Heute in den Feuilletons

Die "SZ" gelangt über die Dunkelkammern der Psyche zu Gertie the Dinosaur. Die "taz" hätte in der Hamburger Elbphilharmonie beinahe wieder den Glauben an Zweckfreiheit und Feinsinnigkeit gefunden. Und zur Trauer um Götz George kommt nun auch die um Manfred Deix und Bud Spencer.


Efeu - Die Kulturrundschau

Bühne, 28.06.2016

Jacques Fromental Halévys selten gespielte Oper "La Juive" wird zur Freude Manuel Brugs in der Welt derzeit gleich mehrfach gezeigt. Über die Fadheit von Calixto Bieitos Münchner Inszenierung konnte Brug allerdings auch nicht das "militärkapellmeisterliche" Rumsen aus dem Orchestergraben hinwegtäuschen. In Lyon aber habe ein "kräftiges monstre sacré seine Krallen" gezeigt: "Da entfesselt der designierte Orchesterdirektor Daniele Rustioni ein farbenreiches, gehaltvolles Klanggeschehen, holt ohne Mühe das Maximum aus dieser ungleichgewichtigen, aber an den entscheidenden Stellen grandios-tragischen Tonvorlage. Olivier Py kitzelt in seiner klaren, dichten Inszenierung das Verstörende und das Verführerische der Vorlage heraus, findet Wahnwitz und Wahrheit der Geschichte, Finesse und Fanatismus der Religionen."

Mounia Meiborg bilanziert in der SZ die Autorentheatertage in Berlin, wo drei Stücke von Dominik Busch, Stefan Hornbach und Jakon Nolte als Inszenierungen und nicht als Lesungen der Öffentlichkeit präsentiert wurden: Was sie auch passender findet, da die Stücke "die Möglichkeiten des Theaters" hinterfragten, "ohne sich in Theoriegespinsten zu verheddern". Die Stücke, schreibt Irene Bazinger in der FAZ, befassen sich bei allem Unterschied durchweg mit drängenden, großen Fragen: "Ob humorvoll, sprachakrobatisch oder absurd, geht es im wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod. Alte Hüte, klar, aber abgestaubt, aufgefrischt und begabt überformt: Ein heiliger Ernst umweht die Dramen, der tut ihnen gut und lohnt sich fürs Publikum.

Weiteres: Im Tagesspiegel berichtet Patrick Wildermann vom Malta-Theaterfestival in Poznan. Für den Tagesspiegel porträtiert Maria Fiedler die Schauspielerin Bettina Brezinski. In der FAZ berichtet von zwei bislang unbekannten, vom Goethe-Museum Düsseldorf ersteigerten Briefen des Goethe-Chronisten, "die den bemerkenswerten Fall einer Schauspielleidenschaft entfalten."

Besprochen werden Dieter Wedels in Bad Hersfeld gezeigte Inszenierung von Arthur Millers "Hexenjagd" ( FR ), Tina Laniks Inszenierung von Stefan Zweigs Roman "Ungeduld des Herzens" am Staatstheater Wiesbaden ( FR ), die Uraufführung von Wolfgang Böhmers und Peter Lunds Oper "Stella" an der Neuköllner Oper in Berlin ( taz ), Christof Loys von Sebastian Weigle dirigierte Frankfurter Inszenierung von Alban Bergs "Wozzeck" (FAZ), Guy Joostens Inszenierung von Jules Massenets "Le Cid" bei den Festspielen in St. Gallen ( NZZ ) und Fromental Halévys in München in der Inszenierung von Calixto Bieito gezeigte Oper "Die Jüdin", deren Grundthema "religiös motivierter Hass" der Regisseur laut Reinhard J. Brembeck in der SZ "schnörkellos, schlicht und ohne alle Mätzchen verhandelt".

Kunst, 28.06.2016

Für den Standard besucht Roman Gerold die Ausstellung "Crisis as Ideology?" im Wiener Kunstraum Niederösterreich, wo die Arbeitswelt auf ihre veränderten Mechanismen der Selbstausbeutung abgeklopft wird: "Immerhin scheinen in jenem Büro, das Marianne Flotron in ihrer Videoarbeit Work (2011) zeigt, paradiesische Zustände zu herrschen. 'Es fühlt sich nicht wie Pflicht an, hier zu arbeiten', meint eine der von ihr Interviewten. '99 Prozent der Kollegen, die hereinkommen, lächeln', sagt ein anderer. Ob man auch Opfer bringen müsse? Eine echte Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Man habe jedenfalls alle Freiheiten, auch jene, jederzeit zu kündigen."

Auch Gottfried Knapp ist in der SZ von der großen Schirn-Ausstellung "Pioniere des Comics" (mehr dazu hier) sehr angetan. Auch hält er die darin stark gemachte These für plausibel, dass bereits in den ersten Comics ästhetische Konzepte angelegt waren, die man gemeinhin den erst später auftretenden Avantgarden des 20. Jahrhunderts zuschreibt: "Folgt man dem Bilderträumer Winsor McCay auf seinen Streifzügen durch die Dunkelkammern der Psyche, entdeckt man auf Schritt und Tritt zeichnerisch brillant pointierte Realitätsbrüche, wie sie erst zwanzig bis dreißig Jahre später von den Berufs-Surrealisten Dalí, Ernst und Magritte wieder gewagt worden sind. Auf dem anderen Gebiet, auf dem McCay als Zeichner seiner Zeit voraus war, beim Film, konnte er selber den Beweis erbringen, wie direkt seine in Stufen sich entwickelnden Bild-Erzählungen auf das neue Medium zuliefen." Knapp spielt damit auf den kurzen Animationsfilm "Gertie the Dinosaur" an, der als Initialzündung der Cartoons gilt.

Große Trauer um den Karikaturisten Manfred Deix. Dessen Darstellungen teigig-fleischfarbener Zeitgenossen "haben den Impuls der Lustigmacherei früh hinter sich gelassen und sind weithin als Kunstwerke anerkannt", schreibt Hans-Jürgen Linke in der FR. Auch Christian Schröder vom Tagesspiegel konstatiert: "Hässlichkeit sah nie schöner aus als auf den Bildern von Manfred Deix." Und Ralf Leonhard schreibt in der taz: "Die katholische Kirche und die rechte FPÖ verfolgten ihn jahrelang mit Anzeigen und Prozessen." Schon dieses Qualitätssiegels wegen wird man ihn sehr vermissen. Im Standard verdankt ihm Doris Priesching Einblick in "die ganz normale oder, besser, grindige Grundnatur von Herrn und Frau Österreicher, vornehmlich bei diversen Verrichtungen des Alltags zwischen Sadomaso-Sex und Muttermord inklusive saftigen Versen und allem, was dazugehört: Zumpferln, Dutteln, Wabbelbäuchen, Hängeärschen, Bremsspuren, Ejakulationsflecken". ZeitOnline bringt zum Abschied eine Strecke. Weitere Nachrufe in SZ und FAZ und Presse .

Weiteres: Sarah Alberti berichtet in der taz vom Leipziger Fotofestival f/stop.

Besprochen werden die Ausstellung "Visionäre der Moderne" über Bruno Taut, Paul Goesch und Paul Scheerbart in der Berlinischen Galerie ( Tagesspiegel ), eine Hannah-Höch-Schau in der Kunsthalle Mannheim (FAZ) und eine Ausstellung über die Kulturgeschichte Siziliens im Britischen Museum in London (FAZ).

Musik, 28.06.2016

Dirigent Tugan Sokhiev verabschiedet sich vom Deutschen Symphonie Orchester Berlin und geht nach Moskau zum Bolschoitheater. Im Tagesspiegel spricht er gegenüber Frederik Hanssen davon, dass er "wieder mehr Bühnenluft atmen" wolle. Von Sokhievs Abschiedsabend am DSO mit "La Damnation de Faust" war Hanssen unterdes nicht rundum überzeugt: Es gab "viele akkurat ausgeführte Noten zu hören, die sich überhaupt nicht zu einer atmosphärischen Grundierung des Geschehens verbinden. Eckig und ungelenkt wirkt das DSO, die Balance stimmt nicht, der Klang bleibt ohne Tiefe, ohne Parfum. Lediglich in den sinfonischen Passagen - und von denen gibt es zum Glück einige - vermag das Orchester seine Qualitäten zu zeigen."

Weiteres: Julian Weber resümiert in der taz eine dem vor der Emeritierung stehenden Popmusikwissenschaftler Peter Wicke gewidmete Berliner Konferenz. In der NZZ erinnert sich Ueli Bernays an Claude Nobs und 50 Jahre Jazz-Festival in Montreux und stellt die nun erschienene Bild- und Textsammlung zum Jubiläum vor.
Außerdem spricht Andrea Kucera mit dem neuen Direktor Mathieu Jaton über dessen Pläne für die Zukunft des Festivals.

Besprochen werden ein Konzert von Teodoro Anzellotti ( FR ), der Saisonabschluss der Berliner Philharmoniker an der Waldbühne ( Tagesspiegel , hier eine Aufnahme des Konzerts in voller Länge).

Literatur, 28.06.2016

1816, im legendären "Jahr ohne Sommer", entstand in der Villa Diodati am Genfer See Mary Shelleys "Frankenstein", ein Mythos der Schauerliteratur und Vorläufer des Horror- und Science-Fiction-Genres. An ihn erinnert eine Ausstellung in der Fondation Martin Bodmer in Genf, die Fritz von Klinggräf in der taz erleben ließ, wie aus Albträumen Literatur wurde: "Lauter Körperwelten - vermengt mit einem neuzeitlichen Animismus, der totem Material und einem in Nationen zerfallenden Europa ein letztes Mal Leben einhaucht. Im neuen Leitmedium der Massenliteratur entfalten bioelektrische Phantastereien und magnetistische Spekulationen eine Produktivkraft, die mit ihren unzähligen Nachahmungen, Verschiebungen und Verdichtungen der menschengemachten Kreatur bis heute unsere Welt bevölkert." (Hier der Roman in voller Länge.)

Weiteres: Andreas Förster erinnert in der FR daran, wie die Schweiz die DDR-Schriftsteller Johannes R. Becher, Arnold Zweig und Stephan Hermlin bei einer Visite im Land im Jahr 1951 aushorchen ließ. In der NZZ stellt Angela Schader den kurdischen Schriftsteller Bachtyar Ali und seinen ersten in Deutschland erscheinenden Roman "Der letzte Granatapfel" vor.

Besprochen werden unter anderem Bücher von Kate Tempest ( ZeitOnline ), Michelle Steinbecks "Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch" ( FR ), Elke Erbs "Gedichte und Kommentare" (FAZ) und Albena Dimitrovas "Wiedersehen in Paris" (SZ). Mehr auf Lit21, unserem Metablog zum literarischen Leben im Netz.

Architektur, 28.06.2016

Für ihre Nord-Ausgabe hat die taz Petra Schellen zur Hamburger Elbphilharmonie geschickt, die in absehbarer Zeit tatsächlich eröffnet werden soll. Geschrieben hat Schellen gleich zwei Texte: Einen, für den sie sich vorab besonders viel schlechte Laune mitgenommen hat, um am Ende bloß noch zu staunen, wie wunderbar sie den neuen Kulturtempel doch findet: "Etwas Äs­the­ti­sche­res, im guten Sinne Zweck­freie­res hätte man mit die­sem Geld nicht an­fan­gen kön­nen; sogar der eins­ti­ge Nör­gel-Jour­na­list beginnt mit dem guten alten Schiller zu glauben, dass Äs­the­tik fein­sin­nig macht und den Cha­rak­ter bes­sert. Oder zu­min­dest den Wohl­fühl-Fak­tor er­höht, denn das Ganze ist nicht nur schön an­zu­schau­en, son­dern auch an­ge­nehm tak­til: Die Wände des Ver­wal­tungstraktes sind aus Beton - aber nicht zu hart. An­de­re aus Gips, aber nicht zu weich."

Im zweiten Text geht es um die deutlich höhere Saalmiete gegenüber der Laeiszhalle: "Hamburgs Or­ches­ter wer­den also mit Verlusten und internen Quer­fi­nan­zie­run­gen jon­glie­ren müs­sen. Oder aber, nach Ab­klin­gen des Er­öff­nungs-Hy­pes, un­auf­fäl­lig einen immer grö­ße­ren Teil der Kon­zer­te wie­der in der güns­ti­gen La­eisz­hal­le geben. So könn­te das Über­ra­schen­de pas­sie­ren, nämlich dass die La­eisz­hal­le mit­tel­fris­tig für die Orchester zur loh­nen­den Al­ter­na­ti­ve wird."

Film, 28.06.2016

Dieses Jahr beschert dem Genre-Film wirklich schlimme Verluste: Nun ist auch Bud Spencer gestorben. Hier sehen wir ihn noch einmal in voller Aktion, in einer Szene aus einem der schönsten Filme von Bud Spencer und Terence Hill.

... und, verdammt, sah er in seiner Zeit als Schwimmsportler gut aus. Kein Wunder, dass der Regisseur Dario Argento einen Gott in ihm sah.

Weiteres: Jan-Schulz Ojala schreibt im Tagesspiegel zum Tod von Götz George. "Scheiße", stößt die taz auf ihrer Seite eins auf. Jan Feddersen erinnert in seinem Nachruf an Georges Körperlichkeit: "Eine ganz ungewöhnliche Schönheit, ein Mann, der alle körperliche Wucht nicht wie einen Übergriff aussehen ließ, eher wie ein scheues Angebot, sich faszinieren zu lassen." Die SZ widmet ihre Seite Drei einer ausführlichen Würdigung Georges durch Holger Gertz. Die Zeit bringt aus diesem Anlass eine Fotostrecke (mehr dazu im gestrigen Efeu). In der NZZ schreibt Rainer Moritz. Für Wired porträtiert Jon Mooallem Steven Spielberg, dessen neuer Film "The Big Friendly Giant", eine Roald-Dahl-Adaption, demnächst ins Kino kommt.

Besprochen werden Maya Newells Dokumentarfilm "Gayby Baby" ( Tagesspiegel ), das Staffelfinale von "Game of Thrones" ( ZeitOnline ) und der auf dem Filmfest München gezeigte Dokumentarfilm "The Last Laugh" von Ferne Pearlstein (SZ) mit unter anderem Mel Brooks, dem Dietmar Dath in der FAZ zum Neunzigsten gratuliert.


9Punkt - Die Debattenrundschau

Europa, 28.06.2016

Ganz allein die Tories sind am Brexit schuld, ruft Polly Toynbee im Guardian (und die Labour-Politiker, die man zum Jagen tragen musste, also wohl kein bisschen). Sie entwickelt eine Art Zynismus der Verzweiflung: "Es fühlt sich wie ein Betrug an, einem Tory-Leader Gutes zu wünschen, aber wer immer Premier wird, muss für Britannien einen Deal finden. Es kommt weniger auf das Geld an, aber ein Versagen bei der Regelung der EU-Migration würde Nigel Farage eine Riesenchance geben, massenweise Tory- und Labour-Stimmen einzusammeln, und die Tories würden noch weiter nach rechts rücken."

Frances Ryan rät ebenfalls im Guardian zugleich davon ab, Jeremy Corbyn, der sich kaum für Remain einsetzte, in Frage zu stellen: All die neuen superlinken Labour-Mitglieder, die er gewonnen habe, drohten sonst zu gehen.

Tom McTague schildert in Politico.eu, wie die Labour-Abgeordneten Jeremy Corbyn gestern ihr Misstrauen aussprachen - während er dennoch an seinem Posten festhält und auf eine Demo mit ergebenen Anhängern eilte: "Die Labour-Partei hat nun eine interne Verfassungskrise und ist unfähig, einen Parteichef auszutauschen, den seine Abgeordneten nicht unterstützen woKermanillen."

Im Freitag behauptet Yanis Varoufakis zwar, er sei gegen den Brexit und für die Europäische Union, aber er klingt doch sehr wie ein Brexit-Anhänger, wenn er schreibt: "Obwohl ich weiterhin davon überzeugt bin, dass 'Leave' die falsche Wahl war, begrüße ich die Entschlossenheit, mit der die britische Bevölkerung dem Abbau der demokratischen Souveränität durch das der EU immanente Demokratiedefizit entgegen getreten ist. Und ich weigere mich entschieden, niedergeschlagen zu sein, auch wenn ich mich auf der Verliererseite des Referendums wieder finde. Ab jetzt muss es die Aufgabe eines jeden britischen und europäischen Demokraten sein, das Signal, das von diesem Referendum ausging, aufzugreifen, um das Establishment in London und Brüssel stärker denn je herauszufordern. Der Zerfall der EU ist in vollem Gange."

Brexit war nicht nur eine Herzensangelegenheit der abgehängten Arbeiterklasse in den Midlands, sondern auch der traditionellen Upper Class, schreibt Tina Brown (die sich in diesen Kreisen auskennt) in The Daily Beast. "Mit starken ländlichen Wurzeln aus ihren Landsitzen sind die Landadligen auf einer Linie mit ihren ergebenen Knechten und Dienern, genau wie damals, als die Fuchsjagd verboten wurde. Brexit hat den Klassenunterschieden neue Abstufungen hinzugefügt. Landadlige mit Geldproblemen sehen London, diesen internationalen Stadtstaat, der mit großer Mehrheit für Remain stimmte, als einen Mischmasch aus Polen und Frauen in Burqa, wo sie es sich nicht mal mehr leisten können, ihrer Tochter ein charmantes Pied-à-Terre gleich hinter Harrods zu kaufen."

Auch der amerikanische Philosoph Raymond Geuss, der seit 2000 eingebürgerter Brite ist, sieht in der SZ in den englischen Oberklassen eine starke Brexit-Lobby: "In diesen Milieus ist man es zwar gewohnt, sich vom großen Onkel, den USA, bevormunden zu lassen, und man konnte sich sogar dazu bereitfinden, vor den finanzstarken Chinesen und - wenn es sich wirklich nicht vermeiden ließ - vor den ölreichen Scheichs das Knie zu beugen, aber vor Europäern? Für sehr viele Angehörige der älteren Generation war es unerträglich, geradezu moralisch empörend, mit Kontinentaleuropäern gleichgestellt zu werden."

Rüdiger Wischenbart fallen im Perlentaucher die überraschenden Parallelen zwischen der Präsidentschaftswahl in seiner Heimat Österreich und dem Brexit-Votum auf: "Als ich die Karte mit den regionalen Abstimmungsergebnissen vom vorigen Donnerstag vor mir hatte - London, Schottland und Teile Nord-Irlands mit klarer Mehrheit für 'Remain' - konnte ich das Grundmuster mühelos auf die Ergebnisse der österreichischen Präsidentschaftswahlen von Ende Mai übertragen. London/Wien, Schottland/Vorarlberg, sowie weitere Mehrheiten in urbanen Wahlbezirken für die eine Seite, der Rest genau andersrum."

Und die Franzosen machen sich laut Le Monde große Sorgen: Im EM-Viertelfinale werden sie auf die Isländer treffen, die bereits die starken Engländer geschlagen haben.


Nun trudeln so langsam auch Vorschläge ein, was die EU besser machen sollte, um bei den Bürgern beliebter zu werden. Die Sozialdemokratin Gesine Schwan rät in der taz, mehr Geld auszugeben: "Mit einem von der Kommission aufgelegten und von den Nationalstaaten zu billigenden Fonds könnten wir eine humanitäre und durch Regeln gesteuerte freiwillige Aufnahme von Flüchtlingen in ganz Europa und zugleich eine Wende hin zu einer europäischen Investitions- und Wachstumspolitik schaffen. "

Auch Navid Kermani bekennt in der FAZ seine Betroffenheit. Er möchte, dass die EU ein Fundament baut - "und dann lasst die Menschen abstimm en!" Grund für die jetzigen Schwierigkeiten ist für ihn das Scheitern der Verfassung im Jahr 2005, "für die nicht geworben, für die nicht gekämpft, die nicht erklärt worden war und deren Ablehnung viele europäische Regierungschefs so unbeteiligt hinnahmen, dass man den Eindruck gewann, sie seien über den Ausgang der Referenden nicht einmal traurig - eine funktionsfähige Union hätte ihnen schließlich das Vetorecht genommen."

Politik, 28.06.2016

Adam Liptak erklärt in der New York Times die Entscheidung des Supreme Court gegen "Teile eines texanischen Abtreibungsgesetzes, das die Zahl der Abtreibungskliniken im Land drastisch reduziert hätte, so dass nur einige Kliniken in urbanen Gebieten geblieben wären". Das Gesetz erlegte Abtreibungskliniken harte bürokratische Regelungen auf, die allerdings laut Supreme Court keinen medizinischen Sinn hatten. Das heißt, "dass ähnliche Anforderungen in anderen Staaten wahrscheinlich ebenso verfassungswidrig sind, und es gefährdet eine Menge andere Regelungen in Abtreibungsfragen. Die Entscheidung wird ganz sicher auch Abtreibungsgegner mobilisieren und Abtreibung zu einem zentralen Thema des Präsidentschaftswahlkampfes machen."

Ideen, 28.06.2016

Im Interview mit der Jungle World überlegt Diedrich Diederichsen, was sich verändert hat, seit sein Buch "Politische Korrekturen" vor zwanzig Jahren erschien und was aus der Neuen Rechten und ihrem Anti-PC-Diskurs wurde: "Dass der Anti-PC-Diskurs große Mengen von Leuten, um nicht zu sagen Massen erreicht hat, ist ein Phänomen, das sich erst durch die Internetkultur entwickelt hat. ... Nur interessanterweise sind ihre Chefs oft gar nicht mehr die Autoritäten alten Schlags, mit denen sie sich identifizieren wollen; diese heimatlosen autoritären Charaktere haben niemanden mehr, dem sie folgen können, deswegen müssen sie sich ihren abendländischen Neotraditionalismus zu Hause mit der Laubsäge basteln und unkontrolliert im Internet ausprobieren. Die hören nicht auf Vordenker, die sind auf ganz grauenhafte Weise emanzipiert in ihren selbsterfundenen autoritären, rassistischen Identitäten."

Außerdem in der Jungle World: Klaus Theweleit versucht im Interview das Massaker von Orlando zu erklären.

Isolde Charim erklärt in der taz, wofür Claus Leggewie eine "Konsultative" fordert: "Diese 'Zukunftsräte' sind ein Bürgerbeteiligungsverfahren, das Zukunftsthemen - von der Endlagersuche bis zur Flüchtlingsthematik - konkret behandeln und beraten soll. Konkret heißt dabei: vom eigenen Betroffensein ausgehend, gesellschaftliche Lösungen erstreiten. Das Narrativ sollte sich also als Zukunftserzählung aus dieser Form entwickeln."

Gesellschaft, 28.06.2016

In der NZZ nimmt Claudia Schwartz Alice Schwarzer vor Rassismus-Vorwürfen in Schutz, plädiert aber für mehr argumentative, statt polemischer Schärfe in der Auseinandersetzung mit Sexismus und Rassismus. "Mit ähnlicher Deutungshoheit, wie sie vor ein paar Jahren in der Kopftuchdebatte - 'Geschlechter-Apartheid' - allen Kopftuchträgerinnen einen eigenen Willen absprach, bezeichnet sie die Schuldigen der Kölner Silvesternacht nun - so pauschal wie unpräzise - als die 'fanatisierten Anhänger eines Scharia-Islam'. Und Schwarzer dreht weiter an der Polemik-Schraube, wenn sie schreibt, es gäbe die AfD und den erstarkenden Rechtspopulismus gar nicht, hätten 'die etablierten Parteien von links bis rechts' nicht über Jahrzehnte das zunehmende Malaise der 'Menschen mit dem Scharia-Islam' ignoriert."



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