Heute in den Feuilletons "Ich war wirklich ein Gassenjunge"

In der "Zeit" veranschaulicht Adam Soboczynski das Partisanendenken von Wladimir Putin. Die "NZZ" stellt türkische Satirezeitschriften vor, die in der Krise besser arbeiten können als die regulären Medien. Und die "FAZ" präsentiert beängstigende technische Neuentwicklungen.


9punkt - Die Debattenrundschau

Europa, 20.03.2014

In einem interessanten Interview mit Katja Tichomirowa spricht der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch in der Berliner Zeitung, über die zweisprachigen Proteste auf dem Maidan, die neue Übergangsregierung und die Swoboda-Partei, die er nationalistisch, aber nicht faschistisch nennt. Erschüttert hat ihn allerdings, wie viel Verständnis für Putin auf der Leipziger Buchmesse gezeigt wurde: "Ich habe das Gefühl, dass diese Leute nichts hören wollen. Sie haben eine Meinung und ein festgefügtes Weltbild. Es ist pro-russisch und anti-westlich. Diese Tendenz unter Linken ist selbstzerstörerisch. Linke, die sich offen auf die Seite des Imperialismus stellen - das ist absurd."

Zur Frage, wie übel die Swoboda-Partei denn nun ist, gibt es gleich mehrere Texte in der taz.

Die entscheidende Grenze verläuft in der Ukraine nicht zwischen Ost und West, meint der Sozialwissenschaftler Dmytro Khutkyy im Interview mit der Zeit, sondern zwsichen Alt und Jung: "Ältere hängen stärker am russischen Erbe, das sie geprägt hat, und an der Vergangenheit. Jüngere und gebildetere Leute sind offen für die Annäherung an Europa."

Weiteres: Adam Soboczynski stößt ebenfalls in der Zeit in Putins Autobiografie auf ein Zitat, das dessen Partisanendenken schön auf den Punkt bringt: "Natürlich war ich ein Rowdy und kein Pionier ... Ich war wirklich ein Gassenjunge." Und der Kulturwissenschaftler Ulrich Schmid widerspricht ebendort dem Historiker Jörg Barberowski, der vorige Woche die Existenz einer ukrainischen Nation in Zweifel zog.

Medien, 20.03.2014

Klaus Walter erklärt im Freitag, warum es mit dem avancierten De:Bug ein Ende nehmen musste: "'Einen Fehler aufspüren und reparieren', heißt to de:bug in Computersprech. Der Fehler, den die Gründergeneration gefunden hatte, war eher eine Lücke. Zwar gab es Ende der Neunziger Magazine wie Frontpage, die sich mit elektronischer Tanzmusik beschäftigten. Die ganze Tragweite der digitalen Revolution wurde jedoch erst von De:Bug erfasst, daher der längst sprichwörtliche Untertitel: Elektronische Lebensaspekte. Edward Snowden war 14, wir lasen The Face, nicht Facebook. Ausgerechnet jetzt, da auch Netzphobiker erkennen müssen, dass dieses Internetdingens unser Leben verändert, kapitulieren die Pioniere vor der Logik des digitalen Kapitalismus. Nach dieser ist mit avancierter Pop-Kritik im Netz kein Geld zu verdienen.

Veronika Hartmann stellt in der NZZ türkische Satirezeitschriften wie die Zaytung oder LeMan vor, die in der angespannten Lage offenbar besser arbeiten können als die regulären Medien, wie ihr Tuncay Akgün von LeMan erklärt: "'Die Mainstream-Medien stehen unter totaler Kontrolle von Tayyip Erdogan. Er ist der Chefredakteur aller Medien in der Türkei', pointiert Akgün. Seiner Ansicht nach liegt darin auch der Erfolg der Satire begründet: 'Wir sind am Rande des Systems', erklärt er. Die Satiriker beobachten, was passiert, beziehen Stellung und üben Kritik - sie versuchen nicht, das Geschehen aktiv zu beeinflussen. Dennoch sind Akgün und viele seiner Kollegen für ihre Arbeit angezeigt worden. Die meisten Strafen werden spätestens vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gekippt, doch in letzter Zeit will Akgün beobachtet haben, dass Kollegen und Journalisten nicht mehr für ihre Arbeit vor Gericht gestellt werden, sondern aus an den Haaren herbeigezogenen Gründen."

Kulturpolitik, 20.03.2014

Soll der Putin-Fan und -Intimus Valery Gergiev, der die russischen Schwulengesetze als Kinderschutzmaßnahme verharmlost, Chefdirigent der Münchner Philharmoniker (und damit der bestbezahlte Angestellte der Stadt München) werden? Reinhard J. Brembeck eiert in der SZ ziemlich lange rum, bis er mit seiner Meinung herausrückt: "Die Stadt würde aus einem wohlfeilen Demokratieverständnis heraus der Demokratie einen Bärendienst erweisen. Gergiev hat nichts anderes getan, als was er seit Jahren tut, und er hat nichts Schlimmeres getan, als von seinem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch zu machen. Wer das unerträglich findet, kann seinerseits von seinem Recht auf Meinungsfreiheit Gebrauch machen und dagegen auf die Straße gehen, Leserbriefe schreiben oder im Netz gegen Gergiev mobil machen."

Überwachung, 20.03.2014

Matthias Monroy stellt in Netzpolitik das von der EU-Kommission finanzierte Programm CAPER vor (das Martin Schulz ja dann gegebenenfalls kassieren kann), das polizeiliche Datenbanken aufrüsten will: "Diese polizeilichen Daten könnten .. mit Analysesystemen verknüpft werden, die Bilder, Videos, verschiedene Sprachen und biometrische Daten verarbeiten. CAPER will diese Rasterfahndung mit Daten aus sozialen Medien anreichern. Die Suche in den verschiedenen Datenquellen soll derart vereinfacht werden, dass sie über ein simples Interface vorgenommen werden kann."

Internet, 20.03.2014

Sehr interessant fasst Gregory Ferenstein auf Techcrunch eine aktuelle amerikanische Debatte über Gesundheitsdaten zusammen, die die ganze Zwiespältigkeit des digitalen Fortschritts offenbart. Wäre es nicht großartig, wenn anonynme Daten für die medizinische Forschung zur Verfügung stünden, hat Larry Page auf einer TED-Konferenz gefragt. Und in der Tat würde medizinische Forschung und Prävention durch diese Daten erheblich verbessert, aber, so Ferenstein: "Es gibt einen Nachteil: Es wäre praktisch unmöglich unsere Privatsphäre zu schützen. 'Wir hatten immer geglaubt, dass wir Leute anonymisieren können, indem wir genug persönliche Informationen aus Datenbanken tilgen, aber unser Papier zeigt, dass diese Versrpechugnen für einen bestimmten Prozentsatz der Bevölkerung leer bleiben', schreibt John Wilbanks von Sage Bionetworks, einem Verein für medizinische Transparenz. In dem besagten Papier weisen Forscher nach, dass sie anonyme Daten namhaft machen konnten, indem sie sie mit DNA-Datenbanken abglichen und die DNA von Verwandten fanden." Mehr zu Pages Auftritt auf der TED-Konferenz auch bei Wired.

Weiteres, 20.03.2014

Moritz von Uslar hatte sich in der Zeit fest vorgenommen, beim Treffen mit Thilo Sarrazin auf etwaige Rechthabereien mit Sanftmut zu antworten. Doch ach: "Nach einer Viertelstunde Spaziergang mit Thilo Sarrazin ist die Sprache schon so hochgerüstet, dass weitersprechen, ohne an­einander Schaden zu nehmen, schwer möglich scheint. Was soll man tun? Über Eichhörnchen reden? Über Zwanziger-Jahre-Architektur? Wir passieren die Heerstraße."

Weiteres: Joachim Müller-Jung stellt in der FAZ die "Generali Hochaltrigenstudie", welche die über 85-Jährigen vom Greisen-Image befreien will: "Das Hochbetagtenkapital wächst exzeptionell. Kein Bevölkerungsanteil wächst so rapide wie jener der Hochaltrigen." Stefan Schulz stellt ebenfalls in der FAZ beängstigende technische Neuentwicklungen vor, etwa Handys, die durch intelligente "Augen" erkennen, in welchem Raum sie sind und ob ihr Besitzer noch atmet.


Efeu - Die Kulturrundschau

Film, 20.03.2014

In seinem Film "Die Frau des Polizisten" befasst sich Regisseur Philip Groening abseits der Mechanismen realistischen Erzählens und Psychologisierens mit häuslicher Gewalt, berichtet Peter Uehling in der Berliner Zeitung. Um einfache Erklärungen schert sich der Regisseur nicht: Dieser "Stil (...) schließt sich in seiner Virtuosität zu einer sehr eigenen, genuin visuellen Form zusammen. ... Im Mittelpunkt dieser Form steht der Körper der Titelheldin, der sich zunehmend mit Blutergüssen färbt. Den ersten sehen wir unvermittelt zwischen ihren Schulterblättern, als sie ihren lachenden Mann im Badezimmer launig mit der Munddusche bespritzt. Am Ende aber ist dieser Leib meist nackt und gefleckt wie der gefolterte Leib in der Passion." Für die taz hat sich Sven von Reden mit dem Regisseur unterhalten. Weitere Besprechungen gibt es in der Welt und der Zeit.

Ein frühes Opfer des Urheberrechts wurde reanimiert! In der FR freut sich Daniel Kothenschulte über die restaurierte Fassung von Volker Schlöndorffs Brecht-Verfilmung "Baal" mit Rainer Werner Fassbinder in der Hauptrolle, der jetzt zeitgleich im Kino und auf DVD erscheint. Nach seiner Erstausstrahlung 1970 moderte der Film 44 Jahre im Archiv vor sich hin, weil Brecht-Witwe Helene Weigel der Film nicht gefiel und sie weitere Aufführungen untersagte: "Nie hat man erfahren, was Helene Weigel genau gegen diese 'Baal'-Version hatte. Sollte es allein Fassbinders am jungen Brecht orientierte Selbststilisierung gewesen sein? Thomas Brasch erinnerte sich, dass sie 'Lederjacke und Zigarette im Mundwinkel' nicht gerade als Qualifikation angesehen haben soll. Oder war es Schlöndorffs wohlwollende Interpretation des Rebellen Baal als Anarchisten ohne politische Vision?"

Außerdem: In der taz empfiehlt Thomas Groh einen Abend mit Filmen von Jan Soldat in der Volksbühne. Ein Interview mit dem Regisseur, der sich mit alternativen Sexkulturen befasst, gibt es hier bei Berliner Filmfestivals. Nachrufe auf den Filmproduzent Karl Baumgartner bringen die Welt und der Tagesspiegel .

Besprochen werden Volker Koepps Dokumentarfilm "In Sarmatien" ( taz ), Dietrich Brüggemanns "Kreuzweg" ( taz ), die DVD von Walter Heynowskis und Gerhard Scheumanns 1966 entstandenen Film "Piloten im Pyjama" ( taz ), der Kriegsfilm "Lone Survivor" ( NZZ ), Felix Herngrens "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" ( Welt , Tagesspiegel , SZ), Peter Bergs Kriegsfilm "Lone Survivor" mit Mark Wahlberg ("Militärpornografie", urteilt David Steinitz in der SZ), Milo Raus "Die Moskauer Prozesse" (FAZ) und Matthew Barneys Monumental-Opern-Performance-Film "River of Fundament" (Zeit).

Musik, 20.03.2014

Im Standard stellt Karl Fluch das Grazer Punk-Blues-Duo Marta vor. Besonders die Stimme des Sängers Paul Plut hat es ihm angetan: "Es ist eine Stimme, die Durst und dessen ausschweifende Stillung vermuten lässt. Plut klingt aber nicht nur nach derlei Konsequenzen, sondern als würde er hin und wieder einfach vom Glas beißen, wenn ihn der Hunger unnötigerweise auch noch plagt. Mutter sagt, ich soll was essen: knirsch. Derlei Mutmaßungen aus dem Blauen heraus lassen bereits auf eine gewisse Härte schließen. Und so ist es. Marta ist ein harter Brocken."

In der taz unterhält sich Lisa Maucher mit Sammy Deluxe. Von der Berliner Präsentation von Diedrich Diederichsens neuem Buch "Über Pop-Musik" berichten die taz und die Welt .

Besprochen werden George Michaels neues Album "Symphonica" ( Zeit ), das neue Album von Elbow ( Standard ) und das Debütalbum der Grazer Blues-Punkband Marta ( Standard ).

Außerdem: Jens Balzers Popkolumne in der Berliner Zeitung.

Bühne, 20.03.2014

Für zwei Jahre soll die eigentlich schon pensionierte Karin Hartmann das Burgtheater leiten, meldet Barbara Villiger Heilig in der NZZ. Kein beneidenswerter Job: "Was sich seit Zutagetreten der Krise abzuzeichnen begann, bestätigte Karin Bergmann in ihrer Antrittsrede: 'Das Burgtheater ist in einer katastrophalen Situation, wie ich es mir nie hätte vorstellen können.' Was das konkret heißt, wissen wir erst Ende April, wenn endlich der Geschäftsbericht 2012/13 erscheint. Gemäß Hochrechnungen zeichnet sich aber die Insolvenz des Hauses ab: Der Verlust frisst das verbleibende Stammkapital auf."

Sachverstand und das nötige Selbstbewusstsein bringt sie jedenfalls mit für den Job, berichtet Judith Hecht in der Presse: "'Es ist okay, dass ich hier allein stehe. Ich kann das!', sagte Karin Bergmann am Mittwoch, kurz nachdem Kulturminister Josef Ostermayer sie den Medienvertretern als neue Burg-Chefin präsentiert hatte. Dass sie die künstlerische Verantwortung im Wesentlichen allein tragen werde, stellte sie damit gleich von Anfang an klar."

Für den Freitag hat sich Matthias Dell am Berliner English Theatre das Stück "Schwarz gemacht" angesehen, das sich mit Blackfacing und afrodeutscher Geschichte befasst. Es "ist, mit seiner als perspektiviertem Bilderrahmen angelegten Bühne (David L. Arsenault), als Anfang zu betrachten, die an dramatischen Wendungen nicht arme Geschichte afrodeutschen Lebens für die Bühne zu gewinnen."

Literatur, 20.03.2014

Sabine Vogel berichtet in der FR von einem verunglückten Interview mit dem dänischen Dichter Yahya Hassan (hier einige Kostproben seiner Gedichte). Tom Clancys postum veröffentlichter Roman "Command Authority" prognostiziert die Krim-Krise, meldet Hannes Stein in der Welt.

Besprochen werden unter anderem Michael Ryklins "Buch über Anna" ( Freitag ), Navid Kermanis Roman "Große Liebe" ( CulturMag ), ein Buch über die Serie "Mad Men" ( Freitag ) und Jens Harders Comic "Beta" ( Welt ).

Kunst, Ausstellungen, Architektur, 20.03.2014

Kolja Reichert (Welt) besucht Ryan Trecartin, der mit einer Reihe von Online-Videos die Internetkunst aufs Niveau bringen sowie die allgegenwärtige Beschleunigung samt Multitasking-Auflagen ästhetisch verdichten will. Auf Reichert haben sie jedenfalls schon mächtig Eindruck gemacht: Diese Filme "sind Post-Film, Post-Internet, Post-Selbstausdruck. Post-Privat, Post-Kernfamilie. Post-Pop, Post-Kulturindustrie, Post-Camp. Post-Kritik. Post-Kunst. ... Die Subversion von Konsumgesellschaft und patriarchalen Familienstrukturen verbindet Trecartin mit älteren West-Coast-Künstlern wie Paul McCarthy oder Mike Kelley oder dem 'Pope of Trash' John Waters." Hier kann man sich einige Videos ansehen.

Und Eckhard Fuhr besucht für die Welt eine Ausstellung im Rheinischen Landesmuseum über römisches Stadtleben in Südwestdeutschland. Gut ging es den Leuten damals: "Trier war in römischer Zeit die größte Stadt nördlich der Alpen, ein vitales Zentrum mediterraner Zivilisation. Die Tierkämpfe und Pferderennen sollen hier besser gewesen sein als in Rom selbst. Der vornehme Römer in Augusta Treverorum brauchte weder auf Austern vom Mittelmeer noch auf seine geliebte Fischpaste Garum zu verzichten. Mit dem Ende der römischen Herrschaft geriet Trier im Grunde bis heute in eine wenig erquickliche Randlage und muss immer wieder um Aufmerksamkeit buhlen."

Außerdem: Frédéric Schwilden berichtet in der Welt von der Transmortale in Kassel.



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