Debattenportal Politico Europe Die Quadratur der Gurke

Juncker als Posterboy, die Milchquote als Krimi: Der Brüsseler Ableger des US-Debattenorgans Politico will EU-Politik nach Art von "House of Cards" erzählen. Aber wo ist der Thrill?

Internetseite von "politico.eu": Juncker grient mal wieder

Internetseite von "politico.eu": Juncker grient mal wieder

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Ohne Jean-Claude Juncker geht es dann doch nicht. Der EU-Coverboy grient auf der Homepage von "Politico Europe" gewohnt gelassen in sich hinein und wird mit der Aussage zitiert, dass es keinen Grexit geben werde. Das hat er bereits etliche Male klargestellt, der Neuigkeitswert geht gegen null. Für ein News- und Debattenportal, das angetreten ist, den Betrieb von Politikern, Lobbyisten und Journalisten in Brüssel aufzumischen, ist "politico.eu" am Dienstagmorgen mit einem schwachen Aufmacher an den Start gegangen.

Mit rund 40 Reportern will das Joint Venture der US-Politinsider-Plattform und des deutschen Axel-Springer-Verlags Geheimnis- und Gerüchteträger in der europäischen Schaltzentrale auf den Zahn fühlen. Glaubt man der Selbstdarstellung, die vor dem journalistischen Start auf der Homepage zu finden war, wird "politico.eu" eine Mischung aus rauschender Party und hartem Krimi werden. Es solle hier um Leute gehen, die "das Drama lieben und den reinen Sport des Politikgeschäfts".

Man glaubt, Frank Underwood, den athletischen Gerüchtestreuer und Intriganten aus "House of Cards", die Zähne fletschen zu sehen. Aber kann der Brüsseler Betrieb wirklich als große, glamouröse oder wenigstens tragikomische Bühne der EU-Politik funktionieren? Lässt sich die zentrale Rolle, die das US-Mutterschiff für den heißlaufenden Dampfkessel Washington D.C. besitzt, wirklich auf den Gartopf Brüssel übertragen?

Player in Washington - Player in Brüssel?

Das amerikanische Original von "Politico", 2007 gegründet, ist eine der wenigen Medienerfolgsgeschichten der letzten Jahre. Wo die alten Printorgane ins Schlingern geraten sind und nach neuen Strategien in der digitalen Wirklichkeit suchen, hat sich das Internetportal in Form eines schnellen, kompetenten, oft brisanten Meinungs- und Mitteilungsorgan als Player in Washington etabliert.

Viele der "Politico"-Autoren sind als Berater oder Redenschreiber gut vernetzt im US-Politbetrieb, texten aber gleichzeitig atemberaubend gut - auf diese Weise werden sowohl Insider als auch politikinteressierte normale Leser angesprochen. Die Seite funktioniert in der Spitze und in der Breite der Leserschaft. Eine Folge: Gewinn wird über Anzeigen eingespielt, aber auch über Newsletter, die angeblich für bis zu sechsstellige Dollarsummen von Unternehmen abonniert werden.

Eine der wichtigsten Rubriken der US-Seite: Mike Allens sogenanntes "Playbook" für Washington D.C., wo der Autor in schneller Taktung Geraune und Kommentare zu den großen Spielern des Politikbetriebs zusammenträgt; zurzeit zerlegt Allen kleinteilig Hillary Clintons aktuelle Imagekampagne. Da freut sich der Insider, da freut sich aber auch der gemeine Leser.

Jean-Claude statt Hillary

Dass der europäische Ableger eine solche breitenwirksame Schärfe entwickelt, ist nur schwer vorstellbar. Von Brüssel aus wird Ryan Heath ein "Playbook" schreiben. Heath ist ein alter Hase im EU-Betrieb, er war unter anderem Sprecher der EU-Kommissarin Neelie Kroes und ist also bestens vernetzt. Aber wird er mit seinen Kommissions-Tratsch die gleiche Wucht entwickeln können wie mit Funkmeldungen aus dem Wahlkampfteam von Hillary Clinton oder aus dem Umfeld des möglichen Präsidentschaftskandidaten Jeb Bush?

Im Grunde genommen lassen sich die Erfolgschancen von "politico.eu" - gemessen am eigenen Anspruch - auf eine einfache Formel bringen: Die "Politico"-Autoren müssen die Debatten über Milchquoten und Gurkennormen wie Krimis erzählen. Man könnte auch sagen, "Politico" versucht sich an der Quadratur der Gurke.

Liest man sich durch die Artikel, die zum Dienstag auf die Seite gestellt wurden, ist das neue Medium davon noch weit entfernt. Man liefert keine Analysen, sondern schreibt sich eher in Stimmung, dass man in Brüssel am großen Rad mitdrehen werde. Enttäuschend zum Beispiel ein Artikel, der Brüssel im Zuge der Google-Kartellrechtsdebatte als neues El Dorado der Kartellrechtler feiert, ohne neue Fakten zum Thema zu liefern. Da befeuert man eher das EU-Gemauschel als es kritisch zu begleiten.

Unangenehm in diesem Zusammenhang auch ein als "sponsored content" ausgewiesener Artikel, in dem eine Microsoft-Mitarbeiterin fordert, dass Europas Klassenzimmer mit mehr Hightech ausgestattet werden sollen, wenn die Kids Anschluss an den Rest der Welt halten sollen. Am besten mit Microsoft-Software, oder?

Möglicherweise haben die europäischen "Politico"-Verantwortlichen ihre brisanten Geschichten auch für ihre wöchentliche Printausgabe aufgehoben; die erscheint am Donnerstag. Wichtige Entscheider kriegen das Heft umsonst, der Rest zahlt 199 Euro für das Abo im Jahr. Hoffen wir, dass das genuine Onlinemedium "Politico" auf diese Weise nicht zum Anhängsel eines Printorgans wird.

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muenzer77 22.04.2015
1. Dass
klingt nach einer Zeitung die niemand braucht. Mal abwarten?
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