Peter Zadeks "Bash" Griechisch grausam

Die Schuldfrage ist geklärt, und dennoch spazieren die Mörder straflos davon. An den Hamburger Kammerspielen inszenierte Peter Zadek Neil LaButes "Bash" - eine Trilogie mit der Kraft griechischer Tragödien. Grausam gut.

Von Britta Heidemann


Der Abgrund ist bei LaBute sonnendurchflutet, freundlich. Die Menschen meinen es gut, grundsätzlich. Ihre Brutalität ist nüchtern, ihre Sprache gleichgültig. Und doch kommen sie ihren Zuhörern ganz nahe in diesen intimen Monologen, die eingeleitet werden mit einem lapidaren Satz: "Ich erzähl's mal". Keine Beichte, kein Bekenntnis, nur eine Geschichte. Wer an dem amerikanischen Autor und Regisseur LaBute nach seinem jüngsten Film "Nurse Betty" eine gewisse Weichheit auszumachen glaubte, wird in "Bash" eines Besseren belehrt. Diese (laut Untertitel) "Stücke der letzten Tage" haben apokalyptisches Potenzial.

In Peter Zadeks kongenialer Inszenierung an den Hamburger Kammerspielen - der deutschsprachigen Erstaufführung - entwickelt sich die Apokalypse geruhsam. Zadek hat die ursprüngliche Reihenfolge der drei einzelnen Szenen verändert, sie offenbar nach dem Grad der durchschimmernden Grausamkeit gestaffelt: "iphigenie in orem" ist die Geschichte einer Opfergabe, "eine meute von heiligen" beschreibt eine Tat, die geradezu Notwehr ist, und erst "medea redux" einen kalkulierten Mord. Ein Mann, ein Pärchen und eine Frau sprechen die Monologe, auf Stühlen sitzend, und machen die Geschichten mit wenigen Gesten sichtbar. Karl Kneidls minimalistische Bühne lässt Projektionsfläche für die Bilder im Kopf.

Brillant: Ben Becker gibt den Blick auf den Abgrund frei
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Brillant: Ben Becker gibt den Blick auf den Abgrund frei

"Ich erzähl's mal", sagt also der junge Mann (Ben Becker). Wie seine Tochter Emma gestorben ist, gerade fünf Monate alt, im Elternschlafzimmer unter dem Plumeau erstickt. Tragischer Unfall, trauernde Eltern. Mit fahrigen Gesten erstattet der junge Mann Bericht, rutscht auf dem Stuhl hin und her, zupft am Hemdsärmel, am Hosenbund. Und dann, plötzlich, wischt diese fahrige Hand den Vorhang der Vorstadtidylle beiseite. Der Abgrund, das ist der Anruf eines Freundes, der drohende Arbeitslosigkeit verheißt. Das ist dieser Moment, in dem das Kind schreit, und er es noch etwas tiefer unter das Plumeau schiebt. Man hat schon zwei Kinder. Die Frau ist einkaufen. Der Mann zitiert Fernsehserien und Kinofilme, um diesen Mords-Moment zu beschreiben: "In einem speziellen Augenblick der Unwirklichkeit konnte ich diese Entscheidung fällen." Das Kindsopfer soll ihn vor der Arbeitslosigkeit bewahren. Später erfährt er, dass der Freund seine drohende Entlassung frei erfunden hat. Der junge Mann kann über diesen Scherz lachen, sogar: "Nein, mir geht's gut, wirklich".

Heilige in Smoking und Pailettenrock

Wirklich gut geht's auch John und Sue in der "meute von heiligen" - eine Gruppe von Mormonen meint LaBute damit, der selbst der "Kirche von Jesus Christus der Heiligen der Letzten Tage" angehört. Wir sind in einer dieser unwirklich glänzenden Szenen, die wie Episoden eines Filmes wirken: Die Bühne ist ganz in Gold und Silber gehalten, aus dem Lautsprecher tönt Partygeplauder. John (Uwe Bohm) trägt Smoking und ein breites Grinsen, Sue (Judith Engel) ein blaurosa Pailetten-Strick-Ensemble über den zappelnden Gliedmaßen - gut kann man sich vorstellen, wie Calista Flockheart ("Ally McBeal") in der Uraufführung 1999 in New York diesen Part spielte. Und doch ist Judith Engel weit mehr als ein Abziehbild der "Miss Neurotic". Unter den Pailetten schimmert Einverständnis mit dem Mord, den ihr Verlobter im Central Park an einem Schwulen verübt: "Zunge raus, Arme umeinander, und die Hände überall dort, wo sie nicht hingehören", nennt John das Ärgernis beim Namen: "Ich meine, ich kenne die Bibel." Später träufelt man dem Toten Weihwasser auf die Stirn: "Surreal", sagt John, grinsend, und schenkt der nichtsahnenden Sue den goldenen Ring seines Opfers.

Medea mordet in der Badewanne

Im dritten Teil des Abends stellt Judith Engel, ganz in dunklen Tönen jetzt, ihre Wandlungsfähigkeit unter Beweis - und mordet als "medea redux" höchstselbst. Allerdings hat sie einen Grund für ihre Grausamkeit, und dieser Grund ist ein Mann. Stärker als in den ersten beiden Teilen des Abends erklärt LaBute das Tatmotiv, als ob ein weiblicher Mord unpassender wäre als ein männlicher. "Ich war dreizehn", dieser Satz ist eine Anklage - gegen den Lehrer, der die Dreizehnjährige zu einer vierzehnjährigen Mutter macht. Der mit ihr, der meeresbiologisch interessierten Schülerin, Ausflüge zum See macht. Sie muss viel Wasser trinken aus der großen Karaffe vor sich auf dem Tisch, als sie davon erzählt: Geküsst hat er sie wie ein Held in den griechischen Tragödien, auf den man danach ein Leben lang wartet. Und sie mit Billie Holiday verglichen, des traurigen Lächelns wegen. "So etwas sagt man nicht zu einer Dreizehnjährigen, sonst gehört sie einem ein Leben lang." Später hat sie ihren Sohn getötet, in der Badewanne, da war er vierzehn und hatte gerade eben seinen Vater zum ersten Mal gesehen: "Dinge verwickeln sich... oder werden verwickelt. Wahrscheinlich haben wir gar nicht so viel damit zu tun."

Am Schluss, als alle alles erzählt haben, und das Premierenpublikum gejubelt hat, tönt Billie Holidays "Stormy Weather" aus dem Lautsprecher und Partygeplauder aus dem Foyer.



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