Polit-Theater Hans Wallows Abrechnung

Premiere in Brandenburg: Mit "Glatzer kommt" macht ein Ex-Bundestagsabgeordneter Theater. Er schrieb ein Bühnenstück über die Entfremdung im Parlament. Aber das war dem Regisseur zu platt.

Von Holger Kulick


Der doppelte Glatzer: Autor und Ex-MdB Hans Wallow (l.) mit Regisseur und Glatzer-Darsteller Christian Suhr
SPIEGEL ONLINE

Der doppelte Glatzer: Autor und Ex-MdB Hans Wallow (l.) mit Regisseur und Glatzer-Darsteller Christian Suhr

Berlin/Brandenburg - "Bei uns? Da muss ich wohl schauen, ob ich mich nicht künftig in die Programmgestaltung einmischen muss." Mit diesen Worten rümpft die SPD-Bundestagsabgeordnete Elke Leonhard die Nase, als sie erfährt, dass "ihre" Räume zweckentfremdet wurden. Frau Leonhard ist Vorsitzende der ehrenwürdigen Parlamentarischen Gesellschaft vis-a-vis des Reichtagsgebäudes. Dort überließ sie in diesen Tagen einem alten Parteifreund und Mitglied des Parlamentariervereins einen Saal, ohne zu ahnen, was der im Schilde führte. Hans Wallow, so heißt der ehemalige Bundestagsabgeordnete, ließ dort listig Theaterszenen aufführen, von denen sich manch ein Beobachter einen politischen Skandal erhofft. Denn Insiderwissen aus dem Abgeordnetenalltag wird in Wallows Bühnenstück preisgegeben. Nun sollten Bundestagsmitarbeiter testen, ob alles übertrieben oder stimmig ist. Schließlich kennen sie das Milieu.

Ort der Handlung ist das Büro des restlos gestressten Abgeordneten Georg Glatzer, der zum einen ein Verhältnis mit seiner Sekretärin hat und zum anderen ein Problem: 1000 Stimmen fehlen ihm noch im Wahlkampf. Und dann droht auch noch einer Glashütte in seinem Wahlbezirk die Schließung, weil erhöhte Dioxin-Werte gemessen wurden. Wer weiß davon im Intrigennetz seiner Partei? Wer will ihm Böses? Was lässt sich verschweigen? Laut Reklamezettel plant Wallow nun einen "faustischen Pakt".

Glatzer-Probe in der Parlamentarischen Gesellschaft
SPIEGEL ONLINE

Glatzer-Probe in der Parlamentarischen Gesellschaft

Mit diesem Stück verbindet Wallow eine Mission. Er will abrechnen. 34 Jahre lang war der Sozialdemokrat im Regierungsviertel beschäftigt, davon drei Legislaturperioden als Bundestagsabgeordneter bis 1998. Zu Anfang war Wallow regelrecht politikbegeistert: "Bitte einsteigen" hieß 1981 ein Buch über seine ersten Parlamentserfahrungen, noch als Mitarbeiter im Apparat. Und 1994 verfasste er auch über Rudolf Scharping einen Titel, "Der Profi". Mittlerweile ist Scharping für ihn ein Paradebeispiel, wie Macht Menschen verändern kann. Auch der menschlichste Politiker mutiert durch Überforderung zum "Mann ohne Eigenschaften", ganz im Sinne Musils. Und genau das ist für Wallow Glatzer.

Der hektische Stillstand als Abgeordnetenschicksal

Leider geht sein Text ziemlich banal vor. Labonté für Lafontaine, Horbach für Hombach, schon die Namensgebung macht deutlich, dass hier Klischees aufgetragen werden. Zunächst wollte Wallow einen Spielfilm über seine Erfahrungen unter "Machtjunkies" drehen, fand aber keinen Partner. Dann formte er das Theaterstück daraus, und ein Buch soll folgen. Wallows Thema: der "hektische Stillstand" von Abgeordneten, die für nichts und niemanden richtig Zeit haben und selbst wenn sie Zeit haben, so tun, als hätten sie keine. Der Normalität sind sie autistisch entfremdet, "am Ende wartet die Einsamkeit" heißt es in Wallows Stück. Und weil Angst vor Machtverlust bei Volksvertretern angepasstes Handeln prägt, möchte Wallow lieber ein Fachleuteparlament - ohne den Fraktionszwang, der ihn stark belastet hat.

Mit Werbung wie im Wahlkampf: Glatzer kommt...
SPIEGEL ONLINE

Mit Werbung wie im Wahlkampf: Glatzer kommt...

In seinem Bühnenstück geht es Wallow aber auch "um das manipulative Zusammenwirken von Medien und Politikern". Er selbst sieht sich von "Schreibtisch-Pistoleros" des Kanzlers verfolgt, die von Anfang an kein gutes Haar an seinem Theaterengagement gelassen hätten. Klar, dass dies nur beeinflusst vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung erfolgt sein kann, das seinen früheren Mitarbeiter Wallow nach Bonn strafversetzen wollte, nachdem dessen Theaterstück 1999 an die Öffentlichkeit gelangte. Klar, dass sich in der Hauptstadt auch kein Uraufführungs-Theater fand, obwohl das Manuskript etliche Theaterleute zum Lesen bekamen. Mit politischer Einflussnahme hatte diese Ablehnung aber weniger zu tun, auch wenn Hans Wallow damit gerne kokettiert. Wer sich umhört, kriegt von Theaterleuten eher Vokabeln wie "zu holzschnittartig" oder "durchschnittlich" zu hören, Kriterien, die jedoch im Kleinen Haus am Brandenburger Theater als Herausforderung betrachtet werden.

Regisseur mit eigenem Konzept: Politisches Theater statt Polit-Theater

Denn in Brandenburg arbeitet der ehemalige Berliner Regisseur Christian Suhran einem Coup im Doppelpack - als Regisseur und in der Hauptrolle des "Glatzer" zugleich. Suhr ist an das Theater der Kleinstadt gekommen, "als es ganz am Boden lag", und wittert die Chance, mit Wallows Stück "politisches Sprechtheater neu zu beleben", nachdem ihn die Berliner Bühnen wie das Berliner Ensemble oder das Deutsche Theater zunehmend frustrierten.

Auch Suhr riss Wallows Textfassung nicht vom Hocker. Er kürzte das Stück um mehr als ein Drittel, baute einen neuen Schluss und bemühte sich, dem simpel-realsatirischen Einschlag der Wallow-Vorlage psychologische Tiefe zu geben. "Wir sind nicht das Subunternehmen vom Aufklärungskonzern Wallow", positionierte sich der Regisseur. Nicht das Abbilden, sondern das Hinterfragen sei ihm wichtig - die Frage, warum machen Menschen wie Glatzer das mit und verlieren ihre sozialen Beziehungen?

Dabei wächst der Tochter Glatzers eine Rolle zu, die Wallow gar nicht vorsah, denn sie stellt ihn am Ende grundlegend in Frage und hält ihm einen Spiegel vor. Als würde sie direkt auf Wallow zielen, der ja selber in gewissem Sinne Mitläufer war im System, das er beschreibt und daran offensichtlich immer noch gewaltig knabbert.

Aufführung bis zum Schluss in Frage gestellt

So gerieten beide "Glatzers", Wallow und Suhr, wiederholt mit ihren unterschiedlichen Konzepten aneinander. Der Politiker Wallow will seine Wahrheit auf dem Umweg Bühne verkaufen, Suhr will Theater, das nachhaltig politisch ist, aber ohne politisch zu bekehren und ohne pures Politkabarett zu sein. Im Dauerclinch der beiden schwang stets die Drohung mit, Wallow könnte das Stück wieder zurückziehen und Suhr könnte kapitulieren.

Der Höhepunkt: Anfang der letzten Probenwoche erschien Wallow unangemeldet zu den Theaterproben und begann, einen neuen Schluss aus seiner Sicht zu schreiben. Denn Suhr hatte sich erneut von einem Wallow-Element getrennt, einer Art Ethik-Kommission des Bundestags. Umgehend bat Suhr die Brandenburger Theaterleitung, seine Stückfassung abzunehmen und diese Aufführung schriftlich zu garantieren - Änderungen ausgeschlossen. Auch eine Generalprobe für die Presse gab es nicht mehr, nun sollen sich alle überraschen lassen, auch Wallow.

Wallows Welt - Glatzers Welt?

Nur wenige Fraktionsmitarbeiter trauten sich, mit Hans Wallow zu diskutieren
SPIEGEL ONLINE

Nur wenige Fraktionsmitarbeiter trauten sich, mit Hans Wallow zu diskutieren

Etwas wankelmütig hatte dieser noch im Gespräch mit seinem Testpublikum in der Parlamentarischen Gesellschaft reagiert. Nein, das sei keineswegs Aufarbeitung eigenen Frusts, dementierte er zunächst auf eine Publikumsfrage, um wenig später einzugestehen, das gehöre sicherlich auch dazu. Bei der Probe in der Parlamentarischen Gesellschaft drückten sich allerdings die meisten Gäste vor der Diskussion. Nur ihren Körperreaktionen nach ließ sich abschätzen, wie stimmig das Polit-Theater für sie war, des Öfteren nickten sich Fraktionsmitarbeiter zu - ja, so ist unsere Welt. Nur dass die Abgeordneten Verhältnisse mit ihren Sekretärinnen pflegen, das sei keinesfalls typisch.

Und ein Grüner, der laut eigenen Aussagen Büroarbeit für einen für einen CDU-Mann erledigt, prahlte, dort längst durchgesetzt zu haben, dass soziale Beziehungen von MdBs nicht verkümmern müssten. Zeit für die Familie des Abgeordneten stünde von vornherein im Terminplan fest. Und darauf würde konsequent geachtet. Da sei Wallow eben einfach in der falschen Partei.

Wohlwollen von Struck?

Immerhin schrieb SPD-Fraktionschef Struck wohlwollend eine Zeile an den ehemaligen Fraktionskollegen und bot beim Stück sogar Hilfe an. Eingeladen hat ihn Wallow zur Premiere aber nicht, denn irgendwie stichelt er ja gegen seine eigenen Genossen - aber trifft zum Teil sich selbst. Für Wallow ist dieses Stück ein Teil seines Abgangs, den er spät gegangen ist. Andere Intellektuelle wie Stefan Heym oder Rudolf Augstein erkannten sehr viel schneller, dass dieser Apparat nichts für sie ist. Denn Wallow war zunächst "Mitläufer geworden".

Er galt als engagierter Entwicklungshilfespezialist und als fleißiger Zuarbeiter, aber auch als Abnicker, dem am Schluss seiner Karriere noch ein Posten zur Selbstverwirklichung fehlte. Und das, obwohl er großzügig auf seinen Wahlkreis zu Gunsten der jüngeren Abgeordneten Andrea Nahles verzichtete (oder verzichten musste). Jedenfalls gedankt hat ihm sein Entgegenkommen keiner. Einen Job beim Bundespräsidenten lehnte Wallow ab, weil er nicht das eigenverantwortliche Fachgebiet bekam, das sich der Ministerialrat erhoffte. Außerdem galt Wallow als Lafontainist, so schildert er es selber, und war nicht mehr kompatibel im Schröder-System. Aber erst an diesem Punkt angelangt, entstand sein Stück.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.