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Heute in den Feuilletons: "Eine Pionierin der neuen Freiverfügbarkeit"

Die "Zeit" feiert die Künstlerin Britta Thie als ortlose Meisterin der Ungezwungenheit. Die "Frankfurter Rundschau" durchstreift die Geschichte der Weltkarten. Alle deutschen Medien trauern um Roger Willemsen.

Efeu - Die Kulturrundschau

Kunst, 09.02.2016

Wenn Britta Thie im Kunstverein Göttingen ausgestellt wird, ist das eigentlich fast schon paradox, meint Hanno Rauterberg in seinem von der Zeit online nachgereichten Porträt der Künstlerin, die ansonsten für ihre Werke auf die Flüchtigkeit und Ortlosigkeit sozialer Netzwerke setzt: "Thie ist eine Pionierin der neuen Freiverfügbarkeit. Zwangsläufig fremdelt sie denn auch mit dem Kunstverein: Da müssen Bilder festgedübelt werden, da ist Verbindlichkeit gefragt, auch wenn Thie viele Werke möglichst beiläufig inszeniert, sie von der Decke baumeln lässt, Kabel und Stecker über den Fußboden verstreut, dazwischen eine Palme abstellt, eine Nana wie von Niki de Saint Phalle, bunte Kinderträume aus Pappmaschee. Wie man den Regeln folgt, ohne sie einzuhalten, wie man inmitten der Zwänge sich Ungezwungenheit bewahrt, davon scheint die Ausstellung schon in ihrer Form zu erzählen."

In der FR führt Arno Widmann durch die Geschichte der Weltkarten, bis sein Kopf explodiert: "Karten bilden nicht ab. Sie erklären. Sie zeigen dem Betrachter, wie die Welt funktioniert. Ein schönes Beispiel dafür ist eine Weltkarte aus der Schedelschen Weltchronik von 1493. Im Zentrum das Universum, in dessen Mitte die Erde steht, wie auf der babylonischen Weltkarte von Wasser umkreist, dann eine Luft-, danach eine Feuersphäre, dann kommen die Sphären von Planeten und Sonne. Insgesamt sind es bei Schedel 13 Sphären. Um die herum weitet sich die Welt und wir sind im Emyreum."

Hans-Joachim Müller hat in der Welt noch gar nicht verwunden, wie einhellig Dada in der vorigen Woche gefeiert wurde, selbst die Zürcher kamen alle brav im Kostüm zum Dada-Ball: "Irgendwann ist jede Attacke vergessen und alle Kampfrhetorik zum Partygespräch besänftigt." Auch im Standard blickt Anne-Katrin Fessler erst jetzt auf die Schweizerischen Dada-Feierlichkeiten.

Weiteres: Für die FAZ spricht Julia Voss mit Philipp Demandt über Caroline Barduas Porträt von Caspar David Friedrich, das seit kurzem wieder in der Alten Nationalgalerie in Berlin hängt.

Musik, 09.02.2016

Jan Kedves staunt in der SZ, wie es Beyoncé gelungen ist, ihren neuen Song "Formation" in die Halbzeit des Superbowl-Finales, dem zentralen Fernseh-Großereignis in den USA, zu bugsieren. Denn das Stück sei alles andere als gefälliger Mainstream: "Nicht nur voller selbstbewusster Statements zum Frau-Sein, Schwarz-Sein, Eine-schwarze-Frau-Sein und Eine-schwarze-Frau-aus dem-Süden-der-USA-Sein ... Mit Samples der aus New Orleans stammenden queeren Underground-Rapperin Big Freedia ist der Track zudem auch ein eindrucksvoll unmissverständliches Statement gegen genormte Sexualität und die allgemeine Homophobie, nicht zuletzt übrigens auch die der schwarzen Musik."

Für die taz resümiert Philipp Rhensius die Club Transmediale, bei der sich eindrücklich zeigte, "dass Musik mehr als Unterhaltung ist, sondern ein Container von Informationen, eine kulturelle Wegekreuzung, ein Provokateur der Sinne, des Intellekts, des Körpers, ein sozialer Klebstoff, und ja, auch ein politischer Akteur."

Weiteres: In der taz stellt Andreas Hartmann das Vinylsingle-Label Troglodyt vor. Im Tagesspiegel spricht Johannes Schneider mit der Liedermacherin Dota. Für die FAZ hat Kornelius Friz den 8. Popkongress der Universität Hildesheim besucht. Karl Bruckmaier schreibt zum Tod von Dan Hicks. In der FAZ berichtet Eleonore Büning vom Klassik-Nachwuchsfestival "Rising Stars" in Karlsruhe.

Besprochen werden das neue Album von Porches ( Pitchfork ), ein Konzert der Libertines ( Berliner Zeitung , Tagesspiegel ), ein Konzert des Frankfurter Museumsorchesters ( FR ), ein Konzert von Floating Points ( Tagesspiegel ) und das Konzert von Pauline Oliveros bei der Club Transmediale (SZ).

Film, 09.02.2016

Im Interview mit dem Freitag erzählt Moritz Springer von seinem Dokumentarfilm über anarchistische Projekte,
zu dem ihn der inzwischen verstorbene Anarchist Horst Stowasser inspiriert hat: "Stowasser war ein extrem lebensfroher Mensch, der Zigarre geraucht und Rotwein getrunken hat. Das fand ich gut. Die Lebensqualität sollte bei der Revolution nicht verloren gehen."

Weiteres: Daniela Pogade porträtiert in der Berliner Zeitung Berlinale-Jurypräsidentin Meryl Streep. Besprochen werden Michael Krummenmachers "Sibylle" ( taz ) und die Superhelden-Komödie "Deadpool" ( ZeitOnline ).

Bühne, 09.02.2016

In der Berliner Akademie der Künste wurde über das Theater in Iran diskutiert - leider meist ziemlich unkonkret, berichtet Christine Wahl im Tagesspiegel.

Besprochen werden Rafael Sanchez' Kölner Inszenierung von "Troilus und Cressida" (SZ) und Adriana Altaras Inszenierung von Verdis "Maskenball" am Theater Bern ( NZZ ).

Literatur, 09.02.2016

Thomas Bernhard wäre heute 85 Jahre alt geworden. Im Kurier empfiehlt Philip Wilhelmer zur Erinnerung einen Gang ins Kunsthistorische Museum: "In seinem Roman 'Alte Meister' (1985) zerlegte er die Gemäldegalerie des ehrwürdigen Hauses nach Strich und Faden. Hauptfigur Reger, ein Musikkritiker, den drei Jahrzehnte lang regelmäßige Besuche in das Museum trieben, fand eigentlich alles abscheulich, was die Habsburger aus der Renaissance zusammengesammelt hatten. Einzige Ausnahme: Der 'Weißbärtige Mann' von Tintoretto. Vor dem Bildnis saß Reger, las Reger, sinnierte Reger und fand alles andere abscheulich. Sogar seine Frau lernte er dort kennen. Unter den 'Ausgesuchten Meisterwerken' auf der KHM-Website findet sich das Bildnis nicht. Was für eine Kränkung."

Weitere Artikel: Als Streiterin gegen die Unsichtbarkeit Indonesiens preist Tash Aw im TLS die Schriftstellerin Leila Chudori, deren Roman über die Verfolgung der Opposition unter Suharto auf Englisch jetzt als "Home" erscheint. Die deutsche Ausgabe "Pulang" war auch schon sehr gelobt worden. In seinem Blog dokumentiert der Merkur ein Gespräch zwischen Jakob Nolte und Wolfgang Hottner über Noltes Roman "ALFF".

Besprochen werden Hallgrimur Helgasons Roman "Seekrank in München" ( NZZ ), Eugene McCabes "Die Welt ist immer noch schön" ( NZZ ), Hans Platzgumers Grenz- und Enderfahrungsroman "Am Rand" ( Standard ), Jeong Yu-jeongs Thriller "Sieben Jahre Nacht" ( FR ), Michael Köhlmeiers "Das Mädchen mit dem Fingerhut" ( Tagesspiegel ), Janko Markleins Debüt "Florian Berg ist sterblich" ( Tagesspiegel ), Adam Johnsons "Nirvana" ( taz ), Matthew Bells nur 1000 Seiten schlanke Auswahl "The Essential Goethe" ( Zeit ) und Andor Endre Gelléris "Die Großwäscherei" (FAZ).

Mehr aus dem literarischen Leben im Netz in Lit21, unserem fortlaufend aktualisierten Metablog.


9Punkt - Die Debattenrundschau

Europa, 09.02.2016

Regelrecht empört ist Nick Cohen im Standpoint, dass sich kein britischer Verleger traute, Caroline Fourests "Lob der Blasphemie" - in Frankreich ein Bestseller - zu veröffentlichen: "Fourest hatte den Verlegern die englische Übersetzung kostenlos angeboten - dann kam die IS-Attacke auf Paris im November. Die Aktualität des Buchs stand also außer Zweifel. Normalerweise wollen Verleger Aktualität, aber ihre Weigerung, Fourest zu drucken, zeigt, dass es auch zu aktuell sein kann, zumal wenn diese Aktualität in Verlegern die paranoide Furcht auslöst, Männer in Balaclavas könnten in ihren Büros aufkreuzen. All diese Bekundungen, dass man Charlie sei, haben sich in ebensoviele Lügen verwandelt, die sie wohl immer schon waren. Der Mord an den Journalisten von Charlie Hebdo verstärkte die stille Entschlossenheit der Verleger im Wesen, niemals Charlie sein zu wollen." Hat sich eigentlich ein Verleger in Deutschland gefunden?

Guy Verhofstadt, Europaparlamentarier und ehemaliger belgischer Premier, und der deutsche EU-Parlamentarier Michael Theurer plädieren in der FR in der Flüchtlingsfrage für eine große europäische Lösung. Alles andere sei Illusion: "Wir erleben das Versagen der EU-Staaten, die die nationale Souveränität wie eine Monstranz vor sich hertragen, wo eine beherzte europäische Lösung erforderlich wäre. Oder glaubt wirklich jemand ernsthaft, dass ein kleines Land wie Slowenien ohne EU mit dem Flüchtlingszustrom besser zurecht käme, wenn schon ein großes Land wie Deutschland an die Grenzen der Leistungsfähigkeit kommt? " Die wesentlichen Vorschläge der beiden: Die EU-Kommission soll vorübergehend mehr Vollmachten bekommen, die Krise zu managen, Frontex soll zu einem Europäischen Küsten- und Grenzschutz ausgebaut werden, die drei Milliarden für die Türkei sollen besser direkt an Flüchtlingscamps nahe Syrien gehen und schließlich sollen sich die EU-Mitglieder auf eine faire Verteilung der Flüchtlinge einigen: "Anschließend würden Asylanträge an die EU gerichtet, nicht mehr an einzelne Länder."

Politik, 09.02.2016

Interessante Gedanken macht sich Tim Parks bei politico.eu über Dynamiken des Populismus: "Wenn ein scheinbar unmöglicher Kandidat riesige Zustimmung erzielt - wie Jeremy Corbyn in UK, Beppe Grillo in Italien, Donald Trump in den USA - dann dürfte es an Charakterzügen liegen, die normalerweise in politischen Debatten unterdrückt werden, an etwas, das die Leute hochschätzen, das aber normalerweise verborgen wird. Nicht alle Länder sind gleich. Trump würde in England nicht ankommen, Corbyn käme in den USA nicht mal auf den Radar, Grillo würde überall außerhalb Italiens ausgelacht. Es kommt auf die Werte einer Gesellschaft an, genauer darauf, welche Werte normalerweise als unangemessen für die Ausübung der Macht angesehen werden."

Internet, 09.02.2016

Bei Boingboing erzählt John Perry Barlow, wie er vor zwanzig Jahren am Rande des Davoser Wirtschaftsforums, wohin er als Abgesandter dieses seltsamen Internets eingeladen war, seine berühmte "Declaration of the Independence of Cyberspace" schrieb, in der er die hierarchielose Demokratie des Netzes feierte: "Ich gebe zu, ich komme aus Wyoming, wo ungeschriebene Gesetze ganz gut zu funktionieren scheinen, darum war ich empfänglich für die Idee, dass solche 'organischen' Methoden der Selbstregulierung in der Abwesenheit glaubhafter Gesetze entstehen könnten. Bis zu einem gewissen Grad sind sie auch entstanden. Meistens aber nicht. Als das ganze Menschengeschlecht online ging, auch die Bösen unter uns, war es naiv von mir zu glauben, dass der russische Mob (oder die russische Regierung) sehr viel auf Konsenssysteme im Namen der Allgemeinheit geben würde."

Sehr amüsiert hat sich Ben Kaden in dem Blog Libreas über die vom Slawisten Urs Heftrich getroffene Diagnose, dass Open Access alles kaputt mache "die Verlage, die Bücher, die Wissenschaft" (unser Resümee): "Urs Heftrich, der seine Bücher unter anderem beim Hanser Verlag und in der Deutschen Verlagsanstalt publiziert..., ist damit keineswegs repräsentativ für die Wissenschaftswelt und, auch das muss man anmerken, nun überhaupt keine Zielgruppe für Open-Access-Verlage. Das sind eher die Leute, die zwei Jahre warten müssen, bis ihr bis aufs letzte Komma eigenformatiertes Manuskript als Titel einer einstmals vielleicht als qualitätsvoll verankerten Reihe in einem osteuropäischen Laserdruckzentrum klebegebunden wird und ungeachtet des ein paar Tausend Euro starken Druckkostenzuschusses für 99,95 Euro deutschen Bibliotheken aufgedrängelt wird."

Weiteres: Adrian Lobe fragt in der FAZ, ob es wirklich so viel besser wäre, wenn es "nach dem Willen Googles" ginge und Passwörter durch biometrische Daten ersetzt würden. In der SZ-Serie zu Künstlicher Intelligenz fragt Andrej Zwitter, Professor für Internationale Beziehungen und Ethik an der Universität Groningen, was geschieht, wenn Maschinen Entscheidungen übernehmen.

Religion, 09.02.2016

In krassen Worten greift der alte linke Säkularist Paolo Flores d'Arcais in Micromega die Priester der katholischen Kirche als die "neuen Sadisten des Glaubens" an: "Die UNO hat alle Regierungen der Länder, in denen die Zika-Epidemie wütet, gebeten, Abtreibungen aus medizinischen Gründungen zu gestatten. Das ist wirklich das mindeste. Einmal erfüllen die oft so überflüssigen Vereinten Nationen die Pflicht, für die man sie einst erschuf. Aber die brasilianische Bischofskonferenz hat schon nein gesagt, das Leben ist heilig, wie weit die Missbildungen und Leiden auch immer gehen mögen..."

Ob die Mikrozephalie tatsächlich vom Zika-Virus ausgelöst wird, ist zwar noch unklar, aber eine Häufung der Fälle wird in Brasilien und anderen Ländern Südamerikas beobachtet (wenn auch noch nicht alle Fälle verifiziert sind), berichtet Ilpost.it. Abtreibungen würden in der Tat in den meisten Ländern Südamerikas schwierig: In Kolumbien etwa "sind Abtreibungsklinken kaum zugänglich..., und die illegalen Abtreibungen sind nach wie vor weit verbreitet (etwa 450.000 im Jahr, die illegale Abtreibung ist eine Hauptursachen der Mortalität schwangerer Frauen, sagt Human Rights Watch). In vielen anderen Ländern Südamerikas, in denen sich das Zika-Virus schnell verbreitet, ist Abtreibung illegal oder sehr stark limitiert." Der Guardian liefert Hintergrundinformationen und eine Karte zum Thema Abtreibung in Südamerika.

Medien, 09.02.2016

Roger Willemsen ist im Alter von nur sechzig Jahren gestorben. Jan Feddersen würdigt ihn in der taz nicht ganz ohne Distanz: "Willemsen war ein Idol der bildungsbürgerlichen Kreise, er schaffte es, diesen das Gefühl zu geben, Fernsehen könne ein Medium des gehobenen Anspruchs und des guten Geschmacks sein."

Vielleicht auch, weil er durchaus am Anspruch festhielt, meint Arno Widmann in der FR: "Dass jemand unter sein Niveau ging, um einen Geschmack zu bedienen, der nicht der seine war - dergleichen gab es nicht bei Roger Willemsen. Er machte keine Sendung, die er Scheiße fand, nur weil ihm die Einschaltquoten sagten: Die Menschen fressen Scheiße. Als er den Eindruck gewann, die Dinge könnten sich in diese Richtung entwickeln, sagte er Ciao."

Weitere Nachrufe von Tilman Spreckelsen ( FAZ ), Lothar Müller ( Sueddeutsche.de ), Willi Winkler (SZ), Sascha Lobo (Facebook), Wolfgang Tischer ( Literaturcafé ).

Jahrelang hat der Umblätterer die angeblich besten Feuilleton-Artikel des Jahres ausgezeichnet, 2015 zum letzten Mal. Jetzt bringt Frank Fischer eine kleine Statistik über diese Auszeichnungen.

Wissenschaft, 09.02.2016

Der Physiker Marco Wehr schimpft in der FAZ über Daten- und Netzeuphoriker, die in Magazinen wie Wired wissenschaftliche Methoden herunterreden: "Nicht nur die Theorie wird gemeuchelt, auch dem ehrwürdigen Experiment, der tragenden Säule wissenschaftlicher Erkenntnis, geht es an den Kragen."

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