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Heute in den Feuilletons: "Scherenschnittartige Leichtigkeit"

Im "Standard" erklären Charlie Kaufman und Duke Johnson, wie man Sex mit Puppen dreht. Die "SZ" feiert die Schwerelosigkeit auf der Kölner Möbelmesse. Die "FR" langweilt sich mit Gegenwartskunst.

Efeu - Die Kulturrundschau

Film, 21.01.2016

Die gestrige Kritikenauslese zu Charlie Kaufmans Puppen-Trickfilm "Anomalisa" war recht euphorisch. Vor der großen Liebesgeschichte zweier Entfremdeter in Slow-Motion schmolzen die Kritiker dahin. Im Standard erzählen heute Kaufman und Johnson, wie sie die Sexszene mit den beiden Puppen drehten: "Duke Johnson - er beaufsichtigt die Animationen - führt ein wenig tiefer in das Geheimnis dieses einzigartigen Films: 'Es ist eine exakt choreografierte Szene, die aber überhaupt nicht choreografiert erscheinen soll. Eines der schwierigsten Unterfangen bei Stop- Motion! Vieles davon sieht das Publikum gar nicht: Die Stoffe, die feinen Bewegungen, das Timing - es beginnt schon damit, wie die Figur die Hose abstreift.' Ja, ein sehr langsamer Striptease sei das, ergänzt Kaufman."

Im Freitag ist Lukas Foerster allerdings nicht so begeistert von dem Film, der manchmal reizvoll, aber zumeist doch "ziemlich hermetisch und mechanistisch" sei. Und weiter: "Besonders fragwürdig ist 'Anomalisa' gerade dann, wenn Kaufman den Versuch unternimmt, sein psychotisches Privatuniversum doch wieder mit der großen weiten Welt da draußen in Verbindung zu setzen. ... Wo sich in Philip K. Dicks 'Time Out of Joint' oder Rainer Werner Fassbinders 'Welt am Draht' die Totalparanoia noch auf eine gesellschaftliche Totalität (und mögliche individuelle Handlungsoption darin) bezieht, verkommt sie bei Kaufman zum Attribut einer weinerlichen, zivilisationsmüden Männlichkeit, die sich danach sehnt, vom warmen Klang der Stimme Jennifer Jason Leighs erlöst zu werden."

Auch Nikolaus Perneczky kann sich im Perlentaucher nicht recht für den Film erwärmen: "Animation wird in Szene gesetzt nicht als Utopie freier Formbarkeit, sondern als jahrelange Anstrengung gegen den Widerstand zu verformender Materie."

Weitere Artikel: Der Freitag lässt seine Lesercommunity über Andreas Voigts Leipzig-Filme zu Wort kommen. In der SZ spricht Alexander Menden mit der Schauspielerin Saoirse Ronan über ihren neuen (im Tagesspiegel besprochenen) Film "Brooklyn". Alle trauern um Ettore Scola: Nachrufe schreiben Patrick Straumann ( NZZ ), Fabian Tietke ( taz ), Gerhard Midding ( Berliner Zeitung ), Daniel Kothenschulte ( FR ), Jan Schulz-Ojala ( Tagesspiegel ), Hanns-Georg Rodek ( Welt ), David Steinitz ( SZ ) und Bert Rebhandl (FAZ).

Besprochen werden Nikias Chryssos' skurrile Komödie "Der Bunker" ( critic.de ) und Guillaume Nicloux' "Valley of Love" mit Gérard Depardieu und Isabelle Huppert ( taz , SZ, mehr in unserem Cannes-Überblick).

Literatur, 21.01.2016

Roman Bucheli amüsiert sich in der NZZ über Jo Lendles "Geschäftsmodell Schreibblockade". Für die taz unterhält sich Shirin Sojitrawalla mit Anita Djafari und Achim Stanislawski von den Literaturtagen Frankfurt. Im Berlinteil der taz spricht René Hamann mit Britta Gansebohm, die das Literaturfestival "Geschichten in Jurten" organisiert.

Besprochen werden die deutsche Übersetzung des argentinischen Science-Fiction-Comicklassikers "Eternauta" von Héctor Germán Oesterheld und Francisco Solano López ( Tagesspiegel ) und Navid Kermanis Reportage "Einbruch der Wirklichkeit" ( Welt ).

Mehr aus dem literarischen Leben im Netz auf unserem Metablog Lit21.

Design, 21.01.2016

Auf der Kölner Möbelmesse kommt Laura Weissmüller von der SZ aus dem Staunen nicht mehr heraus "über die scheinbare Schwerelosigkeit, die Stühle, Tische, aber auch Sessel und Sofas dort erfasst hat. Schmale, geradezu magere Beinchen heben das Mobiliar optisch in die Höhe. Der Begriff Minimalismus wirkt fast zu gewichtig für all diese scherenschnittartige Leichtigkeit. Zumal sie so geballt auftritt. Schlanke Stahlröhren, gebogen oder locker verknotet, überall."

Musik, 21.01.2016

Im FAZ-Gespräch mit Eleonore Büning freut sich der Geiger Frank Peter Zimmermann, dass er nach einem Jahr Durstrecke dank der Leihgabe eines chinesischen Geschäftsmann wieder auf einer Stradivari spielen kann. Für den Tagesspiegel hat Isabel Herzfeld das neue Konzerthaus in Wroc¿aw besucht.

Besprochen werden neue Veröffentlichungen aus dem Bereich der Experimentalmusik ( Skug ), Jon Savages Buch über das Pop-Umbruchjahr 1966 ("spannend und extrem gut zu lesen", meint Bob Stanley im Freitag) und ein Konzert von Rudolf Buchbinder ( Tagesspiegel ).

Bühne, 21.01.2016

Besprochen werden Castorfs Inszenierung von Friedrich Hebbels "Judith" an der Volksbühne ( nachtkritik ), die Uraufführung von Noah Haidles "Götterspeise" durch Zino Wey in Mannheim ( nachtkritik ) und Milo Raus in Berlin uraufgeführtes Stück "Mitleid" ( Freitag , mehr dazu hier).

Kunst, 21.01.2016

Ganz hervorragend findet tazlerin Brigitte Werneburg die Idee Kopenhagener Ny Carlsberg Glyptoteket, neun Schätze aus ihrer Bildersammlung von der Gravitas ihrer wuchtigen Rahmen zu befreien und in schlichter Präsentation auszustellen. Der Blick auf die Bilder ändere sich dadurch spürbar: "Paul Cézannes 'Bathing Women' etwa, die man meint bis zum Überdruss zu kennen: Jetzt sieht man sie gar nicht mehr, dafür aber die charakteristische rhythmische Pinselführung, die der Maler so kontrolliert und lässig gleichermaßen ansetzt, dass die rohe Leinwand erkennbar Bestandteil der Bildkomposition ist. Die nackte Haut der Frauen und das Grün der umgebenden Vegetation ist ein Farbspiel auf der Leinwand, eine anregende malerische Kons¬truktion."

Zu brav, zu moralisch, zu vorhersehbar: In der FR verdreht Sandra Danicke die Augen angesichts der Tendenz in der Gegenwartskunst, sich als gesellschaftspolitische Intervention zu verstehen und dabei moralisch wie politisch stets auf Nummer Sicher zu gehen - viel zu "wohlgefällig" sei das gemessen an der Hochphase der subversiven Performancekunst: "Natürlich darf Kunst auch sozial, politisch und ökologisch sein, aber eben nicht nur. Einfallsreiche, geistreiche Kunst ist immer radikal - im Ausdruck, in ihren Mitteln. Vor allem aber muss sie einen radikalen Gedanken verkörpern. Gute Kunst muss Undenkbares formulieren. Sie muss den Betrachter mit einer Ungeheuerlichkeit konfrontieren, mit der Welt, mit sich selbst."

Besprochen werden eine Jana Euler gewidmete Schau im Frankfurter Portiskus ( SZ ), die Ausstellung "Kunst der Vorzeit - Felsbilder aus der Sammlung Frobenius" im Martin-Gropius-Bau in Berlin ( Tagesspiegel , FAZ).


9Punkt - Die Debattenrundschau

Europa, 21.01.2016

Schon frühere polnische Regierungen griffen in die öffentlich-rechtlichen Sender ein, erzählt Florian Hassel in der SZ: "Die Pis aber geht deutlich weiter. Ende 2015 entmachtete die Regierung das bisherige Aufsichtsgremium, schaffte öffentliche Ausschreibungen für Führungsposten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, Radio und der staatlichen Presseagentur ab und übertrug die Personalhoheit dem Minister für Staatsbesitz. Der ernannte frühere Pis-Parteisoldaten wie den 'Bullterrier Kaczynskis', Jacek Kurski, zu Direktoren."

Politik, 21.01.2016

Ian Black startet im Guardian eine Serie über dieses fatale Land Saudi-Arabien, dessen Prinzen zum Neid vieler Mitbürger gerade eine Menge Grund und Boden kaufen, um noch reicher zu werden, und doch sagen die Leute über sie: "'Die Al Saud sind unter den Schlechten noch die Besten', so ein Regierungsangesteller mittleren Alters. 'Es gibt 40.000 von ihnen. Aber ohne sie wäre es hier wie im Jemen.' Der üble Krieg nebenan, der im letzten Jahr angefacht wurde, wird weithin als eine Sache der Selbstverteidigung gesehen, obwohl er wegen seiner Dauer und der Kosten Unbehagen auslöst."

Das deutsche PEN-Zentrum hat kürzlich einen israelischen Gesetzentwurf kritisiert, der laut PEN die Arbeit regierungskritischer NGOs behindern könne. Daraufhin kündigte der Schriftsteller Thomas Meinecke seine Mitgliedschaft im PEN, meldet Laura Aha in der taz: "Stein des Anstoßes für Meinecke war insbesondere der Satz: 'Während nämlich kritische 'linksgerichtete' NGOs, die öffentliche Fördermittel aus dem Ausland erhalten, verschärften Kontrollen unterliegen sollen, gilt dies nicht für 'rechtsgerichtete' Gruppen, die ihre Spenden oftmals auch aus dem Ausland, aber in der Regel von privaten Sponsoren erhalten.' In der Wortwahl sieht der bekennende linke Schriftsteller ein subtiles Aufgreifen historisch belasteter, jüdischer Klischees."

Die Kritik an Israel ist auch deshalb oft so wenig überzeugend, weil sie so massiv daherkommt, meint Ulrich Schmid in der NZZ. Übeltäter in der arabischen Welt lässt man dagegen gern davonkommen: "Dies ist purer Rassismus. Man nimmt die Missetäter in anderen Weltgegenden nicht ernst. Man erklärt sie für intellektuell nicht satisfaktionsfähig, man verweigert ihnen die Ehre der Kritik."

Religion, 21.01.2016

In der NZZ stellt Marc Zitzmann eine ganze Reihe neuer französischer Bücher zum Dschihadismus vor: von Gilles Kepel, David Thomson oder Pierre-Jean Luizard. "Einen weiteren gewichtigen Beitrag zur Debatte liefert endlich Jean Birnbaum. In seinem Essay 'Un Silence religieux' geißelt der Verantwortliche der Literaturbeilage von Le Monde die Minimierung, wo nicht gar Verdrängung der religiösen Motivation des Jihadismus durch Frankreichs Linke. Ein Phänomen, das er auf den Algerienkrieg zurückführt, als die progressiven Helfer des Front de libération nationale ausblendeten, wie dieser sich auf den Islam berief, um zu mobilisieren. Heute fänden soziologische oder psychologische Erklärungen spontan Zuspruch - aber an die Wirkungsmacht des Glaubens glaube niemand."

Kulturpolitik, 21.01.2016

Anders als viele Journalisten ist Matthias Frehner, Direktor des Berner Kunstmuseums, dem Cornelius Gurlitt seine Bilder vermacht hat, von der Arbeit der Gurlitt Task Force nicht enttäuscht: Sie habe grundlegende Arbeit geleistet und dass es nur so wenig Raubkunst gebe, sei doch eigentlich eine gute Sache, meint er in der NZZ, denn es zeige: "Was in Cornelius Gurlitts Wohnung und in seinem Salzburger Haus beschlagnahmt oder durch seine Anwälte sichergestellt worden war, ist keine milliardenschwere Raubkunst-Sammlung, mit deren Aufarbeitung sich ein Teil der Schandtaten der Nationalsozialisten in großem Umfang wiedergutmachen ließe. Die durch die Medien verbreiteten Erwartungen waren unrealistisch."

Gesellschaft, 21.01.2016

Wie es um sexuelle Belästigung in Kairo steht, berichtet Sonja Zekri auf Seite 3 der SZ: "99,3 Prozent aller Frauen sagten hier in einer Befragung durch die UN im Jahr 2013, dass sie schon Opfer sexueller Belästigung geworden seien. 96,5 Prozent von ihnen berichteten von körperlichen Übergriffen, 95,5 Prozent von obszönen Kommentaren, fast ebenso viele klagten über das Anstarren."

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen beklagt im Tagesspiegel-Interview mit Joachim Huber im Rückblick auf die Köln-Berichterstattung und Köln-Debatte den "Sofortismus" und die "Entfesselung des Bestätigungsdenkens" in allen politischen Fraktionen: "Köln ist für mich die Chiffre eines erschütternden Verbrechens, das unbedingt verfolgt werden muss. Aber es ist auch ein hochexplosives Wahrnehmungsereignis, das klargemacht hat: Die emotionale Sofortdeutung erschlägt das Warten auf belastbare Faktizität." Einen interessanten Punkt macht Pörksen zur Konjunktur von Verschwörungstheorien, die für ihn paradox ist, denn "es wäre gerade heute für Journalisten in diesem Land unendlich schwer, systematisch Information zu unterdrücken. Ihre Macht und Deutungshoheit ist gebrochen. Alles ist sofort sichtbar."

Bis zuletzt hat Lord Weidenfeld, der im Alter von 96 Jahren gestorben ist, in der Welt publiziert. Heute bringt sie sein letztes Interview, in dem er auch die deutsche Flüchtlingspolitik kritisiert - und sich an seine eigene Flucht vor den Nazis erinnert: "Bei meiner Flucht nach Großbritannien wurde ich 1938 ganz genau kontrolliert und benötigte Papiere. Ich wollte die totale Assimilierung, und Bedingungen stellte ich schon gar keine. Regellose Zuwanderung hingegen bedeutet das Recht des Stärkeren." Den sehr persönlichen Nachruf auf Lord Wiedenfeld schreibt in der Welt Mathias Döpfner höchstselbst. In der FAZ schreibt Gina Thomas zum Tod Lord Weidenfelds.

Ulrike Hermann erklärt in der der taz sehr schön, welch komplizierte Wertpapiere man einst konstruieren musste, um wie im Film "The Big Short" auf einen Immobiliencrash zu wetten. CDO und CDS hießen die Papiere: "Bleibt die Frage, wer die Trottel waren, die die synthetischen CDOs kauften, später Milliardenverluste aufhäuften und die 'Big Short'-Helden reich gemacht haben. Der Film gibt keine Antwort. Leider. Denn es waren die deutschen Landesbanken. 'Stupid Germans' hießen sie in New York."

Medien, 21.01.2016

Auf Zeit online ist Lenz Jacobsen empört, dass der SWR die AfD nach Protesten von SPD und Grünen aus einer Fernsehdiskussion ausgeladen hat. "Wenn diese Parteien sich die politische Auseinandersetzung mit der AfD nicht zumuten wollen, ist das ihr Problem. Mit wem man streiten will und mit wem nicht, kann jeder Politiker und jede Partei selbst entscheiden. Und jeder Wähler, wem er dann seine Stimme gibt. Wenn aber journalistische Institutionen sich erpressen lassen und den öffentlichen politischen Streit auf eine Komfortzone für die Mächtigen verengen, ist das eine Schande für den Journalismus ein Problem für die Demokratie."

Deutsche Medien beschäftigen viele "Pauschalisten", also feste Freie, deren Status arbeitsrechtlich umstritten ist. Die Süddeutsche stellt ihre Pauschalisten jetzt fest an, berichtet Anne Fromm in der taz: "Dafür wurde ein Ampelsystem ausgearbeitet, das die Mitarbeiter je nach Dringlichkeit der Einstellung klassifiziert: Rot sind alle, die vier oder fünf Tage pro Woche in der Redaktion sind, die so schnell wie möglich angestellt werden sollen. Das betrifft vor allem Mitarbeiter der Onlineausgabe. Dort sollen alle, die bisher in Schichten gearbeitet haben, als Redakteure angestellt werden."

Richard Tofel, Mitbegründer von propublica, legt bei Medium.com eine betrübliche Bilanz der Auflagenentwicklung amerikanischer Zeitungen vor und kommt zu dem Ergebnis: "Es bleiben nur mehr zwei Printzeitungen im gesamten Land (Wall Street Journal und New York Times), die an Wochentagen mehr als eine halbe Million Exemplare verkaufen , nur sechs Zeitungen, die mehr als eine Viertelmillion Exemplare verkaufen, und nur etw 22, die mehr als 100.000 Exemplare verkaufen." Weniger dramatisch klingen deutsche IVW-Zahlen, die turi2 referiert. Demnach hat die Tagespresse 2015 4,3 Prozent Auflage verloren. Die Auflage des Spiegel liegt inzwischen unter 800.000, die des Stern bei 720.000.

An Silvester, fünf vor 12, hat der Deutschlandfunk als letzter Sender die Mittelwelle abgeschafft. Das digitale Radio ist eben nicht aufzuhalten, aber traurig macht es Joachim Güntner schon: "Mit den digitalen Audio-Formaten treibt das Netzdenken - viele verknüpfte Knoten - dem Radio den Rundfunk aus."

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