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Heute in den Feuilletons: "Wir Deutschen bleiben die Schuldner der Juden"

Die "FAZ" staunt über Martin Walser, der gegenüber Ignatz Bubis Abbitte leistet. Die "taz" lauscht den Basssounds von Aphex Twin. Und der "Tagesspiegel" ist mit einer Bühnenadaption von Thomas Bernhards "Kalkwerk" sehr zufrieden.

Efeu - Die Kulturrundschau

Literatur, 17.09.2014

Martin Walser hat in Überlingen am Bodensee gemeinsam mit der amerikanischen Literaturwissenschaftlerin Susanne Klingenstein den jüdischen Autor Sholem Yankev Abramovitsh vorgestellt, über den beide gerade Bücher veröffentlicht haben, berichtet Andreas Platthaus in der FAZ. Vor allem aber hat Walser die Gelegenheit genutzt, seine Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1998 und seinen Roman "Tod eines Kritikers" über Marcel Reich-Ranicki zu entkräften: "'Wir, die Deutschen, bleiben die Schuldner der Juden. Bedingungslos. Also absolut. Ohne das Hin und Her von Meinungen jeder Art. Wir können nichts mehr gutmachen. Nur versuchen, weniger falsch zu machen.' Wenn es etwas wie ein aus der kollektiven Schuldzuweisung entwickeltes persönliches Schuldeingeständnis gibt, dann ist es hier gefallen."

Der Reporter Thomas Brunnsteiner hat ein Maßnahmeverfahren vor dem Zürcher Handelsgericht gegen den Schriftsteller Urs Mannhart sowie den Secession-Verlag angestrengt. Der Grund: Mannhardt soll mit seinem Roman "Bergsteigen im Flachland" die Urheberrechte Brunnsteiners verletzt haben, indem er "Zitate und Ideen " aus dessen Reportagen verwendete. 300.000 Franken Schadenersatz will Brunnsteiner, berichtet Roman Bucheli in der NZZ: "Willi Egloff, der den Verlag und Urs Mannhart vor dem Zürcher Handelsgericht vertritt, ist überzeugt, dass es sich bei den Übernahmen aus Thomas Brunnsteiners Reportagen nicht um Verletzungen des Urheberrechts handle. Mannhart habe nämlich keine geschützten Textpassagen übernommen, sondern er habe Bezüge zu realen Personen und Ereignissen hergestellt, welche von Brunnsteiner beschrieben würden. Dies sei selbstverständlich zulässig, da niemand ein Ausschließlichkeitsrecht an der Beschreibung von Fakten haben könne."

Weitere Artikel: Ziemlich unversöhnlich gibt sich Peter Turrini kurz vor seinem siebzigsten Geburtstag im Interview mit dem Standard: "Alles unterliegt den Gesetzen der Ökonomie. Sie ist ein Fleischwolf, durch die der Mensch gedreht wird. Die Leute, die ohnehin schon viel Geld haben, leisten sich die größten Finanzverbrechen. Diejenigen, die kein Geld haben, haben gar keine Gelegenheit dazu." Sieglinde Geisel berichtet in der NZZ über das Internationale Literaturfestival in Berlin. Judith von Sternburg berichtet in der FR von Wilhelm Genazinos Frankfurter Lesung aus seinem Roman "Bei Regen im Saal". In der Berliner Zeitung gratuliert Nikolaus Bernau der Berliner Amerika-Gedenkbibliothek zum 60-jährigen Bestehen. Die Ausstellung im Lübecker Buddenbrookhaus über Thomas Manns Verhältnis zur Kunst kann in Till Brieglebs (SZ) Augen nicht bestehen: Er wittert bloße Selbstreklame des Hauses, um eine nötige Erweiterung finanziert zu bekommen. Und in der SZ stellt Jonathan Fischer den exilkongolesischen Schriftsteller und Aktivisten Muepu Muamba vor, der die erste deutschsprachige Anthologie von Autoren des Kongo herausbrachte.

Besprochen werden Martin Walsers Tagebuch aus den Jahren 1979 bis 1981 ( Berliner Zeitung ), Nadine Kegeles "Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause" (SZ) und Hanns Zischlers Erzählung "Das Mädchen mit den Orangenpapieren" (FAZ).

Bühne, 17.09.2014

Viel Spaß hatte Dorothea Marcus von der Nachtkritik beim "Minority Report" nach Steven Spielberg, den Klaus Gehre "fast deckungsgleich" auf die Bühne des Dortmunder Theaters gebracht hat: "Man kann sich vorstellen, mit wie viel Spaß der kreative Erfindergeist zur Sache gegangen ist: Da werden Rückblenden mit Hilfe von starr grinsenden Barbiepuppen vor Foto-Tapeten erzählt, Verfolgungsjagden finden mit Hilfe von Spielzeugautos in Plastikröhren statt, angeleuchtet von LED-Taschenlampen. Die Precrime-Unit fliegt mit Kameras über Landschaftsfotos, John Anderton guckt bei seinen Augen-Scans in eine Taucherbrille. Bei all dem sollen die Gesetze von DOGMA 20_13 gewahrt bleiben - 'Minority Report' ist die zweite Arbeit im Geiste des Manifests, das in der letzten Saison am Schauspiel Dortmund ins Leben gerufen wurde: 'Wir fordern, immer zu zeigen, wie die Illusion entsteht', 'Die Dreharbeiten dürfen nur dort stattfinden, wo die Zuschauer anwesend sind'."

Besprochen werden Thomas Schulte-Michels "quietschbunte" Inszenierung von Aristophanes' "Die Vögel" am Wiener Volkstheater ( Standard ), Philipp Preuss' Bühnenadaption von Thomas Bernhards Roman "Das Kalkwerk" an der Berliner Schaubühne ("ein guter, konzentrierter Abend", findet Patrick Wildermann im Tagesspiegel) und Rolf Riehms "Sirenen / Bilder des Begehrens und des Vernichtens" am Frankfurter Opernhaus ( FR , mehr).

Film, 17.09.2014

Für kino-zeit.de berichtet Patrick Heidmann vom Filmfestival in Toronto. Die FR gratuliert ihrem früheren Filmkritiker Wolfram Schütte, der heute mit großer Leidenschaft für das CulturMag online schreibt, zum 75. Geburtstag. Die SZ widmet heute die ganze Seite 2 ihrer Zeitung - mit recht positiver Grundstimmung - Netflix.

Besprochen werden Vanessa Lapas Kinodokumentarfilm über Heinrich Himmler, "Der Anständige" ( Berliner Zeitung , Welt ), Frank Millers und Robert Rodriguez' Comicverfilmung "Sin City 2" ( taz ) und Amat Escalantes "Heli" ( critic.de , SZ).

Kunst, 17.09.2014

"Wittgenstein sagte, Ethik und Ästhetik seien dasselbe - er hatte recht!", ruft der Konzeptkünstler Joseph Kosuth im Interview mit dem Standard. Kosuth hat gerade in Wien eine Ausstellung, eine "kuratierte Installation" anlässlich des 75. Todestags von Sigmund Freud vorbereitet. "Kuratieren ist in meinem Fall eine Art Aneignung. Die Archive und Depots des Freud-Museums und des Belvedere waren quasi mein Studio. Kuratoren gehen anders vor als ich; sie bemühen sich um Meisterwerke, hinter dieser Wahl verstecken sie ihre Verantwortung: Das ist wie Geld zu drucken. Man will die Kunst auspressen. Ich hingegen bin kein Kunsthistoriker, kein Wissenschafter, kein Kurator. Ich bin ein Künstler. Mir geht es um die Konstruktion von Bedeutung. Ich übernehme, anders als ein Kurator, die subjektive Verantwortung für den inhaltlichen Mehrwert. Künstler zu sein heißt für mich, kreativ, schöpferisch zu sein, der Ideengeschichte etwas Neues hinzuzufügen."

Weitere Artikel: Für den Tagesspiegel hat Bernhard Schulz das wiederveröffnete Landesmuseum in Darmstadt besucht und frohlockt im Anschluss: "70 Jahre nach seiner Zerstörung ist eines der schönsten Museen Deutschlands wieder zu besichtigen, kein Déjà-vu, sondern eine Entdeckung." Jürgen Tietz fürchtet in der NZZ um Baudenkmale der Nachkriegsmoderne, die in Hamburg durch die städtebauliche Verdichtung bedroht seien. Berliner Archäologen lassen heute das Forum Romanum mit einer 3D-Konstruktion online wieder auferstehen, berichtet Berthold Seewald in der Welt. In der FAZ hält es Julia Voss grundsätzlich für eine gute Idee, Kinder frühzeitig in Museen mitzunehmen.

Besprochen werden die Ausstellung "Mein Kamerad - die Diva" im Schwulen Museum in Berlin ( Tagesspiegel ), die Ausstellung "Schwindel der Wirklichkeit" in der Berliner Akademie der Künste ( Berliner Zeitung ), eine Ausstellung von Franz Erhard Walters Mitmach-Skulpturen im Garten des Frankfurter Städels ( FR , FAZ), Jim Goldbergs Fotoband "Rich and Poor" ( Zeit ), Fernando Bryces Ausstellung "To The Civilized World" in der Galerie Barbara Thumm in Berlin ( taz ) und die Ausstellung "Meisterwerke er Reichsabtei" im jüngst als Museum eröffneten Kloster und Schloss Salem (FAZ).

Musik, 17.09.2014

Julian Weber macht in der taz dankbarst angenommene Auszeit vom Kitschkonsens unserer Tage und lässt sich vom neuen Album "Syro" von Aphex Twin so richtig den Gehörgang durchpusten - auch wenn selbst darauf ein gewisser Kitschanteil durchaus zu verzeichnen ist: Doch "die 30 Prozent benutzerfreundliches Geplänkel und Musiklehrer besänftigende, Debussy-artige Pianoetüde mit Vogelgezwitscher am Ende sind sofort verziehen, wenn nach ungefähr 25 Minuten (...) ein Breakbeat losbrettert, der alle anderen Breakbeats, die es je gab, nach Fußgängerzone klingen lässt. Und dann prasseln Bleep-Töne und subsonische Basssounds in einem Uptempo, so malerisch und gleichzeitig fundamental beunruhigend, wie sie nur Aphex Twin hinkriegt."

Die Berlin Music Week findet ab nächstem Jahr unter dem neuen Titel "Pop=Kultur" ausschließlich im Berghain und mit nahezu komplett ausgewechseltem Personal statt, meldet ein darüber sichtlich verdutzter Jens Balzer in der Berliner Zeitung. Am selben Ort unkt Balzer außerdem über die Bruchlandung von U2, deren kürzlich allen iTunes-Kunden gratis aufgezwungenes neues Album kaum einem der auf diese Weise zwangsbeglückten Musikfreunde Freude machen will: "Vom Marketing-Coup zum Fiasko in wenigen Tagen." Bei Apple stellt man mittlerweile einen Service zur vereinfachten Löschung des Albums zur Verfügung, erfährt man in der taz. Und das Kraftfuttermischwerk bringt den Unmut mit einer amüsanten Grafik bestens auf den Punkt. Die Chemnitzer Band Kraftklub will mit ihrem neuen Album ihre Fans auch zur Teilnahme an Demonstrationen bewegen, erklärt sie Juliane Streich im Interview für den Freitag. Auf The Quietus führt Noel Gardner launig durch aktuelle Punk- und Hardcore-Veröffentlichungen.

Besprochen werden das neue Album von Interpol (FAZ), Pharrell Williams' Berliner Konzert ( Berliner Zeitung ), ein Auftritt von Royal Blood ( Berliner Zeitung ), die Konzerte des London Symphony Orchestras und des Mahler Chamber Orchestras beim Musikfest Berlin ( Tagesspiegel ) und King Buzzos Frankfurter Konzert ( FR ).


9Punkt - Die Debattenrundschau

Europa, 17.09.2014

Robert Louis Stevenson wäre wohl für "Yes" gewesen, meint Massimo Sorci in Linkiesta.it und zitiert folgende Passage aus "Memories and Portraits": "England and Scotland differ, indeed, in law, in history, in religion, in education, and in the very look of nature and men's faces, not always widely, but always trenchantly... A Scotchman may tramp the better part of Europe and the United States, and never again receive so vivid an impression of foreign travel and strange lands and manners as on his first excursion into England."

Hannes Stein fürchtet sich in der Welt vor dem schottischen Referendum, denn der schottischen Nation, Lehrmeisterin Europas, so Stein, konnte nichts besseres als das Vereinigte Königreich passieren: "Sollte Schottland am 18. September seine Unabhängigkeit von Großbritannien erklären, wäre dies ein großes Unglück - für den Westen, für Europa, nicht zuletzt aber auch für Schottland selbst. Es wäre eine Rückkehr ins Enge und Provinzielle, in den Schmollwinkel. Es wäre ein Verrat an den Werten der schottischen Aufklärung, die Mythen nie mit der Wahrheit verwechselt hat."

Der irische Historiker Brendan Simms rät in seinem Buch "Kampf um Vorherrschaft" zu einer Expansion Europas, schreibt Patrick Bahners in der FAZ und kann angesichts nicht mehr nur hypothetischer Gefahren durch ein islamisches Kalifat oder Putins Russland nur zustimmen. Die Zukunft Europas hängt auch vom schottischen Referendum ab, glaubt Bahners: "Wenn die Schotten auf dem Beitritt zur EU bestehen und die Engländer endlich die Frage beantworten müssen, ob sie lieber austreten möchten, wird das vielleicht auch ohne Krieg gegen Putin die Krise heraufführen, aus der Vereinigte Staaten von Europa entstehen."

Ebenfalls in der FAZ warnt Luc Rosenzweig mit Blick auf Separationsbestrebungen in Schottland, Flandern oder Katalonien: "Der Konflikt zwischen dem Selbstbestimmungsrecht der Völker und der territorialen Unantastbarkeit der Staaten, welche den Vereinten Nationen angehören, wird im Voraus entschieden: einseitig zugunsten von Brüssel.

Gesellschaft, 17.09.2014

Benedict Maria Mülder findet den Ice Bucket Challenge, der seit Wochen durch die Medien (den Perlentaucher ausgenommen) tollt, ziemlich nervend. Er hat selbst ALS, hat seinen Text für den Tagesspiegel durch Signalisierung von Augenbewegungen geschrieben, und beschreibt seinen Zustand so: "Die Kopfklingel ist ein Instrument, das Segen und Fluch bereithält. Vor allem nachts und wenn der Sprachcomputer nicht vor meinen Augen steht, ist sie existenziell für mich. Ich kann den Kopf nur millimeterweise hin- und herbewegen, wenn sie dann falsch angelegt ist, zu nah, geht eine von vielen als Höllenlärm empfundene Melodie los, eine nervenstrapazierende Angelegenheit nicht nur für die Nachbarn. Ist sie zu weit vom Kopf entfernt und unerreichbar für mich, erlebe ich Höllenqualen."

Internet, 17.09.2014

Wir haben längst unsere Aufmerksamkeit, den Überblick über den technologischen Fortschritt und die Diktatur der Digitalisierung verloren, liest Bernd Graff in der SZ in "Present Shock", dem neuen Buch des Medientheoretikers und Technologiekritikers Douglas Rushkoff: "Davon nimmt er nicht einmal die Wahrnehmung seines eigenen Buches aus. 'Die meisten potenziellen Leser werden in der Lektüre nicht besonders weit kommen, soviel ist sicher. Sie werden einen Auszug auf boingboing.net lesen, ein Interview auf shareable.net, die Rezension in der Times. Sie werden die Hauptaussage des Textes zur Kenntnis nehmen und weiterziehen. Wieso nur schreibt man eine Oper, wenn die Leute nur Dreieinhalb-Minuten-Songs hören wollen?'"

Medien, 17.09.2014

Gestern kam die Meldung, das die FAZ 200 von 900 Stellen abbaut (unsere Links). Heute gibt es auch eine offizielle Mitteilung des FAZ-Verlags: "Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.) schafft durch eine umfassende Restrukturierung die Voraussetzungen für langfristige Wirtschaftlichkeit."

Dazu passt eine dpa-Meldung in der taz: Die Pariser Zeitung Libération will 93 von 250 Stellen abbauen.

Religion, 17.09.2014

Uwe Justus Wenzel liest für die NZZ Martha Nussbaums Verteidigung des Rechts, Burka zu tragen. Sie weist alle Argumente gegen diesen Ausdruck von Freiheit mühelos vom Tisch, meint er, bis auf eins: "Es besagt, die Sichtbarkeit des Gesichts sei grundlegend für den sozialen Austausch und damit auch für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Dieses Bedenken kann Nussbaum nicht ganz so überzeugend entkräften. Sie weist unter anderem auf Träger von Sonnenbrillen (zumal verspiegelten) im Straßenbild hin - und vergisst dabei die Mimik, die zwischenmenschliche Kommunikation zu einem erheblichen Teil ausmacht."

Politik, 17.09.2014

In Ostasien hat eine Aufarbeitung der Vergangeneheit kaum angefangen, meint Urs Schoettli in der NZZ in einem Stimmungsstück aus jkapan, wo die nationalistischen Anwandlungen des Premiers Shinzo Abe gut ankommen: "Mit Russland hat Japan noch nicht einmal einen Friedensvertrag abgeschlossen, und weder mit China noch mit den beiden Korea hat es eine nachhaltige und tiefgreifende Aussöhnung geschafft, wie diese zwischen Deutschland und Frankreich über Politikergenerationen hinweg erfolgreich realisiert worden ist."

Seit bald fünf Monaten sind über 200 Schulmädchen Geiseln der terroristischen Miliz Boko Haram, schreibt Charlotte Alfred in der französischen Huffpo: "Nicht eine Geisel ist befreit worden. 57 Mädchen konnten fliehen. Keine ihre Gefährtinnen konnte es ihnen seitdem gleichtun. Und das obwohl man seit Monaten weiß, wo die die Mädchen sind."

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