The Polaroid Project Der doppelte Warhol

Die Polaroidkamera ermöglicht schnelle, alltägliche und auch einzigartige Aufnahmen. Warum sie trotz Pleite des Herstellers und Digitalisierung bis heute beliebt ist, zeigt eine Ausstellung.

Von Jan Russezki


Die Wohnzimmerparty ist in vollem Gange, und endlich knutschen die beiden Schüchternen. Schnell ein Foto! Aufklappen, durchschauen, abdrücken. Irgendwas in dem kleinen Kasten brummt und ein Foto ist geboren. Es hat einen weißen Rahmen, ist quadratisch, aber zeigt noch kein Bild. Das Foto zu wedeln, bringt zwar nichts, passt aber zum Hüftschwung. "Shake it, shake it like a Polaroid picture", singt die US-Band OutKast noch, und schon hat sich das Foto von ganz allein entwickelt. Kaum jemand versteht, was in einer Polaroidkamera passiert, aber das scheint auch egal, solange sie funktioniert.

Dass der Markenname Polaroid für mehr als unmittelbare Amateurfotografie steht, zeigt das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Die Ausstellung "The Polaroid Project" erzählt, wie sich die technische Innovation entwickelte und zur künstlerischen Kreativität in verschiedenen Kunsttraditionen führte. Dem wird die ganz praktische Anwendung in Mode, Werbung und Wissenschaft gegenübergestellt.

Instagram der Siebziger

Ein Gedanke, der ohnehin bei dem Wort "Instant Photography" aufkommt, sind die Parallelen und Gegensätze zu digitalen Sofortbildern. Durch die bloße Nennung von Instagram in der Einführung werden Parallelen zur Polaroidfotografie wie die Selfiekultur und die Unmittelbarkeit angedeutet.

Das fünfköpfige Kurationsteam will aber auch nicht mehr, als einen Überblick schaffen, um darin zu zeigen, dass Polaroid noch heute eine Rolle spielt. Und tatsächlich scheint die Sofortbildfotografie einen Hype zu erleben. Obwohl Polaroid schon seit Jahren bankrott ist, erscheinen neue Kameramodelle und im Bereich Fotografie sind Sofortbildfilme unter den Top 10 der Amazon Bestseller - zwar alles nicht von Polaroid, aber darum geht es nicht.

Man betritt die Ausstellung in der Mitte der aufgefädelten Räume. Etwa 240 klein- und großformatige Polaroidfotos von 120 Künstlern sowie historische Kameras führen in zwei Stoßrichtungen der Polaroidfotografie. Nach links geht es in die Abstraktion der Motive. Nach rechts in ihre Inszenierung.

Letztere beginnt mit einem 2015 entstandenen Selbstporträt. Chuck Close, dramatisch, weil leicht seitlich ausgeleuchtet vor schwarzem Grund. Nur sein Gesicht ist zu sehen, sein Blick ist starr in die Kamera gerichtet. Daneben hängt Hillary Clinton in ähnlich puristischer Inszenierung. Auch diese Nahaufnahme hat Close gemacht. Es geht ums Sehen und Gesehen werden.

Klar, ist da beim Thema Beobachtung die große Welt: Ansel Adams Landschaftsaufnahmen, Sandi Fellmans japanische Tätowierungen - realistische und dokumentarische Beobachtungen.

Sehen und Gesehen werden

Wer wirklich nicht fehlen darf, ist der Meister der Selbstinszenierung: Andy Warhol. Er soll wirklich immer eine Polaroid mit sich herumgetragen haben. In den Siebzigern war es das berühmte Modell SX-70, mit dem er sich auf einem Doppelporträt vom italienischen Fotografen Oliviero Toscani ablichten ließ. Doppelporträt, weil die Kamera gerade ein Frontal-Selfie von Warhol ausspuckt, das natürlich schon voll entwickelt ist - Zwei Warhols, die die beiden Seiten seines Lebens zeigen: fotografieren und fotografiert werden.

Andy Warhol kurz vor dem Niesen und beim Schnäuzen auszustellen, zeigt nicht nur Warhols sterbliche Seite, sondern inszeniert auch das Image von Polaroid. Genau für solche schnellen, alltäglichen und, ja, auch einzigartigen Fotos war Polaroid bekannt.

Zurück am Anfang der Ausstellung, hängt neben den Porträts von Chuck Closes ein weiteres, das die zweite Stoßrichtung der Polaroidfotografie vorgibt: die Abstraktion und das Spiel mit dem Material. Mosaikhafte Bilder kennt man heute von Instagram. Ein Bild wird zerschnitten und dann im Galerieüberblick zu einem zusammengesetzt. Aber Dawoud Bey hat alle vier Teile von "Josef" 1994 unabhängig voneinander aufgenommen und sie zu einem Porträt zusammengesetzt.

Im Verlauf der Ausstellung werden die Mosaikteilchen kleiner und die Collagen aufwendiger. Die Polaroids werden zerkratzt, eingefroren und zerrissen. Um Gesichter unkenntlich zu machen, greift Bruce Charlesworth in den Entwicklungsprozess ein, während Ellen Carrey eben diesen Prozess ausstellt. James Nitsch montiert eine Rasierklinge mit einem Polaroid. Es wird gefragt, was das neue Material kann. Die Klinge rostet, das Polaroid überdauert.


"The Polaroid Project", bis zum 17. Juni 2018, Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe.



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Papazaca 19.03.2018
1. Polarroid und Selfies
Hört sich nach einer spannenden Ausstellung an. Oft war das Polarroid eine Möglichkeit, Licht, Proportionen und Winkel vor einer ausgiebigen Fotosession abzuchecken. Und natürlich Momentaufnahmen zum sofortigen "Verbrauch". Die Beliebtheit der heutigen Selfies ist irgendwie ein Nachfolger, wenn auch vieles unterschiedlich ist und der Kontext oft ein anderer ist.
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