Planlosigkeit Bis die Geister verschwinden

Wer hat schon einen Lebensentwurf außer Investmentbankern und Flachpfeifen? Die meisten nehmen, was gerade da ist. Und das ist falsch. Richtig wäre etwas, das glücklich macht.

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Eine Kolumne von


Um fünf. Schon fast munter, aber nur fast. Fast noch schlafend. Fast. Das Gehirn, oder was davon übrig ist, entzieht sich dem logischen Zugriff, oder der logische Zugriff findet genau dann statt und alles andere, was später folgt, ist Beschwichtigung. Es gibt kaum schrecklichere Sorgen als die um fünf, und nicht einmal Amseln, nicht einmal Autoscheinwerfer von draußen, die Lichter an die Decke werfen, weil verdammt noch mal, da sind keine Autos, da ist die Stille. Die anderen schlafen, sie liegen in ihren kleinen Wohn-Verbringungs-Boxen und sehen niedlich aus dabei, wie Serviervorschläge.

Der Schlaf ist der Optimalzustand des Menschen. Er findet ohne Charakter und Bedürfnisse statt. Da muss kein Tier gefressen werden, niemand betrogen oder gehasst, nur aufs Kissen spucken läuft um fünf. Ist es, als sei das Ding schon explodiert und man selbst die einzig Überlebende. Oder alle anderen sind lebendig und schlafen, und man selbst ist - weg.

Ein kleines Problem, ein falsches Wort zu irgendwem, ein blöder Text irgendwo, eine Arbeit, die klemmt, eine Blamage, ein Streit wird vor dem Morgen zum großen schwarzen Loch, das der müde Verstand umkreist. Das Problem wächst, wird Ursache für das Scheitern des gesamten Lebensentwurfs, den man noch nicht mal hatte. Wer hat schon einen Lebensentwurf außer Investmentbanker und Flachpfeifen. Die meisten nehmen, was gerade da ist. Und das ist alles falsch. Richtig wäre etwas, das glücklich macht. Das sagen alle - was wollen sie von ihrem Leben?

Was, wenn es woanders besser geworden wäre?

Glücklich sein. Damit meinen sie: die Momente davor. Vor der Liebe. Vor dem neuen Beruf, dem Studium, vor dem ersten Schultag, dem Zusammenziehen. Was dann folgt, ist doch Sand in den Schuhen und zu heiß. Oder zu kalt. Leben halt. Vielleicht ist es mit dem Rest genauso. Das Leben ist warten auf etwas, das im Zweifel nicht stattfindet oder schon stattgefunden hat, und es war doch nie so großartig. Was, wenn es woanders besser geworden wäre? Woher soll man das wissen. Ob man mit einem anderen Beruf, einem anderen Menschen, in einem anderen Land zufriedener wäre, Vorstellung und Gefühl deckungsgleich.

Man könnte jetzt, um fünf, zu einem der schlafenden Menschen in eine der Boxen gehen, leise die Tür öffnen und sich neben ihn oder sie legen. Und am Morgen sagen: Ich habe Frühstück gemacht, und dann würde man mit dem Menschen frühstücken und sagen, ich übernehme jetzt dein Leben. Dann stünde man in der Bahn und führe in ein anderes Büro, ein anderer Chef, männlich, andere Kolleginnen, mit anderen großartigen Aufgaben, die im Zweifel mit Computern zu tun haben, und am Abend noch was zum Essen holen, die Nummer 23 und dann Fernsehen auf einem anderen Sofa. Oder einem Sofa in New York. Da wohnt Trump. Oder in Costa Rica. Da war Regen.

Kein Ort will sich da finden, kein Plan, was man da soll, was soll man überhaupt. Und es ist doch keine Zeit mehr. Keine Zeit, um einen neuen Beruf zu erlernen, um Mathematikerin zu werden ist es zu spät, das Hirn schmiert ab Ende zwanzig ab. Kein Ort zum Hingehen, keine Hoffnung. Bis die Geister verschwinden. Mit dem Aufgehen der Sonne, dem Kaffee, dem Tag. Der wird, wie alle anderen. Irgendwie nicht schlecht. Bis zum Morgen um fünf.

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insgesamt 93 Beiträge
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Seite 1
gorontalo 26.08.2017
1. Früher habe ich ähnlich gedacht.
Heute habe ich Kinder. Seitdem weiß ich, wie ein glückliches, erfülltes Leben aussieht.
hackmackenreuther 26.08.2017
2.
Schöner Text! Den Zustand um 5 sollte man sich 24 Stunden erhalten.
erzengel7 26.08.2017
3. kann man fast so unterschreiben
aber das leben eines millionärs ist ja noch übler die sind für mich um nix inder welt zu beneiden , sonnst würde ich lotto spielen das tu ich aber nicht also wo soll die reise hingehen bratwurst oder kavier jeden tag das ist hier die frage , und ich verspreche ihnen beides ist gleich unsinnig !! ps : liebe meine gedanken um 5 da sind sie reiner und frischer als abends um 8
Newspeak 26.08.2017
4. ...
Ach, Frau Berg, immer so negativ und/oder unausgegoren. "Wer hat schon einen Lebensentwurf außer Investmentbanker und Flachpfeifen. Die meisten nehmen, was gerade da ist. Und das ist alles falsch. Richtig wäre etwas, das glücklich macht." Also ich sag jetzt mal, wie ich das erlebe. Ich habe als Teenager keine Ahnung gehabt, was ich mit meinem Leben machen soll. Weil ich in der Schule einen klasse Lehrer hatte, und mir dessen Fach Spass gemacht hat, habe ich das studiert. Da hatte man zumindest ein Fernziel. Das war mein Lebensentwurf. Und es hat auch Spass gemacht, aber irgendwie wurde immer noch nicht klarer, ob es "das" ist. Dann erfolgreich beendet, noch eine Promotion angeschlossen. Das war immer noch spassig, aber doch nicht mehr die ganze Zeit, sehr viel Frustration, sehr viel Gelegenheit zum Zweifeln, ob es "das" ist. Dann erfolgreich beendet, noch einen Postdoc angeschlossen. Das war weniger spassig, noch mehr Zeit zum Zweifeln, ob es "das" ist. Nach dem erfolgreich beendeten Postdoc arbeitslos. Fast kein Spass mehr (gelegentlich schon), noch mehr Zeit zum Zweifeln, ob "es" das ist. Nach der erfolgreich beendeten Arbeitslosigkeit, inzwischen im Ausland. Und immer noch am Gruebeln. Ich vermute mittlerweile, dass dieses Gefuehl nie mehr weggeht. Man ist zu weit vorgedrungen. Man weiss nicht nur, dass man etwas weiss, sondern man weiss inzwischen auch, was man alles nicht weiss. Man hat seine geistigen Grenzen erfahren. Man ist von einer Grunderschoepfung befallen, die nicht mehr weicht. Man hat seine Jugend verschwendet. Das Entscheidende aber ist. Ich habe auf diesem Weg so viele interessante Dinge erlebt, gesehen, gemacht. So viele interessante, nette, gute, faehige Leute getroffen. So viele interessante Diskussionen gehabt, Orte gesehen. An die ich alle nie gekommen waere, ohne das. Bin ich gluecklich? Ich glaube nicht. Bin ich zufrieden? Ein bisschen. Ist es mein einzigartiges Leben? Ja, definitiv. Die Menschen erwarten Glueck, tun aber selten etwas dafuer. Sie wollen ein anderes Leben fuehren, machen aber immer die gleichen bekannten Dinge.
Babaji 26.08.2017
5. Human "Race" - aber wohin?
Ja wer findet den Sinn, wahrscheinlich erst im Grabe. Diese Gesellschaft macht leider krank und nicht glücklich. Es lässt sich leider nur noch isoliert in einer Blase leben, abgeschottet, hoffentlich mit guten Freunden und Familie, mit der naiven Hoffnung, dass doch noch alles gut und gerecht werden wird, eines Tages. Schwimmen mit dem Strom, gefühlt eher so qualvoller Stromschlag und das jeden Tag und dann ist auch noch auf Facebook und in den Medien alles so zugemüllt und einseitig fad, scheinbare Rebellion auf Knopfdruck und die Gedanken jedes Einzelnen verblassen letztendlich, denn jeder Kommentar ist immer schon der nächste, es gibt kein zurück, nur jetzt zählt, vielleicht später noch Zeit und vielleicht liest es jemand, kollektive Bewusstseinsveränderung. Wunschtraum. Alle wissen Bescheid und machen das Gegenteil. Ich nehm's mittlerweile mit Humor, mehr Wahnsinn wäre nicht mehr gesund.
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