Philosoph André Gorz Freitod eines Freidenkers

Er galt als Vordenker der postindustriellen Gesellschaft. Und als Verfechter der ewigen Liebe. Als es seiner krebskranken Frau immer schlechter ging, nahm sich "Nouvel Observateur"-Gründer André Gorz zusammen mit ihr das Leben.


Paris - "Mit halb soviel Arbeit werden wir besser leben", sagte André Gorz, 84, Mitte der neunziger Jahre in einem Gespräch mit der "taz". Er selbst hat sich nur bedingt an diese Maxime gehalten: Auch als Rentner schrieb er noch Bücher. Freiwillig, allerdings. Die Zwänge der Industriegesellschaft wirken da wohl eher nicht mit hinein.

"Nouvel Observateur"-Gründer Gorz (1998): "Arbeit zwischen Misere und Utopie"
DPA

"Nouvel Observateur"-Gründer Gorz (1998): "Arbeit zwischen Misere und Utopie"

Gestern meldete die Online-Ausgabe der Zeitschrift "Le Nouvel Observateur", die Gorz gemeinsam mit dem Journalisten Jean Daniel gegründet hatte, den Tod des Philosophen. Gorz und seine Frau nahmen sich in ihrem Haus in der Region Ardenne im Nordosten Frankreichs gemeinsam das Leben.

Die beiden Toten hätten Seite an Seite gelegen und mehrere Briefe an Freunde hinterlassen, schreibt die Zeitung unter Berufung auf einen Augenzeugenbericht. Eine Freundin des Paares sei am Morgen zu dem Haus gekommen und habe an der Eingangstür die Botschaft vorgefunden, Besucher sollten "die Polizei verständigen".

Ewige Liebe

Gorz' aus England stammende Frau war seit mehreren Jahren schwer krank und litt unter anderem an Krebs. Einige Tage vor dem Freitod habe er einer Freundin geklagt, dass sich der Zustand seiner Frau Dorine immer weiter verschlechtere, berichtet "Le Nouvel Observateur".

Im vergangenen Jahr veröffentlichte Gorz eine bewegende Liebeserklärung an seine Frau unter dem Titel "Brief an D.". "Du bist gerade 82 geworden. Du bist immer noch schön und begehrenswert. Wir leben seit 58 Jahren zusammen und ich liebe Dich mehr als je zuvor. Erst kürzlich habe ich mich erneut in dich verliebt", heißt es darin.

André Gorz wurde als Gerhard Hirsch 1923 in Wien als Sohn eines jüdischen Holzhändlers geboren. Seine Mutter stammte aus Dresden, der Vater aus Mähren. 1930 nahm er den katholischen Glauben an und änderte den Familiennamen in "Horst".

Emanzipation des Individuums

Gorz gilt als einer der bedeutendsten Sozialtheoretiker des 20. Jahrhunderts. Seine Gedanken und Arbeit kreisten um die Idee der Emanzipation des Individuums und um die Freiheit des Menschen von jenen Zwängen, die ihm die industrielle Arbeitsgesellschaft aufdrängt. Zu seinen bekanntesten Werken zählen "Arbeit zwischen Misere und Utopie" und "Abschied vom Proletariat". 1964 gründete er zusammen mit Gesinnungsgenossen das französische Nachrichtenmagazin "Le Nouvel Observateur".

Bekannt wurde er als führender Theoretiker der nichtorthodoxen revolutionären Linken, die im Pariser Mai-Aufstand von 1968 die Bestätigung ihrer Gesellschaftsphilosophie sah. Gorz' Theorien für eine human und ökologisch verträgliche Umgestaltung liberaler Gesellschaften griffen in den achtziger Jahren auch prominente deutsche Sozialdemokraten und Politiker der Grünen auf.

In seinem Werk stand Gorz lange dem französischen Philosophen Jean-Paul Sartre nahe. Als er im Jahre 1949 seinen Wohnsitz von Lausanne nach Paris verlegte, wurde Sartre sein Mentor. Der Existenzialist verschaffte Gorz Auftragsarbeiten und machte ihn zum Mitarbeiter seiner Zeitschrift "Les Temps modernes".

ssu/dpa/AFP



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