Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Pocher als Verstärkung: Harald Schmidt goes Aldi

Von Reinhard Mohr

Oliver Pocher wird neuer Sidekick in der Harald Schmidt Show. Ab Herbst soll der "Media Markt"-Werbeträger und Kino-"Vollidiot" an der Seite des ARD-Chef-Zynikers moderieren. Das ist, als würde man Aldi-Brause ins Champagner-Regal stellen.

Manchmal treffen Nachrichten den friedlich gestimmten Zeitgenossen, der gerade ein gutes Buch liest, den zwitschernden Vögeln zuhört und dabei immer wieder mal in den lauen Frühlingshimmel schaut, völlig unvorbereitet.

Die Klimakatastrophe fällt aus - das wäre ein schönes Beispiel. Warten wir's ab. Oder: Miroslav Klose bildet einen korrekten Relativsatz, wo grammatikalisch stimmt. Oder: Der G-8-Gipfel wird kurzfristig nach Grönland verlegt.

Völlig unglaublich aber war die Nachricht, die vor wenigen Stunden hereinkam: Oliver Pocher kriegt ab Oktober einen Dauersitzplatz in der Harald Schmidt Show. Die ARD holt den jungen Alterslosen, einst ein überzeugter "Zeuge Jehovas", als "Sidekick" ins Kölner Studio, um die dann nur noch einmal wöchentlich laufende Stunden-Sendung jugendlich aufzupeppen. Ach Du liebes bisschen.

Sofort spüren wir das würgende Telekom-Feeling in uns hochkriechen: Ja ja, hier soll offensichtlich umstrukturiert, verjüngt, verknappt und ausgelagert werden, ein Hauch von Ausverkauf des Abendlandes. Jetzt kommt Aldi-Brause ins Champagnerregal, genauer: ein fieses Mixgetränk wird auf den Markt geworfen, Alkopop für die gute Laune. Soft, süß, klebrig, geil.

Igitt.

Da wird sich Harald Schmidt, der im August 50 wird, aber gefreut haben, als er von der Entscheidung der ARD-Chefs erfuhr. Wie es heißt stammt die Anregung, Pocher einzukaufen, sogar von ihm persönlich. Dass der dröge und bräsig gewordene Manuel Andrack wahrscheinlich weichen muss, wird kaum jemand bedauern. Aber es ist ziemlich klar, dass dies der Anfang vom Ende jener Harald Schmidt Show sein wird, die in ihren besten Momenten noch immer ein Fünkchen Licht war im trist-grellen Fernsehkosmos zwischen Wahnsinn und Schwachsinn. Den hat man nun im eigenen Haus. Und er ist, frei nach Gerhard Polt, wie ein Hausschwamm. Du kriegst ihn nicht mehr raus.

"Rent a Pocher" - die ARD ist auch noch stolz darauf, den Titel dieser dämlichen ProSieben-Sendung "wörtlich" zu nehmen und den ausgebildeten Versicherungskaufmann, dessen filigranes Spielfilmdebüt "Vollidiot" gerade in den Kinos läuft, ins öffentlich-rechtliche Nest zu holen. "7 Zwerge - Der Wald ist nicht genug", jener geniale Titel des Spielfilms, in dem Pocher zuletzt mitwirkte, scheint hier richtungweisend gewesen zu sein.

Berühmt wurde Pocher, der wie alle jungen Deutschen unter 30 natürlich "Viva"-Moderator war, durch unflätige Bemerkungen bei "Wetten, dass...?" ("Du siehst aber ganz schön alt aus für Dein Alter"), den patriotisch-dumpfbackigen WM-Song "Schwarz und weiß" und seine schenkelklopfenden Billigwerbeauftritte für den "Media Markt".

Damals, also vor ewigen Zeiten, war Geiz noch geil und Gerhard Schröder Bundeskanzler. Heute ist Merkel-Aufschwung, und Oliver Pocher, das strahlende Zwieback-Gesicht aus Hannover, darf sein Verkaufstalent nun in einer der wenigen Paradeformate der ARD unter Beweis stellen. B-Klasse goes Premium, der einstige "Warm-upper" bei Birte Karalus empfängt die höchsten Weihen der Fernsehsatire.

Da seine eigene Produktionsfirma Pocher TV GmbH zu einem Drittel Brainpool TV und zu einem weiteren Drittel Raab TV gehört, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis auch Fernsehpraktikant Elton zur fröhlichen Runde stößt, das ultimative TV-Pfannkuchengesicht des dritten Jahrtausends, eine unendlich oft zu klonende Mehrzweckwaffe im Kampf gegen die letzten Reste menschlicher Denktätigkeit im Universum.

Wir, die wir fast jeden Spaß verstehen und uns, wer weiß wie oft, auch durch träge dahin fließende Harald Schmidt Shows geschleppt haben allein um der Hoffnung willen, doch noch eine einzige Leben erhaltende Sottise des Großmeisters zu erhaschen, sagen Nein!

Wir sagen Nein zur brüllenden Gegenaufklärung, Nein zur Ölpest des Comedy-Wahns, Nein zum besinnungslosen Dauerlachen.

Wir sagen: Lieber mit Harald Schmidt untergehen als mit Oliver Pocher weiterleben. "Mit dieser Welt gibt es keine Verständigung; wir gehören ihr nur in dem Maße an, wie wir uns gegen sie auflehnen", sagte Theodor W. Adorno in einem etwas anderen Zusammenhang.

Aber er hatte Recht. Wir lehnen uns gegen die Oliver-Pocher-Welt auf - bis zum letzten Atemzug!

Diesen Artikel...
Forum - "Vollidiot" Pocher - jetzt auch noch öffentlich-rechtlich?
insgesamt 269 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Jetzt habe ich ein Problem:
UlliK 14.05.2007
Wie drücke ich es aus, daß ein Hr. Pocher nur durch konsequentes Ignorieren richtig gewürdigt wird, ohne diesen Beitrag zu schreiben ;-)
2.
M@ESW, 14.05.2007
Zitat von sysopModerator und Schauspieler ("Vollidiot") Oliver Pocher wirkt jetzt auch in den öffentlich-rechtlichen Medien. Muss das sein? Hat Harald Schmidt diese Zusammenarbeit nötig? Der Artikel zum Thema: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,482789,00.html
Wie bitte ist das jetzt zu verstehen? Nicht eher: Hat der GEZ-Zwangszahler es nötig das die ÖR auch noch Millionenbeträge an Schmidt und Pocher verschwenden?
3. Betreutes Moderieren
centraldream, 14.05.2007
Um Harald Schmidt und seine Quoten muss es wirklich schlecht stehen, wenn er jetzt ungefragt Oliver Pocher quasi als "Zivi" an die Seite gestellt bekommt. Das grenzt fast an Entmündigung. Wenn Schmidt noch ein wenig Stolz hat, dann tritt er am besten sofort ab und geht nach Neuseeland.
4.
marks&spencer 14.05.2007
Zitat von M@ESWWie bitte ist das jetzt zu verstehen? Nicht eher: Hat der GEZ-Zwangszahler es nötig das die ÖR auch noch Millionenbeträge an Schmidt und Pocher verschwenden?
So sehe ich es auch. Als zwangsweiser Gebührenzahler muss man sich jeden Murks vor die Nase setzen lassen, ohne selbst auch nur ein Jota Mitspracherecht zu haben.
5.
inci 14.05.2007
Zitat von sysopModerator und Schauspieler ("Vollidiot") Oliver Pocher wirkt jetzt auch in den öffentlich-rechtlichen Medien. Muss das sein? Hat Harald Schmidt diese Zusammenarbeit nötig? Der Artikel zum Thema: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,482789,00.html
wie sollten denn die ÖRs denn sonst mit den quoten der privaten mithalten können? am besten nur noch oliver pocher und co., statt sendungen wie report, panorama, hart aber fair, etc. tittitainment für alle! rund um die uhr!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Vote
Der Zynische und der Zotige

Harald Schmidt bekommt Verstärkung duch Oliver Pocher. Schalten Sie ein?

Die Abstimmung ist beendet. Klicken Sie hier, um das Ergebnis zu sehen.

Fotostrecke
Oliver Pocher: Lizenz zum Fremdschämen


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: