Pop-Ikone Martin Luther King Wer ist schon Elvis?

Der wahre König der Popkultur heißt auch mit echtem Nachnamen so. Doch die Art, wie Martin Luther King heute in der schwarzen Musikszene als Ikone verklärt wird, birgt eine Gefahr: zu vergessen, dass er Herz und Hirn erreichen wollte und keine Tanzbeine.

Von Jonathan Fischer


Einer der grimmigsten Songs, die die Polit-Rapper Public Enemy Anfang der neunziger Jahre in die Welt hinausbrüllten, hieß "By The Time I Get To Arizona". Ihr Bündel von Drohungen und Verwünschungen gingen an die Adresse des damaligen Gouverneurs Fife Symington. Doch im Grunde spielte ein anderer die Hauptrolle in dem polemischen Rap: Martin Luther King Jr. Schließlich ging es um die Weigerung von Arizona, den Bürgerrechtsaktivisten mit einem Feiertag zu würdigen.

Erst 1986 war der Martin Luther King Jr. Day in den Vereinigten Staaten als Feiertag ausgerufen worden – 18 Jahre nach seiner Ermordung – und erst im Jahre 2000 erkannten alle 50 US-Staaten diesen auch an. Erstaunlich, wenn man an die sonstige Präsenz von Martin Luther King Jr. im amerikanischen Alltag denkt: Keine amerikanische Stadt ohne Martin Luther King Jr. Boulevard, kein schwarzes Stadtviertel ohne Martin Luther King Jr. High School, keine Bibliothek, in der die Geschichte dieses Mannes nicht ganze Regale füllen würde.

Doch abgesehen von solchen hochoffiziellen Ehrungen hat Martin Luther King Jr. 40 Jahre nach seiner Ermordung längst ein zweites Leben angetreten: Als Pop-Ikone. Neben Malcolm X und Rosa Parks schmückt wohl kein schwarzer Politiker so viele T-Shirts wie er. Wenn Barrack Obama heute immer wieder die Worte Kings zitiert, dann auch, weil der Mann und seine "I Have A Dream"-Rede in Tausenden von Popsongs, Videos und Kunstwerken weiterlebt, sein Kopf dem Devotionalien-Handel so viel wert ist wie sonst nur Elvis oder Che Guevara.

Gerade 2008, dem ersten Jahr, in dem ein schwarzer Präsidentschaftsbewerber realistische Chancen hat, das Weiße Haus zu erobern, wird gern die Erinnerung an jenen heißen Augusttag im Jahre 1963 beschworen, als King sich den Schweiß von der Stirn wischte, und die schwarz-weiße Menge vor ihm aufforderte, eine Welt zu schaffen, in der die Kinder "nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach dem Inhalt ihres Charakters beurteilt werden". Der schwarze Baptistenprediger findet heute Fürsprecher jenseits aller Hautfarben: Von U2, die King mit dem Song und Video "Pride (In The Name Of Love)" ein Denkmal setzten, bis zum HipHop-Produzenten Wyclef Jean, der im Martin Luther-King-Jr.-T-Shirt auf der Bühne steht. Sie alle eint eine Sehnsucht nach einer Vergangenheit, in der Pop und progressive Politik scheinbar Hand in Hand gingen. Martin Luther King Jr. hatte von Anfang an die Bedeutung der Musik für seine Bewegung erkannt. "The soul of the movement", sagte er einmal, sei der Gesang. So stellten sich er und seine Marschierer, bewaffnet mit den alten Gospelhymnen von Moses und der Befreiung der bedrängten Israeliten den weißen Schlägern, prügelnden Polizisten und den Wasserwerfern entgegen.

Für alle, die an rassische Gleichheit glaubten, waren die sechziger Jahre eine Zeit der Hoffnung: Man konnte es in den Freiheitsliedern hören, die von tausendköpfigen Mengen skandiert wurden, in Sam Cookes Gospel-Inflektionen, im optimistischen Motown-Sound, Aretha Franklins Ruf nach "Respect", Sly Stones Feier der "Everyday People", Jimi Hendrix alle Hautfarben transzendierenden Rückkopplungen und John Coltranes "Love Supreme". Die Ruf-und-Antwort-Schemen des Soul, die ineinander verzahnten Rhythmen James Browns waren mehr als musikalische Mätzchen: Sie schufen erst den Geist einer alle umarmenden (Kampf-)Gemeinschaft.

Mit Mahalia Jackson hatte Martin Luther King ein Ritual entwickelt, in denen Gospelgesang und Rhetorik sich gegenseitig hochschaukelten. Für die Sängerin Jackson ein lebensgefährliches Engagement, wie die Dynamitbombe bewies, die in ihrer Abwesenheit vor ihrem Schlafzimmer in Montgomery hochging. Doch der Gospel half, mit der Angst fertig zu werden. Viele der Bürgerrechtsveteranen betonen, wie viel Mut ihnen Mahalias Stimme gegeben hat, während draußen der Ku Klux Klan um die Kirche kreiste. "I've Heard Of A City Called Heaven" oder "Move On Up A Little Higher".

Die schwarze Popmusik griff die Slogans Kings und seiner Gefolgsleute nur allzu bereitwillig auf: Curtis Mayfield und seine Impressions predigten "We're A Winner" und "People Get Ready". Die Staple Singers versprachen "I'll Take You There" und Sam Cooke "A Change Is Gonna Come". Ein politischer Aufbruchsgeist, der so erst wieder Ende der siebziger Jahre vom jungen HipHop aufgenommen werden sollte: So war HipHop-Pionier Afrika Bambaata dafür bekannt, Passagen von Martin Luther King Jr.-Reden in seine wilden Soundcollagen zu mixen.

King wollte Herz und Hirn, nicht den Arsch

Und auch wenn Rap-Ikone Tupac Shakur King einmal wegen seiner vermeintlichen Schwäche, "dem Gegner auch noch die andere Wange hinzuhalten" disste: King ist immer noch König in der HipHop-Welt. Kanye West hat ihn als eines seiner Vorbilder angegeben, und beim "The Dream Concert" im September 2007 in der New Yorker Radio City Hall traten selbst vermeintliche Party-Rapper wie Ludacris auf, während Halle Berry, Muhammad Ali, Morgan Freeman, Jamie Foxx, Michael Jordan und Magic Johnson aus Kings Reden rezitierten.

Sogar die beliebte US-Comic-Fernsehserie "The Boondocks" widmete King mit "Return Of The King" eine eigene Episode: Statt ermordet zu werden fällt der schwarze Politiker da in ein 32-jähriges Koma, aus dem er 2000 erwacht – und mit der Wirklichkeit nicht zurechtkommt.

Ein durchaus geistreiches Gedankenspiel, doch nicht alle freuen sich über die King-Mythologisierung: "Wir leben in einer Zeit", kritisiert Melissa Harris-Lacewell, Professorin für Politik und afroamerikanische Studien an der Princeton University, "in der Kultur zunehmend über Top-Ten-Listen und verklärende Zitate abgehandelt wird".

So bleibe Martin Luther King Jr. im Gedächtnis der Massen meist auf eine einzige Rede reduziert und werde als Popstar gesehen, anstatt als damals missliebiger Politiker. "Wenn wir vergessen, wie unbeliebt King, der Vietnamkriegsgegner und Gewerkschaftsunterstützer, 1968 bei vielen war, dann verfallen wir dem Irrglauben, wir dürften nur den populärsten Figuren folgen. King zu folgen hieß damals, den unattraktiveren Weg zu wählen."

Das bekräftigte kürzlich auch Public-Enemy-Mastermind Chuck D bei einem Vortrag zum Gedenken an Martin Luther King Jr.: "Dieser Mann symbolisierte Hardcore, in seiner Nächstenliebe, seinem Arbeitspensum und seiner Mission. Teile von HipHop und die Reality-Show-Kultur von MTV & Co aber sind das Gegenteil von Kings Traum. Der Mann wollte, dass wir unser Herz und Hirn einsetzen, nicht unseren Arsch".



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