Polaroid-Boom: Magie des Moments
Man knipst, es surrt - und schon ist das Bild da! Polaroids erleben derzeit ihre Wiedergeburt in Alltag, Mode und Kunst. Ein Wunder? Kaum. Die Sofortschüsse mit dem berühmten weißen Rahmen sind die Krönung der Fotografie, denn ihre Botschaft lautet: Nur ein wenig schlecht ist echt.
Andy Warhol muss gleich niesen. Bild eins. Und dann niest Andy Warhol. Bild zwei. Der weiße Rand genügt, und der Betrachter zweifelt keine Sekunde an der Unverfälschtheit der beiden Fotos. Denn der weiße Rand von Polaroidbildern der Marke Integral ist ein Symbol. Er macht klar: Dieses Foto gibt es nur ein einziges Mal. Und jemand hielt es sofort nach dem Knipsen in der Hand, schaute beim Entwickeln zu.
Das Sofortbild ist die Krönung all dessen, wofür analoge Fotografie steht - und Andy Warhol niest derzeit in Düsseldorf, als Teil einer Schau, die die "Polaroid Collection" zeigt, eine Sammlung, die Sofortbild-Erfinder Edwin Land einst aufgebaut hat. Die 65 Jahre alte Technik erlebt heute eine Renaissance, obwohl Polaroid 2009 spektakulär pleite ging.
Sie triumphiert zum Beispiel, weil sich viele Künstler dem Format wieder widmen, darunter Cathleen Naundorf, deren jüngste Serie den Unikatstatus der Polaroids feiert - in der Ausstellung "Haute Couture. The Polaroids of Cathleen Naundorf" in München. Die deutsche Fotografin hat den Luxus, sich die Einzigartigkeit von Polaroidfotos zu gönnen, überhöht. Und zwar mit dem Gipfel an Luxus und Einzigartigkeit: Sie wählte bei Dior, Chanel, Valentino, Gaultier und Co. Entwürfe aus und bannte die Einzelstücke auf Polaroids.
Ob es dann ein Bild einer Frau mit Federhut in "Kew Gardens" ist oder das Foto mit den Chanel-Models auf dem Dach des Grand Palais, in dem Karl Lagerfeld neue Kollektionen zeigt: Der Prozess der Entwicklung ist stets sichtbar, mit Flecken, Farbunregelmäßigkeiten, Fehlstellen. Wie hinter Dunstschichten entfaltet sich ein "rêve de mode", ein Modetraum, wie Naundorf ihr Projekt auch nennt.
Sehnsucht nach Unikaten
Die Schnappschüsse, auf denen Andy Warhol das Gesicht verzieht, haben nichts von dieser edlen Anmutung, aber sie signalisieren ein "Es ist so gewesen", wie der französische Philosoph Roland Barthes es formulierte. Dem analogen Foto wird ja - nicht immer zu Recht, wie die Geschichte zeigt - eine Art Beweis-Status zugestanden: physikalische Verbindung, chemische Reaktion, Licht, das sich auf Film einschreibt. Und bei Sofortbildern gibt es eben nur das eine Mal, kein Versprechen auf Vervielfältigung. Damit einher geht eine Aura des Zufälligen. Perfekt ausgeleuchtet ist nichts, viele Bilder wirken wie mit einem Augenzwinkern entstanden. Etwa das Nacktbild, das Helmut Newton 1976 schoss: Das Gesicht der Frau ist komplett von einem weißen Blumenstrauß verdeckt. Der Alltag als Akt.
Die Düsseldorfer Schau feiert Polaroids gleich doppelt, indem sie Geschichte fortschreibt. Edwin Land, der 1947 die erste Polaroidkamera vorstellte, baute neben seinem Fotoimperium eine Kollektion mit Sofortbildern auf - Testfotos aus Forschungszwecken, geschossen von großartigen Künstlern, mit dem legendären amerikanischen Landschaftsfotografen Ansel Adams als engstem Berater.
Nun wird die Sammlungstradition unter dem selbstironischen Namen "The Impossible Project" fortgeführt. Die jungen Künstler, die sich der Technik annehmen, schätzen wie Warhol und Newton den Charme des Ungekünstelten: Das zeigen verfleckte Akte von Nobuyoshi Araki ebenso wie die Vietnam-Serie von David Levinthal - Miniatursoldaten in einem Urwald aus Borsten.
In Düsseldorf ist das Beste aus alter und neuer Kollektion zu sehen, begleitet von einem überwältigenden Bildband, streng nach Filmsorte geordnet. Die Bandbreite reicht von Fotos der zentnerschweren 20x24-Zoll-Großformatkamera, von der nur noch sieben Stück existieren, und die Robert Heinecken einsetzte, um einen TV-Bildschirm quasi in Echtgröße abzubilden, bis zu jener Bildsorte, die man gemeinhin mit Polaroid assoziiert: "Integral Film" mit dem weißen Rand. Den nutzten Fotografen wie Marc Morrisroe übrigens als Teil des Bildes.
Die Ausstellungen zeigen auch, wie stark die Sehnsucht nach dem unverhandelbaren Unikatstatus heute ist. Längst schmückt sich etwa die Digitaltechnik mit dem "Look and Feel" der Polaroids. Motto: Wenn ein Foto nicht Echtheit und Einzigartigkeit verspricht, dann soll es zumindest so aussehen als ob. Apps, die Smartphone-Fotos mit dem charakteristischen weißen Rand versehen, gibt's seit Anfang Mai auch von Polaroid, für das neu entworfene Lichtbild-Objekt im Polaroid-Look "Polaboy", steuerten jüngst sogar Terry Richardson und Todd Selby Sondereditionen bei.
Und dass gar Lady Gaga als "Kreativchefin" von Polaroid angeheuert wurde, ist auch nur Indiz dafür, wie groß die Strahlkraft der Technik heute wieder ist, da Fotos fast nur noch digital existieren. Denn wer lässt schon Abzüge machen? Dauert ja zu lange. Und die surren nicht mal direkt aus der Kamera so wie ein schickes Polaroid.
"Haute Couture. The Polaroids of Cathleen Naundorf". München. Bernheimer, bis 4.8.
"Die Polaroid-Collection". Düsseldorf. NRW-Forum, bis 8.8.
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- Donnerstag, 28.06.2012 – 15:15 Uhr
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- Cathleen Naundorf: Website der deutschen Fotografin
- "The impossible project"
- Polaroid-App
- Polaroid-Look: Polaboy
- Youtube: Lady Gaga als Creative Director bei Polaroid
- Museum der Kulturen Basel: "Couleurs de l'ombre"
- Bernheimer, Fine Art Photography: Offizielle Website
- NRW-Forum
für die Inhalte externer Internetseiten.
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