Heute in den Feuilletons Kämpfer gegen die barocken Terrormilizen

Die Feuilletons trauern um den Dirigenten Nikolaus Harnoncourt, der dem Barock die karajaneske Klangmasse austrieb, und zwar mit der Unbedingtheit eines Propheten.


Efeu - Die Kulturrundschau

Musik, 07.03.2016

Die Feuilletons trauern: Vor drei Monaten hatte sich der große Dirigent Nikolaus Harnoncourt aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, nun ist er im Alter von 86 Jahren gestorben. "Fast im Alleingang brach Nikolaus Harnoncourt jene Kruste aus Schönklang, Klangmasse und karajanesk geballter Faust auf, die sich über die klassische Musik gelegt hatte", würdigt Stefan Schickhaus den Verstorbenen in der FR.

In der NZZ erinnert auch Peter Hagmann an die Wucht von Harnoncourts Wirkens: "Seither ist in der Interpretation von Musik nichts mehr so, wie es ehedem war. Und sei es bloß die schlichte, aber elementare Tatsache, dass sich heute kein Musiker mehr erlauben kann, zwei auf dem Papier gleich lange Noten in der Praxis wirklich gleich klingen zu lassen."

Reinhard J. Brembeck umschreibt in der SZ Harnoncourts Projekt: Er "dirigierte mit der Unbedingtheit eines Propheten, und sein Mozart war nicht betörend und elysisch, sondern ein kraftvoll zupackender Revolutionär, der jede Geste als Kampfansage in den Raum stellte. Die Ohren ausputzen, nannte Harnoncourt sein höchstes Ziel." Peter Uehling trauert in der Berliner Zeitung "um einen der bedeutendsten Musiker der letzten fünfzig Jahre". Wolfgang Sandner hebt in der FAZ Harnoncourts Verdienste hervor: Seitdem "ist auch das Hüstelnde, Anämische und Akademische früherer Aufführungen alter Musik einem lebendigen Musizieren gewichen". In der Welt rühmt Kai Lührs-Kaiser als den "Urknall der historischen Aufführungspraxis", wichtigsten Dirigent nach Karajan, und als großen Kämpger gegen die  "Terrormilizen der Bewegung Festliches Barock".

Mit der unangekündigten Veröffentlichung des neuen Albums "untitled unmastered" hat Feuilletonliebling Kendrick Lamar die Popkritik ganz schön überrascht. Da es vorerst nur auf Streamingplattformen zu hören ist, fragt sich Fabian Wolff im Tagesspiegel, "ob das Album als Kunstform noch lebt oder noch zuckt." Und er weist auf einen wichtigen Aspekt des Titels hin, der sich dem ersten Anschein nach lediglich auf eine Ästhetik des Unfertigen beziehen könnte: Doch "'Unmastered' im Sinne einer unvollständigen Abmischung sind die Songs nicht. Der Titel ist abgründiger. Der Rapper Killer Mike, gerade als Sprecher für Bernie Sanders unterwegs, verkündete vor drei Jahren sinngemäß, dass Schwarze 'auch mit Millionenvertrag noch Sklaven sind', also einem 'master' unterstehen." Jan Kedves von der SZ geht auf die Knie: Er hält das Album für "musikalisch wunderbar verwoben, traditionsbewusst und inhaltlich hyperreflektiert." Sheldon Pearce von Pitchfork kann sich insbesondere für das fünfte Stück des Albums begeistern.

Weiteres: Im Zündfunk-Feature des Bayerischen Rundfunks machen sich Georg Seeßlen und Markus Metz Gedanken über deutsche Popmusik und nationale Identität. Andreas Hartmann hat für die taz eine Diskussionsveranstaltung über arabischen Rap besucht.

Besprochen werden das neue Album von Yeasayer ( Jungle World ), die neuen Alben der Berliner Produzenten Daniel Haaksman und Africaine 808 ( SZ ), ein Konzert von Hannes Wader ( FR ), ein Liederabend mit Daniel Behle ( SZ ) und Spike Lees Doku "Off The Wall" über Michael Jackson ( SZ ) und ein Konzert des Pianisten Grigory Sokolov nach einem Klavierabend in Zürich (den Christian Wildhagen in der NZZ als "Dramenschöpfer an den Tasten" preist).

Bühne, 07.03.2016

In einem im Tagesspiegel veröffentlichten Essay ärgert sich Dramaturg Peter Stoltzenberg darüber, dass sich das Gegenwartstheater zusehends auf die Beschreibung von Welt versteift und dabei die ohnehin schon prekär lebenden Autoren noch deutlicher an den Rand schiebt: "Diese Faszination durch 'Authentizität' braucht freilich keine Autoren mehr: Das Ereignis bin ich. Was wäre dagegenzusetzen? Ein Theater nicht als Ort der Proklamation von, sondern der Auseinandersetzung mit Ideen. Theater als Labor, als Ort einer Suche, die nicht vergiftet ist von der heimlichen Sehnsucht, auch die Antworten zu geben. Denn die werden immer Geschrei oder Propaganda."

Das Berliner Staatsballett hat unter dem umstrittenen Intendanten Nacho Duato seine Pläne für die kommende Spielzeit erstmals ohne Kommentar lediglich per Mail an die Presse verschickt: "Ein einmaliger Vorgang", zürnt Sandra Luzina im Tagesspiegel, "und gewiss nicht einfach eine Kommunikationspanne. Duato stellt sich nicht mehr den kritischen Fragen, und macht auch gar nicht den Versuch, für kommende Projekte zu begeistern." Und das, obwohl die Ankündigungen durchaus aufhorchen lassen.

Weiteres: Klassisch, pragmatisch, famielientauglich nennt Barbara Villiger Heilig in der NZZ Daniela Löffners Nathan-Inszenierung am Zürcher Schauspielhaus. Als eisig kalt beschreibt Valeria Heintges die Inszenierung in der nachtkritik. Christine Wahl ( Tagesspiegel ) und Julika Bickel ( taz ) berichten vom Auftakt des Heiner-Müller-Festivals am Berlin Hebbel am Ufer. Die Tanzplattform in Frankfurt bot in diesem Jahr zu viel an Theorieanspruch, zu wenig an Qualitätsbegriffen, lautet das Fazit von Eva-Elisabeth Fischer in der SZ.

Besprochen werden Josua Rösings Inszenierung von Siegfried Lenz' "Das Feuerschiff" am Deutschen Theater Berlin (FAZ, nachtkritik ), Lorenzo Fioronis Grazer Inszenierung von Bohuslav Martin¿s "Griechische Passion" (FAZ)und Tina Laniks Inszenierung von Arthur Millers "Hexenjagd" in München ("die Hexenküche [bleibt] doch ziemlich kalt", bemerkt Christine Dössel in der SZ).

Design, 07.03.2016

Dem Marta in Herford ist mit der Ausstellung "Brutal schön: Gewalt und Gegenwartsdesign" in Herford "eine bunte Show der Mahnung und des Schreckens" gelungen, "mit der dieses Kunst- und Designmuseum seinen eigenen Gegenstand ziemlich grundsätzlich infrage stellt", schreibt Till Briegleb in der SZ, nicht ohne Hinweis auf eine weitere designkritische Ausstellung im Museum Morsbroich in Leverkusen, die allerdings auf eine anderen Strategie setzt: "Statt destruktive gesellschaftliche Prozesse zu beschreiben, behandelt die von Fritz Emslander kuratierte Ausstellung den individuellen Widerstand gegen designkonforme Lebensführung."

Literatur, 07.03.2016

Gerrit Bartels vom Tagesspiegel war bei Ronja von Rönnes Präsentation ihres Debütromans in Berlin. Für den Tagesspiegel hat sich Gunda Bartels mit dem Kreuzberger Anarcho Volker Hauptvogel, der gerade sein Buch "Fleischers Blues" veröffentlicht hat, getroffen. In der Jungle World plädiert Heike Karen Runge dafür, die Bildergeschichten von Edward Gorey wiederzuentdecken. Wilhelm von Sternburg schreibt in der FR zum Tod des Literaturhistorikers und Exilforschers Hans-Albert Walter.

Besprochen werden Michael Kumpfmüllers "Die Erziehung des Mannes" (online nachgereicht von der Zeit), Atticus Lishs "Vorbereitung auf das nächste Leben" ( taz ), Antje Rávic Strubels Episodenroman "In den Wäldern des menschlichen Herzens" ( Tagesspiegel ), Johanna Adorjáns "Geteiltes Vergnügen" ( SZ ), Nick Caves Notate "The Sick Bag Song - Das Spucktütenlied" ( Welt Nis-Momme Stockmanns "Der Fuchs" (online nachgereicht von der FAZ) und neue Hörbücher, darunter das zu Swetlana Alexijewitschs "Secondhandzeit - Leben auf den Trümmern des Sozialismus" (FAZ). Mehr Literatur im Netz in unserem Metablog LIt21.

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Gerhard Stadelmaier über Peter Paul Althaus' Gedicht "In der Traumstadt":

"Vor dem Schlafgemach der Gräfin Ete la Peutête
steht ein riesenhafter Neger,
und er spielt auf einer sonderbar geformten Schnabelflöte
..."

Film, 07.03.2016

Bei der Erstausstrahlung vor wenigen Wochen hatte man ihn noch vergebens in der Mediathek der ARD gesucht, seit der Wiederholung im NDR ist der Dokumentarfilm "Der Clown" über Jerry Lewis' gescheiterte Dreharbeiten zu der KZ-Tragikomödie "The Day The Clown Cried" nun aber auch im Netz zu sehen.

Besprochen werden die vierte Staffel von "House of Cards" ( ZeitOnline ), Pablo Traperos "El Clan" ( Tagesspiegel , FAZ ), Andrew Bujalskis "Results" ( taz , unsere Kritik hier),
und die Fotoausstellung "Elizabeth Taylor - Grit and Glamour" in der Deutschen Kinemathek in Berlin ( Tagesspiegel , hier eine Strecke daraus).

Kunst, 07.03.2016

Von ihrem Shock Value haben Boris Luries radikale, anstößige Collagen, die mitunter Bilder der Shoah mit aufreizenden Pin-Ups kreuzen, bis heute nichts verloren, schreibt Ulrich Gutmair in der taz. Das Jüdische Museum Berlin widmet dem Zeit seines Lebens verfemten Künstler nun die bislang größte Retrospektive seines Werks: Der Künstler "schämte sich nicht, in seinem 'Müll-Atelier' voller Pin-ups zu arbeiten und überhaupt außerhalb der Gesellschaft zu leben, wie er einmal sagte. Er schämte sich auch nicht dafür, in seinen Collagen die Körper der Geschundenen neben die Körper von Frauen zu stellen, die einem Blick preisgegeben sind, in dem sich die Macht über den anderen konstituiert. Das Sichtbarmachen dieses Blicks, das Zeigen von Ereignissen, die man nicht sehen, über die man nicht sprechen soll, werden hier verhandelt - und damit die Unterdrückung von Sexualität und Nacktheit in autoritären Gesellschaften, die durch patriarchalische Herrschaftsverhältnisse bedingt ist."

Für die FAZ besucht Niklas Maak den dieses Jahr 90 Jahre alt werdenden Kunstkritiker und -vermittler John Berger. Einem größeren Publikum bekannt geworden ist er durch die Fernsehreihe "Ways of Seeing".


9Punkt - Die Debattenrundschau

Politik, 07.03.2016

Es hat sich nicht viel geändert für Frauen, meint in einem Essay zum Weltfrauentag im Standard Marlene Streeruwitz mit Blick auf weibliche Zurichtungen in Oscar- und Castingshows. Zwar kann die österreichische Frau seit der Reform des Scheidungsrechts 1978 "endlich die volle Selbstverantwortung übernehmen. Aber tat sie das. Konnte sie das. Oder kam diese Selbstverantwortung wie ja heute auch erst dann richtig an die Oberfläche, wenn die Sache mit dem Ehemann schiefgegangen war. Die Mädchenerziehung unternahm jedenfalls nichts, diese Selbstverantwortung zu einem positiven Faktor der Lebensgestaltung zu machen. Erziehung und Bildung produzierten weiter Goldmaries und Pechmaries, und die Kultur tat das ihrige. Bis heute sitzen diese Goldmaries und Pechmaries in den Tempeln der Hochkultur und lassen sich widerspruchslos mit patriarchaler Kost päppeln."

Die Feministin Meredith Haaf, geboren 1983, lässt in einem SZ-Artikel über Hillary Clintons schlechte Quoten bei Wählerinnen en passant wissen, was sie von den Feministinnen der siebziger Jahre denkt: "So erhob kürzlich die mittlerweile notorisch islamfeindliche Emma im Zusammenhang mit den Vorfällen der Kölner Silvesternacht den Vorwurf, 'jungen Feministinnen' sei die Kritik an der rassistischen Stimmung hierzulande wichtiger als 'die Gefühle der Opfer'. Solidarität ist in dieser Lesart etwas sehr Exklusives, in diesem Fall etwas, das nur für eine bestimmte Gruppe bestimmter Frauen bestimmt ist. Das ist die Sorte Frauenrechtlerei, die auch in rechten Kreisen angekommen ist." (Vielleicht aber auch bei muslimischen Frauen, die sich ebenfalls nicht gern ungefragt an den Hintern greifen lassen?)

Es wäre ein Fehler, Donald Trump als Außenseiter zu sehen, meint David Remnick vom New Yorker, für den Trump vielmehr die Dekadenz der Republikaner repräsentiert: "Heute mag sich das Establishment der Grand Old Party in einer Kernschmelze befinden, aber die Ausbeutung finsterster amerikanischer Unterströmungen begann schon mit Richard Nixons 'Southern Strategy'...  Marco Rubio und Ted Cruz, die mit Trump hart um die allerextremste Position im Konservatismus ringen, prangern die Bösartigkeit und Leere Trumps an, aber sie haben ihm einst Reverenz erwiesen - und äffen heute, beim Versuch, Schritt zu halten, seine Vulgaritäten nach."

Eine "Rückkehr der Do-It-Yourself-Abtreibung" in den USA konstatiert Seth Stephens-Davidowitz in der New York Times und zitiert eine Untersuchung des Guttmacher-Instituts, das die Häufigkeit und geografiesche Verteilung von Google-Suchen wie "how to self-abort" untersuchte und natürlich zu dem Ergebnis kam, dass diese Suchanfragen in restriktiven Staaten am häufigsten vorkommen: Insgesamt "waren die Suchanfragen für selbst durchgeführte Abteibungen von 2004 bis 2007 einigermaßen stabil. Ihr Anstieg begann 2008 mit der Finanzkrise und der nachfolgenden Rezession. Einen ganz goßen Sprung um 40 Prozent machten sie im Jahr 2011. Das Guttmacher-Institut streicht 2011 als das Jahr des landesweiten Einknickens in der Abtreibungspolitik heraus. 92 Bestimmungen zur Begrenzung von Abtreibungen wurden erlassen. In Kanada, das seine Politik nicht verändert hat, gab es auch keinen Anstieg solcher Suchanfragen." Wie den US-Abtreibungskliniken die Arbeit durch gängelnde Maßnahmen systematisch erschwert wird, hat kürzlich John Oliver auf seine unvergleichliche Art in der Last Week Tonight Show auf HBO herausgearbeitet.

Im Gespräch mit Jannis Brühl von der SZ erklärt Stephen Goose, Waffenexperte von Human Rights Watch, warum er für ein Verbot automatisierter Waffen eintritt, die noch gar nicht exisiteren: "In hoch entwickelten Armeen gibt es einen Trend zu einer immer größeren Autonomie der Waffen. Algorithmen könnten bald Entscheidungen über Leben und Tod treffen. Es darf nicht so weit kommen, dass wir keine menschliche Kontrolle über einzelne Angriffe haben. Menschen müssen in die wichtigsten Entscheidungen eingebunden sein, vor allem in die, auf wen gezielt und wer getötet wird."

Gesellschaft, 07.03.2016

Peter Glaser denkt in seiner NZZ-Kolumne ein paar Tage nach dem Tod Umberto Ecos, der eine Bibliothek von 50.000 Büchern gehabt haben soll (die er unmöglich alle gelesen haben kann, wie Glaser nachrechnet) übers Büchersammeln nach: "Diese Ozeane aus Gedrucktem, die man Bibliothek nennt, sind die analoge Vorform der Informationsflut, die wir nun im Internetzeitalter neu bändigen müssen. Viele kennen die sonderbaren Übergangserscheinungen zwischen dem Gedruckten auf Papier und den nur noch geistesleicht leuchtenden Zeilen am Bildschirm. Da gibt es in Japan etwa den Begriff 'Tsundoku'", mit dem das ständige Kaufen von Büchern bezeichnet wird, die nur gestapelt, aber nicht gelesen werden."

Außerdem: In der NZZ denkt der Soziologe Walter Siebel in einem Essay über Stadtentwicklung und die Dienstleistungsgesellschaft nach. Aldo Keel besucht für die NZZ Island und notiert: "Island erholt sich gut von der Krise, die Arbeitslosigkeit liegt unter der Dreiprozentmarke. Die positive Grundbefindlichkeit widerspiegelt das 'Wort des Jahres': Der Neologismus fössari (abgeleitet von föstudagur, 'Freitag') meint den vergnüglichen Beginn des Freitagabends. 'Schnappen wir uns ein fössari!' - ein Freitagabendbier."

Medien, 07.03.2016

(Via turi2 ) Lokalfernsehsender scheitern immer häufiger, jetzt auch NRW.tv des einstigen Granden Helmut Thoma, berichtet Markus Ehrenberg im Tagesspiegel: "Hauptgrund für das notorische Scheitern von Lokalfernsehen ist nach Thoma die Tatsache, dass der TV-Werbemarkt zu 93 Prozent von Mediaagenturen beherrscht werde. 'Diese haben kein Interesse daran, Regionalfernsehsender zu bedenken, da diese für die Planung aufwendiger sind. Die Mediaagenturen schaufeln daher das gesamte Werbegeld zu den beiden großen nationalen Werbegruppen RTL Television und ProSieben Sat 1.'"

Ebenfalls im Tagesspiegel verzeichnet Martin Niewendick das Blühen und Gedeihen von Wladimir Putins deutschem Propagandasender RT Today , der auch in Berlin mit seinen 170.000 russischsprachigen Einwanderer eine treue Gefolgschaft hat. Offenbar bewegt sich der Sender nicht mehr ganz so deutlich im rechtspopulisischen Umfeld: "Wurden anfangs Redner aus dem Pegida-Umfeld zum Plausch ins Studio geladen oder deren Gegner pauschal diffamiert, gab es in der letzten Zeit immer wieder Beiträge, die sich mit der teils katastrophalen Situation von Geflüchteten beschäftigen. Einige Pegida-Aufmärsche werden allerdings immer noch unkommentiert per Live-Schalte übertragen. Und so wuchern in den Kommentarspalten nach wie vor wilde Verschwörungstheorien über Flüchtlinge, Angela Merkel und den Westen."

Die Übernahme der Zeitung Zaman durch die türkische Regierung ist "Teil umfassender Repression gegen sämtliche regierungskritische Medien in der Türkei", resümiert in der taz Jürgen Gottschlich und zählt auf: "Dem Chefredakteur der linken Cumhuriyet, Can Dündar, droht in einem am 25. März beginnenden Prozess eine lebenslange Haftstrafe. Die linke Birgün wird mit dauernden Geldstrafen wegen Beleidigung des Präsidenten überzogen und ist deshalb fast pleite. Und das größte Verlagshaus, das noch nicht auf Erdo¿an-Kurs ist, die Do¿an Holding, wurde ebenfalls so massiv unter Druck gesetzt, dass die wichtigsten Erdo¿an-kritischen Journalisten mittlerweile gefeuert wurden."

Die Zaman-Redakteure haben inzwischen eine neue Zeitung gegründet, Yarina Bakis. Ob sie sich halten kann, weiß Zaman-Kolumnist Joost Lagendijk im Interview mit der taz auch nicht. Er hofft auf die EU: "Ich gehöre nicht zu den Leuten die sagen, die EU dürfe überhaupt nicht mit dieser Erdo¿an-Regierung reden oder verhandeln. Die EU braucht wegen der syrischen Flüchtlinge einen Deal mit Ankara. Nur wenn man miteinander redet, hat man auch die Chance, Einfluss zu nehmen. Allerdings erwarte ich, dass heute wenigstens einige hochrangige europäische Politiker dem türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davu­to¿lu sagen, dass eine EU-Annäherung so nicht möglich ist."

Zeit online wird zwanzig (der mit knapp 16 Jahren noch knackfrische Perlentaucher gratuliert!) Online-Chef Jochen Wegner erzählt: "Dem Start stimmte man bei der stets frugalen Zeit nämlich 'nur unter der Bedingung zu, dass die ganze Sache nicht mehr als 20.000 DM kostet. Auch eine halbe Stelle wurde genehmigt', erinnert sich Christian Ankowitsch, der erste Online-Chef."

Überwachung, 07.03.2016

Fünf neue Länder wollen ihre historischen Kompetenzen zusammenfassen und planen ein gemeinsames Überwachungszentrum, das offenbar besonders die Telekommmunikation im Blick haben soll. Netzpolitik veröffentlicht den Entwurf des Staatsvertrags für dieses Zentrum. "Im GKDZ sollen Fähigkeiten der Polizeien von Berlin, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Thüringen im Bereich Telekommunikationsüberwachung gebündelt werden", schreibt Anna Biselli. dpa schreibt (unter anderem bei Zeit online): "Völlig unklar ist bislang, mit welchen Kompetenzen das Zentrum ausgestattet werden und wie der Datenschutz sowie die parlamentarische Kontrolle gewährleistet werden sollen. Nicht einmal den Parlamentariern der Länder wurde der Vertragsentwurf zugänglich gemacht."

Außerdem: In ihrer Maschinenraum-Kolumne in der FAZ warnt Constanze Kurz vor dem Cyberkrieg der USA gegen den Islamischen Staat.

Wissenschaft, 07.03.2016

Vor 500 Jahren verbot die Inquisition Kopernikus' Buch "De Revolutionibus Orbium Coelestium", das erstmals die Sonne ins Zentrum des Universums stellte. Bevor es auf den Index kam, hatte man es allerdings eifrig studiert, erzählt Arno Widmann in der Berliner Zeitung: "Seine Thesen waren umstritten. Sie wurden bekämpft, aber Nikolaus von Schönberg (1472-1537), Gesandter des Papstes und Kardinal von Capua, schrieb ihm schon 1536, dass er von seiner Theorie 'vor ein paar Jahren' gehört habe, und er würde ihm gerne einen Schreiber bezahlen, der Kopernikus' Text kopieren und ihm zuschicken könne. Dann hätte er, Schönberg, Zeit, Kopernikus' heliozentrische Erörterungen in Ruhe zu studieren.  Auch Papst Clemens VII. wollte alles genau wissen. Nicht aus Verfolgungseifer, sondern weil er an astronomischer Forschung und neuen Sichtweisen interessiert war."

Außerdem: Die Basler Philosophin Brigitte Hilmer erinnert in der NZZ an den Philosophen, Arzt und Politiker Ignaz Paul Vital Troxler, der vor 150 Jahren starb.

Europa, 07.03.2016

Wenn deutsche Politiker die AfD nicht ernst nehmen oder einfach ignorieren, wird es ihnen ergehen wie ihren französischen Kollegen mit dem Front national, der heute die franzöische Politik dominiert, warnt Christophe Bourdoiseau, der Deutschland-Korrespondet des Parisien in einem Gastkommentar für die Süddeutsche: "Die deutschen Politiker müssen Kurs halten. Sie sollten Argumente für den Rechtsstaat und für die Demokratie liefern, kein Verständnis zeigen für die Rechten. In Frankreich hieß es früher, der FN stelle gute Fragen, habe aber keine gute Lösung. Inzwischen sehen die Franzosen den FN doch als echte Alternative. Schritt für Schritt erlebe ich in Frankreich seit 20 Jahren einen Rückzug des Rechtsstaats."

Der französische Premierminister Manuel Valls macht sich mit seiner Kritik an universitären Milieus nicht unbedingt Freunde. Neulich verteidigte er Kamel Daoud gegen eine Petition von "Experten", die dem Autor "Islamophobie" vorgeworfen hatten (unser Resümee). Aber schon bei der Gedenkfeier für die Opfer des Anschläge auf den jüdischen Supermarkt im Januar hatt er gesagt: "Ich habe genug von den soziologischen oder kulturellen Erklärungen oder Entschuldigungen, für das, was sich abgespielt hat." Darauf antwortet jetzt eine ganze Gruppe von Soziologen, die von der französischen Regierung beauftragt war, nach Ursachen der Radikalisierung zu suchen und die ein siebzigseitiges Papier (hier als pdf-Dokument) vorlegt, berichtet Jean-Baptiste de Montvalon in Le Monde: "Die Lehren der Sozialwissenschaftten sind die beste Art, gegen alle Formen des Terrorismus zu kämpfen." Es sollen mehr Stellen geschaffen werden.

Der Nationalstaat ist überholt, behauptet die Politologin Ulrike Guérot im Tagesspiegel. Machen wir einfach die Grenzen auf, lassen die Flüchtlinge kommen und geben jede Form der Integrationshilfe auf - wie in Amerika: "Wie wäre es, wenn Flüchtlinge in Europa Bauland zugewiesen bekämen, benachbart zu den europäischen Städten, aber in einem Abstand, der die Andersartigkeit wahrt. So entstehen Neu-Damaskus und Neu-Aleppo oder Neu-Madaya inmitten von Europa. Kurz: Wir verzichten auf Integration. Wir respektieren Andersartigkeit - und lassen die Neuankömmlinge in ihrer Andersartigkeit unter sich alleine. Europa gibt Bebauungsland als Starthilfe, das erschlossen ist, also angebunden an Infrastruktur, das aber ansonsten frei zur Gestaltung durch die Neuankömmlinge ist." Zweihundert Jahre später, hofft Guérot, "erinnert - ähnlich wie New Hannover oder Paris (Texas) oder Vienna (Virginia) in den USA heute - nur noch der Stadtname daran, dass die Stadtgründer einst aus einer anderen Welt kamen".



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