Pierre Brice Der Mann, der Winnetou war

In Deutschland ein Star, in Frankreich fast unbekannt: Pierre Louis de Bris alias Pierre Brice. Eine Arte-Doku liefert überraschende Einblicke in Leben und Karriere des Mannes, der als Apachenhäuptling berühmt wurde – und nie wieder etwas anders sein sollte.

Von Peter Luley


Nein, einer Clique habe er nicht angehört, sagt Pierre Brice zu Beginn – nicht der von Vadim, nicht der von Chabrol, nicht der um Truffaut und auch nicht der um Godard. Vier Jahre freiwilliger Einsatz in Nordafrika und im Indochinakrieg lagen hinter dem gebürtigen Bretonen, als er 1952 nach Paris ging und begann, sich im Quartier Latin nach Gelegenheitsjobs umzutun.

Als Model ließ er sich unter anderem für die "Vogue" und illustrierte Fotoromane ablichten. Beim Friseur in einer solchen Bilderstrecke blätternd, wurde die Schauspielerin Michèle Morgan auf den jungen Beau aufmerksam und empfahl ihn an ihre Agentin Olga Horstig. Über sie kam Brice zu seinem ersten Filmauftritt: In dem Streifen "Harte Fäuste, heißes Blut" durfte er Eddie Constantine die Tür aufhalten.

Chabrol, Truffaut, Godard – allein der Klang dieser Namen in Verbindung mit Pierre Brice mutet zunächst merkwürdig an. Das zeigt, wie eindimensional das landläufige Bild des Mannes ist, der in Deutschland sofort mit Karl Mays Apachenhäuptling Winnetou assoziiert wird.

Kein Bedarf für einen zweiten Alain Delon

Dabei hätte alles anders kommen können: Immerhin spielte Brice 1958 unter der Regie von Marcel Carné eine Nebenrolle an der Seite von Jean-Paul Belmondo und besaß eine verblüffende Ähnlichkeit mit Alain Delon – die ihm allerdings wohl eher zum Nachteil gereichte, weil nur ein Vertreter des Typs "undurchsichtiger Schönling" den ganz großen Durchbruch schaffen konnte. Als seine Karriere stagnierte, zog Brice in die damals boomende italienische Filmstadt Cinecittà und drehte in drei Jahren ein gutes Dutzend Kostümschinken. Er gab Zorro, Robin Hood und auch schon mal leicht geschürzt Dionysos – bis er wie zuvor in Paris das Image des attraktiven Dressmans weghatte.

Die knapp einstündige Dokumentation "Winnetou darf nicht sterben" von Oliver Schwehm wartet nun mit zahlreichen solcher kaum geläufigen Zusammenhängen auf – und ihr französischer Titel "Le célèbre inconnu" kündet von einem weiteren Kuriosum: Dem Umstand, dass der Darsteller in seinem Geburtsland so gut wie unbekannt ist.

Europas Prärie lag in Kroatien

Während Brice in Deutschland nach einer schicksalhaften Begegnung mit dem Produzenten Horst Wendlandt auf der Berlinale 1962 in der Rolle der edlen Rothaut Winnetou Triumphe feierte, blieb sein Ruhm im übrigen Europa überschaubar. Der Erfolg der Karl-May-Adaptionen – allein "Der Schatz im Silbersee" zog zehn Millionen Menschen in die Kinos – erwies sich als nationales Phänomen.

Warum dem so war, analysiert der Film anhand von kundigen Zeitzeugen- und Experten-Einschätzungen. So liefert der Karl-May-Deuter Michael Petzel luzide Kommentare zur Funktion der Heldengeschichten als Nachfolger des Heimatfilms und zum damals herrschenden Bedürfnis nach heiler Welt und schönen Landschaften. Dass die in Nordamerika angesiedelten Prärie-Epen in Kroatien nachgestellt wurden, tat ihrer Wirkung keinen Abbruch.

Brice selbst steuert, mal allein im Kino Ausschnitte aus den eigenen Werken betrachtend, mal an den Drehschauplätzen wandelnd, Anekdoten bei: wie er zunächst keine besondere Lust hatte, einen Indianer zu spielen und sich dann an der Seite des vorherigen "Tarzan"-Darstellers Lex Barker alias Old Shatterhand doch die Figur aneignete. Wie er sich immer mehr in sie hineinlebte und sie allmählich mit Manierismen ausstattete wie dem berühmten Blick in die Ferne oder der ausladenden Armbewegung zur Begrüßung seines Blutsbruders – einer Geste, die er aus seiner Pfadfinderzeit mit einbrachte.

"Winnetou darf nicht sterben"

Es ist das Verdienst des mit cineastischer Leidenschaft gearbeiteten Porträts, das Lebenswerk von Brice mit Respekt zu würdigen, ohne die tragischen Seiten einer derartigen Festlegung auszublenden. Dachte Brice nach seinem Filmtod in "Winnetou III" – den er als seine Lieblingsszene angibt –, damit sei diese Schaffensperiode wohl beendet, so sorgte eine Aktion der Teenie-Postille "Bravo" dafür, dass aus dem Ansinnen nichts wurde: "Winnetou darf nicht sterben", forderte das Blatt.

Alsbald klopfte Produzent Wendlandt für neue Unternehmungen an. Obwohl Kollege Lex Barker aus Furcht vor unumkehrbarer Image-Zementierung ausgestiegen war, zog Brice das Indianerkostüm wieder an – nun flankiert von ausrangierten US-Westernhelden wie Stewart Granger als Old Surehand. Doch die Wiederauferstehung Winnetous (Experte Petzel: "Karl-May Filme haben einen religiösen Bestandteil") war nur von kurzer Dauer: Mit dem Aufkommen des 68er-Zeitgeists war die Naivität der Mayschen Männerfreunde nicht mehr zeitgemäß; nun waren es die italienischen Spaghetti-Western, die mit zynisch-gewalttätigen Helden wie "Django" das Publikum fesselten – und die, anders als zuvor der sogenannte Sauerkraut-Western, auch international reüssierten.

Bis zum Schluss auf sattelfeste Rollen abonniert

Brice indes versuchte Anfang der 70er mit einer deutsch-englischen Science-Fiction-Serie namens "Starmaidens" zu punkten – doch die Trash-Saga blieb wohl zurecht weitgehend unbeachtet. Und so resignierte der Mime endgültig: Er trällerte "Ich fand keinen, der so war wie du, Winnetou" und ließ sich 1976 für die May-Festspiele im sauerländischen Elspe engagieren, wo er für weitere zehn Jahre den Apachenhäuptling verkörperte – bis er 1987 nach Bad Segeberg wechselte und sich dort im Freilichttheater am Kalkberg abermals in den Sattel schwang. Selbst in den graumelierten Altersrollen, die man ihm schließlich in Serien wie "Ein Schloss am Wörthersee" zugestand, musste sich der Darsteller noch aufs Pferd schwingen und über Feld und Wiesen galoppieren.

Brice selbst, heute 78, scheint seinen Frieden mit seiner Lebensrolle gemacht zu haben: Zwar räumt er ein, in einer Art goldenem Käfig gefangen gewesen zu sein, bekundet aber tapfer, die Vorteile hätten doch eindeutig überwogen. Was soll der Mann, der Winnetou war, auch sonst sagen? Er kann ja gar nicht anders, als diesbezüglich keinen Schmerz zu kennen.


Mittwoch, 26.12., 22.10 Uhr, Arte: "Winnetou darf nicht sterben".
Im Anschluss um 23.05 Uhr: "Der Schatz im Silbersee"



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