S.P.O.N. - Der Kritiker: Ein Amokläufer am Klavier

Eine Kolumne von Georg Diez

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Pianist Igor Levit: Der Schock beginnt schon in den ersten Sekunden

Er ist ein Einzeltäter, zu jeder Zeit extrem: Für die Kunst des jungen Pianisten Igor Levit muss man gewappnet sein. Sie wirft existentielle Fragen auf und scheut auch die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod nicht. Ein Glück, dass es solche Musiker gibt.

Warum noch mal genau Beethoven? Ich bin ja kein großer Klassikkenner, ich mag manches, sehr sogar, und kann es auch bewundern, die Schönheit von Bach etwa, der in dieser Welt eine Welt bauen wollte, die größer war als er, oder die Sinnlichkeit von Mozart, der den Menschen mit all seinen Fehlern feierte. Aber Beethoven blieb mir immer fern.

Warum also stellt da auf einmal ein 25-jähriger Pianist, der die späten Sonaten von Beethoven spielt, die richtigen, die existentiellen Fragen - Fragen, die mich direkt erschüttern, weil sie sehr von heute sind und weil sie, so wirkt es, speziell an mich gerichtet sind?

Igor Levit heißt der Pianist, er hat dunkle Haare und sehr wache Augen und ein Gesicht, das wohl immer jugendlich bleiben wird, obwohl er schon heute weiser wirkt als die meisten Menschen um mich herum. Es ist ein Widerspruch in ihm, eine Widerspenstigkeit, die freundlich tut, es aber wohl gar nicht ist, er ist schließlich Künstler, womöglich sogar ein großer, und also irgendwie auch, so viel Klischee muss sein, ein Monster.

Zwiesprache mit dem eigenen Tod

Die späten Sonaten, hat er mir erklärt, sind eigentlich für ihn tabu, so wie der "König Lear" nichts ist für hungrige 25-jährige Schauspieler, die sich nicht darum kümmern, was andere von ihnen denken - vor allem die "Hammerklaviersonate", Opus 106, die müsse man sich erarbeiten mit seinem Alter, mit seinem Leben, sagte er in einem Ton, der klar machte, wie sehr er all das ignorieren würde, was die anderen von ihm erwarten.

Da liegt sie nun also, die erste CD von Igor Levit, an diesem Freitag erscheint sie - und der Schock beginnt schon mit den ersten Sekunden, in denen eine Vergeblichkeit etabliert wird, die im Folgenden in immer neuen Varianten gegen die Welt, vor allem aber gegen das Individuum gerichtet wird, Beethoven gegen sich selbst einerseits, Levit gegen sich selbst andererseits, und beide gegen mich.

Es ist eine brutale Schönheit, die hier aufreißt, wie eine Hand, die Wolken teilt, und die Sonne dahinter versengt alles. Beethoven klopft mit diesen Sonaten ans Haus des Lebens, das klingt toll, das klingt hohl, das klingt verzweifelt. Es ist seine Zwiesprache mit dem eigenen Tod - aber so, wie Levit das spielt, herrscht trotz allem keine Angst, er nimmt den Tod mit Bewunderung fast und mit Respekt, er spielt ihn jung.

In jedem Moment ein Extremist

Egal ob Beethoven herrisch auftrumpft oder tief verstört ist, egal ob er Türme von Noten aufbaut und sie mit lautem Lachen zum Einsturz bringt - Levit nimmt es gelassen, fast erheitert, wie es seine Art ist: Er hat ein tiefes, metaphysisches Interesse an der Kaputtheit, die sich hier auftut, speziell in der "Hammerklaviersonate", aber er wird den Teufel tun und sich davon verschlingen lassen.

Er ist ein Einzeltäter, ein Amokläufer, das schon, in jedem Moment ein Extremist und dadurch sehr heutig und zeitgenössisch, es dominiert auch bei ihm eine Einsamkeit, eine Unbedingtheit, eine Grausamkeit, erst einmal sich selbst gegenüber - aus der dann allerdings eine Lust entsteht, eine durchaus autoerotische, aber niemals onanistische Lust. Levit hält diese Grenze, er hält sie, indem er sein eigenes Leben, seine eigene Biografie in die Waagschale wirft.

Dieser späte Beethoven, den er uns zeigt, ist ja sehr Beckett, in dem Sinn, dass der Vergeblichkeit ein immer neuer Versuch entgegengesetzt wird, denn Aufgeben ist keine Option und jede Katastrophe auch eine Komödie - und Igor Levit, der als Kind aus Russland nach Deutschland kam, bringt etwas mit, das ihm diese Dimension eröffnet.

Es ist eine Suche in diesen Stücken, nach Herkunft, nach Heimat im Metaphysischen, es ist eine Suche nach den Tönen in der Stille - und am Ende ist es zwar nicht egal, wie alt jemand ist, der diese Stücke spielt, vor allem aber braucht er eine geistige Freiheit, die vom Alter unabhängig ist.

Levit lässt einen erschüttert und erleichtert zurück. Glücklich, wer solches Geleit hat durchs schreckliche Labyrinth des Lebens.

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insgesamt 31 Beiträge
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1. ***
vonwoderwestwindweht 16.08.2013
Wenig sinnvoll, Rezensionen zu schreiben, wenn man weder vom Klavierspielen noch von Beethoven eine Ahnung hat. Hammerklavier-Sonate, nebenbei gesagt, hat die Opus-Zahl 106 (nicht 109).
2. Ist der Interpret so toll oder Beethoven?
noethers-kritiken.de 16.08.2013
Darüber sollte sich der Rezensent vielleicht auch mal Gedanken machen. Da würde es helfen, sich mal die eine oder andere Vergleichseinspielung der letzten 100 Jahre anzuhören (Artur Schnabel? Wilhelm Kempff? Claudio Arrau? Alfred Brendel?), um Werk und Interpretation auseinanderhalten zu können. Musikkritiken sollen natürlich das subjektive Erlebnis widerspiegeln, aber ein Hauch von objektivem Wissen und Maßstab darf gerne dabei sein. Sonst ist das alles nur begeisterte Stammelei. Und man muss dennoch nicht gleich so mit Bildungsprotz daherkommen wie ein Joachim Kaiser.
3. Seltsam
rossini26 16.08.2013
wie übertrieben der Pianist herausgestellt wird. Ich bin starker Beethovenliebhaber, aber eine derartige Überinterpretation wie in dem Beitrag ist mir total unverständlich. Die Hintergründe würde ich gen wissen!! Vielleicht PR?
4. Komponist und Interpret
Spiegelkritikus 16.08.2013
Zitat von sysopdpaEr ist ein Einzeltäter, zu jeder Zeit extrem: Für die Kunst des jungen Pianisten Igor Levit muss man gewappnet sein. Sie wirft existentielle Fragen auf und scheut auch die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod nicht. Ein Glück, dass es solche Musiker gibt. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/pianist-igor-levit-begeistert-mit-beethoven-stuecken-a-916946.html
Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod ist für die meisten alternden Menschen ganz normal, das gilt auch für Komponisten im fortgeschrittenen Alter und drückt sich natürlich in ihrer Musik aus. Es ist wohl eher die Kunst des späten Beethoven als die des jungen Interpreten Levit, die existentielle Fragen aufwirft. Man könnte mal mit dem Beethovenspezialisten Brendel vergleichen, als dieser ebenfalls schon älter war. Das soll nicht heissen, dass ein jungen Pianist mit der Interpretation solcher Spätwerke grundsätzlich überfordert wäre, viele sind es aber doch. Ich möchte noch an Mozart erinnern, der gegen Ende seines kurzen Lebens ein phänomenales Werk wie das Requiem hervorbrachte, das es an existentieller Tiefgründigkeit nicht mangeln lässt. Aber das Leben dieses Genies spielte sich wohl in einer Art Zeitraffer ab - wie bei etlichen der ganz grossen Künstler.
5. sprachliche Komposition als gegenwart
paintedair99 16.08.2013
einen Gute Sparche und Kritikfähigkeit enthält auch den Versuch extreme Zeitenuterschiede zu einer Vergegenwärtigung zu brinegn. Es ist wie musik, deren Notengrafik sich durch die Zeit an jeweilige Interpretationen vor-schreibt. Herr Dietz braucht keinen Dakapo grundsätzlicher Kritik - auch nicht in der Interpretation erweiterter Wahrnehmung und deren sprachlicher Verarbeitung. gerade der versuch einer Interpretation bringt die aktuelle musikalische Interpretation an den Punkt erneu(er)t hinzuhören. ich freue mich auf die CD. Sprache in dieser Couleur und dem Vermögen feinsinniger kritischer Differenz an sich ist ein Kulturgut, das sich Herr Dietz und auch eiin neuer pianist immer wieder neu erarbete. Ebenso ist gerade diese Srache in SOPN ein bemerkenswerter und respektierter Faktor. Wo ist abendländische refelktion - angewand auf aktuelle Zeit denn geblieben in den Kolumnen, Artikeln und Nach-richten?. Es fehlt an Sprachanaalyse und dem Hinhören welche Musik manchen merkeln und radikalen üer die lippen ommen und genau der gewollten Analyse. Herr Dietz - klasse.
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).

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