Politikerdebatte: Das Kreuz mit dem Deutsch

Wo mischt sich der Staat denn noch ein? Jetzt will die Politik auch noch die deutsche Sprache unter Bestandsschutz stellen. Eine absurde Idee, findet Henryk M. Broder: Denn die Deutschen haben sich längst zu "global speakers" entwickelt.

Es war abzusehen, dass der auf dem CDU-Parteitag in Stuttgart gegen den Willen der Parteiführung angenommene Beschluss "Die Sprache in der Bundesrepublik ist Deutsch" auf Widerstand stoßen würde. Zum einen sind Selbstverständlichkeiten, die betont werden müssen, immer verdächtig, weswegen der neue CSU-Generalsekretär Karl-Theodor zu Guttenberg von einem "Armutszeugnis" der Gesellschaft sprach, die so etwas "nötig hätte".

Bundeskanzlerin Merkel (CDU): Angst vor Überfremdung?
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Bundeskanzlerin Merkel (CDU): Angst vor Überfremdung?

Zum anderen fühlten sich manche sofort persönlich angesprochen, wie beispielsweise der Generalsekretär der CDU, Ronald Pofalla, der das Thema erst von der Bundestagsfraktion der CDU beraten wissen wollte. Denn würde der Beschluss des CDU-Parteitages sofort umgesetzt werden, müsste als erstes Pofalla dran glauben, der zwar deutsch spricht, aber so, dass ihn niemand versteht.

Der Ministerpräsident des Saarlandes dagegen, wo man ein Deutsch benutzt, das sowohl vom Lothringischen wie vom Pfälzischen eingefärbt ist, meinte dagegen, ein Bekenntnis zur deutschen Sprache wäre wichtig: "Deutsch ist deutsch sprechen und deutsche Identität."

Dieser Satz von Peter Müller hat gute Chancen, von kommenden Abiturientenjahrgängen auf seine formale und inhaltliche Richtigkeit überprüft zu werden. Denn wenn die Formel stimmt, dass eine Aussage sinnlos ist, wenn auch ihr Gegenteil keinen Sinn ergibt, dann liegt Müller daneben. "Deutsch ist Italienisch sprechen und türkisch essen" käme der Wirklichkeit immerhin näher als der wolkige Bezug auf eine Identität, um die seit der Hermannsschlacht vergeblich gerungen wird.

Natürlich wäre es gut, wenn mehr Deutsche ein besseres Deutsch sprächen, wenn sie zwischen "scheinbar" und "anscheinend" unterscheiden und begreifen würden, dass der Satz "Das macht Sinn" keinen Sinn ergibt. Zu begrüßen wäre auch, wenn sie bei dem Satz "Die Mehrheit der Rentner bekommen..." sofort zum Fernsprecher greifen und sich beim Chef vom Dienst der "Tagesthemen" beschweren würden.

Dass sie aber lieber zu einer "happy hour" als zu einer "glücklichen Stunde" gehen und dabei einen "Cocktail" und kein "Mischgetränk" bestellen, kann man ihnen nicht verübeln. Zwar haben 65 Prozent der Deutschen Angst vor dem Verfall ihrer Muttersprache, dennoch besuchen sie "Chatrooms", gehen in "Shopping Malls" einkaufen, suchen bei einem "Jobcenter" nach Arbeit und lassen sich von der Telekom für ihre "Handys" eine "Flatrate" und einen "Call & Surf Comfort"-Tarif aufschwatzen.

Dagegen lässt sich kaum etwas sagen, seit Begriffe wie "Kaffeeklatsch", "Zeitgeist" und "Weltanschauung" in alle Weltsprachen eingewandert sind.

Es wäre auch zu einfach, den CDU-Basis-Antrag zur deutschen Sprache als einen Versuch zu verurteilen, am "rechten Rand" im Trüben zu fischen. So weit sind die Rechten nicht, dass sie sich mit philologischen Problemen beschäftigen könnten. Auch der "Kanake" ist ausländischen Ursprungs, er stammt aus Neukaledonien im Südwestpazifik und hat eine lange Reise hinter sich. Nichts nehmen die "Rechten" ihren Mitbürgern mit Migrationshintergrund wie Marcel Reich-Ranicki, Tarek al-Wazir und Necla Kelek so übel wie die Tatsache, dass diese besser Deutsch sprechen als 90 Prozent der Original-Deutschen.

Was die CDU-Basis antreibt, ist die Angst, Deutsch könnte eines Tages in Deutschland eine solche untergeordnete Rolle spielen wie das Lateinische in Italien oder das Jiddische in Israel, als Sprache für den sakralen Gebrauch oder Jargon der Cafehaus-Nostalgiker. Die Angst ist nicht unberechtigt, denn es ist mehr als wahrscheinlich, dass sich künftige Generationen miteinander auf der Straße auf Türkisch und auf den Universitäten auf Englisch unterhalten werden. Würden amerikanische Filme nicht synchronisiert in die deutschen Kinos kommen, wäre die Entwicklung schon weiter.

Verständlich, dass Cem Özdemir die Einführung des Türkischunterrichts in den Schulen gefordert hat, um den Deutschen ohne Migrationshintergrund die Integration zu erleichtern.

Dabei ist die Angst vor "Überfremdung" so alt wie das Alpenglühen. Ging es früher um schöne alte Begriffe wie "Jause", "Kaltmamsell" und "Stelldichein", so geht es heute in regelmäßigen Abständen um den Anteil deutscher Musik am Radio-Programm. Ende des Jahres 2004 brachten Rot und Grün einen Antrag im Bundestag ein, der eine Art Quotenregelung zum Ziel hatte. Das Papier kam fast so lyrisch daher wie viele deutsche Schlager: "Für eine Selbstverpflichtung öffentlich-rechtlicher und privater Rundfunksender zur Förderung von Vielfalt im Bereich von Pop- und Rockmusik in Deutschland."

Kurz zuvor hatten 600 deutsche Künstler aller Genres, von Udo Lindenberg über Reinhard Mey bis Xavier Naidoo, eine Petition auf den Weg gebracht, in der tatsächlich eine verbindliche Quotenregelung gefordert wurde. "Viele Sender weigern sich, mich und meine deutschen Kollegen zu spielen, das ist Zensur", klagte Peter Maffay, der sich über vieles, nur nicht über eine mangelnde Präsenz in den deutschen Medien beschweren kann. "Wir deutschen Künstler werden diskriminiert, die Zuhörer durch die englische Einheitsmusik manipuliert".

Das klang wie "Deutsche, kauft deutsche Bananen" und war entsprechend erfolgreich. Drei Jahre später, 2007, verständigten sich die Bundestagsfraktionen von CDU und SPD auf einen gemeinsamen Antrag, der ebenso deklamatorischen Charakter hatte wie die vorausgegangene Initiative von Rot-Grün. Die "Anerkennung, Unterstützung und Förderung der populären Musik" sei eine öffentliche Aufgabe, die Bundesregierung solle die Rundfunkanstalten anhalten, "neue Formate zu entwickeln", um Musik aus Deutschland eine "angemessene Plattform" zu geben.

Und nun geht der Kampf um den Erhalt der deutschen Sprache in eine neue Runde. Sie wird so enden wie die vorausgegangenen, wie die Reform der Rechtschreibung und der Kampf der Alt-Philologen gegen die Comic-Unkultur. Niemand kann dazu verpflichtet werden, Hansi Hinterseer statt Phil Collins zu hören oder "Verpiss dich!" statt "Fuck you!" zu sagen. Wenn die Gesetzte des freien Marktes schon in der Wirtschaft aufgehoben wurden, sollten sie wenigstens in der Privatsphäre des Bürgers unangetastet bleiben.

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