Poesie junger Flüchtlinge "Meine Augen haben die Farben des Unglücks gesehen"

Manche waren noch Kinder, und doch wurden sie von ihren Eltern allein auf eine lebensgefährliche Reise geschickt. In Gedichten schildern junge Flüchtlinge aus Afghanistan und Iran ihre Erlebnisse, ihren Schmerz.

Susanne Koelbl


In der östlichen Welt gelten Gedichte als das kollektive Gedächtnis der Völker, die Verse werden von den Älteren an die Kinder weitergegeben und so ist Poesie eine vertraute Form. Im Berliner Kunstraum "BOX Freiraum" findet seit fünf Monaten ein Poetry-Workshop mit 14- bis 18-jährigen Geflüchteten statt, die sich allein nach Europa durchgeschlagen haben.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 20/2016
Erst VW, jetzt Opel: Eine deutsche Industrie-Affäre

In ihren Gedichten beschreiben die Jugendlichen den Verlust der Heimat, die Gewalt, die ihnen begegnet ist, den Krieg und ihren Blick auf uns, die Deutschen und unser Land. SPIEGEL ONLINE zeigt eine Auswahl. Weitere Gedichte finden Sie in der Digital-Ausgabe des aktuellen SPIEGEL.

Susanne Koelbl

Meine Heimat habe ich verlassen, mein Herz.
Jetzt ist es wie Schlaf und Traum
und brennt in der Tiefe meines Körpers.
Die weinende Mutter hat mich fortgeschickt,
die Leiden sind zu Ende, sagte ich.
Ich packte und machte mich auf den Weg.
Leib und Seele überließ ich dem Ozean,
Gott, danke, ich existiere noch.
Gott möge das Meer verfluchen, das die Leiber verschlingt. Das Gebet und die Liebe für die Schwester halfen mir anzukommen.
Aber meine Augen haben die Farben des Unglücks gesehen.

Mohamad Mashghdost, 18, Bandar-e Ansali, Iran, über Flucht und Ankunft in Europa

Susanne Koelbl

Sei neben mir und sieh,
was mir geschehen ist.
Es ist vorbei, die Spuren noch im Herzen.
Kein Platz für mich, für Schlaf in diesem Bus.
Die Füße vertrocknet, der Traum versank im Auge.
Die Polizei sagte stopp.
Geht zurück, geht zurück.
Alle dann in den Waggons, nur ich allein auf dem Gleis.
Das Schlauchboot sank, und mein heißes Herz für Europa wurde kalt.
Die Welt schlief, nur wir waren wach,
hungrig, durstig, müde.
Wir sind ja weggegangen, schwieriger wird es zurückzukehren.
Das ganze Sich-Zerreißen, für ein bisschen Ruhe.
Nicht meine Ruhe.
Die Ruhe meiner Familie.

Yasser Niksada, 14, in Afghanistan geboren, in Iran aufgewachsen, über die Überfahrt nach Europa

Susanne Koelbl

Der Beginn des Lebens war, dass ich nicht existierte.
Es gab eine Mutter, sie war mein Gott.
Es war eine einseitige Liebe.
Es gab einen Vater, er war nie da.
Der Körper kam zur Ruhe, nicht der Geist.
Ich war ohne Trost.
Die Schwester wollte mir die Mutter sein, aber sie war müde.
Ich liebte die Mutter. Sie starb.

Ich wollte gehen, und ich blieb.
Ich wollte bleiben, ich ging.
Nicht das Gehen war wichtig, und nicht das Bleiben.
Ich war wichtig, der ich nicht existierte.

Mohamad Mashghdost, 18, Bandar-e Ansali, Iran, über das Sein

Susanne Koelbl

Sei ruhig, sagst du zu mir und erinnerst mich daran,
dass du doch da bist.
Was morgen ist, das weiß ich nicht.
Verzeih, dass ich von morgen nichts sagen kann.
Aber heute bin ich ja noch da.

Ali Ahmade, 15, Bamian, Afghanistan
Gedicht der Gedanken an seine Mutter, bevor er in der Türkei ins Boot steigt und nicht weiß, ob er die Überfahrt überleben wird

Susanne Koelbl

Ich habe verstanden, niemand erwartet etwas von niemandem.

Gleich, wieviel ich älter werde, wie erwachsen ich sein werde, wenn ich unruhig bin und voller Sorge, wünschte ich die Mutter an der Seite.

Aber ich bin hoffnungslos, was die Welt angeht.

Ghani Ataei, 16, Herat, Afghanistan, über Einsamkeit

Susanne Koelbl

Wenn ich sage, Frauen,
Dann meine ich echte Frauen,
Diejenigen mit Brauen, Nase und Schultern.
Die von Beginn an nur sich selbst gehören.
Die nicht selbstsüchtig sind und stolz auf ihre Gaben.
Die sich in ihrer einfachen Schlichtheit lieben
und nur sie selbst sein wollen
und keiner anderen ähneln.
Diese Frauen meine ich, wenn ich sage Frauen.

Das Licht in ihrem Blick ist wie der Duft ihres Parfums Kobako.
Ihre wohlwollende Hand ist unvergleichlich wertvoll.
Die Weisheit scheint unter ihrer Schminke hervor.
In Schönheit schreitet sie in der Öffentlichkeit.
Der wässrige Mund der Gaffer ist ihr gleich.
Die selbstbewusste, starke Frau verfolgt ihre Gaben und Talente,
Einige Frauen bleiben zuhause, sie lösen sich auf und werden zu Wasser.
Und diejenigen, die rausgehen, werden zu Brot und Speisen.
Und wenn ich sage Frauen, meine ich diese Frauen.

Samiullah Rassouli, 17, Ghazni, Afghanistan, über die Frauen


Poetinnen gibt es unter den Teilnehmenden nicht, die Eltern erlauben ihren Töchtern die Flucht nicht. Die meisten Jungen werden dagegen gezielt losgeschickt, damit sie hier ein besseres Leben finden und später möglichst die Familie unterstützen.

Erstmals öffentlich tragen die Jugendlichen ihre Werke im Abendprogramm der akademisch-künstlerischen Konferenz Thinking beyond "Crises", in Berlin vor, am 17. Mai 2016, gemeinsam mit den Schauspielerinnen Mira Wichers und Julia Huston.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 20/2016
Erst VW, jetzt Opel: Eine deutsche Industrie-Affäre
Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.