim Parks Übersetzer auf ihre Plätze: "Ruhm ist für Übersetzer geliehener Ruhm. Darum kommt man nicht herum. Übersetzer werden gefeiert, wenn sie gefeierte Bücher übersetzen." Für die Berliner Zeitung hat Kristin Hermann Benjamin von Stuckrad-Barres Lesung aus seinem neuen Roman "Panikherz" besucht.

Besprochen werden Kamel Daouds "Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung" ( Freitag , hier unsere Leseprobe), Ronja von Rönnes "Wir kommen" (online nachgereicht von der FAS), Siegfried Lenz' "Der Überläufer" ( FR ), Nis-Momme Stockmanns "Der Fuchs" ( Berliner Zeitung ), Marion Braschs "Die irrtümlichen Abenteuer des Herrn Godot" ( Freitag ), Misha Glennys Krimi "König der Favelas" ( Freitag ), Abbas Khiders "Ohrfeige" ( Freitag ), Rachel Cusks "Outline" ( Freitag ), Thomas von Steinaeckers "Die Verteidigung des Paradieses" ( ZeitOnline ), Anthony Powells "Ein Tanz zur Musik der Zeit" (FAZ), Ann Cottens "Verbannt!" (SZ) und neue Lyrikbände, darunter Marion Poschmanns "Geliehene Landschaften" ( Freitag ).

Design, 17.03.2016

Die britische Vogue lässt sich zu ihrem Hundertjährigen mit einer glitzernden Ausstellung von der National Portrait Gallery feiern, berichtet Marion Löhndorf in der NZZ: "Die Ausstellung wird zu einer Ruhmeshalle, und mit ihr betreibt Vogue, die eben auch eine Machtmaschine ist, Modepolitik. Die Zeitschrift und mit ihr die Ausstellung spüren dem nach, was den Stil und die Schönheit der Stunde gerade definiert. Die Antworten sind vielfältig: Sehr schlank, sehr jung und sehr reich auszusehen, war im Modebusiness, wie sich beim Spazieren durch die Geschichte von 100 Jahren Vogue herausstellt, immer schon en vogue. Nur für Frauen, versteht sich. Andere Welten, wie die des Films, der (Pop-)Musik, der bildenden Kunst und des Alltags folgen anderen Gesetzen und eröffnen weiter gefasste Möglichkeiten. Aber auch die werden von Vogue immer gestreift. So dass der Reiz zwischen Exklusion und Inklusion nie ganz aus der Balance gerät."


9Punkt - Die Debattenrundschau

Geschichte, 17.03.2016

Geradezu beschämt fühlt man sich nach Lektüre von Benedikt Erenz' Zeit-Essay über die Geschichtsvergessenheit der Deutschen, besonders was die Kämpfer und Kämpferinnen (Mathilde Anneke, Emma Herwegh, Henriette Venedey!) für Demokratie im 19. Jahrhundert angeht. Kein Gedenktag, kein Gedenkort, und keiner hat Ahnung: "Es sind gerade die vermeintlich Aufgeklärten, es sind die professionellen Politikmacher und -vermittler in den Parteien und Medien, die hier indolent versagen. Sie kennen weder die Vorkämpfer der deutschen Demokratie zur Zeit der Französischen Revolution noch die Vormärzstreiter, die 1832 auf dem Hambacher Fest Flagge zeigten, noch die Revolutionäre und Verfassungautoren von 1848, noch die großen Parlamentarierer des Kaiserreichs."

Kulturpolitik, 17.03.2016

"Nichts substanziell Neues" zum inhaltlichen Konzept des Humboldt-Forums hörte Kerstin Krupp bei der Pressekonferenz der drei Intendanten Hermann Parzinger, Horst Bredekamp und Neil MacGregor. Überraschend ist das nicht, meint sie in der Berliner Zeitung: "Der von Kulturstaatsministerin Monika Grütters berufene und von ihr geradezu als Wundermacher überhöhte Museumsmann Neil MacGregor ist seit Anfang des Jahres im Amt - und das auch nur in Teilzeit für jeweils zehn Tage pro Monat. Es wäre geradezu vermessen, nach dreizehn Jahren konzeptionellen Nichtstuns nun nach etwas über zwanzig Arbeitstagen von dem Kunsthistoriker einen erlösenden Rundumschlag zu erwarten."

Im Tagesspiegel ist Rüdiger Schaper viel optimistischer, so viel Feuer und Begeisterung haben ihm die drei vermittelt: "Konkrete Konzepte? Immer noch nicht. Die sollen ab Herbst zu bekommen sein ... Wenn aber alle Beteiligten für die Sache glühen wie Horst Bredekamp, aus dem es wie mit höheren Stimmen spricht (Das Humboldt-Forum ist Fluxus! Eine neue Verbindung von Naturwissenschaft und Geistesgeschichte! Das Humboldt-Forum für den Film öffnen! Leibniz lebt!), dann kann es nur gelingen. Eigentlich war MacGregor als Heilsbringer empfangen worden, aber da schwebt Humboldts Geist über Bredekamp, verteilt sich die Aura auf mehrere Köpfe."

Axel Timo Purr besucht für die NZZ das neue, von David Adjaye entworfene Kunstmuseum der Aïsthi-Stiftung in Beirut: ein futuristischer Bau, der Teil eines Shopping Centers für Haute Couture ist. Überall werde derzeit abgerissen und neu gebaut, erzählt ihm der Dokumentarfilmer Samer Ghorajeb: "Die sanierte Altstadt werde allenfalls von Touristen aus dem Westen und der Golfregion aufgesucht, so stark sei die Antipathie der Einheimischen gegenüber diesem Projekt. Denn der vom damaligen Präsidenten Hariri 1994 gegründete Bau- und Immobilienkonzern Solidere habe nicht nur die Altstadt an internationale Spekulanten verhökert, sondern auch der Liquidierung historischer Bausubstanz den Weg bereitet. Die Gerüchte häufen sich, dass bei jedem Neubau auch gleich Baumaterial abgezweigt wird, damit man für den Wiederaufbau Syriens die besten Startbedingungen hat. 'Inzwischen ist durch den Immobilienboom und korrupte staatliche Stellen mehr zerstört worden als durch den Bürgerkrieg.'"

Medien, 17.03.2016

(Via turi2 ) Beängstigende Zahlen über italienische Medien zitiert der Standard: "Der Umsatz von Italiens Zeitungswesen hat sich 2015 im Vergleich zum Vorkrisenjahr 2007 halbiert. Dies geht aus einer am Mittwoch veröffentlichten Branchenanalyse hervor. Der Umsatz schrumpfte von 3,858 Milliarden Euro im Jahr 2007 auf 1,985 Milliarden Euro 2015. 2014 lag der Umsatz bei 2,07 Milliarden Euro. Noch dramatischer ist der Umsatzeinbruch bei den Zeitschriften, der von 5,07 Milliarden Euro 2007 auf 2,12 Milliarden Euro fiel. Der Umsatz der Buchverlage schrumpfte von 3,69 Milliarden Euro auf 2,93 Milliarden Euro."

Weiteres: In der Welt befasst sich Christian Meier mit den medienpolitischen Ideen der AfD. In der taz stellt Morgane Llanque Broadly vor, die neue Frauenplattform von Vice.

Europa, 17.03.2016

"Unser Recht scheint hier durch Vertreter unseres Rechts gefährdet. Unsere Rechtswelt steht Kopf", schreibt Michael Wolffsohn in der Welt, nachdem die Staatsanwaltschaft Hamed Abdel-Samad vernommen hat, der wegen Volksverhetzung angezeigt wurde. in seinem letzten Buch hatte er Mohammed als "Massenmörder und krankhaften Tyrann" bezeichnet, für Wolffsohn "starker Tobak", aber von der Meinungsfreiheit gedeckt: "Derjenige, der vom Recht geschützt werden soll und laut Verfassung geschützt werden muss, soll sich nun seinerseits recht(!)fertigen. Verdreht hier nicht die Vertretung des Rechts, also die Staatsanwaltschaft, das Recht, welches sie von Amts und Verfassung wegen zu schützen hat? Diese Frage muss gestellt werden."

Ideen, 17.03.2016

Der Kölner Philosophieprofessor Thomas Grundmann wirft in der FR Peter Sloterdijk "enthemmte Rhetorik" in der Flüchtlingsdebatte vor: "Sloterdijk geht seinen Weg der intellektuellen Selbstdemontage offenbar unbeirrbar und lustvoll weiter. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn es nicht auch den Diskurs über die Flüchtlinge in Deutschland vergiften und in die falsche Richtung lenken würde."

Nicht die Moderne ist das Problem, sagt Francis Fukuyama im Zeit-Gespräch mit Michael Thumann und Thomas Assheuer mit Blick auf Islamismus und Rechtsextremismus: "Fundamentalistische Bewegungen sind stark, wo man modernisieren wollte, aber ohne Erfolg. Im Mittleren Osten haben die Menschen Fernsehen und Internet und sehen, dass der Rest der Welt besser lebt als sie. In der entwickelten Welt werden jene zum Problem, die nicht von der Globalisierung profitieren. Wo Modernisierung funktioniert, entwickelt sie ihre eigene Legitimität."

Außerdem in der Zeit: Richard David Precht und Harald Welzer fordern in einem gemeinsamen Text "Jugend an die Macht" - da die Alten für Migranten nicht offen genug seien.

Politik, 17.03.2016

Volksabstimmungen, ob zum Brexit oder zur Flüchtlingspolitik, sind beliebt - vor allem bei Diktatoren, warnt Ian Buruma in der Welt, die gern auf das "Bauchgefühl" der Menschen zählen: "Der Wunsch nach Referenden ist nicht bloß ein Zeichen interner nationaler Spaltungen; er ist ein weiteres Symptom einer weltweiten populistischen Forderung, 'uns unser Land zurückzuholen'. Dies ist möglicherweise überwiegend eine Selbsttäuschung. Außerhalb der EU könnte Großbritannien tatsächlich weniger Macht über sein Schicksal haben, als wenn es in der EU bleibt. Aber man muss die Vertrauenskrise ernst nehmen. Schließlich sind, auch wenn Referenden häufig unseriös sind, ihre Folgen durchaus ernst zu nehmen."

Überwachung, 17.03.2016

Justizminister tagen, um den viel beklagten Hass im Internet verfolgbarer zu machen, berichtet Klaus Ott in der SZ. Und sie antworten mit Überwachung, die die Bürger schön kontrollierbar macht. Da hat es auch keinen Sinn, dass Facebook eine "Flut von Anfragen" vorschützt: " Erfahrungen der Staatsanwaltschaft München zeigen allerdings, dass so eine Anfrage oft gar nicht nötig ist, um Nutzer ausfindig zu machen. Findet sich bei der Suche im sozialen Netz selbst bei anonym auftretenden Personen nicht auch einmal ein Klarname oder ein Foto? In München werden diese dann mit den Passbildern aus dem Einwohnermeldeamt verglichen. Das führe oft zum Erfolg, sagt Thomas Steinkraus-Koch, der Sprecher der Staatsanwaltschaft."

Kulturmarkt, 17.03.2016

SZ und FAZ befassen sich heute mit der Zukunft des Buchs. Hannes Vollmuth besucht den vom Unternehmer Christian Wegner gegründeten größten Gebrauchtbuchhändler Deutschalnds (und vielleicht auch der Welt): "Momox. So heißt Wegners Unternehmen, das größte für gebrauchte Bücher in Deutschland, in Europa, sagt Wegner, manche sagen, der Welt. 150.000 gebrauchte Artikel schicken die Menschen täglich. Und 150.000 Artikel werden wieder fortgeschickt, bestellt auf Amazon, auf Ebay, AbeBooks oder direkt in Wegners Onlineshop mit dem Namen Medimops. Der Umsatz im vorigen Jahr: 120 Millionen Euro." Hubert Spiegel hat für die FAZ vor dem Leipziger Bibliothekskongress einige amerikanische Bibliotheken besucht, die sich zum Teil radikal neu definieren.

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