Heute in den Feuilletons "In jedem einzelnen Kreisgefängnis, in dem ich war. In. Jedem. Einzelnen."

Auf der Manifesta erinnert Teresa Margolles an die erschlagene transsexuelle Prostituierte Karla. Die Netflix-Serie "Orange Is The New Black" lügt nicht: Auch im Gefängnis ist sexuelle Gewalt gegen Frauen üblich, lernt das "Mic Magazin".


Efeu - Die Kulturrundschau

Kunst, 18.06.2016

Eigentlich hatte die mexikanische Künstlerin Teresa Margolles während der Manifesta am Rand Zürichs, Hotel Rothaus, eine Pokerrunde mit Schweizer und mexikanischen transsexuellen Prostituierten inszenieren wollen, erzählt Brigitte Hürlimann in der NZZ. Doch dann wurde eine von ihnen, Karla, eine 64-jährige transsexuelle Prostituierte, in Ciudad erschlagen. "Im Hotel Rothaus, im Zimmer Nr. 104, dort, wo jetzt keine Pokerrunde gezeigt wird, sondern ein raumhohes Schwarz-Weiß-Porträt der ermordeten Karla sowie ein Steinbrocken (dem Besucher schwant, was das zu bedeuten hat), legt die Stimme von Ivon Zeugnis ab, vier Minuten und siebenundvierzig Sekunden lang. Sie habe gearbeitet, berichtet Ivon. Junge Männer hätten sie drannehmen wollen. Sie sei mit einem von ihnen spazieren gegangen. Man habe Leim geschnüffelt. Er habe sie in ein leerstehendes Haus gezerrt. Sie erschlagen. Man wisse nicht, warum."

Was genau die neue Aktion des Zentrums für politische Schönheit jetzt ist, weiß niemand. Die Rede ist von 100 syrischen Flüchtlingen, die ohne Einreiseerlaubnis nach Berlin geflogen werden sollen und, wenn sie nicht einreisen dürfen bzw. die die Einreise verhindernde EU-Richtlinie nicht abgeschafft wird, sich freiwillig Tigern zum Fraß vorwerfen wollen. Fake oder nicht, fragt sich in der Welt eine unbehaglich gestimmte Franziska Wunderlich nach der Pressekonferenz im Berliner Gorki Theater: "Gibt es das Flugzeug, das die 100 Flüchtlinge nach Deutschland bringen soll? Mit Crowdfunding wird Geld gesammelt, um den Flug zu finanzieren. Es gibt Videos über die Flüchtlinge, die angeblich kommen sollen. Man kann abstimmen, wer kommen darf und wer nicht, wer 'leben oder sterben soll'. Das Vorhaben sei zynisch und geschmacklos, sagt Theresia Braus vom ZPS, denn 'wir spielen nach, wie von oberster Stelle mit Schicksalen gespielt wird. Das müssen wir, damit wir anfangen können, Schicksal mit der Politik zu spielen.'"

Cristine Wahl vom Tagesspiegel erinnert das von Ferne an Christoph Schlingensiefs "Ausländer raus!"-Aktion vor 16 Jahren, aber sei's drum: "Die künstlerische Aktion an sich ist vorrangig - und um die bewährten Reiz-Reaktions-Schemata zu aktivieren eben gern auch kalkuliert schiefes Mittel zum Zweck öffentlicher Diskurs-Erregung. Die dann eben, wie in der Böhmermann-Causa, zur Veröffentlichung (unser aller) moralischer beziehungsweise politischer Paradoxien und im Idealfall zu entsprechenden Handlungszwängen führt. Man kann das natürlich platt finden. Aber fakt ist, dass die Plattheit der Reaktionen diejenige der künstlerischen Konzepte bis dato leider noch immer um ein paar sehr erhellende Grade überstiegen hat."

Besprochen wird eine Ausstellung in der Berliner Galerie Hilaneh von Kories mit Neal McQueens Fotos von Flüchtlingen ( Tagesspiegel ).

Film, 18.06.2016

Im Mic Magazin hat sich Leigh Cuen die (auf ZeitOnline von Anke Sterneborg besprochene) Veröffentlichung der 4. Staffel von Orange Is The New Black am Freitag zum Anlass genommen, um mit den Insassinnen verschiedener Frauengefängnisse in den USA über Sexualität im Gefängnis zu sprechen, wobei sich herausstellte, dass einige, nicht alle (!), der in der Serie gezeigten Aspekte schockierend realistisch dargestellt sind: "Obwohl verschiedene Einrichtungen variieren, was die sexuellen Aktivitäten angeht, gab es doch immer eine gefährliche Tendenz, die alle Gefängnisaufenthalte Sallys gemeinsam hatten: sexuell übergriffige Wärter. 'Ich habe Frauen Beziehungen mit Wärtern anfangen sehen, Wärter heiraten sehen, gesehen, wie Wärter Frauen zwingen, mit ihnen Sex zu haben', erzählte Sally. 'Das war überhaupt keine Ausnahme. Das passierte in jedem einzelnen Kreisgefängnis, in dem ich war. In. Jedem. Einzelnen.'"

Ludwigshafen hat zwar ein Festival des deutschen Films, doch wirklich aufregenden Entdeckungen sieht man auf anderen Festivals, stellt Dunja Bialas auf Artechock fest: "Vergeb­lich sucht man im Programm unge­zähmtes deutsches Kino ... Wir behaupten, mit einem Blick auf das Programm des Münchner Filmfests, das neunzehn deutsche Filme als Welt­pre­miere zeigt, darunter 'Unter­wä­schelügen' von Klaus Lemke oder das Regie­debüt '5 Frauen' des Dreh­buch­au­tors Olaf Kraemer, dass es Filme gibt aus Deutsch­land, die viel­leicht nicht die große Kasse machen, jedoch Diskus­sionen befördern können, die Ludwigs­hafen doch so gerne will."

Weitere Artikel: Auf critic.de stellt Lukas Foerster vier Filme aus einer großen Wiener Schau zum Thema Terrorismus im Kino vor Außerdem schreiben auf critic.de Till Kadritzke (hier) über "Der Weidenbaum" und Fabian Tietke (hier) über "Hans - Ein Junge aus Deutschland", die das Berliner Zeughauskino an diesem Wochenende in seiner großen Werkschau Sohrab Shahid Saless zeigt. Für die SZ trifft sich Alex Rühle mit dem isländischen Punk-Komiker Jón Gnarr, der vier Jahre lang Bürgermeister von Reykjavík war und nun für eine isländischen Fernsehserie einen korrupten isländischen Bürgermeister spielt - und das sogar in seinem alten Büro. Hans-Jörg Rother resümiert in der FAZ das Jüdische Filmfestival in BerlinNew Filmkritik bringt eine neue Lieferung von Rainer Knepperges' Bild/Text-Collagen über Karten und Pläne im Film.

Besprochen werden Nikolaus Geyrhalters Dokumentarfilm "Europe, She Loves" ( Standard ), Jean-Marc Vallées Film "Demolition" mit Jake Gyllenhaal ( Standard ), der japanische Animationsfilm "Miss Hokusai" ( FR , Artechock , unsere Kritik hier) und Pan Nalins "7 Göttinnen" ( Artechock ).

Musik, 18.06.2016

Für The Quietus porträtiert Joseph Burnett das britische Experimentalmusik-Label Folklore Tapes. In der taz erinnert sich Ulrich Gutmair an den legendären Berliner Club WMF. Dank Beyoncé, Justin Timberlake, Taylor Swift, Bruno Mars und Pharrell Williams ist Chartsmusik so gut und interessant wie selten zuvor, jubelt Julia Bähr in der FAZ.

Besprochen werden eine Einspielung der Johannes-Passion von Rene Jacobs ( NZZ ), ein Liederabend in Zürich mit Christian Gerhaher ( NZZ ), das neue Swans-Album ( Spex , The Quietus , mehr dazu hier), das HipHop-Album "Testarossa" von Yoni und Geti ( Welt ), das Album "The Missing" von Sicker Man ( taz ), Neil Youngs Live-Album "Earth", für das er allerlei Tiergeräusche zwischen die Lieder gestopft hat ( Pitchfork ), eine Neueinspielung von Musik des jüdischen Schallplattenlabels Semer aus den 30er Jahren ( Tagesspiegel ) sowie neue Alben von den I Don't Cares und den Summer Cannibals ( FR ).

Bühne, 18.06.2016

Wenig positiv resümieren in der Presse Barbara Petsch, Norbert Mayer, Wilhelm Sinkovicz und Almuth Spiegler die gerade zu Ende gegangenen Wiener Festwochen unter dem Intendanten Markus Hinterhäuser.

Besprochen werden Beethovens "Fidelio" in der Inszenierung von Achim Frey bei den Wiener Festwochen ( NZZ ) und Christof Loys' Inszenierung von Richard Strauss' "Daphne" an der Staatsoper Hamburg ( taz ).

Literatur, 18.06.2016

In der Debatte um das in Marbach weggesperrte Manuskript eines bislang unveröffentlichten Romans von Rudolf Borchardt (unsere Resümees dazu hier und hier), meldet sich in der FAZ Gerhard Schuster vom Rudolf Borchardt Archiv in Wetzlar zu Wort. Dass Kai Kauffmann von der Rudolf-Borchardt-Gesellschaft die Wegschließung des Manuskripts wegen dessen angeblichen Mangels an literarischer Qualität billigt, hält er für einen "Renegatenstreich": "Die Bedenken, ob es dieser Roman mit 'Berlin Alexanderplatz' aufnehmen könne, sind eine Deutschlehrersorge. So oder so sind tausend Seiten ja keine Kleinigkeit ... Dass es bei Borchardt keine hingehudelte Zeile gibt, wird niemand bestreiten - Rudolf Alexander Schröder legte mit dem Seufzer: 'Leider kein einziges schlechtes Gedicht!' den Gedichtband von 1957 beiseite. Eine künftige Gesamtausgabe darf auf einen Text dieser Dimension keinesfalls verzichten. Und das nicht, wie man jetzt durchschmecken soll, aus Sensationsgier der Editoren am Zwischenmenschlichen, sondern aus Respekt vor der Bedeutung dieses unspaltbaren Œuvres."

Wieland Freund erinnert in der Welt an den stürmischen Gespenstersommer von 1816, in dem das weltweite Klima noch unter dem Ausbruch des Vulkan Tambora schwankte und sich eine kleine Gruppe "irre gewordener Nymphen" in der Villa Diodati bei Lord Byron und John Polidori einfanden. Man erzählte Gespenstergeschichten, die Vampirliteratur und Frankensteins Monster wurden erfunden, nicht zuletzt unter dem Eindruck Lord Byrons: "Byron lebte Betrug, seelische Folter und womöglich auch sexuelle Gewalt gegen beide Geschlechter - seine Memoiren wurden von seinem Verleger und zwei Freunden aufgrund ihres schockierenden Gehalts nach seinem frühen Tod verbrannt. Doch auch so kann man ihn sich leicht als menschliche Inkarnation eines Vampirs vorstelle."

Weitere Artikel: In der NZZ porträtiert Ursula Beitz die Philosophin und Frauenrechtlerin Marie de Gournay (1565-1645). Für die taz trifft sich Elise Graton mit dem haitianischen Schriftsteller Anthony Phelps, dessen Klassiker "Wer hat Guy und Jacques Colin verraten?" nach über 40 Jahren nun auch auf Deutsch erscheint. In der NZZ schildert Ilma Rakusa den Tagesablauf einer Schriftstellerin.

Besprochen werden unter anderem der wiederentdeckte Kriminalroman "Strogany und die Vermissten" von Adam Kuckhoff und Peter Tarin ( Jungle World ), Sascha Machts "Der Krieg im Garten des Königs der Toten" ( taz ), Clemens J. Setz' "Till Eulenspiegel" ( taz ), Cheryl Della Pietras "Gonzo Girl" (SZ) und Birgit Weyhes preisgekrönter Comic "Madgermanes" über drei mosambikische Vertragsarbeiter in der DDR (SZ).


9Punkt - Die Debattenrundschau

Europa, 18.06.2016

Brendan Cox, der Mann der jüngst ermordeten Labour-Poltiikerin Jo Cox, will eine Organisation gründen, die ihre Arbeit fortsetzt, und ein internationales Netzwerk schaffen, das Rechtspopulismus bekämpft. Patrick Wintour zitiert im Guardian aus einem Papier, das Brendan Cox schon vor einigen Wochen zu dieser Frage verfasst hat: Mainstream-Politiker, so schreibt er, "sind meistens ratlos in der Frage, wie sie mit der öffentlichen Debatte umgehen sollen. Versteinert durch den Aufstieg der Populisten versuchen sie sie zu neutralisieren, indem sie sich auf ihr Terrain begeben und ihre Rhetorik nachäffen. Statt die Debatten zu beenden, legitimieren sie die Ansichten der Populisten, stärken sie noch und ziehen die Debatte in immer weitere Extreme (Sarkozy und der Front national sind ein Beispiel hierfür)."

Die Schrifstellerin A.L. Kennedy polemisiert in der SZ scharf gegen die britischen Eliten, die die Brexit-Kampagne betreiben, kritisiert aber auch die Medien: "Das Referendum hätte uns Gelegenheit bieten sollen, ernste Themen ernsthaft anzusprechen. Stattdessen ist das Versagen unserer Medien zur vorherrschenden Botschaft des Referendums geworden. Die Kampagne hat neue Tiefpunkte in Sachen Verzerrung, schlampiger Recherche, Hetze und gedankenloser Verunglimpfung gesetzt." In der FAZ sprechen die beiden in England lebenden Kinderbuchautoren Judith Kerr und Axel Scheffler über die Brexit-Debatte: "Wenn diese Tür zufällt, geht keine andere auf."

Medien, 18.06.2016

In Zeiten schwächelnder Medien ist es ein Leichtes für Milliardäre, sie zu kontrollieren. Der Streit zwischen Gawker und Peter Thiel (unsere Resümees) ist nur die Spitze des Eisbergs, meint Damaris Colhoun in der Columbia Journalism Review: "Wenn Blue Chip-Firmen wie Chevron oder General Electric schon anfangen, 'Newsrooms' mit echten Reportern zu besetzen - ein Phänomen, das die Financial Times als 'corporate invasion of news' beschreibt - dann wundert es auch nicht, wenn Manager anfangen, Medien gleich ganz zu umgehen. Sie haben von schlechter Presse eine Menge zu befürchten, von fallenden Aktienkursen bis zu kartellrechtlichen Untersuchungen, und eine Menge zu gewinnen, wenn sie die Presse kontrollieren."

Nicht sehr präzise findet in der NZZ Joachim Güntner das Urteil des Hamburger Landgerichtgs gegen Jan Böhmermann, der  danach Teile seines "Schmähgedichts" gegen Erdogan nicht mehr vortragen darf: "Es beanstandet den fast durchgehenden 'sexuellen Bezug' der Verse. Erschwerend sei, wie das Gedicht als rassistisch zu verstehende Vorurteile gegen die Türken aufnehme. Wieso rassistische Stereotypen, die Kollektive betreffen, die Persönlichkeitsrechte des Individuums Erdogan tangieren, machen die Richter allerdings nicht klar. Hier fehlt es der nur drei Seiten umfassenden Begründung des Entscheids an Präzision. Das Gericht beansprucht, kein Geschmacksurteil zu fällen. Aber an entscheidenden Stellen flicht es statt Begründungen wiederholt die Wendung ein, 'zweifelsohne' verhalte sich die Sache so und so."

Ideen, 18.06.2016

Claire-Lise Tull  porträtiert für Zeit online die französische Autorin Hélène Cixous, die gerade in Berlin ist und einen Briefwechsel mit Cécile Wajsbrot veröffentlicht, der auch von Deutschland handelt, wo ein Teil ihrer jüdisch-deutschen Familie herkommt. Der andere Teil ist jüdisch-algerisch, und in Algerien ist sie auch aufgewachsen: "Als ich klein war, war ich von Rassismus umgeben. Dann bin ich nach Paris gezogen, ich war 18. Es war nicht mehr die Jagd auf Araber oder Juden, wie ich sie in Algerien erlebt hatte, sondern auf Frauen. Ich dachte, was für eine verrückte Welt! Ich habe die Benachteiligung der Frau als weltweites, archaisches Phänomen wahrgenommen."

In der NZZ betrachtet Roman Bucheli in einem Essay die heute so kunstvoll wirkenden, nüchternen Fotografien, die der Polizist Arnold Odermatt in den Fünfziger und Sechzigern von Verkehrsunfällen aufnahm. Die "beruhigende, fast idyllische Übersichtlichkeit" der Welt auf diesen Fotos löst ein Gefühl der Nostalgie aus, das ihm mit der Apokalypse verwandt scheint, die fundamentalistische Attentäter herbeisehnen: "Die Nostalgie zeigt sich hier als die kleine Schwester der Apokalypse. Beide löschen sie die Gegenwart aus. Vielleicht nur dem Nostalgiker und nur dem Apokalyptiker kann verborgen bleiben, dass sie beide rücklings aneinandergekettet sind. Die Wehmut verbündet sich mit der Untergangslust: Ordnung und Übersicht verschaffen sich beide, hier die Tabula rasa, dort der geordnete Raum als Abbild des Gartens Eden. Und den Stillstand führen beide auf je eigene Weise herbei."

"Nur das Denken" hat ihn zum Vegetarier gemacht, erzählt Peter Singer im Gespräch mit Anne-Catherine Simon in der Presse: "Ich wuchs in Australien auf, mit drei Fleischmahlzeiten pro Tag. In England wurde ich dann von einem vegetarischen Studenten gefragt, wie ich das rechtfertigen könne. Ich habe also nachgedacht, kam darauf, dass er recht haben könnte, las dann einiges darüber und entschied, dass ich kein Fleisch mehr essen würde. Meine Frau konnte es auch nicht rechtfertigen, so wurden wir beide Vegetarier."

Gesellschaft, 18.06.2016

Westliche Kleidungsfirmen fangen an, das Kopftuch zu propagieren - zmindest für islimische Frauen! -, weil sie scharf auf diesen Markt sind. In Werbeclips wie "Close the Loop" von H & M, für den sich Iggy Pop hergegeben hat, taucht auch eine schicke Kopftuchträgerein auf, als wäre das eine von vielen Optionen auf dem ach so vielfältigen Markt. Brigitte Wernebrug will's in der taz nicht mitmachen: "Die Wette auf den Hidschab als gleichermaßen züchtigen wie modischen Kleidungsklassiker wird nicht aufgehen. Dagegen steht die Geburt der Mode aus dem Geist der Moderne. Mode, das heißt mit Tracht und Tradition brechen, mit Stand und Rang und mit dem christlichen Gebot, dass die Frau ihre Beine nicht zeigen darf. Mode bestreitet die Geltung religiöser, gesellschaftlicher und politischer Kleidervorschriften."

Patrick Spät schildert bei Zeit online die Lage der Freien in allen möglichen, besonders aber den sogenannten kreativen Branchen und den Medien. Der Politik sind die Freien eher suspekt - sie ist auf Angestellte und Rentner fixiert: "Auch Frank Werneke, stellvertretender ver.di-Vorsitzender, kritisiert, dass die wachsende Selbstständigkeit oft 'als Dumpinginstrument durch Auftraggeber missbraucht wird'. Doch Arbeitsministerin Andrea Nahles sieht derzeit 'keinen Grund, das 'Phänomen Crowdworking' zu dramatisieren'."

Toleranz - also bloße Duldung - reicht nicht aus, schreibt Gustav Seibt nach Orlando in der SZ: "Das klassische anti-schwule Hassverbrechen findet bis heute, beispielsweise in Russland, vor der Tür des Nachtclubs statt. Und an diesem Ort hat der Attentäter von Orlando sein Massaker ja auch ins Werk gesetzt. Es war immer klar, dass der nächste Schritt die Anerkennung sein musste, also die rechtliche Gleichstellung vor allem der gleichgeschlechtlichen Partnerschaften."

Wachsende Schwulenfeindlichkeit, aber auch einen wachsenden Selbsthass der Schwulen befürchtet Tilman Krause in der Welt mit dem Aufkommen von AfD, Trump und der Zunahme islamistischer Anschläge im Westen.

Politik, 18.06.2016

Ziemlich faszinierend liest und hört sich die Bild- und Handyvideoreportage "What I Saw in Syria", die Debclan Walsh auf der Website der New York Times veröffentlicht. viele Videos sind aus dem Auto heraus gefilmt, dazu hört man die Stimme des Reporters.

Sind die Trump-Unterstützer alle Rassisten? Das kann Autor Dave Eggers, der sich ein paar Stunden unter die Leute bei einer Trump-Kundgebung gemischt hat, im Guardian nicht bestätigen. Die meisten waren ganz nett. Einige hatten sogar recht vernünftige Ansichten, fand er. Die gehen da nicht hin, um die weiße Rasse zu feiern, oder so was. Es gehe um etwas anderes: "Es gibt kein Versprechen, auf das es ankommt. Keinen Bösen, keinen Sündenbock. Wenn er mogen sagen würde, dass die Kanadier und nicht die Mexikaner Vergewaltiger und Drogendealer seien, dass die die Mauer im Norden gebaut werden musss, würde niemand sich die Augen reiben. Seine Umfragewerte würden nicht schwanken. Denn es gibt keine Positionen und Statements, die ihnen am Herzen liegen. Es gibt nur den Mann, den Namen, die Marke, die Person, die sie im Fernsehen gesehen haben."

Im Interview mit Andrea Backhaus von Zeit online erzählt der homosexuelle syrische Flüchtling Mahmoud Hassino, wie das Assad-Regime Schwule als Sündenböcke benutzte, um etwa die relativ freie Szene in Damaskus einzuschüchtern: "Das Regime versuchte, die Verbreitung des Internets in Syrien so weit es ging zu verzögern. Damit hoffte es, dass sich Gruppen wie unsere nicht vernetzen konnten. Aber natürlich hat sich das Internet durchgesetzt, und damit ist vieles für uns leichter geworden. Das Regime musste neue Wege finden, um uns einzuschüchtern. Homosexuelle wurden verfolgt und erpresst. Die Geheimpolizei war überall."

Geschichte, 18.06.2016

Warum gedenken die Deutschen nicht der ungeheuren Verbrechen, die sie in der ehemaligen Sowjetunion begangen haben?, fragt Stefan Reinecke in der taz und stellt fest, dass ihr Geschichtsbild rassistisch sei: "Der Feind stand nach 1949 ja noch immer im Osten. Die Grenzen zwischen dem demokratischen Antikommunismus von Konrad Adenauer und postfaschistischem Rassismus war fließend. Wer in den fünfziger und sechziger Jahren offen antisemitisch auftrat, riskierte damit seine Karriere. Wer, wie Paul Schmidt, den antislawischen NS-Rassismus nutzte, brachte es zum Erfolgsautor. Die Teilung in jüdische Opfer, die das schlechte Gewissen der Deutschen symbolisieren, und sowjetische Opfer, die nicht der Rede wert sind, gilt im Kern bis heute."

Außerdem: Berliner Forscher haben für eine Ausstellung der Humboldt Uni die Akustik des Forum Romanum rekonstruiert, berichtet Berthold Seewald in der Welt. Bei einem Probeversuch mit dem Schauspieler Boris Freytag - er las, unterlegt vom Gemurmel des Volkes, Ciceros dritte Rede gegen Catilina - mussten die Experten feststellen: Die konnten was, die Römer. Etwa 12.000 Menschen konnten den Redner gut verstehen.



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