"Polaroids"-Aufführung Das Leiden der Loser

Neue britische Elendsdramatik: Falk Richter inszeniert Mark Ravenhills "Polaroids" im Schauspielhaus Zürich - als sprühende Revue.

Von Sven Siedenberg


Keine Frage: Der britische Autor Mark Ravenhill zählt zu jener Sorte von Bürgerschreck, vor der uns unsere Eltern immer gewarnt haben. Schon der Schmuddel-Titel seines Stückes "Shoppen & Ficken" war reine Provokation. Was natürlich nichts daran ändert, dass er darin das Lebensgefühl einer ausgeflippten Jugend auf den Punkt brachte. Inzwischen ist der Titel ein geflügeltes Wort und steht demnächst wahrscheinlich sogar im Duden.

Jetzt hat Mark Ravenhill ein neues Stück geschrieben. Der Titel klingt diesmal weniger provozierend, ist aber programmatisch gemeint: "Polaroids" soll auf die fortschreitende Vereinzelung und Erkaltung verweisen, auf das Zerbröseln sämtlicher Werte. Denn mit dem Zerfall der Sowjetunion und dem Ende des Sozialismus ist das ideologische Hinterland der Altlinken versunken. Damit ist das Elend nicht kleiner geworden, jetzt gehört es halt jedem selber.

In diesen politischen Zusammenhang stellt Ravenhill sein modernes Heimkehrerdrama. Nick (Dominique Horwitz), ehemaliger bonzenschlagender Kommunist, wird aus dem Gefängnis entlassen. Jetzt irrt er zwischen Wellblechwänden und Plastikvorhängen herum und findet sich in der schönen neuen Spaßwelt nicht zurecht. Er trifft auf Helen (Sylvana Krappatsch), die nicht mehr streitet für die Weltrevolution, sondern im Straßenparlament für Laternen und Schulbusse.

Wenig später trifft er auf Nadja (Bibiana Beglau), Tim (Sebastian Rudolph) und Victor (Thomas Wodianka). Drei durch den Geldrausch der Warenwelt verkümmerte Spaßterroristen, die Pillen einwerfen und Fun, Fun, Fun wollen, was für sie nur ein anderes Wort ist für Sex, Sex und Sex. Weshalb sie sich zur Musik von Madonna bespringen und begrapschen. Chaos und Gier schlummern in ihren Trash-Seelen. Aber auch Gleichgültigkeit und Zynismus. Daraus erwächst Nicks großes Dilemma: Es gibt keinen Kampf mehr, weil es keine Fronten mehr gibt. Statt dessen regiert der neoliberale Markt, auf dem die Gefühlsdealer triumphieren.

Im neu eröffneten Schauspielhaus in Zürich macht Regisseur Falk Richter aus alledem eine sprühende und niemals langweilige Revue: Mit Konfetti-Regen, bewegungsfreudigen Schauspielern und Soundgewitter. Geschickt kaschiert er, wie tief Mark Ravenhill immer wieder in den Baukasten des neuen kritischen Sozialdramas greift. Wie oft er Szenen überfrachtet, die eigentlich nur um Sex, Aids und Gewalt kreisen. Wie sehr er das Leiden der Loser stilisiert zur erlösungsträchtigen Kitschorgie.

Kompliziert wird's, weil dann doch noch Liebe dazwischenfunkt. Weil sie alle heimlich von Familie und Beruf, von Zärtlichkeit und Anerkennung träumen. Lauter Heile-Welt-Träumer in einer kaputten Welt, die sich rüsten für den Absprung zur neuen Mitte. Mal sehen, wer's schafft.



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