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Pop-Feminismus: Sex, Schweiß und Selbstironie

Der vulgäre "Vagina Style" von Lady Bitch Ray und die offensive Sex-Sprache von Charlotte Roche sind eine feine Sache, meint die Sängerin Bernadette La Hengst. Damit kommt im Mainstream an, was der subkulturelle Pop-Feminismus schon lange fordert: Subversion durch Schönheit.

1990 kündigte die "Hamburger Morgenpost" ein Dreier-Konzert von Die Braut haut ins Auge, den Mobylettes und HUAH (in allen drei vorwiegend weiblichen Formationen spielte ich mit) mit der Schlagzeile an: "Frauen kommen langsam - aber gewaltig." Dieser oft benutzte Slogan von Ina Deter und den lila betuchten Feministinnen der Siebziger war ein Stachel in unserem eher von Punkrock geprägten, weiblichen Selbstbild. Wir sahen uns nicht als Frauenband (zu altbacken uncool), aber auch nicht als Mädchenband (zu harmlos). Und überhaupt: Was sollte "kommen langsam, aber gewaltig" eigentlich heißen? Wir waren doch da, im Hier und Jetzt, und zwar nicht langsam, sondern schnell! Und wir bestanden auf unserem Recht zu rocken.

Außerdem: Wie von der "Morgenpost" auf eine rein sexuelle Ebene herabgewitzelt zu werden, nervte. Es ist ein Unterschied, ob eine Musikerin Sexwitze über sich selbst reißt, um schwanzfixierte Rocker und HipHopper zu entlarven - so wie es derzeit die Rapperin Lady Bitch Ray tut -, oder ob es sich um eine männlich-journalistische Zuschreibung handelt.

Aber sobald ein paar solche Frauen - wie derzeit besagte Bitch Ray, die wieder aufgetauchte Luci van Org oder auch die der Popkultur eng verbundene Neu-Autorin Charlotte Roche - sich offensiv sexualisiert selbst inszenieren, phantasieren die Medien eine "neue weibliche Welle" herbei und tun so, als wären die Mädels vom Himmel gefallene Aliens. Um es klar zu sagen: Es ist wichtig, dass es solche weiblichen Role Models gibt. Aber es ist traurig, dass niemand erwähnt, dass sie alle in einer Tradition stehen.

Ein Gefühl von Postfeminismus

Trotz all der Rückbesinnung auf eine neue Bürgerlichkeit und konservativen Feminismus in den letzten Jahren, hat es jemand wie Lady Bitch Ray einfacher, sich als (nicht nur sexuell) provokative Künstlerin zu artikulieren und erfolgreich zu sein als noch vor 20 Jahren; denn sie beschreitet eine breite Straße der Selbstermächtigung, die andere Künstlerinnen gebaut haben.

Als die Riot Grrrl Bewegung in Hamburg ankam, traf uns alle der Schlag. So wie die Band L7 1990 im Hamburger Molotow rockten, hatte niemand zuvor gerockt: Tätowierte Frauen in zerrissenen Kleidern, Schweiß, Sex und selbstironisches Posing mit kreischenden E-Gitarren. Waohhh! Im selben Jahr spielte ich mit vier anderen Musikerinnen der Hamburger Szene ein Punk-Konzert. Wir standen nackt, aber ganzkörperbemalt auf der Bühne, so dass man erst beim dritten Blick unsere Nacktheit erkennen konnte. So würden wir die "Ausziehen! Ausziehen!"-Rufer aus dem Publikum verstummen lassen! Dachten wir zumindest - es funktionierte natürlich nur dieses eine Mal.

In Amerika schossen damals Bands wie Bikini Kill, Sleater Kinney, L7, Babes in Toyland oder Hole aus dem Boden, die mit zerrissenen Babydoll-Kleidern das vergewaltigte, aber zurückrockende Riot Grrrl verkörperten. Und auch in Deutschland gab es den Versuch, eine ähnliche Bewegung aufzuspüren. Leider gab es hier nur vereinzelte Bands wie Die Braut, Mobylettes, die Lassie Singers, die Lemonbabies oder die mainstreamisierten Tic Tac Toe und Lucilectric, die das erste Mal ein Gefühl von Postfeminismus verbreiteten. Die große Frage war nur: Post-was? Den Vorteil, ein Mädchen zu sein, kannten wir alle - nur war nie über die Nachteile gesungen worden. Stattdessen übersprangen viele diesen Part einfach und hievten den H&M-Style (Springerstiefel und Girlie-Outfit) in die Charts.

Und so kam es, dass ein Hamburger Journalist in einem Magazin schrieb: "Bernadette Hengst hüpft ohne BH über die Bühne, dass die Frauen im Publikum Phantomschmerzen haben." Der Autor dachte, er hätte meinen Humor getroffen. Er irrte: Wir wollten nie unseren Körper oder unseren Sex thematisieren. Aber wir wollten ihn auch nicht aus unserer Musik raushalten.

Worum es ging? Selbstverständlich das tun, was die Jungs machen, mal selbstironisch, mal naiv, mal bewusst politisch. Als sich die Braut 1999 auflöste, gingen viele Türen auf. Ich gründete eine Booking-Agentur, hauptsächlich für Musikerinnen (BH Booking, bezogen auf meine Initialen als auch auf das mir fehlende Kleidungsstück), und ich organisierte unter anderem die Tour zu der weiblichen Compilation "Stolz und Vorurteil", die die ehemaligen Lassie Singers auf ihrem eigenen Label "Flittchen Records" rausbrachten. Plötzlich ging es auch um Austausch unter Musikerinnen, um das Netzwerken, um Diskussionen, kurz: um den Versuch einer pop-feministischen Bewegung.

Subversion durch Schönheit

Als ich dann 2002 zum ersten Mal Le Tigre und Peaches zusammen auftreten sah, hatte das einen ähnlichen Effekt wie 1990 bei L7. Da war eine Aufbruchstimmung in der Luft, eine Widersprüchlichkeit, die alles in Atem hielt. Monatelang diskutierten die Hamburger Riot-Rockerinnen Parole Trixi und andere darüber, ob man sich so sexy zur Schau stellen sollte wie Peaches, und wie unglaublich kraftvoll Le Tigre ihre feministischen Botschaften in elektronische Popmusik verpackten.

Alle die neuen Musikerinnen (wie Rhythm King & Her Friends oder Chicks on Speed), die sich seitdem in der internationalen Elektropop-Szene ihren Platz geschaffen haben, retteten uns aus der Belanglosigkeit und Austauschbarkeit der Neunziger. Feminismus und Glamour gingen plötzlich zusammen. Mir war das immer klar gewesen, aber ich hatte es nie praktischer erlebt. Politik und Privates, Form und Inhalt, tanzten sexy miteinander auf der Bühne. Dabei ging es nie nur um Provokation, nie nur um Agit-Prop, sondern eher um Subversion durch Schönheit: Der Körper sollte eine Maschine sein, der unsere Ideen hindurchleitet. Und das ist er heute mehr denn je.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
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1. Feminismus der Schönen?
chaoskatze 29.04.2008
Es ist natürlich für eine Feministin der "alten Schule" hochinteressant, die Diskurse und Differenzen dieser vor allem musikbetonten Strömung zu beobachten. Wobei sich mir zumindest beim Spiegel-Beitrag die Frage stellt: Wenn der "neue" Feminismus, diese ästhetisch-ästhetisierende Form der Selbstdarstellung, eine "Subversion durch Schönheit" darstellt - was ist mit all denen, die "hässlich" sind resp. als "hässlich" gelten? Die eben nicht cool, jung, musikalisch, hipp, wohlgestaltet, "gesund" sind? Ist es nicht nur einfach Revolte, wenn obige aussen vor bleiben, unerwähnt, ungewollt, bloßes Publikum (wenn denn überhaupt)?
2. Rockbitch
misha77 29.04.2008
Ich finde es ein wenig schade, das in diesem Artikel die Band 'Rockbitch' nicht erwähnt wurde, dabei wäre jene bei dieser Thematik sicherlich nicht unwichtig gewesen. Oder ist dies jetzt zu skandalös?
3. Musik und Provokation allein sind kein Feminismus
lewapdin 30.04.2008
Lady Bitch Ray provoziert. Und das nicht auf besonders extravagante Art und Weise. Das alleine macht sie jedoch noch lange nicht zu einer Feministin. Lady Bitch Ray ist eine Lady Bitch Rayistin. (Kurze Anmerkung: Rappen kann die Gute leider kein Stück, 'tschuldigung) Vier Frauen ohne BH, wie pikant und provokant! War das die Vorgruppe der frühen Red Hot Chilli Peppers (alias "die mit den Socken")? Das ist ebenfalls kein Feminismus! Sondern Verkaufsstrategie. Manchmal lockt die Verpackung eben stärker als der Inhalt. Gerade bei Produkten von kurzer Lebensdauer. Feminismus ist der Kampf für eine gleichberechtigte Existenz als Frau und keine lässig coole Attitüde. Stellen Sie sich einmal vor, Martin Luther King hätte aus Protest seinen blanken Hintern gezeigt, um so seiner Vorderung nach Gleichberechtigung der Rassen Nachdruck besonderer Art zu verleihen. Glaubwürdig? Eine echte Feministin wird sich dafür einsetzen, bessere Bedingungen für alle Frauen zu schaffen: Für Lady Bitch Ray, für die trällernden, angemalten Nackedeis und für alle anderen Frauen der Bundesrepublik und der Welt. Unbekannte Musik zu spielen und sich dabei auszuziehen oder schmuddelige Bestseller zu verfassen, hilft wohl wenig, wirklich etwas zu ändern.
4. ......
tylerdurdenvolland 30.04.2008
Zitat von chaoskatzeEs ist natürlich für eine Feministin der "alten Schule" hochinteressant, die Diskurse und Differenzen dieser vor allem musikbetonten Strömung zu beobachten. Wobei sich mir zumindest beim Spiegel-Beitrag die Frage stellt: Wenn der "neue" Feminismus, diese ästhetisch-ästhetisierende Form der Selbstdarstellung, eine "Subversion durch Schönheit" darstellt - was ist mit all denen, die "hässlich" sind resp. als "hässlich" gelten? Die eben nicht cool, jung, musikalisch, hipp, wohlgestaltet, "gesund" sind? Ist es nicht nur einfach Revolte, wenn obige aussen vor bleiben, unerwähnt, ungewollt, bloßes Publikum (wenn denn überhaupt)?
"Subversion durch Schönheit" ? Geht es noch eine Nummer daemlicher? Ist es nicht gerade fuer eine offensichtlkich intelligente Feministin einfach nur peinlich, wenn die Maer von der "Dummheit der Frauen" auf solche Art genaehrt wird? Publikum? Konsumenten ist wohl der wahre Ausdruck fuer sowas... und die Chauvies lachen sich krumm...
5. Warum immer noch mediale Arufmerksamkeit für diese "neuen/alten Mädchen"?
seenoevil 30.04.2008
Feminismus bedeutet sich dafür einzusetzen, dass die Kassiererin bei LIDL für die gleiche Arbeit den gleichen Lohn wie ihr männlicher Kollege erhält. Dass man ihr dabei wahrscheinlich die 20 Jahre miserable Arbeitsbedingungen und Leben im unteren Drittel der Gesellschaft an Körper und Seele anmerkt, wird ihr Pech sein, denn damit wird man wohl nicht in den Fokus der aufgeklärten Pop-Feministinnen geraten und von ihrem Engagement für... ja wofür eigentlich profitieren können. Spannend wäre sicherlich auch, wenn Dame Schlampen Strahl einem 14-jährigen zwangsverheirateten Mädchen ihren "Vagina-Style" näherbringen würde.
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