Phänomen Prekarisierung Die Solidarität der Unterbezahlten

Ob Ich-AG, Dauerpraktikant oder McJobber: Immer mehr Menschen bangen um ihre Existenz. Die Betroffenen dieser sogenannten Prekarisierung fügen sich nicht in ihr Schicksal, sondern machen mobil. Am Wochenende gehen sie weltweit auf die Straße.

Von Uh-Young Kim


Wissen Sie nicht, woher die Miete für nächsten Monat kommt? Ob sich Ihr Studium eigentlich gelohnt hat? Oder wie viel Überstunden Sie diese Woche machen werden, aus Angst, Ihren Job zu verlieren? Es gibt ein Schlagwort, in dem sich alle diese Fragen und Sorgen bündeln, und wenn Sie noch nie davon gehört haben, dann vielleicht nur deshalb, weil Sie vor lauter Stress keine Zeit hatten für die Wahrnehmung einer Debatte, die immer mehr Menschen angeht. Der Begriff heißt: Prekarisierung.

Prekarisierungs-Demonstrant: Wider Zwangskreativität und Selbstausbeutung
Euromayday

Prekarisierungs-Demonstrant: Wider Zwangskreativität und Selbstausbeutung

Gemeint sind die zunehmend unsicheren Arbeits- und Lebensbedingungen, denen der Mensch im Zeitalter des flexiblen Kapitalismus ausgesetzt ist. Ob mit Wischmopp oder Laptop, als Ich-AG oder Mc-Jobber, im Call-Center oder hinterm Tresen: Gemeinsam ist den Prekarisierten die permanente Ungewissheit, wie es morgen weitergehen soll.

Dem Herumkrebsen am Existenzminimum fällt vor allem eines zum Opfer: der Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit. Man knüpft Kontakte beim Ausgehen, verausgabt sich bis tief in die Nacht mit so genannten Projekten. Dass die Arbeit in der Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft das gesamte Leben durchdringt, wird dabei als individuelles Schicksal wahrgenommen. Und was hat das mit den Leichtlohngruppen zu tun? Der Migrantin beispielsweise, die Bürohausflure bohnert? Auf den ersten Blick wenig, auf den zweiten Blick jede Menge. Schließlich finanzieren auch Studentinnen ihre Bildung mit Putzjobs.

Gemeinsam vielfältig

Höchste Zeit also für eine Plattform, die Verbindungen zwischen den Betroffenen stiften kann. Die für 1. Mai in Hamburg geplante Parade des Euromayday soll so ein Forum sein. Im Vorfeld widmet man sich dem Thema akademisch: Auf der der Konferenz "Kosten rebellieren II" werden Fragen der Prekarisierung und Migration diskutiert. Und wenn die traditionellen Gewerkschaftsprozessionen auslaufen und Tränengas und Wasserwerfer in Stellung gebracht werden, geht in 17 weiteren europäischen Städten wie Amsterdam, Sevilla oder Jyväskylla die bunte Meute der Prekarisierten auf die Straßen - in Mailand bereits zum sechsten Mal und mit Zehntausenden von Teilnehmern.

Was ist neu am Euromayday? Angelehnt an Versammlungsformen aus Südeuropa und nicht zuletzt an die spaßbetonten Technoparaden der Neunziger versucht man sich an einem differenzierten Bild des Widerstands. Hier demonstriert eben keine neue Klasse mit Frontbanner und Forderungskatalog. Vielmehr kommen die antirassistischen, feministischen und proletarischen Gruppen mit ihrer spezifischen Agenda zusammen, unterstützt vom guten Ton karibischer oder Free-Jazz-Musik. Arrangiert hat man sich nicht, um einen gemeinsames Programm vorzustellen, sondern um zu signalisieren, dass die eigene Emanzipation nicht ohne die der anderen zu haben ist.

Der Euromayday hat eine bewegte Vorgeschichte: Als politische Bewegung bezieht er Energie und Ideen aus den Organisationsformen der italienischen Linken der Siebziger ebenso wie aus den sozialen Kämpfen in Frankreich und der Globalisierungskritik aus Seattle, Ende der Neunziger.

Während Ärzte oder Arbeiter für sich protestieren, überschreitet der Euromayday die Abschottung der Gewerkschaften gegenüber anderen Interessengruppen. Die andauernden Schüler- und Studentenproteste in Frankreich, Praktikantenstreiks in Paris, Brüssel und Berlin, Debatten über Rassismus und Leitbilder oder der aktuelle Familienbericht - sie alle kreuzen sich im Feld der Prekarisierung. Die Folge: ein Katalog gesamtgesellschaftlicher Fragen auf europäischer Ebene. Dabei wird sichtbar, dass sich die Prekarisierung immer weiter ausdehnt. Und auch die Normalbeschäftigungsverhältnisse werden prekär durchsetzt: über Leih- und Zeitarbeit oder getrennte Tarifverträge.

Kreative Selbstausbeutung

Angesichts des Abschieds vom Traum der Vollbeschäftigung und der Krise des Nationalstaats predigen Politik und Wirtschaft zudem Eigenverantwortung und Flexibilität - nicht erst seit der Großen Koalition. Schon die Schröder-Regierung versuchte, die Fliehkräfte der individualisierten Gesellschaft durch die Anrufung eines neuen Rollenmodells einzudämmen. Der eigenverantwortliche Kreative entspricht diesem neoliberalen Leitbild nur zu gut. Ganz im Sinne des staatlichen Rückzugs aus den entsicherten Verhältnissen verknüpft er persönliche Leidenschaft mit Arbeit. Die Selbstverwertung verlangt ihm dabei ein hohes Maß an Flexibilität und Mobilität ab, selbstverständlich werden Wissen und informelle Prozesse unbezahlt verwertet. Die Honorare sind ein Witz, oft lockt nur soziale Anerkennung als Lohn.

Symptomatisch für die verschärften Konkurrenzverhältnisse: Über die Bedingungen von Kultur- und Wissensarbeit erfährt man kaum etwas. Popschreiber verkommen lieber zum verlängerten Arm der Marketingabteilungen, statt ihre paar Cent Zeilengeld mit dem Verschleiß an Stars und Hypes in Verbindung zu bringen. Aktuell gibt es gerade mal eine deutschsprachige Band, die ihre Produktionsbedingungen konkret thematisiert: Die Berliner Gruppe Britta ergibt sich auf ihrem aktuellen Album "Das schöne Leben" nicht Zwangskreativität oder bloßer Gegenkritik. Lakonisch und autonom balancieren sie an der flüchtigen Grenze, an der der Spaß für die Bohème aufhört und der Zwang für die neue Unterschicht anfängt.

In dem scheinbaren Widerspruch zwischen selbstgewähltem und aufgezwungenem Leben liegt jedoch eine Chance. So lässt sich aus den Erfahrungen von Migranten, wie sie auf dem Euromayday neben der Prekarisierung zum Thema werden, eine neue Perspektive ermitteln, jenseits der lamentierenden Opferrolle. Schließlich haben Migranten, wie auch Frauen, das Leben unter prekären Umständen seit Jahrhunderten vorweggenommen - und doch Strategien entwickelt, um ihrem Glück näher zu kommen.

Hat man es also mit einer neuen Internationale zu tun? Geht er hier in Erfüllung, der Traum vom vernetzten Europa, das eine Debatte geeint und doch mit kontroversen Anliegen in Angriff nimmt? So diffus die Masse der Prekarisierten bislang erscheinen mag, ein erster Schritt ist jedenfalls getan: weg von der allumfassenden Selbstverwertung - hin zur aufbegehrenden Selbstbestimmung.



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