Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Heute in den Feuilletons: "Kunstschaffende Untertanen"

"SZ" und "Berliner Zeitung" ächzen über Maxim Billers pornografisch zugespitzten Holocaust-Roman "Biografie". "Nachtkritik" verteidigt das Zürcher Neumarkt Theater gegen politischen Wegschaffungswillen. Und die "NZZ" stellt Japans spektakuläre Hochzeitskapellen vor.

Efeu - Die Kulturrundschau

Literatur, 30.03.2016

Ein neues Buch von Maxim Biller ohne Feuilletonaufreger? Kaum vorstellbar. Auch sein neuer 900 Seiten schwerer und offenbar auch recht pornografischer Roman "Biografie" lässt die Kritik vernehmlich ächzen. Für Lothar Müller stellt dieses Buch in der SZ jedenfalls einen "Kraftakt" dar, nämlich "den einmal angeschlagenen Ton bis zum Ende durchzuhalten. Der Kraftakt gelingt, und deshalb scheitert der Roman. Seine Handlung zusammenzufassen, wäre unsinnig. Denn die Figuren und Ereignisse sind nur dazu da, den Stil zur Geltung zu bringen, in dem das Ganze geschrieben ist." Und der Stil sehe so aus: "Hohe Adjektiv-Dichte, noch höhere Dichte von Namen und Wörtern, die Jüdisches signalisieren, viele Figuren und Schauplätze auf engem Raum, hohes Tempo, und die Neigung, Substantiv-Reihen mit Bindestrichen durchzukoppeln." Aus der Berliner Zeitung kann man derweil Christian Schlüter stöhnen hören: "Meine Güte, Biller!" Mehr im Überblick zum Autor in unserem Metablog Lit21.

Seit 2013 hat Arthur Solomonows in Russland veröffentlichter Roman "Eine Theatergeschichte" auch ohne viel Werbung eine beträchtliche Karriere in der kulturell interessierten Öffentlichkeit Russlands hingelegt, berichtet Katja Kollmann in der taz: "Es ist, als hätten die Einwohner von Moskau, aber auch Menschen aus der russischen Provinz nur auf jemanden gewartet, der stellvertretend für sie die vom Staat immer willkürlicher gesetzten Grenzen des offiziell Erlaubten übertritt. Artur Solomonow begibt sich in die totale No-go-Area. Das Porträt eines orthodoxen Priesters, der Einfluss auf den Spielplan und die Besetzungsliste des sogenannten Staatstheaters nehmen möchte, gelingt ihm eindrücklich."

Besprochen werden Daniel Woodrells "Tomatenrot" ( SZ ), Julia Trompeters Lyrikband "Zum Begreifen nah" ( ZeitOnline ), Yvonne Adhiambo Owuors "Der Ort, an dem die Reise endet" ( FR ) und Sergej Lebedews "Menschen im August" (FAZ).

Musik, 30.03.2016

Der Record Store Day war vielleicht mal eine gute Idee, mittlerweile ist die Idee aber völlig pervertiert und paradoxerweise erwachsen gerade den idealistischen Plattenläden daraus erhebliche Nachteile, schreibt Phil Harding, selbst Geschäftstführer eines Plattenladens, auf The Quietus. Der Tag lohne sich mittlerweile nur noch für die Majors und Vertriebe, die Plattenläden selbst tragen oft das wirtschaftliche Risiko, ohne dass sich für sie aus der Veranstaltung ein Nutzen ergebe: Nicht zuletzt führt der Hype bei den Kunden zu "Enttäuschungen. Die Läden haben die Sonderveröffentlichungen nicht immer mehrfach vorrätig. ... Großartig - ein Event, das Plattenläden bewerben soll, die Kunden aber enttäuscht und desillusioniert zurücklässt. Genau das, was wir gebraucht haben."

Weiteres: Im Tagesspiegel schreibt Gregor Dotzauer zum Tod von Josef Anton Riedl. Nachrufe auf den überraschend gestorbenen deutschen Swingmusiker Roger Cicero schreiben Frederik Hanssen ( Tagesspiegel ), Elmar Kraushaar ( Berliner Zeitung ) und Rabea Weihser ( ZeitOnline ).

Besprochen werden das neue Album der Soulsängerin Mavis Staples ( taz ) und das Konzert zu Ehren von Pierre Boulez bei den Osterfestspielen in Luzern, das den Einstand des online organisierten Alumni-Orchesters des Festivals markiert (FAZ).

Film, 30.03.2016

Im Interview mit Télérama spricht der frazösische Regisseur André Techiné über seinen anlaufenden Film "Quand on a 17 ans" (Mit siebzehn), der jetzt in Frankreich anläuft und bereist auf der Berlinale unsere Kritikerin umgehauen hat. Techiné muss schon zugeben, dass die Jugend ihn etwas mehr interessiert als andere Lebensphasen: "Sie entspricht am engsten meinem eigenen Empfinden. In der Jugend überlagern sich die erträumte und die gelebte Erfahrung. Das ist mir vertraut, durch diese Zeit bin ich selbst hindurchgegangen. In der erwachsenen Welt unterscheidet man strikt zwischen Realitätsprinzip und Lustprinzip. In der Jugend kann man das viel weniger trennen. Für mich hat die Jugend etwas Magisches, das auch dem Kino etwas Zauberhaftes gibt."

Mit großer Freude sieht Tim Schenkl von Das Filter noch einmal Michael Manns Achtziger-Thriller "Thief" mit James Caan in der Hauptrolle, der nun restauriert in einer mustergültigen BluRay-Edition vor liegt. Der Film über einen Einbruchsprofi hat für Schenkl auch eindeutig klassenkämpferische Aspekte: "Schnell wird deutlich, dass die Welt des organisierten Verbrechens, von der sich der Einzelkämpfer immer fern gehalten hat, nach denselben Regeln funktioniert wie die legale Wirtschaftswelt bzw. die Welt an sich. ... Seine konsequente Verweigerungshaltung gegenüber dem gesellschaftlichen Status Quo und sein bedingungsloser Kampf gegen ein System, welches vor allem seine Arbeitskraft ausbeuten will, lassen ihn zu einem Helden der Arbeiterklasse werden. Am Ende des Films steht er zwar völlig alleine da, bleibt aber trotzdem ein Held."

In der FAZ weist Michael Hanfeld auf den Fernsehdreiteiler "Mitten in Deutschland" hin, der dem NSU-Terror auf den Grund gehen will. Besonders wuchtig und poetisch findet er Züli Aladags Teil "Die Opfer", der auf Semiya Simseks Buch "Schmerzliche Heimat" über das Schicksal ihrer Familie nach dem Mord an ihrem Vater Enver Simsek beruht.

Besprochen wird außerdem Laurie Andersons Essayfilm "Heart of a Dog" ( taz ).

Design, 30.03.2016

Gunda Bartels vom Tagesspiegel ist voll des Lobes über die Ausstellung über DDR-Gebrauchsgrafik, die derzeit im Berliner Museum der Dinge zu sehen ist und gegen das Klischee, der Osten sei bloß grau und ästhetisch verwahrlost gewesen, entschieden vorgeht. Insbesondere den ebenfalls ausgestellten Werner Klemke hebt Bartels hervor: Der neben seinen Tätigkeit als Dozent und Schulbuchillustrator auch "Hausgrafiker des Magazins [war], dessen charmant-frivoler Ruf nicht nur auf der obligatorischen Aktfotostrecke, sondern auch auf Klemkes geradezu französisch leichter Covergestaltung fußte. Eine Art grafischer Hochkultur."

Architektur, 30.03.2016

Die Japaner heiraten nicht mehr nach der jahrtausendealten Shinto-Tradition, sondern in Weiß nach christlicher Zeremonie, erzählt Paul Andreas, der sich sagenhafte Kapelle angesen hat, die von Architekten wie Tadao Ando und Ryuichi Ashizawa in grandiose Landschaften hineingebaut wurden: "Wie eine Glücksspirale inmitten der Landschaft erscheint da die Ribbon Chapel, die der Tokioter Architekt Hiroshi Nakamura und sein Büro NAP kürzlich am Rande des Hotels Bella Vista bei Onimichi in der Präfektur Hiroshima entworfen haben. Das seit über 40 Jahren auf einer Anhöhe gelegene Viersterne-Spa-Hotel verzückt mit Aussichten auf das Seito-Binnenmeer, die Nakamura mithilfe eines 'miroir d'eau' auf der Hotelterrasse optisch elegant zu einem kontinuierlichen Panorama verschmolzen hat."

Mit äußerster Skepsis reagiert in der SZ Hans-Joachim Petersen auf die Eröffnung des millionenschweren Panorama-Museums in Angkor Wat, einem Joint Venture zwischen Kambodscha und dem nordkoreanischen Mansudae Art Studio, das ansonsten auf Personenkult-Aufträge aus Pyöngyang und Restaurationen von Frankfurter Märchenbrunnen spezialisiert ist. Denn zum Erhalt des "extrem fragilen 3 D-Puzzles", das die historische Anlage von Angkor Wat darstellt und das zunehmend verfällt, trägt "das Panorama-Museum nun gar nichts dazu bei, es ist ein fragwürdiges Kulturtransfer-Investment, das vom boomenden Tourismus am Mekong profitieren will, während die eigene Königsstadt der Goryeo auf der koreanischen Halbinsel, die zur selben Zeit wie Angkor ein Imperium regierten, verfällt."

Bühne, 30.03.2016

Nach der Aktion "Schweiz entköppeln" des Zentrums für politische Schönheit will eine Koalition aus SVP, CVP und FDP im Zürcher Stadrat dem Neumarkt Theater die Subventionen streichen. Auf der nachtkritik schäumt Dirk Pilz vor Wut über derartigen "Wegschaffungswillen": "Auch zeigt der ganze Vorfall, wie unverfroren demokratische Selbstverständlichkeiten von der SVP-CVP-FDP-Union in Frage gestellt werden. Zur Erinnerung: Finanzielle Unterstützung für Theater sind keine milden Gaben der Herrschenden an kunstschaffende Untertanen. Es ist eine Staatsselbstschutzmaßnahme in Demokratien: Die gewählten Machthabenden geben Geld an die Künste, auf dass es in der Gesellschaft einen Raum gebe, der nicht von Partei- und Machtinteressen bestimmt ist."

Die Oper Stuttgart zeigt Christoph Marthalers Inszenierung von Jacques Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen", und in der SZ begeistert sich Reinhard Brembeck besonders für das Alberne des Abends: "Sagt die doch alles über den Zustand des heutigen Europas, das in puncto Flüchtlinge, Rechtsstaatlichkeit, Gemeinschaftssinn und Zukunftsvisionen nur mehr eine alberne Luftnummer nach der anderen auf die Bühne bringt. Marthaler aber ist ein zu elegant feinsinniger Regisseur, und die Sänger samt ihrem Dirigenten Sylvain Cambreling sind alle viel zu gut, um es bei diesem Befund zu belassen. Sie verpacken ihn geschickt in einer Abfolge wundervoll gesingspielter Absurditäten, von denen mindestens die Hälfte von Karl Valentin stammen könnte."

Ähnlich berückt verlässt auch FAZ-Kritikerin Lotte Thaler das Haus: Sie erlebte den Abend nicht nur "als surrealen Rausch, sondern vor allem als mirakulöses Musiktheater über die französischen Surrealisten."

Nur die unter strähnigem Haar glänzend spielende und rauchende Isabelle Huppert rettet am Pariser Odeontheater Krzysztof Warlikowskis neues Stück "Phèdre(s)", meint Joseph Hanimann in der SZ: Für den Regisseur ist Phaedra "heute nur noch als kompliziertes Mischwesen aus Königinnenvamp, Liebeswahnheldin, Edelnutte, Ehebruchvirtuosin, Absolutheitsdienerin, Mörderin und Selbstmörderin verstehbar." Doch entstanden sei "eine dreistündige Zitterdramaturgie der Textfragmente, starken Bilder, Musik- und Tanzeinlagen, die eindrücklich beginnt, sich dann aber in der Beliebigkeit der Regieeinfälle verliert."

Besprochen wird außerdem David Freemans Frankfurter Inszenierung von Georg Friedrich Händels "Messiah" ( FR )

Kunst, 30.03.2016

Dezeen bringt einen Essay des österreicherischen Fotografen Klaus Pichler aus den Magazinen des Naturhistorischen Museums in Wien, der sehr schön zeugt, dass ein Museum nicht nur ein Ausstellungshaus ist, sondern ein Ort des Einordnens und Klassifizierens, der Forschung und Aufbewahrung. 80 Prozent seiner Fläche von insgesamt 45.000 Quadratmeter sind öffentlich nicht zugänglich. Ich war total überrascht von der Schlichtheit der rückwärtigen Architektur, verglichen mit der Großartigkeit des Museums, sagtPichler. Der räumliche Aspekt ist sehr verwirrend - ich musste mir erst einmal einen Übersichtsplan besorgen."

Besprochen werden die in Berliner Kirchen gezeigte Ausstellungsreihe "Sein.Antlitz.Körper" ("der inhaltliche Fokus ... bleibt vage", schreibt Elke Linda Buchholz im Tagesspiegel) und Heidi Speckers Ausstellung "In Front Of" in der Berlinischen Galerie (FAZ).


9Punkt - Die Debattenrundschau

Europa, 30.03.2016

Während sich ganz Deutschland über die Fernzensurversuche der türkischen Regierung amüsiert, die der Sendung "extra 3" zu unverhoffter Popularität verhelfen, kann es Kendal Nezan vom Institut kurde in Paris in Libération nicht fassen, dass die Europäische Union dubiose Kompromisse mit der Türkei eingeht, weil sie keine Flüchtlinge aufnehmen mag (eine Million Flüchtlinge entsprechen 0,2 Prozent der EU-Bevölkerung, schreibt er). Auch auf die Lage der Kurden weist er hin: "Seit Erdogan den Krieg gegen die PKK wieder angefacht hat, sind 22 kurdische Städte teilweise zerstört worden, bombardiert von Hubschraubern und türkischen Panzern. Die Zivilbevölkerungen sind - manchmal seit drei Monaten wie in Diyarbakir und Cizre - einer permanenten Ausgangssperre unterworfen. Die türkische Tageszeitung Hurriyet, die prokurdischer Sympathien kaum verdächtig ist, schätzte die Zahl von Zivilpersonen, die wegen dieses Bürgerkriegs im engsten Kreise ihr Heim verlassen mussten, auf 800.000."

"Der offenen demokratischen Gesellschaft ist mit dem Putinismus wieder eine ernstzunehmende Systemkonkurrenz erwachsen", fürchtet Richard Herzinger in der NZZ. Besonders für die Europäer scheint es unwiderstehlich zu sein, sich bequem im Sessel zurückzulehnen, während der "starke Mann" die Dinge in die Hand nimmt: "Die Methode des Kreml-Chefs ist es dabei, sich dem Westen als Garant für die Lösung von Problemen zu präsentieren, die er selbst geschaffen oder doch wesentlich forciert hat. So sorgte sein brutaler Bombenkrieg in Syrien just zu einem Zeitpunkt für ein weiteres Anwachsen der Flüchtlingsströme, als diese das politische Gefüge der EU zu erschüttern begannen. Inzwischen ist der Westen bereit, nahezu jede russische Bedingung für eine Stabilisierung Syriens zu akzeptieren, wenn sich dadurch nur irgendwie der Exodus Richtung Europa stoppen ließe."

Politik, 30.03.2016

In seinem Zeit-Blog "Post von unterwegs" stutzt Ulrich Ladurner über das Statement des Auswärtigen Amtes zum Bombenattentat im pakistanischen Lahore. Dort hatte ein Koranlehrer mit einem Selbstmordattentat über 70 Menschen getötet, darunter 35 Kinder. Die Terrorgruppe hinter diesem Anschlag hatte erklärt: "Wir haben das Attentat begangen, weil wir Christen treffen wollten!" Doch von Christen ist in der Trauerbekundung des Auswärtigen Amtes keine Rede. Warum eigentlich nicht?, fragt Ladurner. "Man stelle sich nur mal vor, die pakistanischen Christen, die gerade ihre Kinder in Lahore verloren haben, läsen die Stellungnahme des Auswärtigen Amtes, dass 'sich der Terrorismus in seinem mörderischen Wahn gegen alle Menschen gleichermaßen richtet'. Sie werden zustimmend nicken, und doch das Gefühl haben, dass ihr Leid untergeht im Leid der vielen anderen Opfer. Was hier steht, das ist richtig, werden sie vermutlich sagen: 'Aber dieses Attentat galt ausdrücklich uns!' Und das ist ein Unterschied, der ohne Not verwischt wird."

Kulturpolitik, 30.03.2016

Nach der Wiedereroberung Palmyras durch die Truppen Baschar al-Assads, gibt es erste Meldungen, dass die Zerstörungen der Tempelanlagen durch Rekonstruktionen behoben werden sollen. Zum Glück gibt es Drohnenaufnahmen, die den Zustand vor der Zestörung zeigen, so Olga Zoller in der FAZ. Und "von ganz besonderem Wert ist jetzt der reiche Fundus an Architekturzeichnungen von Louis François Cassas und seinen Vorgängern und Nachfolgern. Ihre Ansichten und architektonischen Detailstudien, ihre lupenrein gezeichneten Risse und Schnitte vermitteln ein komplexeres Bild von dem, was in Palmyra einmal gebaut wurde, und welcher Reichtum an Wissen und Kultur für immer vernichtet wurde." Die Cassas-Zeichnungen sind zur Zeit in Köln ausgestellt.

Der Berliner Stadtmuseen-Direktor Paul Spies gibt sich im Interview mit der Berliner Zeitung optimistisch, was die Renovierungen seiner Häuser und das Humboldt-Forum angeht. Nur wenn er an die hiesige Verwaltung denkt, wird ihm flau: "Ich versuche für das Märkische Museum flexibel zu denken. Dafür brauche ich einen Architekten, einen Gestalter und eine Idee. Zusammen überlegen wir uns ein Programm als Ausgangspunkt. Aber das geht in Berlin nicht! Ich muss erst das Ganze allein bedenken und ein Bedarfsprogramm erstellen. Das geht dann zur Kulturverwaltung, die dafür sorgt, dass ich die Gelder für Architekten und Gestalter bekomme, um weitermachen zu können. Wenn nun der Gestalter sagt: Dein Plan geht so nicht, muss das Bedarfsprogramm geändert werden, und alles fängt von vorn an. Im Humboldt-Forum genauso. Willkommen in Deutschland! Aber die Flexibilität ist die Zukunft, nicht das."

Im Tagesspiegel fordert der Architekt Hans Kollhoff angesichts der Wohnungsnot in Berlin ein neues nationales Bauprojekt für Berlin: Es soll wieder in der Stadt gebaut werden können, mit einer großen Vision, wie sie die Architekten der Karl-Marx-Allee hatten. Zur Not auch mit Lockerung von Denkmalschutz-, Schall-, Wärme- und Brandschutz-Standards. "Zuallererst fehlt heute, auf geradezu tragische Weise, die Erkenntnis, dass unsere außergewöhnliche Lage außergewöhnlicher Entscheidungen bedarf und dass wir uns nicht wieder mit Scheinlösungen durchlavieren können, die sich als untauglich erwiesen haben: die Billigbauweise am Stadtrand. Wir können uns nicht länger Bebauungspläne leisten, deren Aufstellung drei Jahre dauert. Und auch keinen lähmenden Denkmalschutz, der die Bauherren und Architekten hinaustreibt auf die grüne Wiese, die doch eigentlich unter Landschaftsschutz stehen müsste. Dieser Ruf quer durch die Republik nach Bauland-Ausweisung ist ein Skandal!"

Internet, 30.03.2016

Bei irights warnt Christiane Schulzki-Haddouti davor, den Begriff des "Dateneigentums" zu unterschätzen. Er dient mitnichten dem Einzelnen, der seine Daten mit diesem Begriff vor dem Zugriff datenverarbeitender Konzerne schützen will. Im Gegenteil: "Im Grunde wird mit dem Begriff des Dateneigentums versucht, eine völlig neue Eigentumskategorie zu definieren. Dieser Versuch darf nicht von vornherein als abseitig abgetan werden. Digital Natives, die Information als Bestandteil von Kommunikation sehen, die sich ständig in Aushandlungsprozessen befindet, stehen vor diesem Versuch wohl ähnlich wie die Ureinwohner des amerikanischen Kontinents, als europäische Siedler ihnen anhand von Papierzetteln den Begriff des 'Landeigentums' erklären wollten - mit fatalen Folgen. Die Idee vom 'Dateneigentum' könnte über eigenmächtige Risikodefinitionen nach und nach alles, was auf Kommunikation basiert, bestimmten Verwertungs- und Kontrollinteressen unterwerfen - und damit das Recht des Einzelnen auf informationelle Selbstbestimmung aushöhlen."

Mat Honan erzählt auf Buzzfeed eine irgendwie auch tröstliche Gschichte über den Google-Chef Sundar Pichai, der bekanntlich indischen Ursprungs ist und sich dem Monsun geschlagen geben musste: "Seine Großmutter war bei seiner Tante gewesen, und als der Regen kam, gingen sie in den zweiten Stock eines Gebäudes, wo sie gestrandet waren. Sie verbrachten vier Tage ohne Wasser, Strom und Handyanbindung. Ein Cousin sammelte Regenwasser, so dass sie etwas zu trinken hatten. vier Tage lang hatte der Chef der Firma, die mehr Informationen über mehr Leute sammelt als jede andere auf dem Planeten, keine Nachricht darüber, wie es seiner Familie erging."

Medien, 30.03.2016

Bürokratie ist die Kunst, alles noch absurder zu machen. Gregory Lipinski berichtet auf Meedia.de: "Derzeit finden vor allem auf EU-Ebene diverse Konsultationen statt, das Rundfunkrecht auf Presseunternehmen auszudehnen. Ist dies der Fall, droht den Verlagshäusern die Gefahr, dass sie eine Lizenz der jeweils für sie zuständigen Landesmedienanstalt benötigen, wenn sie Videos auf ihren Webseiten zeigen wollen. Damit unterlägen ihre gezeigten Bewegbild-Inhalte einer staatlichen Aufsicht."

Große Sorgen macht sich Medienprofessor Volker Lilienthal in einem Gastbeitrag bei netzpolitik.org über die Medieninitiativen von Google und Facebook, besonders die "Instant Articles", die Medien bei Facebook veröffentlichen, wofür sie eine Beteiligung an Werbeeinnahmen erhalten: "Die Medien, die von Anfang an mitmachten, konnten sich einbilden, als erlauchte Schar für etwas Neues, Großes ausgewählt worden zu sein. Mit diesem Privileg ist es nun aber vorbei. Ab dem 12. April werden alle Medienorganisation 'instant' bei Facebook publizieren können. Das wird eine Welle in Gang setzen, der sich kaum noch jemand, auch die Skeptiker nicht, wird entziehen können. Und wenn, dann nur um den Preis, künftig übersehen zu werden, unaufholbar zurückzufallen im Kampf um Aufmerksamkeit."

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Eine Kooperation mit...


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: