Heute in den Feuilletons "Former United Kingdom?"

Die Brexit-Debatte eine Woche danach. Schade, dass britische Künstler Komplizen einer desinteressierten Elite waren, bedauert die "FAZ". In der "NZZ" entschlüsselt und widerlegt Adolf Muschg kühl die Argumente der Brexit-Gegner. Die "Presse" fürchtet eine "Öxit"-Debatte.


Efeu - Die Kulturrundschau

Literatur, 02.07.2016

In einem sehr lesenswerten Essay zum Brexit (den sollte jemand ins Englische übersetzen!) beschreibt der Autor Adolf Muschg in der NZZ sein kompliziertes, aber von einer grundlegenden Sympathie getragenes Verhältnis als Schweizer zu Großbritannien. Nachdem die Briten 1973 zugunsten der EU aus der Efta ausgetreten waren, lernte der enttäuschte Muschg langsam, die EU zu mögen: "Wir sind Europäer, wohl oder übel - jetzt müssen wir (im Sinn des delphischen Orakels) nur noch werden wollen, was wir sind. Darum sah ich ohne jede Schadenfreude, und oft mit stiller Wut, wie es England, dem ehemaligen Efta-Partner, seit 1989 und namentlich seit Margaret Thatcher, immer besser gelang, dieses Bündnisziel zu unterlaufen, indem es die EU zum Zweckbündnis zugunsten eines zählbaren Profits degradierte. Mit dieser Konkurrenz im eigenen Boot begann auch unter alten EU-Mitgliedern das wirtschaftliche Wachstum zum einzigen Maß aller Dinge zu werden."

Dr Lyriker, Essayist, Kunstkritiker und Professor am Collège de France Yves Bonnefoy ist im Alter von 93 Jahren gestorben. Lange Zeit galt er als Kandidat für den Nobelpreis. Amaury da Cunha schreibt den Nachruf in Le Monde und zitiert diesen wunderbaren Satz Bonnefoys: "Die Aufgabe eines Lyrikers ist es, einen Baum zu zeigen, bevor unser Verstand uns sagt, das ist ein Baum." Hier liest er sein Gedicht "Les planche courbes". Hier der Nachruf in Libération.

Im Interview mit der Welt spricht der österreichische Verleger Jochen Jung, der gerade seine Erinnerungen veröffentlicht hat, über Kalbskopf in Zwiebelsauce und Wein, über Siegfried Unseld und den Residenz Verlag, über Thomas Bernhard und die Wutausbrüche seines Freundes Peter Handke, der ihm, Jung, mal an den Kopf warf: "Ohne Künstler bist du ein Nichts, ein Nutznießer, eine Zecke." Das nimmer er ihm nicht mehr übel, dafür ärgert ihn ganz etwas anderes: "'Handkes neue Tagebücher!', kommt er wütend wieder auf Handke zu sprechen, 'wurden bisher kaum besprochen! Nicht in der Presse, nicht in der FAZ, die ihn sowieso nicht liebt, nicht in den Salzburger Nachrichten. Stattdessen Rönne, Strunk, Glavinic!'" Das ist ungerecht gegenüber der FAZ, wie man hier sehen kann. Aber vielleicht ist das Interview schon älter?

Weiteres: Für die taz porträtiert Carola Ebeling die in Berlin lebende New Yorker Schriftstellerin Deborah Feldman. Auf taz.de resümiert Annabelle Seubert den zweiten Tag des Bachmann-Wettbewerbs in Klagenfurt. Im literarischen Wochenend-Essay der FAZ schreibt der Schriftsteller David Wagner über seinen Besuch in Barcelona im Rahmen des "Hausbesuch"-Projekts des Goethe-Instituts.

Besprochen werden unter anderem Hernán Ronsinos "Lumbre" ( taz ), Anna Katharina Hahns "Das Kleid meiner Mutter" ( taz ), James Gradys Thriller "Die letzten Tage des Condor" ( SZ ) und Laurie Pennys "Babys machen und andere Storys" (FAZ, mehr dazu hier).

Bühne, 02.07.2016

Im Gespräch mit der SZ ist Christian Thielemann fassungslos über den Abgang von Andris Nelsons aus Bayreuth (siehe dazu unsere Kulturrundschau von gestern). Es gab keinen Streit, nichts, beteuert er. Er sei "nur zwei Mal ganz kurz" bei den Proben von Nelsons gewesen, auch habe er gar keine Zeit, den Parsifal selbst zu dirigieren und Nelsons mehrmals gebeten, zurückzukommen. Kurz, das ganze sei äußerst rätselhaft: "Er ist nicht im Streit abgereist, sondern er wollte seine Urlaubstage in Riga verbringen und am vergangenen Dienstag wiederkommen. Am Donnerstag kam dann die Absage. Seine ganzen Sachen sind noch hier in Bayreuth: die Partitur, sein Taktstock, seine gesamte Garderobe. Wenn er im Streit abgereist wäre, hätte er seine Sachen mitgenommen."

Welt-Kritiker Manuel Brug weiß mehr: Christian Thielemann und Chordirektor Erhard Friedrich sollen Nelsons Autorität bei der Blumenmädchenszene untergraben haben. Brug kauft Thielemann seine "Ich bin es nicht gewesen"-Behauptung eh nicht ab: "... das soll der Musikdirektor in Bayreuth seinem Orchester in einer markigen Hauruck-Rede vor versammelten Frauen und Mannen zum Abgang des 'Parsifal'-Dirigenten Andris Nelsons erklärt haben. Worauf diese einigermaßen schmallippig reagiert haben sollen. Diese Phrase, sie zieht sich durch alle seine im Streit beendeten Engagements, ob Nürnberg, die Deutsche Oper Berlin, die Münchner Philharmoniker. Schuld sind immer andere - an Krise, Verstimmungen, Eklat. Fast möchte man Thielemann noch den legendären Erich-Mielke-Satz 'Ich liebe euch doch alle!' anheften."

Will Chris Dercon die Volksbühne zum internationalen Gastspielbetrieb umfunktionieren? Niemand weiß es und so breitet sich an dem Theater eine Atmosphäre des Misstrauens aus, die die Arbeit für den designierten neuen Intendanten immer schwieriger machen wird. Daran hat Dercon allerdings einige Mitschuld, lernt man aus Irene Bazingers Artikel in der FAZ, denn er hat bis heute nichts Konkretes über seine Pläne verlauten lassen. Fragen der Belegschaft beantwortete er schnippisch: "'Bleiben wir ein Sprechtheater?', soll Chris Dercon laut der Welt bei einer Vollversammlung Ende April gefragt worden sein, und geantwortet haben, sprechen könne er selbst. Das ist wohl nicht die Kommunikation, die Christina Weiss meint, und nicht die 'Neugierde aufeinander', die sich Ulrich Khuon wünscht."

Derweil haben sich 25 internationale Kulturschaffende - Okwui Enwezor vom Münchner Haus der Kunst, Hortensia Völkers von der Bundeskulturstiftung, der Filmemacher Alexander Kluge, die Architekten Rem Koolhaas und David Chipperfield, die Choreografin Anne Teresa de Keersmaeker und der Soziologe Richard Sennett - in einem scharf formulierten Offenen Brief für Chris Dercon als Intendanten der Berliner Volksbühne ausgesprochen, berichtet die Berliner Zeitung. "Den Mitarbeitern der Volksbühne werfen sie vor, es gehe ihnen weder um Arbeitsplätze noch um das Erbe der Volksbühne. Der offene Brief vom 20. Juni [mehr hier] habe vielmehr gezeigt, dass es um 'die Macht und den Missbrauch von Privilegien' gehe, den staatlich Angestellte betrieben mit dem Ziel, die Vision eines Einzelnen zu zerstören. Die Befürchtungen der Volksbühnenmitarbeiter seien 'lächerlich' in der Sache und 'höhnisch' im Ton, es handele sich um die Vorverurteilung eines künstlerischen Programms, das es noch gar nicht gebe."

Weiteres: Für die taz hat Philipp Gessler ein großes Wochenend-Gespräch mit dem für seine hohe Stimme berühmten Countertenor Andreas Scholl geführt.

Besprochen werden Milo Raus in den Berliner Sophiensälen gezeigtes Kindesmissbrauchsdrama "Five Easy Pieces" ( Tagesspiegel ) und das von Indiemusikern in Berlin auf die Bühne gebrachte Fußball-Musical "Die Spielmacher" ( Freitag ).

Film, 02.07.2016

Als Reaktion auf die Diversitätsdebatten der letzten Jahre hat die Academy auf einen Schlag 683 neue Mitglieder in die eigenen Reihen aufgenommen - darunter im Vergleich zu früher auffällig viele Frauen, Schwarze und Leute, die jenseits des Studiosystems arbeiten. Beim Durchsehen der Namensliste wird SZlerin Susan Vahabzadeh jedoch skeptisch: Einige Neumitglieder sind bislang nicht gerade durch hochwertige Filme aufgefallen, meint sie. "Hätte die Academy die gesamte Independent-Szene geladen, würde sie sich verändern, lädt sie aber Leute ein, nur weil sie bekannt sind, wird sie sicher auch nicht dieselbe sein. ... Es gibt einfach nicht genug naheliegende Kandidaten. Die Veränderung der Zusammensetzung läuft falsch herum: Die Filmindustrie muss sich ändern. Eine Quote für die Academy, während die Filmstudios weiterhin nur weiße Männer als Regisseure anheuern - das ist Aktionismus. Und auf die Einstellungspraxis der Filmstudios hat die ganze Debatte, das zeigen die Projekt-Listen für die nächsten Jahre, wenig Einfluss gehabt." Hier alle Neuzugänge.

Im Freitag wirft Ekkehard Knörer unterdessen einen Blick auf Hollywoods Wandel in einer Zeit, in der die Exporte insbesondere nach China immer wichtiger für die Rentabilität werden: Die gegenwärtige, auch inhaltliche "Malaise Hollywoods" habe "viel damit zu tun, dass sämtliche der einst mächtigen und unabhängigen großen Studios heute Teil großer Misch- oder Medienkonzerne sind, die ihre Sektionen unter beträchtlichen Renditedruck setzen. Die Studios werden von Managern geführt, die mit den für ihren oft vulgären Geschmack berüchtigten Tycoons nichts mehr zu tun haben - Geschmack ist ihnen nämlich völlig egal. Selbst die legendären Pitches gibt es kaum noch ... Es werden vielmehr Erfolgswahrscheinlichkeiten errechnet." Immerhin, tröstet der Kritiker: Was durch Hollywoods Raster fällt, findet womöglich im Fernsehen einen sicheren Hafen: Dieses sei "in seiner aktuellen Blüte (...) groß und gewaltig."

Besprochen wird Gabriele Muccinos "Väter und Töcher" mit Russell Crowe ( SZ ).

Musik, 02.07.2016

Für The Quietus spricht Adam White mit Cliff Martinez, dem Komponisten des Soundtracks zu Nicolas Windig Refns aktuellem Film "The Neon Demon". Die taz bringt eine Übersetzung aus einem Essayband der Medienwissenschaftlerin und Kuratorin Kristen Gallerneaux, die sich darin mit den geisterhaften sonischen Qualitäten obskurer Apparate, Klangerzeuger und Radiotechnik befasst.

Besprochen werden das neue Album von Yassin und Audio88 ( Jungle World ), das neue Album von Metronomy ( Freitag ), James Ferraros "Human Story 3" ( Pitchfork ), ein Konzert der Lautten Compagney ( FR ), diverse neue HipHop-Alben und -tapes ( The Quietus ) und ein "Greatest Hits"-Album von Paul McCartney ( SZ ).

Außerdem bringt das Logbuch Suhrkamp die neue Lieferung aus Thomas Meineckes "Clip//Schule ohne Worte". Hier alle Videos als Playlist.

Kunst, 02.07.2016

Auch britische Künstler sind entsetzt über den Brexit. Schade, dass sie nicht vor der Abstimmung mal den Mund aufgemacht haben, meint Liam Gillick in der FAZ. Aber dafür kocht die britische Kunstszene vielleicht zu sehr im eigenen Saft. Er erinnert sich jedenfalls gut, wie er 2009 - als britischer Künstler - im deutschen Pavillon in Venedig ausstellte und sein Botschafter höchst überrascht reagierte: "Er sagte, noch immer irritiert: 'Meine Güte, vielleicht sollten wir irgendwann mal einen deutschen Künstler im britischen Pavillon zeigen, was für eine Vorstellung!' Nachdem prominente Persönlichkeiten des britischen Kulturlebens sich nicht vehementer für einen Verbleib in der EU eingesetzt haben, stehen wir im Grunde wie Komplizen einer desinteressierten, abgehobenen Elite da, die so vorsichtig, distanziert und oft auch unbesonnen in ihren Äußerungen war."

Hingerissen verlassen die Kritiker die große Ausstellung zum Goldenen Zeitalter der spanischen Kunst, die derzeit in Berlins Gemäldegalerie zu sehen ist. "Zum ersten Mal überhaupt ist das Ausmaß dieser Ära in weiten Spannungsbögen ausgebreitet", staunt Irmgard Berner in der Berliner Zeitung. Sie erkennt eine "neue Wirklichkeitsdrastik" in den Werken aus dem 17. Jahrhundert: "In diesem Reich der extremen Gegensätze, wo religiöse Intoleranz und Inquisition jegliche intellektuelle Freiheit einengt und der Klerus neben dem Königshaus wichtigster Auftraggeber wird, wo die fanatisch frommen und mit der Gegenreformation aufblühenden Mönchsorden das religiöse Feuer schüren, da antworten [die Künstler] mit in Ekstase entrückten Heiligen und das Leiden sublimierenden Mönchsdarstellungen. Mit Gekreuzigten und Gemarterten, gemalten Figuren wie gemeißelt, polychrom bemalten Skulpturen mit plastisch klaffenden Wunden, Peiniger den Hammer schwingend und den Nagel ins Fleisch treibend, dass der Anblick heute noch schmerzt. Auf Armut und Epidemien wie der Pest reagieren sie ganz profan mit wunderbaren Genrebildern, zeigen Bettler, Säufer, Bauern, prall gefüllte Teller und hungrige Kinder."

Auch Jürgen Kaube (FAZ) fühlt sich in "eine maximal fremde Welt" versetzt, zum Beispiel vor einem Bild Francisco Ribaltas: Hier umfängt "der Gekreuzigte mit einem vom Balken gelösten Arm den Mönch, der sich geradezu in die Seitenwunde Jesu Christi schmiegt, während er mit den Zehenspitzen auf dem bekrönten Kopf eines leopardenfelligen Monsters steht, begleitet von einem Gambe spielenden Engel. ... Wir haben es mit einer Welt zu tun, die zugleich todernst und exaltiert war. Ihre Bildwerke fordern uns auf, das nicht als Widerspruch zu sehen."

Weiteres: In der NZZ schreibt Samuel Herzog über Kunst auf Zeitungspapier. Der britische Kunstmarkt sieht dem Brexit eher gelassen entgegen, fällt Alexander Menden (SZ) beim Besuch der Masterpiece-Messe in London auf. Für die taz besucht Jan Feddersen die von Edward Steichen als Reaktion auf die Grausamkeiten des Zweiten Weltkriegs gegründete, in einem neuen Bau präsentierte Foto-Kollektion "The Family of Man" im Luxemburgischen Clervaux.

Besprochen wird Michel Houellebecqs Ausstellung "Rester Vivant" im Palais de Tokyo in Paris ( FR ).


9Punkt - Die Debattenrundschau

Europa, 02.07.2016

Von Medienkrise nichts spüren - Facebook spielt keine Rolle: Der Krieg wird ganz klassisch über Zeitungen ausgetragen. Rupert Murdoch spielt als Königsmacher laut politico.eu eine große Rolle. Ken Doctor sieht sich am Tag nach dem Königskandidatenmord an Boris Johnson die beiden wichtigsten Boulevardtitel des Landes an: "Die Daily Mail, Murdochs wichtigster Zeitungskonkurrent sieht es so, dass Michael Gove und seine Frau Sarah Vine - eine Kolumnistin der Daily Mail! - überraschender Weise Theresa May für die Tory-Leitung begünstigt hätten, eine Position, für die Gove immerhin gerade gemordet hatte. Aber Murdochs Sun ist noch smarter. Die Sun begütigt, sagt Gutes über beide, Gove und May, und ist so um so sicherer, hinter dem Post-Brexit-Sieger zu stehen. Denn wenn eines auf dem Grabsteind es 85-jährigen Murdoch stehen soll, dann dies: Sieger."

Der Guardian ist in punkto Gove auch nicht gerade zimperlich. Marina Hyde schreibt: "Im Wäschekorb der Tories ist Gove das schmutzigste Stück." Jonathan Freedland spricht eine "Warnung an Johnson und Gove" aus: "Wir werden nicht vergessen, was ihr getan habt." Denn "so wie der eine den anderen behandelt hat, haben beide das ganze Land behandelt."

Sehr lesenswert Timothy Garton Ashs Analyse der europäischen Stimmung im Guardian. Er sieht zwei Lager - das "karolingische", das Good bye Britannia sagt und von Frankreich angeführt wird, und das gegenüber Britannien mildere Lager der Nord- und Osteuropäer, das von Angela Merkel angeführt werde: "Es glaubt, dass das strategische Ziel sein muss, so viel wie möglich vom Vereinigten Königreich - oder müssen wir sagen 'Former United Kingdom (FUK)', wie 'ehemaliges Jugolsawien'? - so nah wie möglich an die Europäische Union anzubinden. Nicht nur, weil es wertschätzt, was Britannien zu bieten hat, von der liberalen Ökonomie bis hin zur Außen- und Sicherheitspolitik, sondern auch, weil es den Domino-Effekt eines britischen Rückzugs fürchtet."

Der zweite Wahlgang der österreichischen Präsidentschaftswahl muss nach der Entscheidung des Verfassungesgerichts wiedeholt werden. Thomas Prior und Maria Kronbichler sehen in der Presse nun eine "Öxit"-Debatte auf das Land zukommen: "In den ersten beiden Durchgängen waren die Flüchtlingsbewegung und Europas politischer Umgang mit ihr sehr dominant. Im Herbst könnte Europa selbst auf die Agenda kommen, befeuert durch den britischen Austritt. Womöglich - und damit spekulieren nicht nur die Grünen - ist die FPÖ auf den Geschmack gekommen. Derzeit ist sie nur dann für einen Austritt Österreichs aus der EU, wenn die Türkei beitritt. Aber in einem Wahlkampf kann sich diese Position schnell verändern. Verschärfen."

Im Interview mit taz-Redakteur Andreas Fanizadeh spricht der Schweizer Historiker Jakob Tanner auch über den nicht notwendigen, aber stets möglichen Konnex zwischen direkter Demokratie und Populismus. Die Freisinnigen, so Tanner, hätten Ende des 19. Jahrhunderts bei der Einführung des heutigen Schwizer Modells, gewarnt: "Man hatte Angst vor Massen, Mob und Pöbel. Im Fin de siècle (1890 bis 1914) hatte die demokratische Partizipation der Bevölkerung ein unheimliches Pendant im Aufstieg der extremen Rechten in Europa wie etwa der Action Française. Diese Kräfte arbeiteten an der hyperdemokratischen Kurzschließung von Volk und Führer - gegen die parlamentarische Demokratie."

Die EU soll bloß aufhören "rumzuhühnern" und sich klein zu reden, mahnt Bernd Ulrich in der Zeit. Denn wir erleben gerade eine globale Revolution, die gestaltet werden will: "Der Fall der Mauer zwischen Erster und Dritter Welt ist objektiv eine Revolution, die dringend nach ihrem revolutionären Subjekt sucht. Die Autoritären haben sich dieser Rolle mit ihrer demolition-Politik und ihrer Vision von Mauern, Internierungslagern und Säuberungen schon sehr viel mehr genähert als die Liberalen ... Wo wird etwa ein neues Konzept für Afrika diskutiert? Wo ein New Deal für den Mittleren Osten? Wo eine neue, proafrikanische Agrar- und Energiepolitik? Wo wird von den Liberalen überhaupt nur ausgesprochen, was auf der Agenda steht?"

Weiteres zum Brexit: Richard Herzinger fände es in der Welt nur gerecht, wenn jetzt Frankfurt als Finanzstandort vom Brexit profitieren würde.

Heute finden in Berlin die Demos zum gefürchteten "Al Quds-Tag" statt, der, vom Iran gesteuert, regelmäßig Anlass für antisemitische Parolen von Islamisten ist. Neu ist das Phänomen in Berlin nicht, schreiben drei Autoren im Tagesspiegel: " So verkündete 2014 der salafistische Imam Abdallah Khalid Ismail alias 'Abu Bilal' in der Neuköllner Al-Nur-Moschee, 'Oh Gott, übernimm die Angelegenheiten der zionistischen Juden, denn sie werden sich dir nicht entziehen! Verringere ihre Zahl und töte sie, einen nach dem anderen! Und verschone niemanden unter ihnen!'."

Urheberrecht, 02.07.2016

Das VG-Wort-Urteil des BGH, das die jahrelange Praxis der hälftigen Ausschüttungen aus Kopierabgaben und Ähnlichem an Autoren und an Verleger als unrechtmäßig erkannte - die Ausschüttungen stehen allein den Autoren zu - hat zu einem Riesenecho in der Presse geführt (unsere Resümees), das allerdings ziemlich einseitig war. Es wurde fast nur der Verlegerstandpunkt vertreten. Im Perlentaucher antwortet Martin Vogel, der das Urteil über Jahre erstritt, und erklärt, warum er das Urteil für absolut richtig hält: "Verleger erwerben von Urhebern lediglich das Recht, ihre Werke zu vervielfältigen und zu verbreiten, also das von vorneherein durch die gesetzlichen Schrankenregelungen begrenzte Verlagsrecht. Mit diesem Recht muss der Verleger nach dem gesetzlichen Geschäftsmodell am Markt wirtschaften. Ob er das erfolgreich tut, ist sein Risiko, das er nicht einfach vermindern kann, indem er sich im Verein mit den Funktionären in der VG Wort bis zur Hälfte der Urhebervergütung zuweisen lässt. Vielmehr muss er es über die Buchpreise steuern. Die Beteiligung des Urhebers an den Markterlösen seines Werkes ist entsprechend gering."

Der Perlentaucher lädt alle Beteiligten - Autoren, Verleger, Gewerkschafter - zur Diskussion ein!

Gesellschaft, 02.07.2016

Das Verschwinden der Technik bedeutet keineswegs das Verschwinden der Technik, schreibt Peter Glaser in seiner NZZ-Kolumne: "Während die Raketen eine Weile immer riesiger wurden, bis sie schließlich auf dem Mond anlangten, scheint die Technik heute vom unbezähmbaren Drang zur Miniaturisierung befallen zu sein, der darauf zuläuft, dass die Hardware verschwindet und nur noch die Funktionen übrig bleiben."

Weiteres: Der Fußball-Fan ist der wahre Stadt-Flaneur im Sinne Walter Benjamins, meint Sarah Pines in einer Glosse in der NZZ. In der Welt denkt Wieland Freund über das Fahrrad nach, das als Symbol der Nachhaltigkeit heute so viel moderner sei, als die heute beginnende Tour de France mit ihren Doping-Skandalen.

Überwachung, 02.07.2016

Martin Schallbruch, ehemaliger Leiter der IT-Abteilung des Bundesinnenministeriums des Innern, von de Maizière Anfang des Jahres ohne Angaben von Gründen in den einstweiligen Ruhestand versetzt, setzt sich in der FAZ vehement für Verschlüsselung ein. Zur Kriminalitätsbekämpfung müssten Behörden zwar manchmal mitlesen, aber die Forderung nach "Hintertüren" für den Staat seien gefährlich: "Abgeschwächte Verschlüsselung hilft nicht nur der Polizei, sie macht es Terroristen leicht, in industrielle Steuerungsanlagen einzudringen. Hintertüren werden nicht nur für rechtsstaatlich abgesicherte Ermittlungen genutzt, sondern auch von ausländischen Nachrichtendiensten. 'Pflichtschnittstellen' zum Ausleiten unverschlüsselter Nachrichten werden wahrscheinlich von Hackern angesteuert, bevor die Sicherheitsbehörden überhaupt so weit sind, sie umfassend zu nutzen." Deshalb fordert Schallbruch wenige hochqualifizierte IT-Experten, die in einer Behörde zusammengefasst sein sollen, und statt viele Nicht-Experten in 39 Behörden, wie es jetzt der Fall sei.

Politik, 02.07.2016

Wenn die Polithackerin und Whistleblowerin Birgitta Jónsdóttir von der Piratenpartei Islands neue Premierministerin wird - die Chancen dafür sollen gut sein - dann will sie Island zu einem digitalen Freihafen machen, erzählt Alex Rühle, der Jónsdóttir für die SZ porträtiert. "Wen man auch fragt, den 52-jährigen Germanistikprofessor Gauti Kristmannsson, den Schriftsteller Hallgrímur Helgason, diesen oder jenen Zufallsreykjaviker, alle trauen sie den Piraten zu, dass sie den Laden schon schmeißen werden. Die drei Kernargumente: Weil sie es ernst meinen mit der Transparenz. Weil sie nicht zum alten Klüngel gehören. Und weil sie Birgitta Jónsdóttir haben. Birgitta Jónsdóttir, da kann sie selbst machen, was sie will, da können die Piraten noch so viel von Rotation und führungslosen Parteistrukturen reden, ist das Aushängeschild ihrer Partei. Weil sie die Piraten mitgegründet hat. Und weil sie vorher schon zwei Dinge mitangeschoben hat, die noch heute große Strahlkraft haben: IMMI und die erste Verfassung der Welt, die gecrowdsourct wurde."

Medien, 02.07.2016

Ein Indiz dafür, dass die Zeitschrift Cicero in eine rechtspopulistische Ecke driftet, sieht Anne Fromm in der taz in ihrer Einseitigkeit: "Obwohl Flüchtlingsfragen hoch und runter diskutiert werden, gab es im gedruckten Cicero seit Beginn der Flüchtlingsdiskussion keinen Text über Brandanschläge auf Asylbewerberheime und die zunehmende Gewalt gegen Flüchtlinge. Online erschienen im vergangenen halben Jahr bis Redaktionsschluss dieser Zeitung ein einziger Text zu dem Thema und ein paar Nebensätze in anderen Artikeln."

Auch Liane Bednarz sucht in starke-meinungen.de nach Belegen für ein Abdriften des Blattes und findet ihn in einem Artikel Markus Zieners zur Flüchtlingskrise, wo ein deutsche "Schuldkult" (so Bednarz) für die Willkommenspiolitik verantwortlich gemacht wird: für : "Die entsprechende These ist sogar so zentral für den Beitrag, dass der Cicero diese als Zwischenteaser eigens in großer Schrift hervorgehoben hat: 'Wir werden unseren Kriegs- und Auschwitz-Komplex nicht lösen, indem wir unsere Lehren daraus europäisieren.' Ja, das steht dort wirklich. Ziener spricht vom 'Kriegs- und Auschwitz-Komplex'."



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