Handke-Premiere in München: "Deine Fick- und Vögeljahre"

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Handke-Premiere in München: Tanz mit Worten Fotos
Andreas Pohlmann

In Peter Handkes Stück "Die schönen Tage von Aranjuez" reden ein Mann und eine Frau über Männer und Frauen. Der Autor nennt seinen Text einen "Sommerdialog". Für die Regisseurin Daniela Löffner, die das Stück jetzt in München inszeniert, ist es ein Drama.

Ein Mann und eine Frau. Das ist das ganze Drama. Sie ringen miteinander, sie umkreisen einander, sie umgarnen sich. Es ist ein Tanz mit Worten. Einen "Sommerdialog" nennt der Autor Peter Handke, 70, sein Zwei-Personen-Stück "Die schönen Tage von Aranjuez" aus dem Jahr 2012. Ein Mann befragt darin eine Frau nach ihrer erotischen Vergangenheit. Mal ist es ein Schwelgen in Erinnerungen, ein Spiel, mal gleicht die Befragung einem Verhör mit deutlich aggressiv-eifersüchtigem Unterton. Wo und wann das Ganze stattfindet, lässt der Autor ebenso offen wie die Frage nach dem Verhältnis der beiden. Geschwister sind sie sicher nicht.

"Beim ersten Lesen schienen mir die Beschreibungen im Text, ob es nun um die Natur geht oder eine Emotion, so detailliert, dass sich bei mir ein Gefühl der Entschleunigung eingestellt hat. Bei längerer Beschäftigung mit dem Text wird dann spürbar, dass er auch eine Form von Gewalt, also etwas Impulsives, hat", sagt die Regisseurin Daniela Löffner, 32. "Die Mischung fand ich interessant." Löffner inszeniert Handkes Dialog für das Münchner Residenztheater, am 13. Juli ist Premiere auf der Bühne im Marstall. Die Regisseurin, die in Braunschweig lebt und am dortigen Staatstheater Hausregisseurin ist, hat sich einen Namen gemacht mit genau gearbeitetem Schauspielertheater; Kritiker loben ihre Stilsouveränität. Sie hat ihren Beruf unter anderem als Regieassistentin von Jürgen Gosch gelernt.

Liebe macht die Menschen göttlich

Wie sein Text sei auch der Autor Handke selbst voller Gegensätze, sagt Löffner, die Handke nur aus seinen Werken und Interviews kennt. "Wie er spricht und schreibt, kommt mir sehr nahe, und im nächsten Moment erscheint er mir in seiner Isolation sehr fern, auch desinteressiert an der Welt", sagt sie in einer Probenpause am Telefon. "Mein Gefühl zu Handke bewegt sich immer zwischen diesen beiden Polen. Für eine Regisseurin ist er Partner und Gegner zugleich."

Tatsächlich säuseln der Mann und die Frau in "Die schönen Tage von Aranjuez" (Handke verwendet die ersten Worte von Schillers Drama "Don Carlos" als Titel) bisweilen ganz schön, etwa davon, dass sie mit einer Beziehung "Gottes Willen erfüllt" hätten und durch ihre Liebe eine Weile "göttlich geblieben" seien. Es ist, als hörte man die Engel aus Wim Wenders' "Himmel über Berlin" aus dem Jahr 1987 sprechen, für die Handke die Texte schrieb. Hier allerdings stehen nicht Engel, sondern Menschen auf der Bühne: Allzu poetische Anfälle werden immer wieder gebrochen, etwa wenn der Mann von der Frau unverblümt Auskunft verlangt über ihre "Fick- und Vögeljahre".

Möglicherweise hat Handke selbst die Kitschgefahr seines Stückes erkannt. "Der Text wird immer dann sentimental, wenn ihm keine Suche, keine Ungeduld, die Welt fassen zu wollen, zugrunde liegt. Der Versuch der Figuren, für den anderen die eigenen Erinnerungen preiszugeben, muss sie schon immer wieder was kosten", sagt Löffner. "Wenn der Grund zu erzählen hieße: 'Früher war alles besser' und die Figur innerlich abgeschlossen hat mit dem Kampf um die Liebe, wird's kitschig."

Um der Gefahr des allzu Ungefähren zu entgehen, hat die Regisseurin sich festgelegt: Bei ihr sind der Mann und die Frau, gespielt von Markus Hering und Michaela Steiger, ein Paar, das sich getrennt hat und noch mal einen Neuanfang versucht. Die Bühnenbildnerin Claudia Kalsinski hat ihnen zweimal den gleichen Raum gebaut, mit einer Achse in der Mitte. Auf der einen Seite sitzt der Mann, auf der anderen die Frau, jeder spielt nur in seinem Raum und redet zu dem leeren Stuhl neben sich. "Jeder spielt, als wäre der andere eine Phantasie. Dadurch bewegen wir uns in einem nichtrealen Kontext, und das Spiel bekommt eine sehnsuchtsvolle Ebene hinzu, da ich die beiden getrennt voneinander beobachten kann", erklärt Löffner. "So bekommt der Dialog auch etwas Grundsätzliches. Es geht um 'den Mann' und 'die Frau', so, wie die Figuren ja auch im Stück benannt sind."

Es gibt eine Stelle in "Die schönen Tage von Aranjuez", da sagt der Mann zur Frau: "Zum Glück ist das hier zwischen uns beiden kein Drama. Nichts als ein Sommerdialog." Sie wolle es mit ihren Schauspielern schaffen, sagt Löffner, "dass dieser Satz nicht mehr stimmt".


Die schönen Tage von Aranjuez. Premiere am 13.7. im Marstall des Residenztheaters. Auch am 17. und 25.7., Tel. 089/21 85 19 40.

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Köstlich, gibt es auch Tabubrüche?
alicewunder 10.07.2013
Bin wie immer von Kritik und Anlass der Kritik ganz begeistert. Herrlich die Sprache und der Abstand zur Realität. Darf man fragen warum die Dame mit dem staatlichen Gewaltmonopol eingetriebene Steuergelder braucht, um ihr „genau gearbeitetes Schauspielertheater" zu realisieren? Ist sie noch in ihren "Fick- und Vögeljahren"? Wow, ist das Theater ein langweiliger Haufen organisierter Abgreiferkriminalität.
2. Mutig!
Alfalfa 10.07.2013
"Fick- UND Vögeljahre"! Da hat einer aber der Redundanz furchtlos ins Auge geschaut.
3. vorhersehbar
VoiceOfReason 10.07.2013
Zitat von Alfalfa"Fick- UND Vögeljahre"! Da hat einer aber der Redundanz furchtlos ins Auge geschaut.
muß schon sein. "vögeljahre" allein holt doch heutzutage keinen hund mehr hinterm ofen hervor. weiß eigentlich jemand, in welcher größenordnung sich die staatlichen fördergelder bewegen, die jahr für jahr in solche randgruppen-unterhaltungsanstalten (theater, oper) gepumpt werden? schon seltsam, wenn künstler sich (ohne mir eine gegenleistung zu erbringen) aus meinem portemonnaie bedienen- über den umweg steuern->fördermittel- dann ist das legal, wenn ich aber ein mp3 aus dem netz sauge, steht die polizei vor der tür.
4. Theater entwickelt sich immer mehr zurück. Daher die Fötusstellung
driftwood1973 10.07.2013
Zitat von sysopIn Peter Handkes Stück "Die schönen Tage von Aranjuez" reden ein Mann und eine Frau über Männer und Frauen. Der Autor nennt seinen Text einen "Sommerdialog". Für die Regisseurin Daniela Löffner, die das Stück jetzt in München inszeniert, ist es ein Drama. Peter Handkes "Die schönen Tage von Aranjuez" in München - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/peter-handkes-die-schoenen-tage-von-aranjuez-in-muenchen-a-910049.html)
Keine andere Theaterlandschaft ist vulgärer und psychopathischer als das deutsche. Und was soll das? warum müssen die Darsteller jede zweite Spielszene in Fötusposition verbringen?
5. selbsterkenntnis
VoiceOfReason 10.07.2013
Zitat von driftwood1973warum müssen die Darsteller jede zweite Spielszene in Fötusposition verbringen?
das ist wahrscheinlich nicht mal gespielt, sondern echt. die reaktion im augenblick der erkenntnis, wenn dem darsteller klar wird, an was für einem quatsch er da gerade beteiligt ist. hab übrigens hier mal was gefunden: Kulturförderung: Musik für Millionen - Kultur - Tagesspiegel (http://www.tagesspiegel.de/kultur/kulturfoerderung-musik-fuer-millionen/4096330.html) 9.2 milliarden verteilt der staat pro jahr als "kulturförderung". zusammen mit den 7 milliarden gez-gebühren ein erkleckliches sümmchen für die versammelte deutsche künstlerschaft.
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