Plame-Affäre Bob Woodwards Sündenfall

Nach der "New York Times" wird nun auch die "Washington Post" in die Affäre um die enttarnte CIA-Agentin Valerie Plame verwickelt. Starreporter Bob Woodward soll als einer der ersten Journalisten von der Regierung informiert worden sein. Bei der "Post" herrscht Empörung über sein Schweigen.


Washington - Die Ombudsfrau der "Washington Post", Deborah Howell, griff den Watergate-Enthüller scharf an: Bob Woodward habe eine "sehr schwere Sünde" begangen, indem er seinem Blatt jahrelang verschwiegen habe, aus Regierungskreisen über die Tätigkeit der enttarnten Geheimagentin Valerie Plame informiert gewesen zu sein, schrieb Howell gestern auf der Meinungsseite der Zeitung.

Reporter Woodward: Vor zwei Jahren von der Regierung informiert
AFP

Reporter Woodward: Vor zwei Jahren von der Regierung informiert

Trotz seines Ruhms, den er durch die Aufdeckung der Watergate-Affäre um den früheren US-Präsidenten Richard Nixon Anfang der siebziger Jahre erlangt hatte, müssten für ihn die selben Regeln wie für andere Journalisten des Blattes gelten, forderte Howell. Durch sein Verhalten habe Woodward der Glaubwürdigkeit der "Washington Post" einen Schlag versetzt. Zahlreiche Leser seien wütend und enttäuscht und hätten eine Entlassung oder Maßregelung Woodwards gefordert. Howell warf Woodward eine weitere journalistische "Sünde" vor, da er den Fall Plame in den letzten Wochen öffentlich kommentiert habe, ohne seine Kenntnisse offenzulegen. Woodward hatte seinem Arbeitgeber erst vor kurzem mitgeteilt, dass ein hoher Regierungsvertreter bereits Mitte Juni 2003 mit ihm über die Berufstätigkeit der Ehefrau des regierungskritischen Ex-Botschafters Joseph Wilson gesprochen habe. Woodward war damit vermutlich der erste Journalist, der von der Regierung unterrichtet wurde.

Die Identität seines Gesprächspartners hat Woodward bisher nicht preisgegeben. Es handele sich aber nicht um den Ex-Stabschef von US-Vizepräsident Dick Cheney, Lewis "Scooter" Libby. Dies macht die Geschichte noch brisanter, da damit deutlich wird, dass offenbar mehrere Mitarbeiter der Regierung versuchten, Wilson zu schaden. Libby wird im Zusammenhang mit der Enttarnung Plames Meineid, Falschaussage und Behinderung der Justiz vorgeworfen. Plames Identität war an die Medien verraten worden, nachdem ihr Ehemann sich in der Kontroverse um den Irak-Krieg gegen die Regierung gestellt hatte. Der frühere Botschafter trat der Behauptung von US-Präsident George W. Bush entgegen, der ehemalige irakische Machthaber Saddam Hussein habe sich im westafrikanischen Staat Niger waffenfähiges Uran zu beschaffen versucht. Die darauf folgende Enttarnung seiner Frau wurde damals von vielen Beobachtern als Racheakt des Bush-Lagers an Wilson gedeutet, weil Plame damit nicht mehr länger als Undercover-Agentin arbeiten konnte.

Mit der "Washington Post" wird nach der "New York Times" bereits die zweite große US-Zeitung in die Plame-Affäre verwickelt. Die mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete "Times"-Reporterin Judith Miller musste sich in den letzten Wochen vor einem Untersuchungsausschuss verantworten und enthüllte schließlich, dass sie die Identität Plames von Libby erfahren hatte. Auch sie hatte ihrer Zeitung nichts von ihrem Wissen mitgeteilt, aber sich in Berichten über vermeintliche Massenvernichtungswaffen im Irak eher Bush-freundlich gezeigt. Die "Times" wirft ihr vor, mit ihrem Bestehen auf Informantenschutz ein unrechtmäßiges Vorgehen der Regierung gegen deren Kritiker gedeckt zu haben.



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