Von Anke Dürr
KulturSPIEGEL: Herr Lösch, heute, am Samstag, hat Ihre "Hamlet"-Inszenierung am Staatstheater Stuttgart Premiere. Wozu noch ein Hamlet?
Volker Lösch: Hamlet treibt die Frage nach der Wahrheit um, und das interessiert mich sehr in Bezug auf eine junge Generation von Menschen, die mit dem Zustand der Gesellschaft derzeit nicht mehr viel anfangen können. Shakespeare zeigt am dänischen Hof eine korrupte Clique, die sich über den Mord an Hamlets Vater an die Macht putscht. Das ist dieser berühmte Satz: "Etwas ist faul im Staate Dänemark." Der steht ziemlich am Anfang. Und dann beginnt Hamlet zu recherchieren, was da los war und versucht, sich zu positionieren innerhalb dieser korrupten Welt, die ihn umgibt.
KulturSPIEGEL: Warum ist Gertrud, Hamlets Mutter, in Ihrer Inszenierung ein Mann und Polonius, der Adlatus von König Claudius, eine Frau?
Lösch: Gertrud ist kein Mann.
KulturSPIEGEL: Sie wird aber von dem Schauspieler Elmar Roloff gespielt.
Lösch: Ja, aber sie ist kein Mann, sie ist eine Frau. Roloff ist einfach der Schauspieler in unserem Ensemble, der sie am besten spielen kann. Aber er spielt eine Frau. Und Polonius ist eine Figur, die geschlechtlich in beide Richtungen deutbar ist. Es geht um die Funktionen, die die Figuren ausüben, nicht um die Geschlechter. Angela Merkel ist auch eine Frau und hat eine wichtige Machtposition. Uns war es wichtig, in der Macht-Clique ein heutiges Abbild der Geschlechterverteilung zu haben.
KulturSPIEGEL: Was antworten Sie Leuten, die sagen, so hat Shakespeare das aber nicht geschrieben?
Lösch: Da antworte ich gar nicht drauf, das ist ja gar keine Frage. Darum geht es nicht. Es geht um den Weg von Hamlet und um Till Wonka, den Schauspieler, der Hamlet spielt und Stunden auf der Bühne verbringt, einsam im Schlamm sitzend, und versucht, sich diese Welt zu erklären und in dieser Welt klarzukommen. Das ist der Hauptvorgang, der da stattfindet. Und der wird hoffentlich eine Repräsentanz haben in Bezug auf junge Menschen heute, die bestimmte Dinge umtreiben. Es ist die Pflicht eines jeden Künstlers, die Materialien, mit denen er arbeitet, ins Heute zu übersetzen und für heute schlüssig zu machen, denn sonst kann ich zu Hause bleiben und das Stück lesen, dann brauche ich nicht ins Theater zu gehen.
KulturSPIEGEL: Bei Hamlet ist Theater ja ein Mittel zur Wahrheitsfindung, als er seinem Stiefvater vorspielen lässt, wie der Mord an seinem Vater stattfand. Glauben Sie auch an diese Kraft des Theaters?
Lösch: Wahrheitsfindung ist ein sehr pathetischer Begriff, aber ich glaube daran, dass Theater so irritieren kann, dass es zumindest Denkanstöße liefert. Wie wir in Hamburg jetzt gesehen haben, kann es so weit gehen, dass auf einer Ratssitzung mit Verweis auf meine "Marat"-Inszenierung darüber gesprochen wird, ob die Vermögenssteuer wieder eingeführt wird.
KulturSPIEGEL: In Ihrer Fassung des "Marat/Sade"-Stücks von Peter Weiss wird unter anderem vorgerechnet, wie viel Geld der Stadtstaat Hamburg mehr zur Verfügung hätte, wenn die reichsten Hamburger nur 2,5 Prozent Vermögenssteuer zahlen müssten.
Lösch: Es wäre über eine Milliarde Euro.
KulturSPIEGEL: Zum Skandal wurde die Inszenierung aber, weil ein Chor von Arbeitslosen und Hartz-IV-Empfängern die Liste der reichsten Hamburger samt deren Adressen verliest. Wenn da jetzt wirklich einer auf die Idee käme, so einem Superreichen das Auto anzuzünden, würden Sie sich verantwortlich fühlen?
Lösch: Nein, wieso, ich habe ja nicht dazu aufgefordert. Autonome und Krawalle hat es in Hamburg außerdem schon immer gegeben. Aber es steht doch außer Frage, dass man bestimmte Dinge thematisieren muss. Was die Reichen und ihre Fürsprecher stört, ist ja nicht, dass es benannt wird, sondern dass es von den Leuten benannt wird, die nichts haben. Als die gleiche Reichen-Liste im "Manager Magazin" veröffentlicht wurde, hat auch keiner Angst gehabt um sein Auto.
KulturSPIEGEL: Das "Manager Magazin" wird auch nur von einem bestimmten Publikum gelesen.
Lösch: Ja, und wir stellen den Zusammenhang her zwischen Arm und Reich in dieser Stadt, das ist der Unterschied, der den Skandal verursacht hat. Es gibt ein paar Leute in diesem Chor der Armen, die kennen sogar einige von den Herren, die auf der Liste der Superreichen drauf stehen. Die waren zusammen in der Schule. Und ich glaube, eine Gesellschaft kann nicht als gerecht empfunden werden, wenn der eine, nur weil er aus einer bestimmten Clique kommt und über familiäre Strukturen befördert wird, Multimillionär oder Multimilliardär wird, und der andere hat 300 Euro im Monat. Der Zustand der Gesellschaft, die so was ermöglicht, ist natürlich zu verändern.
KulturSPIEGEL: Da sind wir dann wieder bei Hamlets Zorn, oder?
Lösch: Das kann so eine Position sein. Die Korruption, die fehlende Chancengleichheit, das sind Zustände, die sind für viele nicht mehr akzeptabel. Nach einer Umfrage haben 80 Prozent der Menschen in Deutschland nicht mehr das Gefühl, in einer einigermaßen gerechten Gesellschaft zu leben. In Ostdeutschland und immer mehr auch in Westdeutschland führt diese Frustration gerade bei jungen Leuten dazu, dass sie entweder nach Linksaußen oder nach Rechtsaußen gehen und sich gegen demokratische Strukturen wenden, die so demokratisch eben nicht mehr sind. Als junger Mensch hat man, glaube ich, nicht mehr das Gefühl, dass man irgendetwas bewirken kann, indem man zur Wahl geht. Das ist verständlich, dass das einen jungen Menschen empört, und das wird zunehmen.
Das Interview führte KulturSPIEGEL-Redakteurin Anke Dürr.
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