Polen Kaczynski ist der Schnupfen, nicht die Grippe

Lange hatte Jaroslaw Kaczynski nichts zu lachen - jetzt schon: Seine PiS krempelt Polen um. Ihren Erfolg hat die Partei vor allem einem Phänomen zu verdanken: der polnischen Verbitterung.

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Eine literarische Annäherung von Radek Knapp


Zur Person
  • AK/ Thomas Lehmann
    Radek Knapp, 51, ist ein österreichischer Schriftsteller polnischer Abstammung. Er wurde in Warschau geboren und kam mit zwölf Jahren nach Wien, wo er nach vielen Gelegenheitsjobs mit dem Erzählband "Franio" debütierte. Sein Migrationsroman "Herrn Kukas Empfehlungen" ist Schullektüre im deutschsprachigen Raum. Sein neuestes Buch "Der Gipfeldieb" erzählt von einem jungen Polen, der sich in Wien trotz aller Hindernisse auf originelle Art integriert. Für seine Werke wurde Radek Knapp mit zahlreichen Preisen bedacht.
Polen ist ein wunderbares Land. Ein Land großer Söhne wie Robert Lewandowski und noch größerer Töchter wie Maria Sklodowska Curie. Hier wurde der Kommunismus zu Fall gebracht, hierher hatte man seinerzeit die eine oder andere Mercedes-Limousine aus Deutschland entführt. Hier sind kinderlose Ehen ungern gesehen und dennoch hört man auf Priester, die keinen Nachwuchs haben dürfen.

Wenn Widersprüche eine Heimat hätten, dann wäre es Polen.

Jetzt gibt es wieder einen: Gerade wenn es Polen gut geht, beschließt das Land, sich kollektiv ins Mittelalter zu begeben. Von einem Tag auf den anderen wählten die Polen die Partei von Jaroslaw Kaczynski, der Rückständigkeit und rechtsnationale Tendenzen mit dem Löffel gefressen hat. Denselben Kaczynski, der vor Jahren schon einmal Hexenjagd auf störrische Kulturschaffende gemacht, mit dem ultrakatholischen "Radio Maria" geflirtet und sogar die Teletubbies wegen ihres indifferenten Äußeren von den Bildschirmen verbannt hatte, damit polnische Kinder nicht auf dumme Gedanken kommen.

Spätestens seitdem schweben über Polen Fragezeichen, die man immer öfter ausspricht: Sind die Polen auf einmal verrückt geworden? Was hat sie dazu bewogen, sich als liberale und weltoffene Bürger schlafen zu legen und als kleine Kaczynskis aufzuwachen?

Kein Land wurde so beharrlich okkupiert und geteilt

Ein paar Antworten gibt es bereits. An erster Stelle steht das Zauberwort "Denkzettelwahl", gefolgt von dem "Wunsch nach Veränderung". Manche behaupten sogar, Kaczynski habe die Wahl gar nicht richtig gewonnen. Schließlich waren es nur sechs Millionen, knapp zwanzig Prozent aller Wahlberechtigten, die Kaczynskis Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) wählten. In jedem anderen Land hätte das gerade mal für eine schwache Oppositionspartei gereicht, aber aufgrund der geringen Wahlbeteiligung hat die Kaczynski-Wählerschaft nicht nur die Mehrheit, sondern auch eine eigene Antwort: Sie lautet "Verbitterung". Und die ist, seit man sie mit sechs Millionen Seelen multipliziert hat, harte politische Realität.

Es gibt die Verbitterung - und dann gibt es noch die polnische Verbitterung. Kein anderes Land verschwand in den vergangenen 200 Jahren so oft von der Landkarte Europas. Niemand wurde so beharrlich okkupiert und geteilt.

Zuletzt drehten die Kommunisten 40 Jahre lang an der Verbitterungsschraube, bis die Polen einige Eigenschaften entwickelt hatten, die einem heute typisch slawisch vorkommen mögen: Als westliche Journalisten vor einem Vierteljahrhundert Polen nach seiner Befreiung besuchten, sprachen viele sinngemäß von einem widersprüchlichen und gelegentlich hinterhältigem Volk, das so begeisterungsfähig sei wie kein anderes - um im nächsten Moment in tiefer Melancholie zu versinken.

Walesa im Jahr 1980: Ein Elektriker, der später den Kommunismus kurzschloss
Getty Images

Walesa im Jahr 1980: Ein Elektriker, der später den Kommunismus kurzschloss

Ich erinnere mich an ein Foto aus dieser Zeit, das dies leibhaftig beweist: Es zeigt den ehemaligen Elektriker Lech Walesa vor der Danziger Werft, kurz nachdem er den Kommunismus kurzgeschlossen hat. Er grinst ins Objektiv, wie fast alle um ihn herum. Nur zwei identisch aussehende Männer neben ihm schauen ernst drein. Es sind die jungen Kaczynski-Zwillinge. Ihr Gesichtsausdruck scheint zu sagen: "Freut euch nicht zu früh. Jeder polnische Sieg hat einen Haken."

Sie wissen gut, worüber sie sich auf diesem Foto in meinem Gedächtnis so ausdrucksvoll ausschweigen. Walesa und die Solidarnosc gingen mit den Kommunisten einen Nichtangriffspakt ein. Die Kommunisten wurden nicht moralisch und finanziell zur Kasse gebeten, im Gegenzug räumten sie das Feld.

Ein weiterer polnischer Widerspruch war geboren: In anderen ehemaligen Ostblockländern wurde mit den Kommunisten abgerechnet, in Rumänien wurde Ceausescu standrechtlich erschossen, aber ausgerechnet in jenem Land, das die Kommunisten besiegt hatte, ging es den ehemaligen Okkupanten fabelhaft. Sie übernahmen Schlüsselstellen in der Wirtschaft, einer von ihnen, Aleksander Kwasniewski, wurde sogar Polens Staatspräsident.

Kwasniewski (1999 ,  neben Vaclav Havel und Gyula Horn): Polnischer Widerspruch
REUTERS

Kwasniewski (1999, neben Vaclav Havel und Gyula Horn): Polnischer Widerspruch

Die polnische Verbitterung kehrte zurück. Die Kaczynskis verwalteten diese so gut wie niemand sonst - und bekamen zudem noch Schützenhilfe aus einer Richtung, die bis jetzt immer die Quelle des polnischen Optimismus gewesen war: Wenn die Polen unter den 40 Jahren der kommunistischen Diktatur an etwas mehr geglaubt hatten als an die Jungfrau Maria, dann an Westeuropa.

Der Westen hatte als irdisches Paradies gegolten, wo Meinungs- und Reisefreiheit herrschte, wo es keine materiellen Sorgen gab und die Menschen ein würdiges Leben führten. Doch kaum war das Paradies da, handelte es mit faulen Früchten. Statt der ersehnten Freiheit, die einen gerechten Lebensstandard bringen sollte, bekam man riesige Einkaufszentren, MTV und ein hinterhältiges Ding namens Pauschalkredit.

Polen, seit Jahrhunderten allergisch auf Teilungen, erlebte damals die tückischste Teilung von allen. Diesmal war man nicht zwischen Preußen und Russland geteilt, sondern in Gewinner und Verlierer. In Warschau stieg im ersten Jahr nach der Wende die Anzahl der Cabrios um einen ähnlichen Faktor wie die der Obdachlosen. Polens Arbeiterschaft, die ihr halbes Leben in kommunistischen Kombinaten geschuftet hatte, fand sich am Fließband von Amazon und Siemens wieder.

Hatte man hier etwa ein Regime gegen ein anderes getauscht? Und wenn ja, wie kommt man ihm bei? Der Kommunismus hatte eine Parteizentrale, aber wo sitzt der Kapitalismus? Etwa in der eigenen Brust?

"Wenn ich nicht mehr habe, dann will ich Respekt"

Sogar Lech Walesa gibt später zu, er habe die Demokratie im Land haben wollen, aber stattdessen 20 Konzerne reingelassen. Aber es ist zu spät. Die Stunde des Kaczynski-Wählers hat geschlagen. Sein Motto: "Ich wähle den, der dagegen ist. Wenn ich nichts mehr habe, dann will ich zumindest Respekt."

Der Wunsch nach Respekt wird zu der Währung, mit der Kaczynski es der vorherigen prowestlichen Regierung so richtig heimzahlt - und den 1,67 Meter kleinen Mann zum großen Gewinner macht.

Neulich machte ein Foto von Kaczynski in Polen Furore: Es zeigt den eingefleischten Junggesellen vor dem Hintergrund der polnischen Fahne. Sein Haar ist weiß geworden und er wirkt ein wenig, als wäre er aus Wachs. Aber zum ersten Mal lächelt Kaczynski.

Jaroslaw Kaczynski: Das Lächeln will ihn nicht verlassen
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Jaroslaw Kaczynski: Das Lächeln will ihn nicht verlassen

Dabei trägt er nicht nur die polnische Verbitterung auf seinen Schultern, sondern inzwischen auch eine persönliche: 2010 kam sein Zwillingsbruder Lech, damals polnischer Präsident, auf dem Weg ins russische Katyn bei einem Flugzeugunglück ums Leben. Jaroslaw ist überzeugt von einem heimtückischen Attentat der Russen. Eine verdächtige Birke, die an der falschen Stelle wuchs, wird als Beweis herangezogen. Von da an wird Kaczynski nicht nur nach politischen, sondern auch nach psychologischen Maßstäben beurteilt.

Das neue Lächeln will Kaczynski um keinen Preis verlassen. Es verschwindet weder, als er das Verfassungsgericht und das Staatsfernsehen mit seinen Leuten besetzt, noch, als seine Leute im Dunst nationaler Dämpfe zu halluzinieren anfangen - wie neulich der polnische Außenminister, der sagte, Radfahrer und Vegetarier seien ihm suspekt, weil sie den nationalen, polnischen Werten widersprächen.

Dem polnischen Volk hingegen vergeht allmählich das Lachen. Schließlich reagiert kein anderes Land in Europa so allergisch auf Diktatoren. Es sieht so aus, als gehe Kaczynskis Traum, das polnische Volk zu vereinigen, schneller in Erfüllung, als den Polen lieb ist.

KOD-Demonstration am 23. Januar 2016: Das Lachen ist vergangen
DPA

KOD-Demonstration am 23. Januar 2016: Das Lachen ist vergangen

Tatsächlich füllen sich die Straßen bereits mit Demonstranten. Auf ihren Transparenten sieht man Aufschriften wie "Wir verstehen kein Ungarisch" oder "Gegen Kaczynskis 'Recht und Gerechtigkeit' helfen nur Recht und Gerechtigkeit". Doch ein Plakat tanzt aus der Reihe und trifft den Nagel auf den Kopf: "Jaroslaw Kaczynski ist nur der Schnupfen und nicht die Grippe."

Es ist nicht irgendeine Grippe, sondern eine spezielle Influenza, die Polen sich, zusammen mit anderen Staaten im Osten, beim Übergang in die freie Marktwirtschaft eingefangen hat. Die Medikamente, die der Westen schickt - in Form von Plasmafernsehern, Breitbandinternet oder einem "mörderisch günstigen Rabatt" auf das neue VW-Golf-Modell - sorgen gerade mal für eine Symptombehandlung.

Das echte Gegenmittel gibt es nicht mehr. Es existierte mal vor langer Zeit in einem nicht konsumorientierten Westeuropa, das heute bestenfalls noch in den Köpfen naiver Osteuropäer zu finden ist.

Das heutige Polen muss ein eigenes Gegenmittel suchen. Der erste Schritt ist bereits getan: Man hat sich einen Alleinherrscher besorgt, um wieder in die Realität zurückzufinden. Die neuen Demonstrationen erinnern bereits an die alte Solidarnosc. An die kurze Periode, in der die Polen wussten, wer sie waren und wo sie waren. Auf eine verquere Art könnte das der Beginn einer Kur sein, die Polen sich selbst verabreicht hat. Polen arbeitet an seinem Immunsystem. Und das braucht Zeit.

Von außen sieht man freilich nur die Nebenwirkungen und ist in Sorge. Man spricht von einem großen Sturm, der Polen bevorsteht und Europa schaden könnte. Aber so groß dieser Sturm ist, er findet immer noch in einem zivilisierten Reagenzglas statt. Die EU und andere Länder sollten diesen Sturm den Polen überlassen. Schon allein, um das Glas nicht zu zerbrechen.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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west_ost 31.01.2016
1. Demonstranten
Radek Knapp: "Tatsächlich füllen sich die Straßen bereits mit Demonstranten". Die größte Demonstration hat im Dezember 17.000 Menschen gezählt (laut Polizei). Jede weitere war kleiner und kleiner. In Polen hat man in den letzten Wochen auch viel über die Demonstranten berichtet - meistens handelt sich dabei um ältere Leute (+60), die Generation unter 30J. ist bei den Demonstrationen kaum zu finden.
max_schwalbe 31.01.2016
2. Vielleicht hilft Papgai Kescha weiter...
Diese sowjetische Trickfilm-Serie handelt (im 2. Teil) von einem Papagai, der bei einem eher ärmlich lebenden Jungen wohnt, der zwar eine "große Seele" hat, aber keine Westprodukte. Dann fliegt der Papagai zu einem "Wessi", wo er begeistert CocaCola trinkt und ein MickeyMaus-Tshirt anzieht. Aber nach einer Weile merkt er, dass ihn das eigentlich gar nicht glücklich macht und will zurück zu dem Jungen... Vielleicht stecken die Polen genau in dieser Situation. Und wir auch.
Kubabremen 31.01.2016
3. Hervorragend geschrieben
Ja, so könnte es sein. Und irgendwie ist es in Europa ja insgesamt so: Alle haben die Schnauze gestrichen voll von den sogenannten Marktwirtschaftlern, dem Autokanzler und Herrn Hartz, die den Völkern zwar Vollbeschäftigung aber zu Billigsttarifen und prekären Arbeitsverhältnissen gebracht haben. Die uns Konzerne gegenübergestellt haben, die mit Gerede von ständiger Veränderung sogar den Festangestellten so viel Angst um ihre Jobs machen, dass niemand mehr Kinder in die Welt setzen mag. Die aktuelle rechtsnationale Regierung in Polen und die Linksregierungen und Linksparteien in Greichenland und Spanien sind zwei Seiten derselben Medaille.
birdie 31.01.2016
4. Jeder, der lebendigen Kontakt mit ...
vielen Polen hat, weiss, dass die politische Halbwertzeit des Herrn Kaczynski - den die Polen selbst verächtlich als "Quak-Quak" bezeichnen - sehr niedrig ist. Denn sie sind sich sehr sicher darin, dass dieser machtgeile Zwerg absolut unfähig ist, auch nur eins der Probleme sachgerecht zu lösen, die Polen bedrängen. Beispiel: Renten.
bonus 31.01.2016
5. Druck von Aussen...
...wäre kontraproduktiv. Die Polen haben Angesichts ihrer Geschichte immer schon allergisch reagiert und ihre innenpolitischen Differenzen beiseite gelegt. Mittelfristig werden sie die Fehlbesetzung der Regierung schon selbst korrigieren. Steinmeier macht hier einen guten Job und von anderen Deutschen Regierungsmitgliedern wäre Zurückhaltung angesagt. Kraftmeierei führt hier zu nichts Gutem.
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