Politmagazin "Cicero" Der neue Hort des Deutschaufsatzes

Verloren im Gerd-Marathon: Das neue Monatsmagazin "Cicero" möchte den amerikanischen Intelligenz-Blättern "New Yorker" und "Atlantic Monthly" endlich ein deutsches Pendant entgegensetzen. Die Macher blasen zwar mächtig die Backen auf, produzieren aber allenfalls ein laues Lüftchen.


Magazin "Cicero": Der Bundeskanzler als ausdrucksloser Businessman

Magazin "Cicero": Der Bundeskanzler als ausdrucksloser Businessman

Für Lispler und Lateinunkundige wird es jetzt noch härter werden. Wenn sie ab heute am Kiosk ihres Vertrauens nach "Cicero" fragen, dem neuen Monatsmagazin "für politische Kultur" des Schweizer Ringier-Verlags, dann fällt die korrekte Aussprache doppelt schwer: Neben den unerwünschten Zischlauten taucht auch noch die alte Frage aus dem Lateinunterricht auf, wie das C des Marcus Tullius Cicero, einer Art römischer Roger Willemsen, richtig zu intonieren sei: "Kikero", "Zizero" oder gar "Tschizero"?

Allein, wer erst einmal die sieben Euro bezahlt hat, den mag dies nicht mehr schrecken. Ziemlich schrecklich ist dafür das kolorierte Titelbild, das der Maler Jörg Immendorff gezeichnet hat: Der Bundeskanzler als ausdrucksloser Businessman, der ins Nirwana starrt. Freilich liefert es eine Vorahnung auf die 20-seitige Gerhard-Schröder-Strecke im 146 Seiten umfassenden Heft der Erstausgabe. Den Auftakt des Gerd-Marathons macht ein Interview des persönlichen Schröder-Freundes Frank A. Meyer mit dem Kanzler, unterbrochen von einer zweispaltigen Kurzinterpretation des politischen Autors Alexander Gauland - "Was ihn antreibt ist Erfolg pur, sein Maßstab der Aufstieg" - und eines ebenso prägnanten Grußwortes von BDI-Präsident Michael Rogowski, der den Ehemann von Doris Schröder-Köpf als "Meister des Augenblicks" feiert.

Ora et labora, und dann ab in den Pool

Den intellektuellen Höhepunkt aber markiert zweifellos ein zwei Seiten langer Text von Rudolf Scharping (Überschrift: "Meine Partei droht zu erfrieren"), dessen rasante Analyse der sozialdemokratischen Jahrhundertkatastrophe am Ende einem auch sprachlich raffinierten Gedankenblitz zusteuert: "Hier hilft Sprunghaftigkeit wenig, wohl aber Mut und Wirklichkeitssinn, gepaart mit gelebten Grundüberzeugungen." Wir verstehen: Ora et labora, und dann ab in den Pool.

Diesem Triumph philosophischer Erkenntniskraft können auch die Fotografien von Jim Rakete nichts mehr anhaben, die angeblich den "einsamen Kanzler" zeigen. Tatsächlich dokumentieren sie nur eines: Der Mann hat Macht und verrichtet seine Arbeit. Auch der einfühlsame Begleittext von Peter Schneider, mit dem Schröder ab und zu mal Tennis spielt, bleibt in der seltsam widersprüchlichen Faszination befangen, die der derzeit viel geschmähte Kanzler immer noch auszustrahlen scheint - ohne sie wirklich zu reflektieren.

"Cicero" bläst mächtig die Backen auf und produziert doch nur ein laues Lüftchen

Stattdessen verströmt die große Schröder-Story den gediegenen Charme einer PR-Aktion nach dem Motto: Kanzler wichtig, Cicero superwichtig. Und das ist die Krux des ganzen Heftes, dessen Aufmachung und optische Eleganz (das Papier, die Druckqualität, die Farben!) an die amerikanische Zeitschrift "Atlantic Monthly" oder das deutsche Intelligenzija-Magazin "Transatlantik" selig erinnern sollen: "Cicero" bläst mächtig die Backen auf und produziert doch nur ein laues Lüftchen. Es macht auf groß und wichtig, protzt und prätendiert wie im Oberseminar, fährt ganze Bataillone prominenter Autoren auf und demonstriert, dass es für jedes Thema mindestens einen Autor gibt, der schon mal Bankvorstand war oder wenigstens im Politbüro der SED gesessen hat - doch die im übrigen ziemlich ironiefreie, lose Textesammlung schlägt schnell auf Stimmung und Gemüt des angestrengten Lesers.

Chefredakteur Weimer: Nicht die Masse macht's
DPA

Chefredakteur Weimer: Nicht die Masse macht's

Es wird sich zeigen, ob sich die angepeilten 50.000 Leser finden, um das ambitionierte Projekt von Chefredakteur Wolfram Weimer, Ex-Chef von Springers "Welt", am Leben zu halten. Sechs Monate lang will Verleger Ringier immerhin warten, ob sich die Investitionskosten von 10 Millionen Euro auszahlen - materiell wie ideell. "Cicero" missachtet allerdings schon zu Beginn eine Grundregel gerade des "gehobenen" Journalismus, der so gern brillant sein will: Nicht die Masse macht's, und sei sie noch so klangvoll, sondern einzig die Qualität.

Die allerdings wird vorne mit den Sirenenstimmen des luxurierenden Intellektualismus schon mal wortgewaltig suggeriert: "Weltbühne", "Berliner Republik", "Medienmacht", "Kapital" und "Salon" lauten die festen Rubriken, und wer würde nicht freudig erregt zusammenzucken, sähe er die erstklassige Autorenriege, die freilich auch die üblichen Verdächtigen beinhaltet: Arthur Miller, Umberto Eco, Hellmuth Karasek, Fritz J. Raddatz, Maxim Biller, Christoph Stölzl, Wladimir Kaminer und viele andere.

Von kritischer Distanz zur Macht, von Selbstironie, von einem Schuss investigativer Neugier, Tugenden, die gerade den "New Yorker" stark gemacht haben, fehlt leider jede Spur. Dass auch das neue Edelmagazin ein Interview mit Horst "Hotte" Köhler haben muss, in dem weniger steht, als der designierte Bundespräsident bei Johannes B. Kerner ausgeplaudert hat, mag man noch hinnehmen und dem frühen Andrucktermin einer monatlichen Publikation zuschreiben.

Dass aber auch die SPD-Präsidentschaftskandidatin Gesine Schwan (über Polen) zu Wort kommen muss - ebenso wie die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright (über Nordkorea) und Ex-Bertelsmann-Aufsichtsrat Gerd Schulte-Hillen -, das ist allein unter dem Gesichtspunkt eines wichtigtuerischen Prominenten-Proporzes vulgo "Promi-Geilheit" nachzuvollziehen. "New-Yorker"-Autoren wie Bob Woodward oder Katherine Boo würden sich abwenden, wenn sie mit diesem Magazin in einem Atemzug genannt würden.

Meinung zählt mehr als Ästhetik und Anschauung

Der Eindruck des vornehm Abgestandenen bestätigt sich noch, wenn eine von "Cicero" unterschlagene Information herauskommt: Arthur Millers "Besuch bei Fidel Castro" stammt aus einem Buch, das im Frühjahr 2003 erschien. Wie viel andere Texte schön aufbereitete Nachdrucke aus anderen Publikationen sind, wüsste man also schon ganz gern, wobei die jahrhundertweisen Sentenzen eines Umberto Eco die universellen Nachdruckrechte quasi automatisch in sich bergen: "Wenn wir uns gegen arabische Terroristen erheben, was unsere Pflicht ist, dann tun wir dies am besten, indem wir zuerst den europäischen Antisemitismus bekämpfen." Tolle Sache. Und die Araber bekämpfen den Anti-Islamismus bei sich zu Hause.

Vielleicht in Form von Leitartikeln. "Vergessen Sie den Leitartikel!" ruft allerdings Klaus Harpprecht den "Cicero"-Lesern mahnend zu, und er hat ja durchaus Recht damit. Wie viel Unfug oft geschrieben wird... Pech nur, dass "Cicero" voller Leitartikel ist, die sich als Feuilletons tarnen. Ob es um den "mentalen Sozialismus" geht oder die "Unfälle der Generation Golf", um Tony Blairs Zukunft oder um die Frage nach den angeblich "faulen Deutschen" - Meinung zählt mehr als Ästhetik und Anschauung.

Der elegant geheftete Leitartikel für den ganzen Monat

Die Form der Reportage fehlt fast ganz, doch dafür erfahren wir endlich, dass es nun auch Maxim Biller in Berlin gefällt. Gratulation. Nein, "Cicero" ist nicht der Hort einer "Krawallprosa aus dem rechten Winkel des Salons", wie die "Zeit" meint. Viel eher ist "Cicero" die neue Heimstatt des Deutsch-Aufsatzes aus dem Geist der Oberprima, der elegant geheftete Leitartikel für den ganzen Monat und für alle Gelegenheiten.

Am Ende ergreift der Chefredakteur noch einmal persönlich das Wort und stellt die programmatische Frage "Gibt es ein Jenseits der Ironie?" Doch hören wir die Antwort selbst: "Aus dem Schutt des Ironischen hieße es die Grundmauern der Tradition wieder freilegen, das Politische wieder als das Bürgerliche begreifen, das Kulturelle als das Eigene, vielleicht sogar das Religiöse als das Sinnstiftende entdecken, das Wort jedenfalls wieder als den Anfang und nicht als einen Witz am Ende."

Ob er da geschmunzelt hätte, der alte Römer - und sich eins hinter die Binde gegossen?



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