Polylux-Chefin Tita von Hardenberg "Wir haben uns viele Feinde gemacht"

Die einen nennen das ARD-Magazin "Polylux" Jugendfernsehen für Rentner, für andere ist es Kult. Nun steht die Sendung wohl vor dem Aus. SPIEGEL ONLINE sprach mit Moderatorin Tita von Hardenberg, 36, über Formatkämpfe, Zeitgeistkrisen und Hauptstadt-Hasser.


Moderatorin Tita von Hardenberg: "Schmidt und wir haben die gleichen Fans"
DDP

Moderatorin Tita von Hardenberg: "Schmidt und wir haben die gleichen Fans"

SPIEGEL ONLINE:

Frau von Hardenberg, wie ist die Stimmung bei Ihnen zurzeit?

von Hardenberg: Schon wieder ein bisschen besser. Es sieht nicht mehr ganz so düster aus wie vergangene Woche. Der Sender kämpft für uns. Wir können uns gar nicht vorstellen, dass es wirklich zu Ende geht.

SPIEGEL ONLINE: Der RBB kämpft aber etwas eigenartig. Fernsehdirektor Gabriel Heim hat sich vehement gegen den Vorschlag gewandt, dass Sie wieder am Montag um 0.15 Uhr ausgestrahlt werden.

von Hardenberg: Mir wäre es natürlich lieber gewesen, überhaupt einen Sendeplatz zugesagt zu bekommen. Schließlich haben wir über fünf Jahre eine Marke aufgebaut. Aber bei den Finanznöten des RBB kann ich verstehen, dass sie nicht so viel Geld für eine Sendung nach Mitternacht ausgeben wollen.

SPIEGEL ONLINE: Die ARD-Fernsehdirektoren haben sich vergangene Woche mehrheitlich gegen "Polylux" gestellt. Woher kommt diese Ablehnung?

von Hardenberg: Wir machen ein Magazin, das nicht jeder versteht, das polarisiert und ziemlich Berlin-lastig ist. Damit haben wir uns auch viele Feinde gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich das Format "Zeitgeist-Magazin aus Berlin" nicht auch irgendwann überlebt?

von Hardenberg: Mit dieser Kritik leben wir von der ersten Stunde an. Es ist immer einfacher, eine eindeutige Sendung zu machen. Wer in "Polylux" nur eine Witzsendung sieht, kritisiert uns als hausbacken. Wer ein klassisches Magazin erwartet, versteht unseren Humor nicht. Und natürlich gibt es viele Berlin-Hasser im Land. Aber ich habe von Anfang an gesagt: Themen aus Berlin machen wir nur, wenn sie überregional relevant sind. Denn so toll ist diese Stadt nun auch wieder nicht. Aber natürlich werden viele, viele Trends hier gemacht, besonders was das Nachtleben angeht.

SPIEGEL ONLINE: Der durchschnittliche "Polylux"-Zuschauer ist 54 Jahre alt - ziemlich alt für ein junges Magazin.

von Hardenberg: Deswegen ist es ja so tragisch, dass wir jetzt nicht den Sendeplatz nach Harald Schmidt bekommen haben. Das wäre eine junge Ecke in der ARD. Als einzige Sendung in dem Umfeld schafft man das nicht. Schmidt und wir haben die gleichen Fans mit dem gleichen Humor. Deswegen kämpfen wir immer noch dafür, am Donnerstag nach Harald Schmidt ausgestrahlt zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Moment: gleicher Humor? Da gibt es doch große Unterschiede zwischen dem Kölner und dem Berliner Stil.

von Hardenberg: Natürlich, da gibt es verschiedene Humorschulen im Fernsehen. Die Kölner sind deutschlandweit prägend, und wir gehen von Berlin aus ein bisschen dagegen an. Dennoch passen Schmidt und Polylux zusammen. Er hat uns damals entdeckt und dafür gesorgt, dass wir 2000 vom ORB ins Erste kamen.

SPIEGEL ONLINE: Was fehlt der ARD, wenn Polylux stirbt?

von Hardenberg: Ohne Selbstüberschätzung: Das ist eine Farbe, die gibt's im deutschen Fernsehen sonst nicht. Bei uns werden viele Macher und Visionäre vorgestellt. Und ich schäme mich nicht zu sagen: Wir sind ein Zeitgeistmagazin.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es jetzt weiter?

von Hardenberg: Ich klebe jedem diese Bulette ans Ohr, wie wichtig Polylux ist. Wir glauben an das Format und denken noch nicht über Alternativen nach.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Produktionsfirma "Kobalt TV" arbeiten 30 Leute - was würde mit denen passieren?

von Hardenberg: Die Firma wird es weiter geben, das Polylux-Team würde sich in alle Winde zerstreuen. Angebote haben die genug.

Das Interview führte Jan Sternberg



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