Heute in den Feuilletons

Der "Freitag" staunt über die Häuser rumänischer Migranten: vorn die Küche zum Vorzeigen, hinten die zum Kochen. Die "taz" porträtiert den Leipziger Maler und Musiker Lorenz Lindner als ziemlich poetischen Sturkopf.


Efeu - Die Kulturrundschau

Architektur, 08.01.2016

Die Rumänen mögen in westeuropäischen Städten in Baracken und Zeltlagern leben, zu Hause stecken sie jeden verdienten Cent in opulente Hochzeiten und neue Häuser, berichtet Jochen Schmidt im Freitag nach einer Reise durch Rumänien. Im Gegensatz zu den schönen alten Holzhäusern sind die neuen sehr nouveau riche, so Schmid, aber gleichzeitig von einer "halsbrecherischen Improvisation", die etwas Befreiendes habe: "Die Häuser der Migranten haben möglichst viele Stockwerke, manchmal sogar einen Lift, eine Küche zum Vorzeigen und eine zum Kochen, automatische Toreinfahrten statt der traditionellen geschnitzten Holztore, bis zu ein Dutzend Schlafzimmer, große Balkons (zwar manchmal ohne Zugang, dafür aber mit einem Gips-Caesar oder einem römischen Soldaten geschmückt), Horror-Vacui-Stuckfassaden wie von HR Giger - sie stehen nah an der Straße, wo man sie sehen kann, sie sollen größer als die Kirche sein, und ihre Fassaden sind eine Freejazzvariante der Baumarkt-Postmoderne. Aber sie werden meist gar nicht bewohnt, man lebt in einem kleineren Gebäude abseits." (Bewundern kann man diese Häuser derzeit in einer Fotoausstellung in Berlin im Museum Europäischer Kulturen.)

Literatur, 08.01.2016

In Volltext empfiehlt der Autor Norbert Gstrein wärmstens ein Geschichts- und Geschichtenbuch des israelischen Journalisten und Haaretz-Kolumnisten Ari Shavit, "Mein gelobtes Land". Etwas Besseres und Differenzierteres über Israels gebe es derzeit kaum in deutscher Sprache. "Sein Ton ist ein Ton, gespeist aus Traurigkeit und Liebe und einem Optimismus bei allem Grund, pessimistisch zu sein, den ich am liebsten - wenn ich mehr davon wu¿sste - nahöstlich nennen wu¿rde und von demich mir vorstelle, dass man ohne ihn nicht auskommt, wenn man in Israel lebt. Es ist erstaunlich, wie erhellend bei ihm in manchen Situationen gerade die rhetorischen Fragen sind: 'Was hätten wir anderes machen sollen?' fragt er sich etwa am Ort des ehemaligen palästinensischen Dorfes Hulda, das im Unabhängigkeitskrieg ausgelöscht wurde und Platz machen musste fu¿r den Kibbuz Mishmar David, aber er fragt sich das auch fu¿r die andere Seite: 'Was hätten sie anderes machen sollen?'"

Besprochen wird Martin Walsers Roman "Ein sterbender Mann" ( FAZ , Tagesspiegel ).

Bühne, 08.01.2016

In der SZ stellt Tim Neshitov den Schauspieler Hannes Rittig vor, der vor drei Jahren aus seinem Vertrag mit den Bühnen Vorpommerns entlassen wurde und danach das Cafe Koeppen im Geburtshaus des Schriftstellers Wolfgang Koeppen in Greifswald übernommen hat. Dort spielt er seitdem vor seinem eigenen Publikum: "Er tritt in diesem Café seit zwei Jahren auf, oft an der Seite ehemaliger, ebenfalls entlassener Kollegen. Sie spielen Gegenwartsklassiker wie Mike Daiseys 'Die Agonie und Ekstase des Steve Jobs' oder Sarah Kanes '4.48 Psychose'. Auch Selbstgeschriebenes. Regie führt meist Uta Koschel. Wer in Greifswald oder Stralsund ins Theater geht, kennt Uta Koschel, denn ihr sind auf der großen Bühne einige der interessantesten Inszenierungen der Nullerjahre gelungen. Und glaubt man dem Publikum, so stellt das Koeppen-Haus in der Bahnhofstraße mittlerweile sogar eine kleine, aber ernsthafte Konkurrenz zum Staatstheater dar."

Weiteres: Christoph Nix, Intendant am Stadttheater Konstanz, fordert in der SZ Schauspieler auf, sich dem "Ensemble Netzwerk" anzuschließen, um gemeinsam endlich bessere Bedingungen an den Theatern aushandeln zu können. Besprochen wird die Uraufführung von Thomas Köcks preisgekröntem Stück "Isabelle H. (geopfert wird immer)" am Pfalz-Theater Kaiserslautern ( nachtkritik ).

Film, 08.01.2016

Besprochen werden Tom Hoopers Transgenderdrama "The Danish Girl" ( FR , Welt , Zeit , FR ), Naomi Kawases Außenseiterdrama "Kirschblüten und rote Bohnen" ( Standard ) und Brian Helgelands Gangsterfilm "Legend" ( FAZ ).

Kunst, 08.01.2016

Ziemlich amüsiert kommt Ursula Scheer aus einer Ausstellung mit Künstlerbildnissen in der Kunsthalle Karlsruhe. Es ist wie eine Party, schreibt sie in der FAZ, alles bunt zusammengewürfelte Leute mit Hang zur Selbstdarstellung: "Stars und Unbekannte, absonderliche Charaktere und Charmebolzen, gefällige Typen und fragwürdige Gestalten treffen hier aufeinander und sollen es auch, statt bei ihren alten Freunden hängen zu bleiben. Wer hätte schon gedacht, dass Anselm Feuerbach und Robert Mapplethorpe so viel gemeinsam haben, dass das jugendliche Selbstbildnis des einen von 1851/52 den gleichen Typus des 'angry young man' zu zeigen scheint wie das Selbstporträt des anderen von 1983, frontal, nah, mit romantisch zerwühltem Haar? Solche Paarungen öffnen die Augen vor allem für das historisch Fernerliegende."

Etwas enttäuscht zeigt sich Gabriel Katzenstein in der NZZ, dass die Ausstellung "Provenienz Macht Geschichte", mit der das Kölner Wallraf-Richartz-Museum einen Zwischenbericht der Untersuchung seiner zwischen 1933 und 1945 erworbenen Papierarbeiten vorlegt, weitgehend im Distanzierten, Unkonkreten verharrt: "Wo wird im Museum die außergewöhnliche Geschichte eines Werkes erzählt? Obwohl in der Begleitpublikation angedeutet, wird sie in der Ausstellung nicht sichtbar: Was verschwand als 'entartet' durch die Nazis aus dem Wallraf, und welche 660 Werke wurden vom Museum zwecks Geldmittelbeschaffung veräußert? Wenigstens ein Beispiel von sogenannt pazifistischem Kunstbolschewismus hätte diesen Aspekt beleuchten können. Wenigstens ein Beispiel eines Verkaufs, bei welchem später der Kunsthandel das wertvermindernde 'Kopie nach' oder 'Nachfolge' abstreifte, hätte dem Besucher vor Augen geführt werden können."

Besprochen werden die Ausstellung "Welten der Romantik" in der Wiener Albertina ( Tagesspiegel ), eine große Ausstellung mit Werken von Karl Schmidt-Rottluff in den Kunstsammlungen Chemnitz ( FR ), die Ausstellung "Dialog der Meisterwerke" im Frankfurter Städel Museum ( NZZ ) und die Ausstellung "Artist and Empire" in der Tate Britain (SZ).

Design, 08.01.2016

Im Tagesspiegel schreibt Christian Schröder einen Nachruf auf den am Silvesterabend gestorbenen Designer Richard Sapper: "In Italien galt der Tüftler, der mit ingenieurshafter Präzision an technischen Lösungen arbeitete, als Inkarnation eines Deutschen. In Deutschland wurde er wegen der Eleganz seiner Werke als Italiener identifiziert."

Musik, 08.01.2016

Als Mix Mup oder als Molto produziert er elektronische Musik, unter seinem bürgerlichen Namen kreiert er bildende Kunst. Julian Weber stellt den Leipziger Künstler Lorenz Lindner in der taz vor: "'Ich habe immer Phasen, in denen ich als Musiker bestimmten Genres verfalle und als Maler bestimmten Farben. Aber eigentlich ist das Mischen ein Produktionsmerkmal von mir. Ich interessiere mich für Zwischenräume. Vermarktungstechnisch ist das natürlich nicht ganz clever, aber ich bin halt ein Sturkopf.' Ein ziemlich poetischer Sturkopf, muss man ergänzen. Ein Sturkopf, dessen Sturköpfigkeit absolut beflügelnd und immer grenzüberschreitend wirkt, egal ob der 35-Jährige beim Jazzfestival Kopenhagen live abstrakte Elektronik spielt oder in der legendären New Yorker Radiosendung 'Beats in Space' House-Platten auflegt."

"Eine weltverbesserische, ja kulturpolitische Haltung" macht Bjørn Schaeffner in der NZZ bei Schweizer Labels wie Danse Noire, Lux Rec und Relish Recordings aus, die sich in der Psychedelik des Post-Punk neue Impulse holen. Sie stehen für "eine Klubkultur, die sich als hierarchiefreie Zone versteht, wo DJ sich nicht selbst feiern, sondern in der Menge aufgehen. Für seine Plattencover durchforstet der Lausanner Grafiker (und Label-Mitbetreiber) Niels Wehrspann akribisch das Internet. Es sind Sujets, die eine konsumistische Alltagstristesse abbilden. Die Designs seien gewollt 'antispektakulär'. Sie mögen in diesem Sinne auch bewusstseinserweiternd wirken: als kleine Rebellion gegen zu viel Gleichschaltung in der Klubkultur."

Weiteres: Franziska Buhre schreibt in der taz einen Nachruf auf den kanadischen Pianisten Paul Bley. In der NZZ wirft Marc Zitzmann einen Blick auf die differenzierten Nachrufe auf Pierre Boulez in Frankreich.

Besprochen werden das neue Album von David Bowie ( Welt, Tages-Anzeiger, FAZ, SZ) und ein umfangreiches Box-Set mit Outtakes von Bruce Springsteens Album "The River" ( NZZ ).


9Punkt - Die Debattenrundschau

Europa, 08.01.2016

Die jüngsten Berichte werden die Debatte um Köln wohl eher anheizen. Der Kölner Stadtanzeiger (hier), aber auch der Kölner Express (hier), die Welt (hier) und die FAZ (hier) bringen Informationen, wonach durchaus auch vor kurzem angekommene Flüchtlinge unter der Silvestermeute waren, und sie fragen, ob diese Information bewusst verchwiegen wurde. Im Kölner Stadtanzeiger heißt es: "Noch in der ersten polizeiinternen Abschlussmeldung des Einsatzes am frühen Neujahrsmorgen, dem so genannten WE-Bericht ('Wichtiges Ereignis'), soll der verantwortliche Dienstgruppenleiter der Polizei die Herkunft der kontrollierten Männer nach Informationen des Kölner Stadt-Anzeiger bewusst verschwiegen haben - obwohl unter anderem auch der Einsatzleiter des Silvestereinsatzes darauf gedrängt haben soll, die Herkunft in dem Dokument zu nennen."

Margarete Stokowski bleibt in ihrer SPIEGEL-ONLINE-Kolumne beim Rassismus-Vorwurf: "Es ist so ekelhaft. Die Debatte um muslimische Migranten hat ihren bisherigen Hysterie-Höhepunkt erreicht. Die Opfer der Übergriffe in Köln, Hamburg, Stuttgart oder Frankfurt sind in dieser Debatte denen, die sich am meisten aufregen, vollkommen egal. Sie sind gerade gut genug für reißerische Beschreibungen von zerfetzter Unterwäsche und Fingern an Körperöffnungen und gut genug als Grund, sich als besorgter Bürger zum edlen Ritter und Frauenbeschützer aufzuschwingen."

Der im Netz oft gezogene Vergleich mit dem Oktoberfest stimmt hinten und vorne nicht, meint der jetzt bei der FAZ bestallte Blogger Don Alphonso in einem (im Übrigen vor sozialer Verachtung für das Oktoberfest triefenden) Artikel. Es wird ein alter taz-Artikel mit einer durch nichts belegten Behauptung weitergereicht, so der Blogger: "Eine Quelle für die Dunkelziffer der 200 Vergewaltigungen gibt der Beitrag ... nicht an. Um die Zahl in Relation zur Realität zu setzen: Vorletztes Jahr registrierte die Polizei in ganz München im ganzen Jahr 147 Vergewaltigungen. Die Horrorzahl der taz erscheint also eher fragwürdig und wird auch ansonsten nicht gestützt." Am Ende kommt Don Alphonso auf 40 Straftaten, die aus einer Menge von 100.000 männlichen Wiesnbesuchern verübt wurden.

In der taz hält Hengameh Yaghoobifarah unverdrossen an den Horrorzahlen über das Oktoberfest fest: "Beim Oktoberfest schätzt man die Dunkelziffer der Vergewaltigungen pro Jahr auf zweihundert - und da ist alles, was unter sexueller Belästigung gefasst wird, noch nicht einbegriffen."

Die schwierige Lage der Medien schildert Christian Meier in der Welt - sie würden gleich von zwei Seiten unter Beschuss genommen. Einerseits heißt, sie hätten zu spät und beschönigend berichtet. Andererseits wird ihnnen Rassismus vorgeworfen: "Im Fall Köln ist es fast unausweichlich, die Herkunftsfrage zu stellen und möglichst schnell zu beantworten, auch um nicht rechten Hetzern mehr Anlass zu geben, sich über 'ferngesteuerte Medien' auszulassen. 'Wer jetzt auf Fragen nicht seriös und detailliert eingeht, dem werden die Antworten aus dem Internet und von Verschwörungstheoretikern entgegentönen', schrieb Stadtanzeiger-Chefredakteur Peter Pauls in einem Kommentar." So sieht es auch Joachim Güntner in der NZZ, der sehr wohl für Differenzierung, aber gegen Relativierung eintritt.

Geschichte, 08.01.2016

Noch vor sechzig Jahren weigerte sich der BGH, den Sinti und Roma Entschädigungen für die Verbrechen der Nazis zuzugestehen und begründete dies mit rassistischen Argumenten, erinnert Christian Bommarius in der FR: "Zwar hat der BGH 1963 doch noch anerkannt, dass die Verfolgung der Sinti und Roma auch schon vor 1943 rassistische Gründe gehabt haben könnte. Damit konnten Überlebende entsprechende Entschädigungen erhalten. Allerdings stellten die Karlsruher Richter die rassistischen Gründe nun aber nur neben die weiterhin akzeptierten vermeintlich polizeilichen Erwägungen. Eine inhaltliche Distanzierung von dem 1956er Urteil war darin nicht enthalten."

Außerdem: In der FAZ erklärt der Historiker Andrii Portnov die so komplexe wie finstere Figur des ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera.

Gesellschaft, 08.01.2016

Wenn die Psychoanalyse nicht mehr so in ist, so liegt es nicht an der Analyse, sondern an den Analytikern, meint die Psychoanalytikern Angela Mauss-Hanke im Gespräch mit Edith Kresta von der taz: "Die Psychoanalyse ist seit Langem aus der Mode gekommen. Nach den prosperierenden sechziger und siebziger Jahren, wo sie auch in der Philosophie, Soziologie und kritischen Gesellschaftstheorie eine wichtige Rolle spielte, sank ihr Einfluss. Die Psychoanalytiker haben sich viel zu lange viel zu wenig eingemischt, sie haben sich gescheut, ihre Behandlungserfolge mit oft unglaublich schwierigen Patienten zu zeigen, waren zu wenig präsent im wissenschaftlichen Diskurs."

Medien, 08.01.2016

Die polnische Medienpolitik betrifft nicht nur leicht gleichzuschaltende öffentlich-rechtliche Medien, befürchtet Alex Spence in politico.eu, der mit in diesem Feld tätigen NGOs gesprochen hat: "Die Sorge betrifft auch private Publikationen und Sender, die wirtschaftlichen und politischen Druck bekommen könnten, um Kritik an der Regierung zu unterdrücken, so wie es in Ungarn gelaufen ist, sagen Analytiker. Diese Kritiker fürchten, dass Polen sehr schnell den Weg Ungarns nach unten beschreiten könnte: Staatsmedien, die nur mehr ein Sprachrohr für die Regierung sind und neutralisierte Privatmedien in der Hand wohlahbender Geschäftleute, die der Regierung nahestehen, während Journalisten durch gesetzliche Einschränkungen und politischen Druck daran gehindert werden, die Wahheit über die Macht auszusprechen."

Kenan Malik kommt ein Jahr danach nochmal auf das Charlie-Hebdo-Massaker und die weitgehende Desolidarisierung der wohlmeinenden westlichen Linken zurück - vor allem spricht er die PEN-Dissidenten an, die auf Betreiben von Glenn Greenwald ihren Widerwillen gegen einen Preis für Charlie Hebdo bekannten. Weil das Blatt angeblich Muslime beleidige. Aber "was als 'Beleidigung einer Community' bezeichnet wird, ist meist schon Gegenstand eines Streits innerhalb dieser Communities. Hunderttausende Muslime in islamischen Staaten und im Westen stellen sich gegen religiös begründete Ideen und Politik, Schriftsteller, Zeichner, Aktivisten riskieren täglich ihr Leben im Kampf für gleiche Rechte und demokratische Freiheiten. Für diese progressiven Stimmen ist die Infragestellung von Religion so wenig eine Beleidigung wie es die Infragestellung von Rassismus wäre. Und diese fortschrittlichen Leute lassen wir im Stich, wenn wir fordern, Beleidigung zu zensieren."

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