Phänomen "Stromberg" Freude am Fremdschämen

Comeback für den laut Eigenwerbung "schlimmsten Chef aller Zeiten": Morgen geht die Büro-Comedy "Stromberg" bei ProSieben in eine neue Runde. Die Fangemeinde feiert die von Christoph Maria Herbst verkörperte Identifikationsfigur sogar schon in Vorab-Präsentationen.

Von Peter Luley


Samstagabend, 22.30 Uhr im Eventclub Hamburger Botschaft im Hamburger Schanzenviertel. Gerade ist hier das regelmäßige DJ-Podium Betalounge zu Ende gegangen, doch der kleine Laden, der etwa 150 Leuten Platz bietet, füllt sich wieder neu: "Stromberg"-Regisseur Arne Feldhusen, Hauptdarsteller Christoph Maria Herbst und weitere Ensemblemitglieder der ProSieben-Serie haben zur Vorab-Premiere von vier Folgen der morgen anlaufenden dritten Staffel geladen. Den Machern geht es um das direkte Erleben der Publikumsresonanz, die sich bei Fernsehsendungen sonst nur in nüchternen Quotenmeldungen ausdrückt.

Das eröffnende "Hello again" des an die weiße Wand projizierten Glatzenträgers Bernd Stromberg, Stellvertretender Leiter der Abteilung Schadensregulierung der fiktiven Capitol-Versicherung, geht noch ein wenig im Stühlerücken unter – einige im bunt gemischten Um-die-dreißig-Publikum wollen dann lieber doch nicht auf dem Boden sitzen.

Auch die hübsche Plot-Erklärung, warum das in Staffel zwei ins Archiv strafversetzte Ekel nun zumindest teilrehabilitiert wurde – ein Werbespot für Schuppen-Shampoo hat ihn bekannt gemacht und in den Augen der Firmenbosse zur "Identifikationsfigur" werden lassen – scheint noch nicht jeder mitzukriegen. Dafür gibt’s erste spitze Jubelschreie, als der von Bjarne Mädel gespielte Sachbearbeiter Berthold "Ernie" Heisterkamp zum ersten Mal die Szene entert.

Kreischende Leute mit Ernie-Puppen

Keine Frage, hier haben sich Eingeweihte und Freunde des Formats versammelt – wenngleich wohl nicht die Hardcore-Fangemeinde. "Gestern bei den Previews im Kommunalen Kino Kiel haben die Leute kreischend Ernie-Puppen hochgehalten, die Bjarne dann signieren musste", weiß Regisseur Feldhusen im Anschluss zu berichten. "Da ging's so laut zu, dass man unmöglich alle Gags mitbekommen konnte." Das gestrige Publikum wirkt auf ihn bei aller Begeisterung vergleichsweise konzentriert – "da hat wohl bei vielen doch das Fremdschämen eingesetzt".

Das merkwürdige Phänomen um die Büro-Comedy "Stromberg", die ihr britisches Serienvorbild "The Office" (zwei Staffeln und ein Weihnachtsspecial) an Folgen längst überrundet hat, treibt jedenfalls weiterhin bizarre Blüten. Auch wenn das vielfach preisgekrönte Format dem Sender ProSieben nie übermäßige Zuschauerzahlen beschert hat – eine treue Gefolgschaft hat es sich erspielt, und die weiß es in bewährt pseudo-dokumentarischer Manier weiter bestens zu bedienen.

"Da bin ich wieder", faucht also Stromberg in der Auftaktfolge, "wie so 'ne Katze. Wenn man denkt, da is' Feierabend, hab ich immer noch so fünf, sechs Leben in der Hinterhand." Nachdem die Bosse seinen Erfolg als Werbestar gewürdigt haben ("für die bin ich so was, was 'ne Verona Feldbusch für den Rahmspinat war"), hat der Mann mit dem gepresst-gekeuchten Lachen wieder Oberwasser: Frisch geschieden glaubt er, nun wieder einen Schlag bei Frauen zu haben, pirscht sich auf unverschämte Weise an die Büro-Rückkehrerin Jennifer ran, tanzt in der Kaffeeküche mit windmühlenartigen Armbewegungen zu "Sexbomb" und bietet, protegiert von Verwaltungsdirektor Wehmeyer, seinem alten Widersacher Becker Paroli.

Identifikation mit dem armen Würstchen

Die Dauer-Turteltäubchen Ulf und Tanja (Stromberg: "na ja, wohl eher Turteldrosseln") dagegen beharken sich über ihren Wunsch zusammenzuziehen, derweil die korpulente Erika eine Mecker-Box aufhängt und der arme Ernie völlig am Boden liegt: Seine stockend vorgetragene Geschichte vom Tod seiner Mutter ("Mama is nich' mehr"), bei dem Inkontinenz und eine Heizdecke fatal zusammenwirkten, ist ein darstellerisches Kabinettstückchen.

Es muss wohl diese Mischung aus Komik und Tragik sein, die letztlich den Reiz der Serie ausmacht: Auch wenn die zahllosen hübschen One-Liner und Strombergs verquaste Sinnsprüche die lautesten Lacher generieren – sie würden wohl verpuffen ohne die ständigen Einsprengsel des allzu Menschlichen. Auch Stromberg selbst ist ja trotz häufiger dementsprechender Etikettierung kein reines Hassobjekt, sondern ein armes Würstchen, das unbeholfen weitergibt, was ihm geschieht – mal zum Lachen, mal zum Schämen, mal zum Bemitleiden. So gesehen ist das mit der "Identifikationsfigur" gar nicht so falsch. Das Publikum quittiert die Sequenzen mit Szenenapplaus – auch in den kurzen Pausen, die für die Werbeunterbrechungen vorgesehen sind.

Geht noch was?

Dass es in erster Linie die gute Werbeauslastung ist, der das Fortbestehen des Formats zu verdanken ist, kümmert die hier Anwesenden wenig – genausowenig wie die Frage, ob der neue Sendeplatz am späten Montagabend (22.45 Uhr) womöglich wegen der insgesamt kleineren Zuschauerzahl um diese Uhrzeit für einen höheren Marktanteil sorgt. "Im Namen der Bevölkerung fordere ich hiermit, dass es auch nach dieser Staffel weitergeht", verabschiedet sich eine beseelte Zuschauerin von Regisseur Feldhusen.

Das jedoch ist ein heikles Thema: Öfter mal an diesem Abend klingt an, dass der Stoff nun auserzählt sei, auch wenn Hauptdarsteller Herbst das so pauschal nicht sagen will. Er würde lediglich "nicht blanko für eine vierte Staffel unterschreiben", erklärt der Schauspieler, wenn sich eine originelle Idee finde, dann sei er gern wieder dabei. Vielleicht ist er aber auch einfach nur müde, es geht jetzt langsam auf 2 Uhr zu, und den Darstellern steckt noch der Kiel-Ausflug vom Vortag in den Knochen. Aus dem Publikum dagegen wollen einige noch weiterziehen: um die Ecke, zum Tanzen ins "Uebel & Gefährlich".



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.