"Pippi Langstrumpf"-Entdeckerin Verlegerin Heidi Oetinger ist tot

Sie brachte "Pippi Langstrumpf" und "Michel von Lönneberga" nach Deutschland: 50 Jahre war Heidi Oetinger eine der bedeutendsten Personen im deutschen Verlagswesen. Jetzt ist sie 100-jährig gestorben.

Verlegerin Oetinger (2007): Mit Astrid Lindgren und James Krüss befreundet
dpa

Verlegerin Oetinger (2007): Mit Astrid Lindgren und James Krüss befreundet


Hamburg - Ihr haben wir es zu verdanken, dass kurz nach dem Zweiten Weltkrieg die aufmüpfige rothaarige Pippi Langstrumpf aus Schweden nach Deutschland kam: Heidi Oetinger, Mitbegründerin des Hamburger Oetinger Verlages. Wie das Unternehmen mitteilte, starb die Verlegerin in der Nacht zum Montag wenige Wochen vor ihrem 101. Geburtstag in der Nacht zum Montag.

Ab 1948 hatte sie gemeinsam mit Friedrich Oetinger den Verlag aufgebaut und ihn zu einem erfolgreichen deutschsprachigen Kinder- und Jugendbuchverlag gemacht. Mitte der Achtziger hatte sie sich aus der aktiven Geschäftsleitung zurückgezogen. Heute führen ihre Tochter Silke Weitendorf und die Enkel Jan und Till Weitendorf sowie die Enkelin Julia Bielenberg die Verlagsgruppe als Familienunternehmen weiter.

Über Jahrzehnte habe sich Heidi Oetinger mit großem Engagement für die Bücher eingesetzt, von denen sie überzeugt war, heißt es in der Mitteilung des Verlages. Mit ihrer Beharrlichkeit, ihrer Phantasie und Improvisationskunst habe sie vielen Autorinnen und Autoren zum Durchbruch verholfen. "Das Sams"-Autor Paul Maar war ihr Protegé, mit Schriftstellern wie Astrid Lindgren oder James Krüss, der sie als "Mutter des Verlages" bezeichnete, verband Heidi Oetinger eine tiefe Freundschaft.

"Ich habe jede Woche mit Astrid telefoniert"

Als junge Frau hatte die Hamburgerin zunächst als Sekretärin in einer Anwaltskanzlei gearbeitet, bevor sie zum ersten Mal heiratete und während des Zweiten Weltkrieges kurz nach der Geburt ihrer Tochter Silke Witwe wurde. 1948 kam sie zu dem Kinder- und Jugendbuchverlag, den Friedrich Oetinger (1907-1986) zwei Jahre zuvor gegründet hatte - ein Zufall: Eine Nachbarin hatte ihr von der Jobmöglichkeit berichtet.

Aus der gemeinsamen Arbeit der beiden wurde enge Vertrautheit, daraus Freundschaft, schließlich Liebe. 1952 heirateten sie. Für den Durchbruch des Verlages zeichneten sie gemeinsam verantwortlich, vor allem für die exklusive Verpflichtung Astrid Lindgrens - eine mündliche Übereinkunft, die auf einer lebenslangen Freundschaft basierte: "Ich habe jede Woche mit Astrid telefoniert, wir haben Gedichte rezitiert, zusammen gesungen", erzählte Heidi Oetinger 2008 in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung". Wenn Lindgren zu Besuch an die Elbe kam, ließen die Verleger sie nicht im Hotel übernachten. Die wichtigsten Autoren, sagte Heidi Oetinger, wollten wegen eben dieser persönlichen Beziehungen von den Hamburgern verlegt werden.

Nach Friedrich Oetingers Rückzug aus dem Verlag Anfang der siebziger Jahre blieb Heidi Oetinger weiterhin in der Geschäftsleitung. Bis Mitte der achtziger Jahre war sie dort aktives Mitglied, 1986 verstarb ihr Mann Friedrich Oetinger. Im Mai wurde sie mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Zu ihrem 100. Geburtstag im November 2008 hatte die Verlegerin einem Branchenmagazin ihr Rezept für ein langes Leben verraten: Zum einen habe sie immer gearbeitet, "und wer arbeitet hat wenig Zeit, sich Gedanken ums Kranksein zu machen". Und zum anderen - wenig überraschend - sei da die Literatur: "Wer liest, der hat immer mehrere Leben, nämlich in Büchern."

can/dpa



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