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Heute in den Feuilletons: "Kulturelle Beulenpest"

Die "Nachtkritik" empfindet den Skandal am Burgtheater als große Kulturkatastrophe. In der "Zeit" verabschiedet sich Navid Kermani vom Orient. Und in der "taz" erzählt Filmkritiker Michael Baute, was er in Moskau über die Berliner Schule lernte.

Efeu - Die Kulturrundschau

Bühne, 26.06.2014

Nach Matthias Hartmanns Entlassung, wird nun auch Georg Springer, Ex-Chef der Bundestheater-Holding von Kulturminister Josef Ostermayer freundlich und bestens versorgt zum Rücktritt 'gebeten', berichtet Thomas Miessgang in Nachtkritik und sieht in der Burgtheater-Krise nicht nur die "größte Kulturkatastrophe der Zweiten Republik" - oder die "Kulturelle Beulenpest" wie der österreichische Volksmund es formuliert, sondern schaut auch tief in die österreichische Seele: "Es ist das Wesen dieser 'Bureaukratie', das auch heute noch, über alle Systemwechsel und politischen Paradigmenumschichtungen hinweg, in den prunkvollen Palais' der Wiener Innenstadtbezirke waltet, und das zeitgenössische Leben mit seinem Mehltau bestäubt. Ein postfeudaler Lebensentwurf, der geistiges Mittelmaß mit neopompöser Grandezza morganatisch vermählt und nur seine typologische Kontur modernisiert hat." (Luca Pedronis Foto unter CC-Lizenz haben wir bei Flickr gefunden.)

Wiebke Hüster von der FAZ hat sich bei der Tanzbiennale in Venedig unter anderem Choreografien von Jérôme Bel angesehen, der sich darin mitunter mit der Amateurtanzästhetik von Youtube-Videos und Tanz-Flashmobs befasst. Eine sanft umformulierte Version ihres Berichts findet sich beim Deutschlandfunk.

Kunst, 26.06.2014

Der beim Haus der Berliner Festspiele aufgestellte Papiersoldat des russischen Künstlerkollektivs Chto Delat ist einem Brandanschlag zum Opfer gefallen, berichtet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (Bild: Berliner Festspiele). Claudia Steinberg lässt sich keine Sekunde von Jeff Koons einwickeln, den sie für die Zeit interviewt. Jörg Scheller beschreibt App Art als neue Kunstform. Kia Vahland zeigt sich in der SZ mäßig begeistert vom umgebauten Mauritshuis in Den Haag. Und Andreas Kilb befürchtet in der FAZ, dass das Haus mit dem ersehnten Ansturm der Massen bald wieder an seine Grenzen kommen könnte.

Besprochen werden die Ausstellung "Bauen und Zeigen" in der Karlsruher Kunsthalle ( Welt ), die "perfekt inszenierte" Gerhard-Richter-Ausstellung in der Fondation Beyeler ( NZZ ) und die Ausstellung "The other side of the medal: How Germany saw the First World War" des British Museums in London (FAZ).

Musik, 26.06.2014

Nach Diedrich Diederichsen in der SZ meckert nun auch Rose-Maria Gropp von der FAZ über die zur Eröffnung noch allseits gefeierte und sich regen Andrangs erfreuende David-Bowie-Schau in Berlin: Es "ist showtime, und zwar der sehr schnittigen Art. Zwar gibt es sie, die sprechenden Requisiten und Erinnerungsstücke in Vitrinen, die intelligenten Kicks in den kleinen Videos und Filmen, die ständig laufen. Doch sie sind nicht vorlaut genug, um die Massen, die in Tranchen durch das dunkle Labyrinth der ausgeklügelten Ausstellungsarchitektur geschleust werden, zu erreichen."
Außerdem: Im Freitag schreibt Jörg Augsburg über die Probleme, mit denen sich der hiesige Open-Air-Festivalbetrieb herumschlagen muss. In der SZ stellt Max Scharnigg die CDs der Woche vor, darunter das neue Album "7 Skies H3" der Flaming Lips.

Besprochen werden das neue Album "Heal" von Strand of Oaks ( Zeit ), ein Konzert der Eels ( Tagesspiegel ) und der Auftritt des All-Russian Youth Orchestra in der Berliner Philharmonie (Carsten Niemann vom Tagesspiegel wird beim "packend gespielten Finale ... im Herzen zum Russen").

Literatur, 26.06.2014

Christoph Haas spricht in der SZ mit dem Comiczeichner Jacques Tardi unter anderem über dessen Vorliebe für historische Stoffe. Der Künstler sagt: "Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich nichts, das mir wirklich gefällt; nichts, das mich träumen lässt oder aus dem Alltag entführt. ... Die heutigen Autos sehen sich alle zum Verwechseln ähnlich. Ich mag auch keine Spülmaschinen, Computer oder modernen Bürozimmer abbilden; das sind alles Objekte, die keinen Charme besitzen."

In der FR wirft Sylvia Staude einen ersten Blick auf den Auftritt Finnlands bei der Frankfurter Buchmesse. Besprochen werden die Ausstellung "100 Jahre Cranach-Presse" in der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar (die dort zu sehenden "bibliophilen Ausgaben ... gehören zu den schönsten Objekten der Buchkunst, die das zwanzigste Jahrhundert hervorgebracht hat", schwärmt Hubert Spiegel in der FAZ), Wajdi Mouawads "Anima" ( FR ) und der Briefwechsel der Jahre 2008 bis 2011 von J. M. Coetzee und Paul Auster (SZ).

Film, 26.06.2014

Michael Baute berichtet in der taz von seiner Reise nach Moskau, wo er auf Einladung des Goethe-Instituts in einer Retrospektive über die Filme der so genannten Berliner Schule sprechen sollte. Eine Erfahrung, bei der auch die Filme selbst nochmal hinzu gewannen: Kenntlich wurde ihm dabei eine Dynamik der Berliner Schule in Form "einer politischen Kritik der Imagination (bei Petzold) und einer Montage-orientierten Öffnung auf Realitätseffekte (bei Schanelec)". Diese "gewannen durch den Moskauer Kulturkampf-Kontext tatsächlich neue Konturen. Zumindest für mich markieren sie nun die Außenstellen eines reflektierten Gegenwartskinobegriffs, der es beispielsweise erlauben würde, Alternativen zum bei der Filmkritik unangemessen beliebten, transzendental-kontemplativen Kino und seiner Selbstschau zu entwerfen. Vielleicht taugt der Berliner-Schule-Begriff schließlich doch noch zu etwas."

Außerdem: Fabian Tietke empfiehlt in der taz eine Berliner Filmreihe zum Ersten Weltkrieg. Dominik Kamalzadeh spricht für die taz mit der Schauspielerin Emmanuelle Devos, die gerade in Martin Provosts "Violette" (mehr im Freitag , in der taz und in der Welt ) als Schriftstellerin Violette Leduc zu sehen ist. In der SZ porträtiert Anna Mayrhauser die Drehbuchautorin Karin Michalke, aus deren "Beste"-Reihe rund um die beiden Freundinnen Kati und Jo gerade der dritte Teil ins Kino kommt. Ein Gespräch mit dessen Regisseur Marcus H. Rosenmüller hat Martin Schwickert im Tagesspiegel geführt. David Hudson sammelt Links zum Tod von Eli Wallach. In der NZZ hat sich Geri Krebs "Vielen Dank für nichts", den neuen herrlich politisch inkorrekten Film des Regie-Duos Oliver Paulus und Stefan Hillebrand angeschaut und amüsiert sich, "wenn Spastis rebellieren".

Besprochen werden Marcus Rosenmüllers Film "Beste Chance", der damit seine Trilogie über Kati und Jo, den beiden bayerischen Freundinnen und ihren Verirrungen auf dem Weg zum Erwachsensein abschließt ( Welt ), die DVD von Richard Rushs Film "Der lange Tod des Stuntman Cameron" ( taz ), die DVD von Ingrid Anna Fischers 1983 entstandenem Dokumentarfilm "Annas Lied" ( taz ), Guido Weihermüllers Dokumentarfilm "Wechselzeiten" über Frauen beim Hamburger Triathlon ( taz ) und John Maloofs Dokumentarfilm über die Fotografin Vivian Maier (Berliner Zeitung, Zeit , taz , FAZ, Zeit, hier unsere Berlinale-Kritik).


9Punkt - Die Debattenrundschau

Überwachung, 26.06.2014

Die intensive Kooperation begann zu Zeiten der rotgrünen Regierung, halten Hans Leyendecker und Georg Mascolo in der SZ fest. Von 2004 bis 2007 zapfte der BND den Datenknoten in Frankfurt an und leitete die Rohdaten an die NSA weiter: "Der damalige SPD-Innenminister Otto Schily ermunterte die Sicherheitsbehörden, ihren amerikanischen Partnern sehr behilflich zu sein. Damals wurden von Rot und Grün datenempfindliche Abkommen und Vereinbarungen durchgewinkt."

Da der BND bekanntgegeben hat, nur ".de"-Domains aus der Überwachung auszunehmen, schlägt Netzpolitik den Bürgern, die Dienste mit anderen Endungen benutzen, vor, einen Brief an den Geheimdienst zu schreiben: "Als Besitzer der unten genannten Domain, möchte ich Sie also auffordern, den von und zu meiner privat betriebenen Domain laufenden Internetverkehr aus ihren Überwachungsmaßnahmen auszuklammern. Ich bitte Sie mir den Eingang dieser Aufforderung sowie die Umsetzung der Maßnahmen schriftlich zu bestätigen."

Internet, 26.06.2014

Die Presseverlage wollen Google durch ihren Gang zum Kartellamt zwingen, ihre Snippets nicht auszulisten und auf jeden Fall dafür zu bezahlen. Lawblogger Thomas Stadler fasst sich an den Kopf: "Was die Verlage für sich fordern, würde vielmehr eine Ungleichbehandlung gegenüber allen anderen Anbietern von Inhalten im Netz darstellen. Es ist aber nicht Aufgabe des Kartellrechts, eine Besserstellung einer einzelnen Branche herbeizuführen. Ganz im Gegenteil."

Vergessen leicht gemacht. Bisher ist die Prozedur, um bei Google unangenehme Suchergebnisse streichen zu lassen, recht umständlich. Der französische Anbieter forget.me hat das jetzt vereinfacht, berichtet Martin Weigert in Netzwertig: "Abgesehen von der netten grafischen Aufmachung, den Visualisierungen und den ausführlichen Erklärtexten zeichnet sich Forget.me auch dadurch aus, dass User nicht wie beim Google-'Löschservice' manuell die zu entfernenden Website-URLs liefern müssen. Stattdessen zeigt Forget.me eine Live-Ergebnisliste zur Suche nach dem persönlichen Namen an. Neben jedem Eintrag befindet sich eine prominent platzierte Schaltfläche 'Forget this'." Weigert findet das im übrigen problematisch: "Unsere Demokratie lebt und profitiert davon, dass sich Informationen, deren Zugänglichkeit potenziell im allgemeinen Interesse liegt, nicht einfach so aus dem öffentlichen Sichtfeld ausradieren lassen."

Während in der EU noch Lobbyarbeit gemacht wird, um ein europäisches Netz vom Internet abzukoppeln, prescht Russland schon vor und will in den nächsten Jahren eine Art Anti-Internet schaffen, berichtet Elke Windisch im Tagesspiegel: "Es soll zwar weltweit zugänglich sein, aber von Russland kontrolliert und ausschließlich von Bürgern der Russischen Föderation mit Inhalten bestückt werden."

Religion, 26.06.2014

Allah scheint es nicht so gut zu meinen mit der algerischen Nationalmannschaft - auch wenn einige Spieler beten, nachdem sie ein Tor geschossen haben. Sollten die Algerier heute weiterkommen, stellt sich das Problem des Ramadans, der am Wochenende beginnt, berichtet Huffpo.fr mit der AFP. Die Geistlichen sind gespalten: "Ein Spieler, der ein Match spielen muss, darf das Fasten brechen, meint Scheich Youssef Ayadi, Chef der Fatwa-Kommissionen im Hohen Islamischen Rat laut der Tageszeitung Chourouq. 'Es ist nicht erlaubt, das Fasten zu brechen', antwortet ihm in der selben Zeitung ein Mitglied des Verbands der Ulema, Scheich Mohamed Mekerkeb. 'Gott ist mit den Fastenden.'"

Politik, 26.06.2014

Im Tagesspiegel bezweifelt Andrea Dernbach die Statistiken der Behörden zu rechtsextremer Gewalt: "Seit Jahren zählt der Tagesspiegel-Kollege Frank Jansen die Todesopfer rechter Gewalt, und seit Jahren kommen seine Recherchen und die von bürgerschaftlichen Initiativen zu einem deutlich anderen Resultat als die Behörden. Die verzeichneten seit der Wiedervereinigung 63 Tote, tatsächlich waren es, Stand Januar, 152 Menschen, die durch Rechtsextreme ihr Leben verloren."

Die türkische Autorin Elif Shafak erklärt in der SZ, wie das Regime Recep Tayyip Erdogans funktioniert: "Wir haben heute keine liberale, pluralistische Demokratie in der Türkei, sondern vielmehr eine Kultur der selbstlaufenden Majorisierung. In dieser Kultur gilt die Tatsache, mehr Stimmen als der andere erhalten zu haben, als legitimer Grund, ein zunehmend autoritäres Regiment zu führen. Es ist nicht gut, wenn jemand in der Türkei zu viel Macht hat."

Im Aufmacher des Zeit-Feuilletons schwärmt Navid Kermani auf anderhalb Seiten von der Gastfreundlichkeit und Toleranz in Syrien, das er 1989 - genau zwischen dem ersten und zweiten Golfkrieg - bereiste, und bedauert die Radikalisierung der Region, an der die üblichen Verdächtigen schuld sind: "Das Land wurde zum Schauplatz des Stellvertreterkrieges zwischen dem Iran und den Golfstaaten, die wiederum mit Russland respektive Amerika verbündet sind. So lebte der alte Ost-West-Konflikt im Nahen Osten entlang der Grenzen von Sunniten und Schiiten neu auf."

Außerdem: In der Zeit kritisiert der BGH-Richter Thomas Fischer empört das neue Gesetz gegen politische Korruption, das "in der Substanz" wenig biete: "Dazu verbergen sich im Wortlaut zu viel offenkundig abgründige Vorbehalte, turmhohe Strafbarkeitsschwellen und geradezu planmäßig wirkende Beweisschwierigkeiten. Die nachdrücklichen Einwände, die mehrere der Sachverständigen gegen die Wirksamkeit der neuen Regelung erhoben hatten, blieben sämtlich unberücksichtigt." Das Zeit-Dossier beschäftigt sich mit dem geplanten Freihandelsabkommen mit den USA.

Europa, 26.06.2014

Im Interview mit Zeit online fordert der französische Ökonom Thomas Piketty eine Reform der EU, um endlich effektiv den ruinösen Steuerwettbewerb innerhalb der Gemeinschaft beenden zu können: "Europa muss demokratischer werden. Der Ecofin-Rat und der Europäische Rat der Staats- und Regierungschefs sind keine demokratischen Institutionen. Ein Land wie Deutschland mit 80 Millionen Einwohnern kann nicht nur mit einer Stimme im Ministerrat repräsentiert werden. Wir leben in der Illusion, dass unser EU-Parlament, der Ministerrat, die EU-Kommission funktionierende Institutionen sind. Das ist aber nicht wahr. Die politische Architektur der EU ist ein Monster."

Im Zeit-Feuilleton sieht das der ehemalige Verfassungsrichter Dieter Grimm anders. Für ihn wäre die EU weniger demokratisch, bekäme das Parlament mehr Gewicht. Denn im EU-Parlament bestimmen nicht die gewählten Parteien, sondern "lockere Zusammenschlüsse ideologisch verwandter Parteien, die nicht in der Gesellschaft verwurzelt sind. Die nationalen Parteien kandidieren bei der Wahl, bestimmen aber nicht den Parlamentsbetrieb. Die europäischen Parteien bestimmen den Parlamentsbetrieb, stehen aber nicht zur Wahl. Die Verbindung zwischen Wählerauftrag und Verantwortlichkeit, die die Wahl erst folgenreich macht, ist in Europa unterbrochen." Daher, so Grimm, ist der Europarat das demokratisch noch am ehesten legitimierte Organ der EU.

In der FAZ bekräftigt Heinrich August Winkler die Westbindung Deutschlands im Rahmen der EU. Und der Anglist Elmar Schenkel erzählt von seinen Begegnungen bei einer Russlandreise und stellt fest: "Das imperiale russische Denken mag die Politiker beflügeln, dem Einzelnen ist es weitgehend egal."

Weiteres, 26.06.2014

Im Tagesspiegel berichtet Bernhard Schulz, dass sich die Lobbyorganisation der deutschen Kulturinstitutionen, der Kulturrat, gegen das Freihandelsabkommen TTIP mit den USA wendet und eine Neuverhandlung fordert. Stefan Kornelius erklärt in der SZ, "warum uns der Erste Weltkrieg nicht loslässt". Sonja Zekri schreibt ebendort über Zensur im ägyptischen Fernsehen.

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