Heute in den Feuilletons "Eine Auflösung von Geschlechterrollen und Scheingewissheiten"

She She Pop suchen in München nach einer neuen Sprache für Sexualität, finden laut "nachtkritik" aber nur Bilder. "Open culture" blättert begeistert durch Paul Klees Notizbücher. " Und die "SZ" freut sich: Bob Dylan wird endlich Literatur.


Efeu - Die Kulturrundschau

Bühne, 04.03.2016

Der Versuch von She She Pop, in den Münchner Kammerspielen mit "50 Grades of Shame" ein neues Sprechen über Sexualität zu finden, ist auf interessante Art gescheitert - am Bild nämlich, und am Körper, meint Tim Slagman in der nachtkritik. Dabei fängt es schon mit der Aufstellung der Schauspieler, die von mehreren Kameras aufgenommen werden, erst mal gut an: "Teile ihrer Körper sind dabei schwarz abgedeckt und somit auf den Leinwänden unsichtbar. Die so erhaltenen Fragmente schichten sich zunächst scheibchenweise übereinander wie bei einem Drehspielzeug: Anna Drexler, die in einer Lektion eine weibliche Variante des dominanten Christian Grey darstellt, liefert da etwa den Kopf für Hemd, Krawatte und Hose von Christian Löber. Bald wirbeln Kleider über Männerbäuche, Herrenköpfe stehen auf nackten Brüsten - ein Durcheinander entsteht, eine Auflösung von Geschlechterrollen und Scheingewissheiten, so simpel wie eindrucksvoll, so witzig wie effektiv."


Weitere Artikel: In der FR berichtet Sylvia Staude vom Auftakt der Tanzplattform Deutschland in Frankfurt. Und in der SZ freut sich Alexander Menden, dass mit "Cleansed" erstmals eines der kontroversen, intensiven Stücke von Sarah Kane am National Theatre in London aufgeführt wurde: Die 1999 gestorbene Dramatikerin erhält damit "eine institutionelle Anerkennung, die sie vielleicht nicht nötig hat, aber sicher verdient". Besprochen werden Felix Rothenhäuslers Ibsen-Inszenierung "Nora oder ein Puppenheim" in Bremen ( nachtkritik ) und die Uraufführung von Robert Schindels Stück "Dunkelstein" im Wiener Theater Hamakom ( nachtkritik ).

Literatur, 04.03.2016

Besprochen werden Ta-Nehisi Coates' "Zwischen mir und der Welt" ( FR ), Stefan Mosters "Neringa oder Die andere Art der Heimkehr" ( SZ ), Rainer Klouberts "Peking. Verlorene Stadt" ( SZ ) und Gioacchino Criacos "Schwarze Seelen" (online nachgereicht bei der FAZ ). Mehr zu Literatur im Netz in Lit21, unserem Metablog zur literarischen Blogosphäre.

Kunst, 04.03.2016

Gerade sind erstmals auf Englisch die Notizbücher Paul Klees erschienen und jetzt hat das Paul-Klee-Zentrum auch noch alle 3.900 Seiten aus Klees Notizbuch während seiner Zeit in Weimar 1921-31 online gestellt, freut sich open culture. Und es ist toll gemacht: Klees Text steht transkribiert neben den Seiten, mit Hilfe aufleuchtender Markierungen kann man immer sehen, an welcher Stelle im Originaltext man sich befindet. Aber Vorsicht: Das Suchtpotenzial ist erheblich.

In der Münchner Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung kann man derzeit die Bilder des in Spanien längst kanonisierten Malers Joaquín Sorolla entdecken, ermuntert in der SZ Gottfried Knapp. Ihm ging es "nicht um soziale Belange, sondern ausschließlich um das Erfassen eines ausdrucksstarken, bildkräftigen Moments im Leben bestimmter Menschen. Wie kein anderer hat Sorolla etwa den Alltag von Fischern den Sinnen der Betrachter nähergebracht".

Besprochen werden ein Band über die Zürcher Sprayerszene ( NZZ ), Sandra Frimmels Buch über Kunsturteile in Russland ( SZ ) und zwei Armando-Ausstellungen in Potsdam ( Tagesspiegel ).

Film, 04.03.2016

Für denTagesspiegel hat sich Martin Schwickert mit Hans Steinbichler über dessen Neuverfilmung des "Tagebuchs der Anne Frank" unterhalten.

Besprochen werden Alexander Sokurows "Francofonia" ( Zeit , Tagesspiegel , Perlentaucher ), Pablo Traperos "El Clan" ( FR , FAZ) und der neue Disneyfilm "Zoomania" ( FR , Tagesspiegel ).

Außerdem "Tücken der digitalen Welt": Die taz erklärt, wie es dazu kam, dass Barbara Wurms erst heute veröffentlichte Besprechung von Sokurows "Francofonia" schon gestern im Perlentaucher zitiert wurde.

Architektur, 04.03.2016

Vom Abriss der Pariser Markthallen in den Siebzigern hat sich das betroffene Viertel nie recht erholt. Versuche, die riesige Lücke zu schließen, blieben immer ungeliebt. Im April kann man jetzt den neuesten Versuch begutachten: Die Architekten Patrick Berger und Jacques Anziutti haben ein großes neues Shopping- und Kulturzentrum erbaut, Canopy, das unter einem gigantischen Glasdach untergebracht ist, berichtet Dezeen. "'The dynamic elements of the site guided the idea of the Canopy,' said the architects. 'Its curvilinear and organic forms are the result of observations and analyses of the natural and human-made forces that act on an urban environment. Under the vast shelter of the Canopy, some 18,000 glass shells diffuse a soft light whatever the weather forecast, so that the interior temperatures are maintained without undue energy consumption,' they added."

Außerdem: In der NZZ schreibt Andrea Köhler zur heutigen Eröffnung von Santiago Calatravas U-Bahn-Kathedrale für Ground Zero. Die französische Architektin Odile Decq hat den Jane-Drew-Preis für Architektinnen gewonnen, meldet Dezeen.

Musik, 04.03.2016

Bob Dylan wird endgültig Literatur, "die Philologisierung der populären Musik kommt weiter voran", freut sich Lothar Müller in der SZ. Der Grund: Für einen stattlichen Millionenbetrag wechselt Dylans Privatarchiv in die Bestände der Universität Tulsa über, wo es systematisiert und der Forschung zugänglich gemacht werden soll (hier die offizielle Website des Bob Dylan Archivs). Für Müller zeigt sich damit: "Der Songwriter ist nicht einfach nur 'Liedermacher', er ist der Autor seiner Songs im doppelten Sinn: als Komponist und als Schriftsteller."

Weiteres: Für Pitchfork porträtiert Devon Maloney M83. Fatma Aydemir berichtet in der taz von ihrem Treffen mit dem Rapper Anderson Paak. In der Welt annonciert Josef Engels die Deutschlandtour des schwedischen Jazzposaunisten Nils Landgren mit seinem Bernstein-Tribute-Album "Some Other Time". Marcus Stäbler ( NZZ ), Reinhard J. Brembeck ( SZ ) und Eleonore Büning (FAZ) gratulieren dem Komponisten Aribert Reimann zum Achtzigsten. In der SZ gratuliert Helmut Mauró dem Dresdner Kreuzchor zum 800-jährigen Bestehen: "Vielleicht klingt so die menschliche Seele. Aufrecht, leise, immer gefährdet."

Besprochen werden neue Aufnahmen mit Claudio Abbado (NZZ), das Berghain-Konzert der Düster-Organistin Anna von Hausswolff (Kirsten Riesselmann vom Tagesspiegel ist enttäuscht: "Trotz waberndem Gelärme wirkt dieses Konzert fast verzagt"), das neue Album "Brute" von Fatma Al-Qadiri ( The Quietus ), das neue Album von Me and My Drummer ( taz ), ein Gastspiel der Dresdner Philharmonie mit dem Pianisten Nobuyuki Tsujii in Berlin ( Tagesspiegel ) und ein Beethoven-Konzert von Julia Fischer und Igor Levit ( Tagesspiegel ).

9Punkt - Die Debattenrundschau

Europa, 04.03.2016

Vielleicht wollten die Leute in Osteuropa die EU gar nicht so richtig (und neue Mitbürger erst recht nicht). Denn sie lassen sich, so Andrzej Stasiuk in einem deprimierenden Essay für Zeit online, "von der uralten Weisheit dieser Gegend leiten, die da sagt, dass alle Veränderungen von außen kommen. Dass sie wie ein fremdes Element sind: Hochwasser, Sturm, Krieg. Deshalb ist es besser, in der Sicherheit und Wärme des eigenen Hauses abzuwarten, bis sie vorüber sind. Argwohn ist das Wahrzeichen dieser Landstriche. Nicht ausgeschlossen, dass wir nie Europäer sein wollten."

Ist die Europäische Union am Ende? Ein Leitartikel in Le Monde beschwor dieses Ende jedenfalls vor einer Woche, und Etienne Balibar stimmt heute in Libération zu. Er wirft den Autoren von Le Monde allerdings vor, den französischen Beitrag dazu nicht benannt zu haben. In der Flüchtlingspolitik habe es zwei Optionen gegeben, die deutsche Position unterstützen oder sabotieren: "Nach einigem Hin und Her hat die französische Regierung so getan, als würde sie die erste Option wählen, um in Wahrheit die zweite zu praktizieren. Nachdem man offiziell den Juncker-Plan zur Verteilung der Flüchtlinge angenommen hatte, der ungenügend war, aber immerhin ein Anfang, tat Frankreich alles, damit die Vereinbarung nicht umgesetzt wurde. Bis zu diesem Tag hätte es 24.000 Flüchtlinge aufnehmen müssen. Tatsächlich waren es ein paar Dutzend."

Gesellschaft, 04.03.2016

Sehr instruktiv schildert Niklas Maak in der FAZ den durch die Flüchtlinge notgedrungen entstehenden Wohnungsbau - sogenannte MUFs, "modulare Unterkünfte für Flüchtlinge". Allerdings kommen sie meist ohne Architekten zustande, leider, denn eine Menge Architekten haben dazu Ideen, etwa der Berliner Architekt Max Schwitalla, der nur parkhausähnliche Grundstrukturen bauen will: "Die künftigen Bewohner bauen sich ihre Häuser in diese Betonstruktur hinein und, so der Plan, lernen, von Fachleuten angeleitet, Fertigkeiten und bautechnische Kenntnisse, die ihnen sowohl bei einer eventuellen Rückkehr in ihre zerstörte Heimat helfen werden als auch für den Fall, dass sie in Deutschland bleiben und hier Arbeit suchen: Der Bau des eigenen Zuhauses als Ausbildungsmaßnahme." Auch die NZZ stellte bereits Entwürfe vor.

Richard Herzinger fragt sich in der Welt, woher die Verrohung der Sitten im amerikanische Wahlkampf aber auch der europäischen Politik kommt: "Es ist zur Gewohnheit geworden, das Internet für diese Enthemmungserscheinungen verantwortlich zu machen. Doch das ist so, als gäbe man der Erfindung des Automobils die Schuld daran, dass Raser und betrunkene Fahrer die Straßen unsicher machen."

(Via huffpo.fr ) Ein kleines Video einer humoristischen französischen Fernsehsendung zeigt, wie man sich als Mann einem Mann annähert (oder besser nicht), und macht zur Zeit die Runde auf Youtube:



Und hier ein wichtiger Hintergrundartikel für Volker Beck: "Wir gefährlich ist Crystal Meth", fragt Philipp Woldin auf Zeit online. Und in der SZ erzählt Catrin Lorch eine Art Pop- und Kulturgeschichte dieser Droge.

Urheberrecht, 04.03.2016

Urheberrechtsdiskussionen werden zumeist völlig einseitig geführt. Die Frage ist stets: Was nützt den Urhebern und den Verwertern. Was nützt den Nutzern und den Vermittlern wie Museen oder Bibliotheken wird hingegen fast nie gefragt. In der Schweiz dürfen die Vermittler bei der Revidierung des Urheberrechts erstmals mitreden, freut sich Claudia Jolles, Chefredakteurin des Kunstbulletins. Und das sei bitter nötig: "Wir haben heute ein hochkomplexes juristisches Räderwerk vorliegen, durch das nur noch eine Handvoll Fachleute schweizweit den Durchblick haben. Doch dem ursprünglichen Sinn und Zweck - der Wahrung der Interessen der Urheberinnen und Urheber an der Verwertung ihrer geistigen Schöpfungen - läuft es oft zuwider. Umso besser funktioniert die Maschinerie als Geschäftsmodell für die im Namen der Urheber auftretenden Verwertungsgesellschaften, welche die Bedingungen formulieren, über ein professionelles Lobbying-System politisch durchsetzen und den Einzug von Vergütungen als private Gesellschaft administrieren."

Apropos Urheber- und Verwertungsrechte: Der Künstler Anish Kapoor hat das exklusive Recht, das revolutionäre Vantablack zu benutzen, das schwärzeste Schwarz, das je entwickelt wurde, meldet Dezeen. "However this has sparked outrage amongst other artists, including English painter Christian Furr - who told the Mail on Sunday that he felt Kapoor was 'monopolising the material'. 'I've never heard of an artist monopolising a material. Using pure black in an artwork grounds it,' he said. 'All the best artists have had a thing for pure black - Turner, Manet, Goya. This black is like dynamite in the art world. We should be able to use it - it isn't right that it belongs to one man,' he added."

Politik, 04.03.2016

Andrew Pulver führt für den Guardian ein politisches Gespräch mit George Clooney, der mit klaren Worten über Donald Trump nicht spart: "Er ist halt ein Opportunist. Gerade ist er Faschist, fremdenfeindlicher Faschist." Aber Clooney hält auch Trost parat - einen Spruch, der Churchill zugeschrieben wird: "Du kannst darauf zählen, dass die Amerikaner das Richtige tun, nachdem sie alle anderen Optionen ausprobiert haben."

Lena Bopp liest für die FAZ drei Bücher, in denen Jesidinnen vom Wüten des islamischen Staats berichten. Es ist ein systematisches, organisiert verübtes Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Männer wurden zumeist erschossen. "Die verbliebenen Frauen in den Dörfern wurden zusammengetrieben und, man muss es so nennen, nach bestimmten Kriterien sortiert: Die Jungen, Unverheirateten pferchte man in Busse, die nach Mossul oder Rakka fuhren, wo sich in großen Lagern offenbar regelrechte Märkte befanden, auf denen die Frauen den IS-Kämpfern angeboten wurden wie Ware. Besonders beliebt, auch darin stimmen die Berichte überein, seien ganz junge Mädchen gewesen - diejenigen zwischen zwölf und vierzehn Jahren, mit heller Haut und hellen Haaren, grünen oder blauen Augen und guten Zähnen."

Der Londoner Historiker Jan Plamper erzählt in der FAZ die Geschichte von Karen Dawishas Buch "Putin's Kleptocracy", das minuziös nachweist, wie Putin nebenbei zum Mafiaboss wurde - und auch die deutsche Beteiligung daran von Schröder bis Siemens thematisiert -, das der Verlag Simon & Schuster aus dem Hause CBS aus Angst vor Ärger aber keinem deutschen Verlag geben will: "Das heißt: Putin und seine Clique haben so viel Geld zusammengestohlen, dass die mächtige CBS Corporation zurückschreckt, ein Buch global zu verbreiten, das die Einzelheiten dieses Diebstahls aufdeckt."



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