Politiker-Casting im ZDF: Kanzler muss kein Komma können

Was sich auf der Politbühne abspielt, ist so farblos, dass das Fernsehen nachhelfen will: Mit der Talentshow "Ich kann Kanzler" sucht das ZDF Nachwuchspolitiker. Reinhard Mohr hat sich die Kandidaten angesehen - und ist nicht nur von deren Grammatikschwäche schockiert.

Betrachtet man das politische Spitzenpersonal in der Bundesrepublik Deutschland, dann bricht sich schnell Ratlosigkeit Bahn. Die große Leere. Routinierte Phrasensicherheit, Karrierismus und Opportunismus beherrschen das Feld.

Vor allem bei der ruhmreichen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands heißt es offenbar: Blässe oblige. Hauptsache schön farblos. Nach dem Abgang von Gerhard Schröder gibt es in der SPD niemanden mehr, der Charisma besitzt, von den leidenschaftlichen Urinstinkten eines politischen Alphatiers ganz zu schweigen.

Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier wirkt wie ein Spitzenbeamter, den man wider Willen und mit tiefer Bremsspur nach vorne auf die ganz große Bühne geschoben hat. Einziger Grund: Es gab einfach keine andere Wahl. Finanzminister Peer Steinbrück, der Kavallerieführer wider den helvetischen Steuerungehorsam, wäre mit seiner ironisch-intellektuellen Scharfzüngigkeit nur einer Minderheit der Wähler vermittelbar gewesen. Und wie sieht es bei Union, Grünen, Linken und FDP aus? Lassen wir das.

So muss nun Frank-Walter, der Bürohengst aus Brakelsiek, ganz tapfer sein und den Tiger spielen. Doch sehr viel Angst vor der Landung als Bettvorleger muss er auch wieder nicht haben, denn hinter ihm lauert allenfalls Andrea Nahles, stellvertretende Vorsitzende der SPD, das ewige Talent aus der Baracke, die Powerfrau aus der Pfalz.

Das Grundmotiv des ZDF kann man also durchaus verstehen: Politisches Interesse zu wecken und auf Talentsuche zu gehen, auch wenn die Idee abgekupfert, Pardon: ordnungsgemäß abgekauft worden ist: "Canada's Next Great Prime Minister" heißt das Original.

Bei der Eindeutschung hat man allerdings großzügig auf eherne Grundsätze der Grammatik verzichtet. In enger Anlehnung an den eigenwillig stakkatohaften Münte-Sprech heißt es nun "Ich kann Kanzler". Wer braucht da ein Verb? Es gibt doch Video.

Über 2500 junge Menschen zwischen 18 und 35 Jahren haben sich beworben, und wer sich die ausführlichen Selbstdarstellungen der soeben veröffentlichten vierzig Teilnehmer der Vorrunde anschaut, kann schon jetzt ein erstes Resümee ziehen: Kanzler muss kein Komma können. Es geht auch ohne. Eine Botschaft kam also schon mal an: Korrektes Deutsch muss nicht. Da wird eben auch mal der "Gesammtzusammenhang" so wichtig, dass man gar nicht genug ms reinschreiben kann.

Zuallererst geht es dem ZDF ja auch darum, "junge Menschen wieder verstärkt für Politik zu interessieren" und "unverbrauchte Gesichter mit frischen Ideen" zu finden. Am 18. Juni um 21 Uhr läuft die Vorrundenausscheidung, einen Tag später überträgt das ZDF das große Finale der letzten vier Kandidaten, moderiert von "heute"-Ass Steffen Seibert, live ab 21.15 Uhr. Irgendwann vor Mitternacht wird es dann wohl heißen: Habemus Kanzler, allo Presidente!

Die einschlägig kompetente dreiköpfige Jury bilden Anke Engelke, Günter Jauch und Henning Scherf, einst sozialdemokratischer Bürgermeister der Hansestadt Bremen. Noch ist offen, wer unter ihnen die Rolle von Dieter Bohlen bei "Deutschland sucht den Superstar" übernehmen wird, die Mischung aus Dirty Old Man, Ersatzblondine und gutem Onkel.

Vielleicht wird ja Anke Baldus, 32, Sozialversicherungsangestellte in Köln, vor der strengen Jury stehen? Deren Wahlslogan lautet: "Hand in Hand in unsere Zukunft", ihre "Idee für Deutschland" klingt allerdings eher wie eine kollektive Selbstbeschimpfung: "Wir sind zu einem faulen, gefräßigen und untauglichen Volk mutiert ... Wo unser gemeinsamer Halt? Unsere Ideale?" Da fragen wir doch gleich mal kritisch nach: Wo bleiben Tätigkeitswort? Und wo Idee? Im "örtlichen Gospelchor", wo Frau Baldus abends den Sopran verstärkt, kommt man offenbar nicht wirklich auf den Trichter.

Konsum pfui, Wissen hui

Womöglich hilft uns ja Ronny Thomale, 27, auf die Sprünge, theoretischer Physiker aus Karlsruhe. Er will mit seinen "intellektuellen analytischen Kompetenzen" als künftiger Bundeskanzler "das ganze Volk mit Kraft wieder ins Zentrum der Politik stellen". Seine "Weltidee" (Dittsche): Intelligenz! Das "Konsumstreben" soll möglichst schnell durch ein "Wissensstreben" abgelöst werden.

Ein Kommentator (ja, auch das gibt es auf der ausgefeilten Website) fragt unverschämt beckmesserisch, aber ganz praktisch: "Wer wird bei der ganzen Wissensaneignung noch für Taten sorgen?" Und wer die Brötchen backen? Papperlapapp! würde da Marc Groß-Brandt, 30, Offizier aus dem schönen Meerbusch entgegnen. "Mein Deutschland ist Unser Deutschland". Punktum. Hier duldet er keine kleinliche Mäkelei. So soll es sein, so wird es sein. Und zwar "mit oder ohne mich". Wir hoffen aber doch ganz stark: Niemals ohne mir. Ansonsten will er "gemeinsam für Chancengleichheit und Solidarität" kämpfen, ganz im Sinne unserer wunderbaren humanistischen Tradition: "Mit den Menschen für die Menschen da zu sein, in der Krise und zukünftig". Und überhaupt.

Auch der Hamburger Philip Kalisch, 30, SPD-Mitglied, Referent im Deutschen Bundestag, ist ein echter Menschenkenner: "Macht Kinder, baut Schulen!" ruft er uns zu. Ist doch wahr. Auch bei ihm kullern die Worte nur so aus der schönen Seele: Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität! Seine Idee für Deutschland gipfelt in der heiligen Trias eines aufgeklärten Pragmatismus: Kinder machen, Straßen rückbauen und Fahrradwege verbreitern. Am Ende wird wahrscheinlich noch der Verkehrsschilderwald gelichtet. Traumhafte Aussichten. Kein Wunder, dass sich Johannes Kahrs, Hamburgs sozialdemokratischer Platzhirsch, voller Begeisterung für ihn als Pate zur Verfügung gestellt hat. Klar, Kalisch muss Kanzler werden!

Ralf Braun, 34, Kaufmann aus der Parfumbranche, hat allen Mut zusamm(m)engenommen und seinen zentralen Wahlslogan wie eine Rakete in die weite Welt des Web geschossen: "Ich bin gut, und das ist auch schwul so!" Damit musste er einfach in den Recall, pardon, in die Vorrunde kommen. Warum? "Weil ich sicher zeigen kann, dass politische Seriosität und Engagement Humor und etwas Glamour nicht ausschließen müssen." So viel Humor hätte man der Parfumbranche gar nicht zugetraut.

Bessere Frisur als Angela Merkel?

Elke Antonia Bergmann, 27, wandelt auf ähnlicher Spur. "Of course we can!" sagt sie, meint aber "Of course I can!" But why bloß? "Weil ich die bessere Frisur als Angie und Frank habe, besser reden kann, top ausgebildet bin (IBWL, IVWL, Europäische Politikwissenschaften, IWR-Studium), 5 Sprachen spreche" usw. usf. Sagenhaft. Für ihre Leitidee hätte sie allerdings weder IBWL noch IVWL und schon gar nicht IWR studieren müssen: "Den Menschen die Freude am Leben zurückgeben". Merke: Kanzler muss nicht Bachelor! Aber was muss Kanzler dann? Optimismus verbreiten?

"Herrliche Zeiten sind in Sicht" verspricht Nuray Karaca, 18, den achtzig Millionen Deutschen. Außerdem interessiert sie sich "für Politik und Zeitgeschichte". Des Weiteren liebt sie "Kunst, Kultur und Wirtschaft". Also praktisch alles. Und das fällt insgesamt auf: Die vierzig KanzlerkandidatInnen sind sich, bei allen Unterschieden im Detail, sehr, sehr ähnlich. Sie wollen alles. Und sie glauben alles.

Egal, ob ihr Vorbild Marylin Monroe ist, wie bei der Rechtsanwältin Sissy Kraus, oder ob sie Theologie studieren und nebenbei noch schwul sind, wie Simon Klaas, 21 - alle sind für mehr Bildung und mehr Ehrlichkeit, mehr Integration und Ökologie, für Klimaschutz und Arbeitsplätze, soziale Gerechtigkeit und Solidarität. "Leidenschaft, Verantwortlichkeit, Augenmaß", wie Danyal Bayaz, 25, ergänzt. Diese ganzen Sachen eben.

Stellvertretend für alle hat das Cora Zeugmann, 28, "Europareferentin" in einem Satz zusammengefasst: "In der Wirtschaft zählt das Kapital, aber die Politik kann sich auf das Wohl und die Optimierung der gesamten Gesellschaft konzentrieren."

Da möchte man sich einfach nur ganz leise auf Zehenspitzen aus dem Zimmer schleichen. Man stört ja nur die Andacht.

Wäre da nicht Tobias Kurzmaier, 32, PR-Berater und Urbayer mit CSU-Parteibuch. Für sein Video hat er sich, in Anzug und Krawatte, an den massiven Schreibtisch gesetzt, rechts die Deutschland-Fahne und das Franz-Josef-Strauß-Porträt, links drei dicke, repräsentative Nachschlagewerke: "Ich bin Patriot, stolz auf Deutschland, möchte diesem Land dienen und das in der Funktion, die ich am besten kann: Kanzler!" Also, geht doch. Gerhard Polt hätte das nicht besser hingekriegt.

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insgesamt 41 Beiträge
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1. Dsdb
Arion's Voice 22.04.2009
Googlen Sie mal nach "deutschland sucht die bundesregierung"; es kursieren noch ein paar Stellenausschreibungen eines Witzbolds von vor der letzten Wahl. Im Wesentlichen hat sich nichts geändert - das PDF ist eigentlich immer noch gültig. Also zumindest ich fand das Teil lustig.
2. Gratulation
jenzig 22.04.2009
zu diesem herrlich sarkastischen, ideenreichen Artikel. So ist journalistische Kost gut und schmackhaft. Bitte mehr davon!
3. aw
kdshp 22.04.2009
Zitat von sysopWas sich auf der Politbühne abspielt, ist so farblos, dass das Fernsehen nachhelfen will: Mit der Talentshow "Ich kann Kanzler" sucht das ZDF Nachwuchspolitiker. Reinhard Mohr hat sich die Kandidaten angesehen - und ist nicht nur von deren Grammatikschwäche schockiert. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,620535,00.html
Hallo, und das auf kosten der GEZ gebührenzahler unverschämtheit. Zu dem deutsch oder nicht deutsch sag ich nur : Keiner kann 100% deutsch in schrift/wort/sprache also das halte ich dann auch nicht politikern vor. Würde aber zu dem "herrn denken" passen da deutsch ansich eine "herrn sprache" ist. Das "dumme" volk soll das ja gar nicht wirklich können !
4.
Dino 22.04.2009
Ich will den von der CSU! Sagt mal Jungs und Mädels, vorzeitiges Sommerloch, oder was ?
5. Also, kdshp
marypastor 22.04.2009
Zitat von kdshpHallo, und das auf kosten der GEZ gebührenzahler unverschämtheit. Zu dem deutsch oder nicht deutsch sag ich nur : Keiner kann 100% deutsch in schrift/wort/sprache also das halte ich dann auch nicht politikern vor. Würde aber zu dem "herrn denken" passen da deutsch ansich eine "herrn sprache" ist. Das "dumme" volk soll das ja gar nicht wirklich können !
mit Ihrem Deutsch ist ja nun auch nichts. Oder habe ich da eine versteckte Ironie nicht erkannt ?
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