Polemik Die Olympiade der Guten

Die Naturkatastrophen von heute sind die Benefiz-Galas von morgen: Was macht Frau Christiansen auf Sri Lanka? Wem hilft es, wenn David Beckham Care-Pakete packt? Und warum wird die Option, Gutes zu tun, ohne darüber zu reden, nicht wahrgenommen?

Von Henryk M. Broder


Touristen in Phuket (am 30. Dezember): "Wie sicher ist Ihr Urlaubsziel?"
AFP

Touristen in Phuket (am 30. Dezember): "Wie sicher ist Ihr Urlaubsziel?"

Anfang des Jahres 1850 hatte der Berliner Verlagskaufmann Paul Julius Reuter eine Idee: Er reiste nach Aachen und gründete dort das "Institut zur Beförderung telegraphischer Depeschen", die Ur-Mutter aller Nachrichtenagenturen. Reuter fing groß an, mit rund 40 Mitarbeitern, die bereit und in der Lage waren, rund um die Uhr zu arbeiten: Brieftauben, die er zwischen Brüssel und Aachen einsetzte, um Nachrichten und Börsendaten zu befördern. Die Tauben brauchten für die Strecke etwa zwei Stunden, der Postzug erheblich länger. Als ein Jahr später die letzte Lücke in der Telegrafenleitung von Berlin nach Paris geschlossen wurde, machte auch Reuter das "Institut" zu und zog nach London, wo er seine Nachrichtenagentur eröffnete.

Immer wieder ließ er sich etwas einfallen, um schneller als die Konkurrenz zu sein. Die Ermordung von Abraham Lincoln meldete er in Europa zwei Wochen vor den anderen, auch im Börsengeschäft hatte er meist die Nase vorn. Hätte es zu Reuters Zeiten schon Fax und E-Mail gegeben, er hätte nicht gezögert, sie einzusetzen. Aber vor 150 Jahren gab es keine Faxmaschinen, kein Internet, und niemand machte sich Gedanken über die Gefahren der "Mediengesellschaft", die "suggestive Kraft der Bilder" und die Notwendigkeit der "Entschleunigung".

Niemand hat die Nase vorn

Das war einmal. Denn anders als zu Reuters Zeiten haben heute alle dieselbe Ausrüstung, benutzen dieselben Leitungen, können dieselben Quellen anzapfen. Niemand hat mehr die Nase vorn, alle öffentlichen Ereignisse sind öffentliches Eigentum. Für Katastrophen, Verbrechen und Unglücke gibt es kein Copyright und keinen Markenschutz.

Politiker Fischer in Thailand (am 9. Januar): Blinder Aktionismus
AFP

Politiker Fischer in Thailand (am 9. Januar): Blinder Aktionismus

Der Anflug der gekaperten Maschinen auf das World Trade Center am 11. September 2001 wurde noch von Amateurfilmern eingefangen; der Einsturz der beiden Türme schon live von CNN übertragen. Es dauerte nur Minuten, bis die Kamera-Teams positioniert waren. Bei der Tsunami-Katastrophe in Asien war es genau so: Die Flut war nur wenig schneller als die Nachrichtenprofis. Sich darüber aufzuregen, ist jedoch vollkommen müßig. Was würden die professionellen Medienkritiker sagen, wenn ein Sender ausgeschert und statt der immer gleichen Flutbilder nur Schwarzbild gesendet und Trauermusik gespielt hätte?

Ob Tsunami oder Moshammer...

Nachrichtentechnisch gesehen gibt es zwischen der Katastrophe in Asien und der Ermordung Rudolph Moshammers nur einen quantitativen, keinen qualitativen Unterschied. Deswegen konnten die Schlagzeilen über das gewaltsame Ableben des Münchener "Modezaren" die Berichte über die Folgen der Flutwelle nahtlos ablösen, deswegen lasen sich die Artikel, wer das Sorgerecht für "Daisy" bekommt, wie die Geschichten über die verwaisten Kinder, deren Eltern in der Flut umgekommen waren. Und so überraschend und unerwartet wie die Flut kam, so machte auch die Nachricht die Runde, Moshammer sei möglicherweise homosexuell gewesen.

Was die Berichterstattung in solchen Fällen auszeichnet, ist die Mischung aus Horror und Kitsch, die jeden kritischen Gedanken aussperrt und die Aufmerksamkeit von den wirklichen Opfern auf die vermeintlichen Helfer verlagert.

Unicef-Botschafterin Christiansen (mit Star-Friseur Udo Walz): Begeisterung ob so viel Selbstlosigkeit
DPA

Unicef-Botschafterin Christiansen (mit Star-Friseur Udo Walz): Begeisterung ob so viel Selbstlosigkeit

Sabine Christiansen reist als Unicef-Botschafterin nach Sri Lanka, um "sich selbst ein Bild von den Folgen der Katastrophe" zu machen, wie sie sagt. Und niemand fragt, was Frau Christiansen vor Ort erfahren könnte, das sie nicht schon im Fernsehen gehört und gesehen hat. Niemand fragt, ob Frau Christiansen ihre Reise selbst bezahlt oder ein Ticket von der Unicef bekommen hat. Und ob das Geld für die Reise, egal wer es bezahlt hat, nicht besser hätte angelegt werden sollen.

Konstantin Wecker unterbricht seinen Urlaub, um bei einem Benefiz-Konzert aufzutreten, Popsternchen Jeanette Biedermann bricht sogar ihr Versprechen, ein Jahr lang nicht aufzutreten, damit den Flutopfern geholfen werde. Die Medien berichten über all das und sind ob so viel Selbstlosigkeit begeistert. Fußballstar David Beckham wird beim Packen von Care-Paketen für Asien gezeigt. Auch er will nur helfen. Und niemand findet es komisch. Gibt es vielleicht irgendwo eine zentrale Meldestelle für Prominente, die zwischen Aids-Gala und Bambi-Verleihung auf eine Chance warten, die Ausläufer einer Flutwelle auf die eigenen PR-Mühlen umzuleiten?

Investieren bedeutet Profitieren

Rein theoretisch gäbe es ja durchaus die Option, Gutes zu tun und nicht darüber zu reden. Aber das kann nicht der Zweck der Übung sein. Investieren bedeutet Profitieren. Ein Unternehmen des Einzelhandels, das durch rüden Umgang mit Mitarbeitern in Verruf geraten ist, will sich rehabilitieren und spendet einen Betrag für die Flutopfer, der nach viel aussieht, aber nur ein Bruchteil dessen ist, was eine Anzeigenaktion kosten würde. Ein Rennfahrer, der seinen Wohnsitz steuersparend in die Schweiz verlegt hat und mehr als 35 Millionen Euro im Jahr verdient, schreibt einen Scheck über 7,6 Millionen Euro aus.

Rennfahrer Schumacher: 7,6 Millionen aus der Portokasse
REUTERS

Rennfahrer Schumacher: 7,6 Millionen aus der Portokasse

Im nächsten Durchgang ist von den Einheimischen, die bereits in Massengräbern liegen, überhaupt nicht mehr die Rede. Wie schrecklich der Tsunami gewütet und was für irreparable Schäden "die Jahrhundertflut" angerichtet hat, wird einem erst klar, wenn man die Berichte der "Prominenten" liest, die "über die schlimmsten Stunden ihres Lebens" Auskunft geben. Yasmina Filali und Karel Gott, Sonya Kraus und Miriam Pielhau, Willy Astor und Udo Schenk.

Das Wichtige steht, wie üblich, im Kleingedruckten: Yasmina Filali und Freund Thomas Helmer hatten "unwahrscheinliches Glück". Denn: "Wir waren vorher eine Woche für das SOS-Kinderdorf Dong Hoi in Vietnam unterwegs und hatten uns kurzfristig entschlossen, in Thailand Urlaub zu machen." Und weil es so kurzfristig war, bekamen sie nur noch ein Zimmer in einer Villa, "die am höchsten gelegen war", so hoch, dass das Wasser nicht hinkam.

Also: da fahren zwei Mitglieder der Promi-Kreisklasse nach Vietnam, um ein SOS-Kinderdorf zu besuchen, und wo sie schon mal mitten in Asien sind, hängen sie noch ein paar Tage Urlaub in Thailand dran, um sich von den vietnamesischen Strapazen zu erholen. Man möchte gerne wissen, was die beiden im SOS-Dorf getrieben haben: Waisen zu Weihnachten beschenkt? Locations für eine neue Doku-Soap gesucht?

Es geht um uns

Was es auch war, der Tsunami hat sich offenbar ganz gezielt deutsche Urlauber vorgenommen. Und deswegen stellt die Zeitschrift "Bildwoche" die Frage: "Wie sicher ist Ihr Urlaubsziel?" und veröffentlicht eine Karte mit beliebten Reisezielen, die "stärker gefährdet", "weniger gefährdet" oder gar "sicher" sind. Nie wieder soll ein Tsunami deutschen Urlaubern die schönsten Wochen des Jahres vermiesen.

Denn es geht natürlich längst nicht mehr nur um jene, die nach Asien fahren oder gefahren sind, es geht auch uns Daheimgebliebene. Thomas Gottschalk zum Beispiel feierte Weihnachten in Kitzbühel und Silvester in Gstaad. Doch auch dort wurde ihm die gute Laune durch die Nachrichten aus der Krisenregion verhagelt, so dass es ihm "fast ein bisschen peinlich" war, "in einem Restaurant den Modemacher Valentino" als Tischnachbarn zu haben. Dazu die "Bunte" in einer Bildunterzeile: "Betroffen: Die Flutkatastrophe nahm Thomas Gottschalk die Festfreude."

Geberkonferenz in Jakarta: Es geht nicht um "die da unten", es geht um uns
AP

Geberkonferenz in Jakarta: Es geht nicht um "die da unten", es geht um uns

All diese Betroffenheiten, Eitelkeiten und Peinlichkeiten könnte man mit den betriebsbedingten Zwängen einer Bussi-Gesellschaft erklären, deren Angehörige seit jeher in einer virtuellen Welt leben. Aber auch die Politiker haben die Bodenhaftung verloren und führen sich auf, als müssten sie die Außenwette bei "Wetten, dass...?" gewinnen. Wetten, dass wir es schaffen, 10.000 Städtepartnerschaften einzurichten, damit Stadträte, die noch nie in Thailand und auf Sri Lanka waren, die Gelegenheit bekommen, mit gutem Gewissen hinzufahren?

Die Katastrophe als Allzweckhobel

So wird die Katastrophe zum Allzweckhobel. Jeder Sextourist versteht sich inzwischen als Aufbauhelfer, schließlich wäre es unter den gegebenen Umständen moralisch nicht zu verantworten, wenn er einen Puff in der Schorfheide besuchen würde. Die Promis haben die Kulisse, die sie für ihre Image-Inszenierungen brauchen, und die Politiker suggerieren Aktionismus ohne Folgen. Niemand redet mehr von der Schnapsidee, Arbeitslose nach Asien zu schicken, aber einen Tag lang war sie in den Schlagzeilen.

Man kann sich vorstellen, wie solche Vorschläge bei den Adressaten ankommen: als Zeichen postkolonialer Überheblichkeit. Zu den vielen Dingen, die Prominente und Politiker noch nicht mitbekommen haben, gehört auch die Tatsache, dass große Teile Asiens nicht mehr in der Dritten Welt liegen. Indien braucht keine deutschen Arbeitslosen, es hat genug Arbeiter, die Stromleitungen reparieren und Brücken bauen können. Indonesien will nicht einmal eine Stundung seiner Schulden, denn das würde seine Kreditwürdigkeit bei den Banken gefährden. In Thailand hatten die Menschen mit den Aufräumarbeiten schon begonnen, bevor die "Geberkonferenz" zusammengetreten war, um über die Verteilung der Mittel zu beraten.

Es geht, mal wieder, nicht um "die da unten", es geht um uns. Diesmal nehmen wir an der Olympiade der Guten Teil. Wenn wir schon die Fußball-WM nicht gewinnen konnten und im Pisa-Test nur mittelmäßig sind, wollen wir wenigstens in den Disziplinen "Mitleid und Spenden" an der Spitze liegen. Die Katastrophen von gestern sind die Benefiz-Galas von morgen.



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