Heute in den Feuilletons "Dann sind wir in der DDR"

Die "FAZ" erkundet neue Formen von Gegenwartspoesie im Netz. Die "NZZ" bewundert antike Mode. "Zeit Online" will aus dem Theater keine Reparaturwerkstatt der Gesellschaft machen. Der "Guardian" stellt die Pionierinnen der Filmindustrie vor.


Efeu - Die Kulturrundschau

Musik, 09.03.2016

George Martin, der große Produzent und fünfte Beatle ist tot, wie unter anderem der Guardian meldet. Er erinnert auch daran, wie Martin die Beatles unter Vertrag nahm, als niemand sie produzieren wollte, und ihnen 1962 das Studio in der Abbey Road öffnete: "Martin took to their humour - George Harrison told him: 'I don't like your tie for a start' when Martin asked him if they disliked anything about the set up."

Auf SlippedDisc schreibt Norman Lebrecht: "Ich habe ihn zweimal interviewt, als Mensch war er ruhig, bescheiden, diskret, ein Familienmensch. Er trug Krawatte. Es vermittelte stets den Eindruck, dass er nie einen zweiten Drink nahm, von Drogen ganz zu schweigen."

Weiteres: Thunderstruck? In der SZ meldet Jens-Christian Rabe, dass AC/DC-Sänger Brian Johnson der Verlust seines Hörvermögens droht.

Bühne, 09.03.2016

In der FR resümiert Sylvia Staude die 12. Tanzplattform Deutschland, die diesmal in Frankfurt stattgefunden hat: "Sollte die Tanzplattform wenigstens ein kleines Abbild aktueller Entwicklungen im Tanz sein, so scheint es durchaus noch (wieder?) um eine Forschung am Körper und an der Bewegung zu gehen. Freilich nicht im Sinne des Erstellens einer Bewegungspartitur für ein Ensemble, sondern einer Individualisierung des Stils, eines Hineinhorchens in sich selbst."

Auch angesichts der Belastungen der Kommunen durch die gestiegenen Aufwendungen für Flüchtlinge sehen sich die Subventionstheater gesteigertem Rechtfertigungsdruck ausgesetzt, bedauert Volker Hagedorn auf ZeitOnline: Dem begegnen sie mit Inszenierungen, die konkret auf die Tagespolitik zurückgreifen, doch "wenn aber das Theater unentwegt seine Relevanz im Bezug auf politische Gegenwart nachweisen muss, dann verliert es seine Freiheit, dann sind wir in der DDR. Es ist eben keine Reparaturwerkstatt der Gesellschaft, sondern ein Ort ihres unmittelbaren Zu-sich-Kommens und ihrer Identität, der kommunalen wie der kulturhistorischen, und es ist, ja doch, kulturelles Erbe."

In der NZZ räumt Marco Frei gern ein, dass Zubin Mehta und Johannes Erath aus Verdis "Maskenball" an der Bayerischen Staatsoper ein großes Sängerfest machen, doch das reicht ihm nicht: "Wo sich Inszenierungen ein modernes Gewand geben, ohne den Opernstoff entsprechend zeitgemäß zu befragen, regiert schnell der Kitsch des Regietheaters."

Besprochen werden außerdem Yuval Sharons Inszenierung von Peter Eötvös' "Drei Schwestern" an der Wiener Staatsoper (Sonderklasse!, meint Manuel Brug in der ( Welt ) und Josua Rösings Lenz-Adaption "Das Feuerschiff" am Deutschen Theater Berlin ( Tagesspiegel , SZ).

Literatur, 09.03.2016

Für das Netz konnte sich die Lyrik rasch begeistern, mit E-Books allerdings fremdelt sie, beobachtet Elke Heinemann in ihrer E-Lektüren-Kolumne für die FAZ. Der Grund liege darin, dass die flexible Textdarstellung in E-Books sich für die Lyrik und das für diese so wichtige, festgelegte Schriftbild als ungünstig erweist. Beim Verlagshaus Berlin versucht man sich an einem neuen Gestaltungskonzept für Gegenwartspoesie: Die Edition Binaer ist "mit einem eigens vom Verlag entwickelten mattgrauen Zeichensatz ausgestattet, dem sogenannten Lyrik-Code. Er zeigt die Struktur der durchgängig im Fließtext präsentierten Gedichte an: Ein Zeilenumbruch wird durch das Lyrik-Code-Zeichen ¡ ersetzt, ein Einzug durch das Zeichen ¬, ein Leerzeichen durch das Zeichen -, und vor zwei Zeilenumbrüchen steht jeweils das Zusatzzeichen ··."

Weiteres: Im Freitag erinnert Konstantin Ulmer an den Berliner Schriftsteller und Zecher Robert Wolfgang Schnell, der gestern 100 Jahre alt geworden wäre.

Besprochen werden Michail Ossorgins "Eine Straße in Moskau" ( taz ), Roland Schimmelpfennigs Romandebüt "An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts" ( FR ) und Jochen Schmidts Erzählband "Der Wächter von Pankow" ( ZeitOnline ).

Film, 09.03.2016

Bereits in Cannes wurde László Nemes' Auschwitz-Drama "Son of Saul" heftig diskutiert. Bei der Oscarverleihung wurde er als "bester fremdsprachiger Film" ausgezeichnet. Kommenden Donnerstag läuft der Film nun in Deutschland an. Insbesondere sein ästhetisches Konzept beschäftigt die Kritik: Nemes filmt unter großzügigem Einsatz von Unschärfebereichen und im gedrängten 4:3-Format, um einer Ikonisierung des Schreckens vorzubeugen: Nichts soll "der Hybris spekulativer Ausstellung verdächtig sein", schreibt dazu Jan Schulz-Ojala im Tagesspiegel. "Andererseits nimmt der Film den Gruseleffekt der Andeutung gerne mit. Zeigen und nicht zeigen gleichzeitig: Auch 'Son of Saul' gelingt es nicht, dieses Paradox aufzulösen. Selbst die dramatische Struktur erweist sich bei genauerem Hinsehen als verblüffend konventionell, ja, fast an den Erzählmustern des Actionfilms angelehnt ... Eine Geisterbahnfahrt ist 'Son of Saul', mit fragwürdigem Schauder."

Verena Lueken reagiert in der FAZ dagegen richtig sauer: Sie hält Nemes' Vorgehensweise für "eine sensationelle Eitelkeit. Während er die Bilder meidet, erlegt sich Nemes beim Ton keinerlei Hemmungen auf. Und zeigt damit, dass er das Bilderverbot nicht wirklich verstanden hat. Denn keine Bilder, das hieß doch, so lange es galt: die existentielle Leere auszuhalten, die Auschwitz ist. Eben kein Ort für Geschichten, wie das Kino sie erzählt oder der Roman. In 'Son of Saul' müssen wir, was wir nicht sehen, hören. Schreie, Röcheln, Trommeln, Treten gegen die Wände. Ohrenbetäubend."

In der Welt verteidigt Hannes Stein vehement den Film: "Das ist nicht obszön. Denn so war es ja wirklich." In der SZ hält Susan Vahabzadeh den Film für symptomatisch, was den Fetisch Authentizität des Gegenwartskinos betrifft. Außerdem hat die FAS Johanna Adorjáns Gespräch mit dem Regisseur online nachgereicht.

Pamela Hutchinson stellt im Guardian ein sehr schönes Portal vor: Die Seite Women Film Pioneers versammelt Künstlerinnen, die vor allem in den ersten Jahrzehnten der Filmindustrie erfolgreich als Regisseurinnen und Produzentinnen arbeiteten, darunter Alice Guy Blaché, Lois Weber, Lotte Reiniger, Dorothy Arzner und Mary Pickford. Aber ach: "Als 1927 der Tonfilm aufkam, riet Lois Weber jungen Frauen, die ihr Glück als Regisseurinnen machen wollten, in weiser Voraussicht: 'Lasst es bleiben, Ihr habt keine Chance.' Von dem Moment an sollte ihr eigenes Studio, Universal, das in den Zehnerjahren so viele Frauen beschäftigte, bis 1982 keine einzige Regisseurin mehr nennen, bis Amy Heckerling 'Fast Times at Ridgemont High' drehte." Ein Dossier zum Thema gibt es auch bei Women and the Silent Screen.



Weiteres: Christian Meyer staunt auf ZeitOnline über den Formreichtum und Radikalität der philippinischen Kinoavantgarde. In der taz berichtet Stefan Hochgesand von einem Gespräch mit dem Produzenten Artur Brauner, der dem Jüdischen Museum Berlin rund zwanzig seiner Filme geschenkt hat. Für die SZ spricht Jens-Christian Rabe mit dem österreichischen Serienautor und -regisseur David Schalko unter anderem über Humor. Besprochen wird Vitaly Manskys Dokumentarfilm "Im Strahl der Sonne" über Nordkorea ( taz ).

Kunst, 09.03.2016

Für die FR spricht Marie-Sophie Adeoso mit dem ugandischen Künstler George Kyeyune über dessen Forschungsarbeit über ugandische Kunst der Moderne am Frankfurter Museum Weltkulturen, wo er die Sammlung Jochen Schneider durchsieht: "Ich betrachte die Sammlung als Ganzes, hinterfrage aber auch, warum manche Künstler mehr gesammelt wurden als andere. Hat das mit persönlicher Vorliebe zu tun? Oder handelt es sich bloß um jene Künstler, die damals am verfügbarsten waren? Außerdem interessiert mich die Tiefe, mit der manche Künstler ihre Zeit analysiert und durchdacht haben, erfinderisch und experimentierfreudig waren. Francis Nnaggenda ist ein gutes Beispiel, weil er mit ungewöhnlichen Materialien und in einer sehr schweren Zeit gearbeitet und trotzdem nicht die Kritik an den Regierenden gescheut hat."

Mit großem Gewinn hat Bernhard Schulz vom Tagesspiegel im Frankfurter Städel die Ausstellung über den Florentiner Manierismus besucht: "Gekonnt lässig zu sein und mit den Regeln zu spielen, nebenbei auch den Konventionen religiöser Kunst, das ist die eine Seite des Florentiner Manierismus", lautet sein Fazit. "Die andere ist die glasharte Umsetzung ideologischer Vorgaben. Dies hier ist Kunst im Dienste von Macht und Geld, keine Frage; aber zugleich deren subversive Kritik. Florenz ist auch im kriegsgesättigten 16. Jahrhundert ein eigener Kosmos, der nichts als Staunen macht."

Weiteres: In der SZ meldet Bernd Graff, dass der Street-Artist Banksy mal wieder und diesmal im Rahmen einer Studie unter Einsatz von Geo-Profiling enttarnt worden sein könnte. In der FAZ gratuliert Andreas Platthaus dem Zeichner Peter von Tresckow zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Michaela Meliáns Installation "Electric Ladyland" im Kunstbau München ( SZ ), die große Hieronymus-Bosch-Schau in 's-Hertogenbosch ( Tagesspiegel ), eine Ausstellung von Susan Meiselas Reportagefotografien im Fotografie Forum in Frankfurt (FAZ), Monika Baers "Große Spritztour" im Museum Abteiberg in Mönchengladbach (FAZ), Heinz Georg Helds Essays "Die Leichtigkeit der Pinsel und Federn: Italienische Kunstgespräche der Renaissance" (SZ) und neue Bücher über Hildebrand Gurlitt (FAZ).

Design, 09.03.2016

Richtig aufregend findet Hans-Albrecht Koch, was Klaus Junker und Sina Tauchert in ihrem Band "Helenas Töchter" über Frauenmode in der griechischen Antike zusammentragen: "Der Band schließt mit einem Blick auf die Frauenkleidung des fünften Jahrhunderts v. Chr., der klassischen Zeit also, in der die Dramatiker die großen Frauengestalten des Mythos auf die Bühne bringen, eine Antigone oder eine Elektra, die nachsinnend den Weg des ihnen zugeteilten Leidens gehen. Das Schlusskapitel erläutert an der Marmorstatue 'Sinnende Athena', einem der berühmtesten Stücke aus dem Akropolismuseum, wie in der klassischen Zeit der Peplos, eine Art Tunika, in die Mode zurückgekehrt ist, die auch damals schon ein Spiel mit Déjà-vu-Effekten war. Der Fall der Falten, Gürtung und Überschlag legen nahe, dass es sich um die realistische Wiedergabe des getragenen Gewands handelt." (Foto: Athena in Peplos mit kurzem Überschlag. Um 460 v. Chr. Olympia, Museum: Zeus-Tempel - Metope.)


9Punkt - Die Debattenrundschau

Europa, 09.03.2016

Dmitry Okrest konnte ein paar Briefe tauschen mit dem russischen Künstler Pjotr Pawlenski, der seit einiger Zeit im Gefängnis sitzt, weil er in einer Kunstaktion die Tür des Geheimdienstes FSB angezündet hat. Jetzt sitzt er in Butyrka, dem ältesten Gefängnis Moskaus und wartet auf eine Anklage wegen Vandalismus, erzählt Okrest in Open Democracy. "'Man ist hier umgeben von derselben Art Menschen, die man in Russland überall treffen kann', sagt Pawlenski als ich ihn über Butyrka befrage. 'Gefängnis ist ein Teil des sozialen Verteilungssystems, mit einem Strom von Menschen, die permanent hindurchfließen - der selbe Strom, der durch Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, Fabriken und Supermärkte fließt. [...] Es gibt viele arme Kerle, die im Justizsystem gefangen sind udn langsam von ihm gebrochen werden, indem sie gezwungen werden, Zeichen von Reue und Unterwerfung zu zeigen. Mit anderen Worten, dem Paradigma des Strafrechts beizupflichten. Aber je mehr man dem Strafrecht gibt, umso hungriger wird es. Es expandiert in alle Richtungen und fordert immer mehr Futter, um zu überleben. Und jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er sich als Futter für das Monster anbieten will oder nicht.'"

Seit den Wahlen 2012 ist es für russische Künstler schwer geworden, bestätigt im Interview mit dem Standard Marina Davydova, Festivalleiterin und Journalistin, die das Schauspielprogramm der diesjährigen Wiener Festwochen verantwortet. Sie hat ihre eigenen Erfahrungen gemacht: "Unmittelbar nach der Annexion der Krim und dem Start der Ukraine-Krise entschied ich mich dafür, ein Heft zum ukrainischen Theater zu machen. Alle Fernsehbildschirme kündeten davon, dass die 'ukrainischen Faschisten' die russische Bevölkerung killen wollen. Unser Titelbild trug die ukrainischen Nationalfarben. Mehr brauchte es nicht. Das Heft enthielt keinerlei politische Statements! Wir wollten lediglich das ukrainische Theater untersuchen, es kennenlernen. Wir wissen darüber einfach zu wenig. [...] Es wurde uns das gesamte Geld entzogen. Die Behörden waren außer sich vor Zorn. Wir müssen seither danach trachten zu überleben."

Die pakistanisch-österreichische Menschenrechtsaktivistin und Apostatin Sabatina James, selbst nur knapp der Zwangsverheiratung entkommen, wendet sich im Interview mit der Berliner Zeitung gegen alle Versuche, ihre scharfe Islamkritik einfach als Folge eines traumatischen Erlebnisses abzutun, wie etwa die Theologin Lamya Kaddor es vielen Islamkritikern unterstellt: "Das ist doch kein Argument. Das ist Hetze gegen die Opfer. Man stelle sich vor, jemandem, der unter den Nazis gelitten hat, würde man sagen, er hat einfach schlechte Erfahrungen gemacht. Ich verstehe nicht, warum die Opfer so wenig Solidarität bekommen. Einen demokratischen Islam bekommt man nicht durch das Leugnen der existierenden Gewalt. Natürlich ist eine Reformation nötig, aber das geht nur durch eine ehrliche Debatte."

Nächste Woche ist St. Patrick's Day, und Joseph J. Schatz greift in politico.eu ein heißes irisches Thema auf: die illegalen irischen Immigranten in den USA, nur ein kleiner Teil in der amerikanischen Statistik, aber nicht unerheblich für die Iren selbst. Es gebe eine Menge Beerdigungen, bei denen die Verwandten per Skype zugeschaltet werden: "Die irische Regierung drängt die Vereinigten Staaten seit Jahren zu einer breiten Reform des Einwanderungssystems und zu mehr Visa für die ihren und Ausnahmeregelungen, die es irischen Immigranten ohne Papiere erlauben würde, ihre Familien zuhause zu besuchen."

Ideen, 09.03.2016

Der Historiker Andreas Rödder, Autor der viel beachteten "kurzen Geschichte der Gegenwart" "21.0" bespricht in der FAZ Peter Sloterdijks neues Buch "Was geschah im 20. Jahrhundert" und stimmt ihm in einem Punkt zu: "Während vieles für die schwerwiegende Bedrohung durch den anthropogenen Klimawandel spricht, sind in diesem Diskurs zugleich langlebige Muster erkennbar. Er schreibt das alte Narrativ fort, dass der Mensch durch sein Handeln die Welt ins Unheil stürze. Eine Aussage als Topos zu identifizieren bedeutet nicht, dass sie falsch ist. Aber es stellt sie in eine historische Perspektive, und in dieser zeigt sich, dass apokalyptische Mahnungen zur Umkehr sich immer wieder mit der autoritären Versuchung verbunden haben."

Medien, 09.03.2016

Der Bayerische Rundfunk wird für beachtliche Fehlbeträge vom Rechnungshof des Landes kritisiert, berichtet Joachim Huber im Tagesspiegel. Grund sind wie bei vielen Sendern die Pensionszusagen für Ehemalige: "Nicht der BR allein hat Probleme mit seinen Personalkosten, sämtliche öffentlich-rechtlichen Sender stöhnen unter den Pensionslasten, die, das darf nicht vergessen werden, sie selbst kreiert haben. Es geht so weit, dass die Sender in die Programmkasse gegriffen haben, um diese Kosten finanzieren zu können."

Seit fünfzehn Jahren deckt der ghanesische Journalist Anas Aremeyaw Anas mit Verkleidungen, Minikameras und Wanzen Kriminalität und Korruption in seinem Land aufdeckt. Gerade steht er als Zeuge vor Gericht in einem Prozess, der das ganze Land erschüttert, erzählt Elio Stamm in einem Porträt für die NZZ: "Über einen Zeitraum von zwei Jahren hatten Anas und sein Team 180 Justizbeamte mit versteckter Kamera dabei gefilmt, wie sie sich bestechen ließen. Unter ihnen sind 34 Richter, 12 davon vom obersten ghanesischen Gerichtshof. Anas gab sich jeweils als Nahestehender von Angeklagten aus und bot Gegenleistungen für ein mildes Urteil an. So wechselten Geldbeträge die Hand, einmal auch eine Ziege."

In der SZ resümiert Karoline Meta Beisel Diskussionen zur Frage, wann bei Straftaten die Nationalität der Beteiligten genannt werden darf.

Wissenschaft, 09.03.2016

Eine neue biochemische Technik, erfunden von Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna, erlaubt es mit einfachen Methoden, gezielt Gene zu verändern, erläutert reichlich besorgt der Biologe Bernhard Kegel in der NZZ. Bei bestimmten Erbkrankheiten kann das zwar ein Segen sein, aber am Ende kann es auch zu maßgeschneiderten Kindern führen: "Schon erhalten die Forscher Briefe von Trägerinnen des gleichen Brustkrebs-Risikogens, das die Filmschauspielerin Angelina Jolie veranlasste, sich vorbeugend beide Brüste entfernen zu lassen. Junge Frauen fragen, ob und wann die Crispr-Technik verhindern könnte, dass sie diesen Gendefekt an ihre Kinder weitergeben. In nicht allzu ferner Zukunft werden Menschen vor der Situation stehen, die Risiken eines derartigen Eingriffs ins Genom ihrer Kinder und Kindeskinder und das Risiko einer Erkrankung gegeneinander abzuwägen." (Mehr dazu in der Boston Review , bei Wired und in der NYT )

Im Interview mit Melissa Dinsman von der Los Angeles Review of Books spricht der Literaturwissenschaftler und Pionier der "Digital Humanities" Franco Moretti über Chancen und Risiken der Digitalisierung in den Geisteswissenschaften und sagt auch einige Allgemeinheiten über Geisteswissenschaften in Amerika: Sie "werden sich selber retten müssen, nicht nur, weil es unanständig viel Geld kostet, an die Universität zu gehen, so dass Studenten Business-Studiengänge, Medizin, Wirtschaft und so weiter belegen, um das Geld so schnell wie möglich zurückzuholen. Das ist nicht der einzige Grund, auch wenn er nicht zu vernachlässigen ist. Im 20. Jahrhundert haben Naturwissenschaften verblüffende und schöne Theorien in der Physik, Genetik und Biologie geschaffen. Die Geisteswissenschaften haben nichts dergleichen produziert. Literatur, Kunst, politische Geschichte (in düsterster Weise, gewiss) haben extrem interessante Objekte geschaffen, aber das Studium dieser Objekte hinkt hinterher."

Internet, 09.03.2016

Eigentlich ist Cora Stephan ganz gern auf Facebook, trotzdem überlegt sie, sich von Facebook zu verabschieden. Seit sich die politischen Lager auch dort bekriegen, macht ihr die ganze Sache keinen Spaß mehr: "In Zeiten wie diesen folgt eher die Entfreundung anstelle der erwünschten Auseinandersetzung. Und wehe dem, der sich aus purer Neugier einer Gruppe zuwendet - sagen wir einmal: 'Wir lesen 'Deutschland von Sinnen''? (Ja, genau, der Bestseller des kürzlich wegen etwas, was er nicht gesagt hat, durchs Dorf getriebenen 'Hasspredigers' Akif Pirinçci.) So einer erhält schon einmal die Nachricht eines wohlmeinenden Freundes, man möge da 'schleunigst austreten und die Sache richtigstellen', so etwas mache im Netz ganz schnell die Runde. (Ach ja? Und was, wenn?)"

Überwachung, 09.03.2016

Bargeld und der Schutz der Privatsphäre hängen zusammen, schreibt Jaro Krieger-Lamina bei Zeit online: "In den allermeisten Fällen hat das gar keinen kriminellen Hintergrund: Manchen Menschen ist es einfach unangenehm, im Sexshop mit der Kreditkarte zu zahlen. Oder sie begleichen die Psychotherapie-Rechnung lieber in bar, weil sie nicht wollen, dass ihre Bank davon erfährt; oder bezahlen die diesmal hohe Rechnung im Wirtshaus ums Eck und den Mitgliedsbeitrag beim kleinen politischen Verein lieber ohne elektronische Spuren. Es ließen sich viele Situationen finden, in denen der Wunsch, diese Information im kleinen Kreis zu halten, verständlich ist."



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