Politische Kunst "Wenn ich Kanzler wäre ..."

Was wünschen sich die Deutschen von ihrem Kanzler beziehungsweise ihrer Kanzlerin? Die amerikanische Performance-Künstlerin Sheryl Oring tourt durch Deutschland, um es herauszufinden. Ihre Reisebegleiter: eine alte Schreibmaschine und jede Menge Postkarten.

Von Jody K. Biehl


Künstlerin Oring: Stimmenfang auf der Straße
Olof Pock

Künstlerin Oring: Stimmenfang auf der Straße

Eine New Yorker Performance-Künstlerin mit einer Schwäche für Deutschland hilft Deutschen, ihr politisches Bewusstsein zu schärfen. Ihre Methode? Sie setzt sich auf einen kleinen Schemel in dicht befahrenen Stadtteilen und gibt Passanten für ein paar phantasievolle Minuten alle Macht im Staat. "Wenn ich Kanzler wäre, würde ich ....": Das ist nicht nur der Name von Sheryl Orings Projekt, sondern auch das Geschenk, das sie den Passanten macht - die Gelegenheit aufzuschreiben, was sie alles in diesem Land ändern würden, säßen sie nicht an einer Straßenecke, sondern im Kanzleramt.

"Ich würde dafür sorgen, dass jeder, der eine Ausbildung macht, auch einen Job bekommt", erklärte der Berliner Martin Graske der Künstlerin im Rahmen ihrer Performance am Montag im Stadtteil Prenzlauer Berg. Der 19-Jährige wird zum Koch ausgebildet, aber in Deutschland, wo heute annähernd fünf Millionen Menschen auf Jobsuche sind, fürchtet er, mehr Zeit auf dem Arbeitsamt zu verbringen als am Herd.

Fotostrecke

7  Bilder
Politische Kunst: Wenn ich Kanzler wäre ...

"Es ist nicht fair, dass Arbeitnehmer im Osten immer noch weniger Geld bekommen als die im Westen, obwohl sie dieselben Jobs machen", beschwerte sich die Lehrerin Birgit Neubauer-Lübbe und nahm damit Bezug auf ein Tarifsystem, das vor 15 Jahren, kurz nach der Wende, eingerichtet wurde. Tatsächlich liegt das Gehalt im Osten um einen bestimmten Prozentsatz unter dem im Westen, eine Richtlinie, die langsam an Gültigkeit verliert. Neubauer-Luebbe geht die Angleichung allerdings viel zu langsam. Sie würde die Diskrepanzen "sofort beseitigen".

Diese Unzufriedenheit übersetzt Oring in Kunst: Gekleidet wie eine Stenotypistin der fünfziger Jahre, mit Perlenohrring, bonbonfarbenem Kleid, passenden Pumps und rot lackierten Fingernägeln, dokumentiert sie die Gedanken ihrer Klientel mit einer schwarzglänzend-klappernden Schreibmaschine. Um eine Kopie für das geplante Buch anzufertigen, benutzt sie Durchschlagpapier, ein Verfahren, das einige ihrer jüngeren "Kanzlerkandidaten" noch nie gesehen haben. Das Original wird unterschrieben, frankiert und an den jeweiligen Wunschkanzler des Betreffenden gesendet.

Oring-Karte: Lackmustest fürs politische Klima
Olof Pock

Oring-Karte: Lackmustest fürs politische Klima

Aber wem den Vorzug geben? Gerhard Schröder? Angela Merkel? Oring fragt, an wen die Karte gesendet werden soll und hat bereits einen handgeschriebenen Adressaufkleber vorbereitet. So hat das Projekt über die ästhetische Ebene hinaus noch eine andere Dimension: Es wird zum Lackmustest, wo die Kanzlerkandidaten aktuell auf der Beliebtheitsskala stehen.

Merkel oder Schröder?

Nach drei Tagen Berlin hat Oring noch keinen Gewinner ermittelt. Aber das, erklärt die Künstlerin, liege nicht daran, dass die Menschen nicht wüssten, wen sie im Kanzleramt sehen wollen. "Ich würde niemals für Merkel stimmen", sagte Ute Flecken, die wie Merkel in Ostdeutschland aufgewachsen ist. "Sie hat keine Ahnung, was dort wirklich vor sich geht."

Neubauer-Lübbe, ebenfalls Ostdeutsche, würde ihre Karte an die Kandidatin der Union senden. "Ich weiß nicht, ob ich sie will, aber ich glaube, sie wird Kanzlerin." Es stimmt: Die Union liegt in Umfragen vorne, obwohl Schröder als politische Figur beliebter ist als seine Konkurrentin. Oring jedenfalls freut sich über die Ehrlichkeit ihrer Kartenschreiber, zumal sie mit ihrem Projekt auch Kritik üben will.

Als ehemalige Journalistin, die in Amerika für die "New York Times", den "International Herald Tribune", in Deutschland für "Die Welt" und die Deutsche Welle arbeitete, ist die 39-Jährige enttäuscht vom Mainstream der Berichterstattung. "Die Durchschnittspresse bildet nicht ab, was die Leute auf der Straße wirklich denken." Ihr Ziel sei es, die sogenannte Volksmeinung zu würdigen, besonders vor einer entscheidenden Wahl. Für den Stimmenfang nimmt sie sich denn auch konsequenterweise die ganze Republik vor: Am Dienstag packte sie ihr tragbares Büro zusammen und machte sich auf den Weg nach Hamburg. Weitere Stationen sind Köln, München und Leipzig. Das Projekt endet am 28. August.

Kartenschreiber Graske, Oring: Einen Job für jeden Deutschen
Olof Pock

Kartenschreiber Graske, Oring: Einen Job für jeden Deutschen

Die Idee zu "Wenn ich Kanzler wäre" wurde aus Enttäuschung geboren: Oring fand es frustrierend, dass viele Europäer und vor allem die Deutschen denken, alle Amerikaner dächten dasselbe. Deshalb startete sie letztes Jahr zur Zeit des US-Wahlkampfs die "I Wish To Say"-Tour. Oring reiste durch die USA und fragte die Menschen, was sie dem Präsidenten gerne sagen wollten; am Ende hatte sie mehr als 1000 Postkarten gesammelt und versandt. Begeistert bereitete sie sich auf Deutschland vor - ein Land, das aufgrund seines kurzen prägnanten Wahlkampfs und einem weiblichen Herausforderer ideal ist für ihr Projekt.

Bis jetzt sind die Deutschen auch ein richtig gutes Publikum. Angelockt von ihrem markanten Aussehen und der klappernden Schreibmaschine werden die Passanten zu Kommentatoren des politischen Geschehens. "Ich war nicht sicher, ob die Idee hier so gut funktionieren würde wie in den Staaten, aber ich bin positiv überrascht", erklärte die Künstlerin.

Natürlich gebe es auch Unterschiede: Die Deutschen machten sich Sorgen über Arbeitslosigkeit, die Rente, das Erziehungswesen. In Amerika sei man vor allem über den Irak-Krieg beunruhigt. In den USA seien die Menschen auch eher bereit, "mir ihre persönlichen Geschichten anzuvertrauen". Die Deutschen gäben sich deutlich reservierter - "jedenfalls bis jetzt".

Übersetzung: Daniel Haas



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.