Heute in den Feuilletons "Diese Düsternis setzt aber eine Menge Energie frei"

Die "Welt" feiert den slowenischen Autor Ales Steger als wahren Europäer. Viele Oscars wünscht sich "Variety" für "Mad Max: Fury Road". Die "taz" tanzt mit Fatima Al Qadiri zu explodierenden Gaskartuschen. Die "Spex" beklagt die Diktatur der Angepassten in Indie-Deutschland.


Efeu - Die Kulturrundschau

Kunst, 27.02.2016

Die Kuratorin Susanne Pfeffer hat gerade in Kassel die Schau "Images" über Post-Internet-Art organisiert. 2017 wird sie den Deutschen Pavillon auf der 57. Biennale von Venedig leiten. Im Gespräch mit Ingo Arend in der taz reflektiert sie die Herausforderung der Kunst durch die Digitalisierung: "Die Malerei hat schon den Angriff durch die Fotografie überstanden. Dennoch ist der aktuelle Bruch epochal. Das wird man aus der historischen Distanz noch deutlicher sehen. Und das Retardierende, Verlangsamende das zahlreiche Arbeiten in unserer Ausstellung haben, zeigt deutlich das Bewusstsein vieler Künstler. Krass, jeder Mensch kann heute jederzeit potenziell Schöpfer von Bildern werden. Die Bedrohung für die Kunst ist offenkundig."

Das Kölner Wallraf-Richartz-Museum stellt die im 18. Jahrhundert angefertigten Zeichnungen Louis-François Cassas' aus Palmyra aus - eine äußerst melancholische Ausstellung, da die gezeigten Dinge von den IS-Schergen inzwischen zerstört wurden. Tilman Spreckelsen feiert Cassas' Bilder in der FAZ als "akribische, mitunter geradezu pingelig dokumentierende Zeichnungen der Bauwerke, von der Totale bis zum Detail, etwa das wundervolle Bild der Decke über der südlichen Kultnische des Bel-Tempels, das in geometrischer Ordnung eine Fülle von Blüten zeigt, von der keine der anderen gleicht." Das Museum zeigt eine sehr schöne Bildstrecke zu der Ausstellung, der wir das Bild der Decke des Beltempels entnehmen.

Außerdem: Die FAZ hat ihr Gespräch mit Gerhard Richter online nachgereicht. Besprochen wird die große Manierismus-Ausstellung im Frankfurter Städel ("fantastisch", lobt Hans-Joachim Müller in der Welt).

Film, 27.02.2016

Am Sonntag werden in Los Angeles die Oscars verliehen. Die anregendste Lektüre dazu ist sicherlich das epische Gespräch, das die Variety-Filmkritiker Justin Chang und Guy Lodge über die Favoriten der "Best Picture"-Rubrik geführt haben, in dem sie die Nominierten in aller Ausführlichkeit Revue passieren lassen, zerpflücken und lobpreisen. Beider Favorit ist keineswegs "The Revenant", der ganz im Gegenteil auf dem letzten Platz rangiert, sondern George Millers furioses Actionepos "Mad Max: Fury Road", das auch unseren Kritiker umgeblasen hat. "It's maddening", sagt Chang, "but telling, to hear viewers emerge from 'Fury Road' complaining about the thinness of the story and the repetitiveness of the action: At a time when so many of our entertainment choices actively erode our attention spans, it's absurd not to appreciate Miller's command of visual narrative; the density, creativity and internal logic of his image-making; and his ability to invest his most fantastical creations and contraptions with real-world meaning. ... No matter how many gold statuettes "Fury Road" wins on Sunday night, it is destined to ride eternal, shiny and chrome."

Viel diskutiert wurde zuletzt auch über Leonardo DiCaprio, der einmal mehr als "bester Schauspieler" nominiert ist. Ob es wohl diesmal für seinen ersten Oscar reichen wird? Für "The Revenant" (unsere Kritik) hat er jedenfalls in weiser Voraussicht keine Strapaze ausgelassen. Ihn gerade dafür auszuzeichnen, wäre aber eine grobe Fehlentscheidung, argumentiert Sam Adams auf Indiewire: "His performance in "The Revenant" is the fourth-most-interesting of his last four performances, and in recognizing him for this particular turn, the Academy is likely to demonstrate once more its toxic habit of confusing accomplishment with effort. ... After DiCaprio gave three of the best performances in his career in 'Django Unchained,' 'The Great Gatsby,' and 'The Wolf of Wall Street' (...) it's a major bummer to think that he's going to win instead for crawling around in the snow and chewing on raw bison liver." Ähnlich sieht es Rajko Burchardt auf Moviepilot: DiCaprio "möchte uns vermitteln, dass das, was man da auf seinem schmerzverzerrten (...) Gesicht sieht, nicht gespielt, sondern wahrhaftig ist. Sollte sich der große Traum vom Oscar für Leonardo DiCaprio tatsächlich mithilfe des alten Method-Acting-Missverständnisses erfüllen (Höllenqualen erleiden, statt Höllenqualen zu spielen), wäre es einerseits schade um die bisherige Arbeit des zweifellos hochtalentierten Schauspielers. Andererseits aber eine selbsterfüllende Prophezeiung, die das ganze alberne Oscar-Narrativ seiner Karriere adäquat abschließt."

Außerdem werfen Jürgen Schmieder ( SZ ) und Christiane Peitz ( Tagesspiegel ) einen Vorab-Blick auf die Verleihung. Für The Quietus erinnert sich Agata Pyzik an Andrzej Zulawski.

Besprochen werden Deniz Gamze Ergüvens "Mustang" ( ZeitOnline ), Michael Moores von Europa schwer begeisterter "Where to Invade Next?" (ein galliger Matthias Dell bezeugt im Freitag "unterhaltsam zusammengelötete Footage-Orgien") und Andreas Maus' Dokumentarfilm "Der Kuaför aus der Keupstraße" über die NSU-Ermittlungen ( FR ).

Literatur, 27.02.2016

In der NZZ ärgert sich der Autor Alain Claude Sulzer über die immer häufigere Missachtung von Sperrfristen durch die Rezensenten - was zur Folge hat, das interessierte Leser ihre Buchhandlung aufsuchen, nur um zu erfahren, dass das Buch erst in zwei Wochen erscheint: "Wie viele dieser frustrierten Leser beim nächsten Kauf einer Neuerscheinung auf die Vorbestellungsfunktion bei Amazon zurückgreifen, um sich nutzlose Gänge in ihre Buchhandlungen zu ersparen, möchte man lieber nicht wissen. Auch nicht, wie weit dieselben Journalisten, die nicht müde werden, die Übermacht von Amazon zu beklagen, durch ihr voreiliges Tun zu nützlichen Idioten des Online-Händlers werden."

Weitere Artikel: "Schreiber, sei rückhaltlos. Keine Technik, es sei denn, die des (Ver)meidens": In der Literarischen Welt kann man einen Vorabdruck aus Peter Handkes neuem Buch "Vor der Baumschattenwand nachts" lesen (erscheint am 8. März bei Jung und Jung). Vorabgedruckt ist außerdem eine kleine Philosophie von Sein und Zeit und Fußball des Autors Jean-Philippe Toussaint in Erinnerung an einen Zusammenstoß 1969. Klaus Ungerer unternimmt einen Streifzug durch Amazon-Rezensionen. Und nach Rainer Moritz' Polemik in der NZZ mokiert sich heute auch Marc Reichwein über den Kölner Klüngel beim Literarischen Quartett, freut sich aber vor allem, dass Eva Menasse "gelang, was im neuen 'Quartett' zuvor noch niemand geschafft hatte: Biller zu domestizieren". In einem Instagram-Experiment publiziert die Virginia Quarterly Review derzeit New Yorker Schnappschüsse mit literarischen Kommentaren, erklärt Shan Wang auf der Website des Freitag.

Besprochen werden Aleš Štegers Roman "Archiv der toten Seelen" ( Welt ), Thomas Hardings "Sommerhaus am See" ( Welt ), Neuübersetzungen von Charlotte Brontës "Jane Eyre" durch Melanie Walz und Jean Rhys' "Die weite Sargassosee" durch Brigitte Walitzek ( NZZ ), Andrea Otts Übersetzung von Edith Whartons "Zeit der Unschuld" ( NZZ ), Siegfried Lenz' Nachlassroman "Der Überläufer" ("ein Schatz", jubelt Franziska Augstein in der SZ), Norbert Gstreins "In der freien Welt" ( taz ), Anna Haifischs Comic "Von Spatz" ( taz ), Roland Schimmelpfennigs "An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts" (FAZ) und neue Hörbücher ( taz ).

Architektur, 27.02.2016

Im Berliner Kulturforum werden derzeit die Siegerentwürfe für das geplante "Museum des 20. Jahrhunderts" ausgestellt. Zu sehen sind "bis auf eine Ausnahme recht dezente Varianten, monolithische Solitäre, Ensemble- und Riegellösungen", schreibt Birgit Rieger im Tagesspiegel. Tazler Ronald Berg sah "keine zündende Idee", Dankwart Guratzsch (Welt) auch nicht.

Bühne, 27.02.2016

Guter Dinge verlässt FAZ-Kritikerin Eleonore Büning Dietrich Hilsdorfs "Ariadne auf Naxos"-Inszenierung in Duisburg: Diese wirke "wie eine 'Ariadne'-Operation am offenen Herzen, so schnell, virtuos und selbstverständlich zappt sie zwischen Tragödie und Komödie hin und her. Von Anfang an werden die einkomponierten Bruchstellen zwischen der Theateridee, dem Theater auf dem Theater und den Theaterbesuchern genussvoll und offensiv verhandelt. ... Alles wirkt flüchtig, veränderbar. Und ist doch ernst gemeint und macht ernsthaft Vergnügen. Hilsdorf hat die hohe Kunst der Selbstironie, die auch Strauss und Hofmannsthal kultivierten, im kleinen Finger."

Besprochen werden Johann Kresniks Inszenierung von Johannes Kalitzkes neuer Oper "Pym" (Kresnik ist in "vitaler Hochform", lobt Joachim Lange in der Welt . Es gab "so viel kreativen Tanz wie lange nicht bei ihm. Und kein Verheddern im klassenkämpferischen Unterholz."), Jacopo Godanis in Frankfurt aufgeführtes Tanzstück "C.O.R.E." ( FR ) und Oliver Reeses Bühnenbearbeitung von Thomas Bernhards "Auslöschung" am Theater in der Josefstadt in Wien (FAZler Hannes Hintermeier sah einen "Bernhard zum Mitnehmen, Fastfood auf dem Theater").

Musik, 27.02.2016

Ihr neues Album "Brute" versteht die Elektrokünstlerin Fatima Al Qadiri auch als Reaktion auf die in den letzten Monaten zu beobachtende Polizeigewalt, hat taz-Popkritiker Julian Weber im Gespräch mit der aus Kuwait stammenden, mittlerweile in Berlin lebenden Musikerin erfahren. Das Ergebnis ist klanglich düster ausgefallen, "diese Düsternis setzt aber eine Menge Energie frei. Der Druck fällt beim Hören sofort ab. ... Al Qadiri [nutzt] Sound¬effekte aus Horrorfilmen und Videospielen, lässt Keyboardriffs loszischen, die wie Geisterstimmen klingen. Aber sie verzichtet vollkommen auf die im Grime zentralen Raps und andere Formen von Gesang. Stattdessen schrillen Alarmanlagen, explodieren Gaskartuschen und heulen Polizeisirenen auf." Webers Fazit: "Die Songs von "Brute" werden auf dem Dancefloor eher für Verstörung sorgen. Gut so!" Hier eine Hörprobe



In der Spex liest Sandra Grether Indie-Deutschland ordentlich die Leviten: Alles voll schnuffig und entspannt hier? Von wegen, es grassiere auch im besseren Teil des hiesigen Popbusiness der alte Sexismus: "Musiker dürfen wachsen. In dieser Diktatur der Angepassten werden Musikerinnen behandelt wie kritische Dissidenten. Man freut sich keinesfalls über die Vielfalt, die sie in das System bringen. Man behandelt sie mit angstvoller Skepsis. Oder man ignoriert sie und lässt sie am ausgestreckten Arm verhungern. ... Hinzu kommen bei den Jungs zuverlässig Vergleiche mit den größten Dichtern, Provokateuren und Bands aller Zeiten. Bei den Frauen bevorzugen viele Vergleiche mit Figuren aus der Sesamstraße, aus Kinderbüchern, Cartoons und der Klatsch/Promi-Presse. Wie oft ich schon 'Pippi Langstrumpf' war!"

Weiteres: In der SZ porträtiert Helmut Mauró den für einen Oscar nominierten Filmkomponisten John Williams.

Besprochen werden das Debütalbum von Isolation Berlin ("die sind genau jetzt. Und genau jetzt muss man sie auch hören", erklärt Julia Friese in der Welt ), ein Konzert der Junior Boys ( Berliner Zeitung ) und eine Aufführung von Manos Tsangaris' "Pizzicato Mysterium" durch das Münchener Kammerorchester, das die Frage verhandelt, ob es einen Dirigenten überhaupt noch braucht (aber ja, meint Reinhard J. Brembeck in der SZ, klanglich "würde es ohne Anführer funktionieren. Aber es geht hier nicht um die Musik, es geht ums Musikmachen")


9Punkt - Die Debattenrundschau

Europa, 27.02.2016

Boris Johnson hat nicht von ungefähr eine große Qualifikation in der Kreation von "Euromythen" (etwa über von der EU festgelegte Standardgrößen für Kondome, die zu klein seien für Engländer), schreibt Michael White im Guardian: "Meist war ihr Erfinder Boris Johnson selbst, der einige Jahre lang als EU-Korrespondent des Telegraph arbeitete und im Presseraum berühmt war als ein struppiger, schäbig gekleideter Typ mit scharfem Intellekt, riesiger Ambition und einem Talent für Mythen. Das brachte seine Karriere damals mächtig voran und wird entscheidend für seinen Start als seriöser Politiker und konservativer Parteichef in spe sein."

Putin versucht zur Zeit unter Einsatz großer Geldmittel die deutsche Gesellschaft von innen zu verändern, warnt in der NZZ der russische Soziologe Igor Eidman, Cousin des ermordeten Oppositionspolitikers Boris Nemzow: "Mit der Korruption, von der sein ganzes System durchsetzt ist, will Putin die gesamte EU infizieren. So werden denn deutsche Politiker, Journalisten und 'Experten' eingekauft und eingespannt. Nach meinen Beobachtungen übernehmen Deutsche, die eng mit russischen Partnern zusammenarbeiten, deren Lebensstil und korrupte Praktiken. Indem der Kreml deutsche Eliten nach seinem Gusto zu formatieren versteht, beginnt er Deutschland selber zu verändern."

Ideen, 27.02.2016

Im Gespräch mit Robert Maggiori und Anastasia Vécrin von Libération spricht Julia Kristeva über die "schockierenden Ereignisse von Köln". Sie zeigten "die Dringlichkeit, mit der unsere in der Aufklärung errungenen Freiheiten zu verteidigen und das Religiöse zu untersuchen sind, das wir aus den Augen verloren hatten. Es reicht mir nicht aus, mich zu empören. Jenseits von Köln ist die Frage: Haben die individuellen Freiheiten, die Trennung von Politik und Religion, die Garantie der Rechte der Männer und Frauen, genug Verankerung im Rechtsstaat und genug Gewicht gegenüber über theokratischen 'Idealen' und Fanatismen?"

Das Worldpolicyblog.com publiziert den Briefwechsel zwischen Adam Shatz und Kamel Daoud, aus dessen französischer Fassung in Le Monde wir vor drei Tagen zitierten, auf englisch.

Urheberrecht, 27.02.2016

Cory Doctorow kommentiert in Boingboing.net die wichtige Nominierung einer neuen Leiterin der Library of Congress durch Barack Obama höchstpersönlich als eine sehr positive Nachricht. "Der bisherige Bibliothekar des Kongresses war ein Technikfeind, der alle Geräte, die über ein Fax hinausgingen, ablehnte. Er wachte über das amerikanische Copyright und also auch amerikanische IT-Politik. 27 Jahre später geht er nun endlich, und nach vielen Spekulationen hat der Präsident seine Kandidatin nominiert, die wunderbare Carla Hayden. Hayden ist eine wirkliche Bibliothekarin, sie bekämpfte den Patriot Act, setzt sich für Open Access ein, und die Recording Industry Association of America (RIAA) hasst sie." Die Nominierung muss durch den Senat noch bestätigt werden, mehr zum Thema in der New York Times.

Kulturpolitik, 27.02.2016

Manuel Brug besucht für die Welt die Dresdner Semperoper, die immer wieder unfreiwillig als Kulisse für Pegida-Aufmärsche herhalten muss. "'Wir müssen da durch', sagt nüchtern die farbige Mezzosopranistin Tichina Vaughn, die seit 2010 in Dresen als Solistin engagiert ist. 'Die Straßenbahnen fahren dann nicht mehr in der Altstadt, ich muss meine Einkäufe montags vor 18 Uhr erledigt haben und ich spüre, wie die Stimmung immer aggressiver wird. Wenn das so weitergeht, wird Dresden bald eine geteilte Stadt sein', fährt die Amerikanerin fort, die ihre besorgten Verwandten und Freunde auf Facebook beruhigt. 'Noch fühle ich mich hier sicher, obwohl ich so exponiert bin, was ich wiederum nutze und mich schon an diversen Gegenveranstaltungen auch außerhalb der Oper beteiligt habe.'"

Politik, 27.02.2016

Der israelische Autor Etgar Keret spricht im Interview mit der Welt über sein neues autobiografisches Buch "Die sieben guten Jahre. Mein Leben als Vater und Sohn", seine Familie und natürlich über Politik: "Wir leben in einem Land, in dem die Regierung alles in ihrer Macht Stehende tut, um die Menschen in die besetzten Gebiete zu schicken. Indem man diesen Leuten einen subventionierten Wohnort in den besetzten Gebieten anbietet, schließt man einen Pakt mit ihnen: Wenn du mich nicht wiederwählst, dann wirst du aus deinem Haus herausgeworfen werden. Man erschafft sich einen Sektor treuer Wähler, die komplett von der Regierung subventioniert werden."

Internet, 27.02.2016

Johannes Boie liefert in der SZ Impressionen von Mark Zuckerbergs Deutschland-Besuch - bekommen hat er einen eigens für ihn geschaffenen Axel Springer Award, und die Politiker haben ihn bestaunt wie einen Alien: ein 31-jähriger Milliardär, sowas gibt es in Deutschland höchstens als BMW-Erben! "Am Abend kommt Zuckerberg im Anzug zur Preisverleihung bei Springer. Das verwirrt den nicht kleinen Teil der Gästeschar, der T-Shirts oder auch Kapuzenpullover für die Grundlage digitalen Erfolgs hält. Man muss sagen: Der Springer-Verlag lässt sich an diesem Abend nicht lumpen. Erst wird Mark Zuckerberg von Hunderten Stimmen aus dem Off begrüßt. Dann wird das Video des Astronauten Chris Hadfield, der auf der Raumstation ISS 'Major Tom' singt, an der Decke des Raums gezeigt."

Einmal wurde Zuckerberg in der unverbindlichen Fragestunde, die er gewährte, konkret, schreibt Patrick Beuth bei Zeit online, nämlich beim Thema Hasskommentare: "Rund 200 Menschen würden in Deutschland nun daran arbeiten, solche Kommentare zu überprüfen und gegebenenfalls zu löschen. Es war das erste Mal, dass Facebook diese Zahl nannte. Zudem würden Migranten in den Facebook-Gemeinschaftsstandards künftig als schützenswerte Gruppe betrachtet, was zur vermehrten Löschung von fremdenfeindlichen Botschaften führen müsste."

Religion, 27.02.2016

Die Forderung nach eine "Reform" des Islams ist zwiespältig, sagt die Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer im Gespräch mit Philipp Gessler in der taz: "Natürlich stellt sich die Frage: Was heißt 'reformierter Islam'? Was wird da reformiert? Wichtige Köpfe verstehen unter Reform die Rückkehr zu den Quellen, die sie für fundamental erachten. Das ist selbstverständlich in erster Linie der Koran, aber auch Teile der Überlieferung..." Aber "Auch die militanten Islamisten können zurück zu den Quellen gehen. Und die können zu ganz anderen Schlüssen kommen als die, die einen offenen, wenn man will: liberalen, toleranten Islam begründen möchten."

Gesellschaft, 27.02.2016

In der taz unterhalten sich Fatma Aydemir und Marlene Halser ausführlich mit der Feministin Laurie Penny, die nun Kurzgeschichten schreibt und erklärt, dass sie nach Berlin zuiehen will.

Medien, 27.02.2016

Das türkische Verfassungsgericht hat die Inhaftierung des Journalistin Can Dündar als rechtswidrig eingestuft und seine Freilassung verfügt. Im Interview mit Deniz Yücel von der Welt sagt er: "Es gibt einen Rechtsstaat, der um sein Überleben kämpft. Das Verfassungsgericht hat zwar in unserem Fall, dem universellen Recht folgend, das richtige Urteil gefällt. Aber gleichzeitig treffen andere Gerichte andere Urteile; passieren Dinge, die nicht mit einem Rechtsstaat zu vereinbaren sind. Dieses Urteil erachte ich als außerordentlich wichtig. Aber es kommt darauf an, dass sich andere Gerichte daran orientieren. Wir sind ja nicht die Einzigen; in der Türkei sind viele Kollegen inhaftiert oder angeklagt."

Es mag unbedacht gewesen sein, dass das ZDF so viele Kiepenheuer-und-Witsch-Autoren in sein "Literarisches Quartett" berief, die sich zudem noch weitere Kiwi-Autoren in die Sendung einladen (unser Resümee), schreibt Christopher Schmidt in der SZ, aber es zeigt doch, wie heutzutage Seilschaften im Literaturbetrieb fuinktionieren. "Und deshalb macht es sich Volker Weidermann zu einfach, wenn er am Telefon Nachfragen nonchalant an sich abperlen lässt. Proporzdebatten nennt er 'ermüdend, langweilig und blöd'. In solchen Kategorien denke er eben nicht, auch wenn das vielleicht naiv sei."

Ramy Al-Asheq, selbst Flüchtling, macht die erste mehrsprachige Flüchtlingszeitung, Abwab, "Türen", die von den Behörden in den Heimen verteilt wird. Sie soll erst Verständigungen erreichen, sagt Al-Asheq im taz-Interview mit Adrian Schulz: "Wenn jemand geflüchtet ist und neu nach Deutschland kommt, dann erreichen ihn zum Teil Briefe von Behörden, aber nur auf Deutsch. Auch im Jobcenter: Englisch ist nicht erlaubt, nur Deutsch. Auch arabische Dolmetscher gibt es viel zu wenige. Wie sollen die denn bitte was verstehen?"

Außerdem: Die New York Times meldet, dass Chris Hughes die New Republic an den Verleger Win McCormack verkauft, der bisher die literarische Quartalsschrift Tin House betreibt.



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