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"Popetown"-Debatte bei MTV: Viel Weihrauch um nichts

Von Peer Schader

"Je früher wir anfangen, desto schneller kommen wir ins Bett": Bei der Live-Diskussion zum Skandalcartoon "Popetown" diskutierten die Podiumsteilnehmer gestern Abend auf MTV souverän aneinander vorbei. Fast hätte man übersehen, dass nebenbei auch noch die erste Folge der Serie gezeigt wurde.

Die guten Nachrichten zuerst: Heute Morgen ist wieder die Sonne aufgegangen. Mit dem öffentlichen Frieden in Deutschland scheint bisher alles in Ordnung zu sein. Von spontanen Massenprotesten wütender Katholiken war in den Frühnachrichten auch nicht die Rede. Aber es gibt auch eine schlechte Nachricht: Nach der Ausstrahlung der ersten Folge von "Popetown" gestern Abend auf MTV wird die Moraldiskussion wohl weitergehen. Selbst wenn es rein gar nichts mehr dazu zu sagen gibt.

Seit Wochen wird in Deutschland gestritten, ob eine Comicserie, in der ein kindischer Papst auftritt, der gerne Fischstäbchen isst, das Kreuz als Hüpfstock benutzt und lieber Verstecken spielt als die heilige Messe zu feiern, tatsächlich religiöse Gefühle verletzen kann, oder ob das alles nicht viel zu albern ist, um es ernst zu nehmen. Von Verboten war die Rede, einstweilige Verfügungen wurden beantragt, aus der Politik gab es gar die Forderung nach Gesetzesänderungen zum besseren Schutz religiöser Symbole.

MTV konnte gar nicht anders als zu reagieren. Weil der Sender aber auf keinen Fall auf die Ausstrahlung verzichten wollte, zeigte er "Popetown" gestern mit einer anschließenden Live-Diskussion, in der Kritiker, Befürworter und vor allem die Zuschauer zu Wort kommen sollten. Heute lässt sich sagen: Selten ist im deutschen Fernsehen so deutlich aneinander vorbeigeredet worden wie in diesem "MTV Newsmag Special".

Dirk Tänzler vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) war zu Gast und sagte, Serien wie "Popetown" würden es irgendwann noch schaffen, dass ein Zusammenleben in diesem Lande nicht mehr möglich sei. Joachim von Gottberg von der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) sagte, er könne beim besten Willen nicht nachvollziehen, wie man "Popetown" als ernsthafte Kritik an der Kirche verstehen könne. Und Smudo von den Fantastischen Vier, vielleicht der Vernünftigste in der Runde, sagte: "Je früher wir anfangen zu diskutieren, desto schneller kommen wir ins Bett."

Es ist eine müde Diskussion mit einem gelangweilten Podium und einem mucksmäuschenstillen Publikum geworden, das sich weder Applaus noch Buh-Rufe zutraute. Es mag auch daran gelegen haben, dass die größten Kritiker der Comicserie fehlten: MTV-Moderator Markus Kavka ließ es sich nicht nehmen, alle zehn Minuten darauf hinzuweisen, dass die Erzdiözese München-Freising, die die Ausstrahlung von "Popetown" von vornherein verhindern wollte, trotz Senderanfrage nicht bereit war, sich an der Runde zu beteiligen.

Nicht mal die CSU konnte sich dazu durchringen, der Debatte einen ihrer zahlreichen Pressesprecher zu opfern. Das war tatsächlich nicht nur enttäuschend, sondern hochpeinlich, zumal sowohl Erzdiözese als auch CSU in den vergangenen Wochen mit einer Verbalaggressivität gegen den Sender vorgegangen sind, die mit Nächstenliebe und gegenseitigem Respekt nicht mehr viel zu tun hatte. Man kann jedenfalls nicht behaupten, der Sender hätte sich nicht um Ausgeglichenheit bemüht.

Macht ja nichts: Mit dem Bayerischen Rundfunk (BR) hatten Erzdiözese und Partei jedenfalls keine Berührungsängste und gaben für einen Beitrag im Magazin "Zeitspiegel" ausführlich Auskunft. Der BR schimpfte noch ein bisschen darüber, dass die Medien der Serie durch ihre Berichterstattung bloß zu unnötiger Publicity verhelfen würden - und strahlte das dann am gestrigen Abend exakt fünf Minuten vor Beginn der Diskussion auf MTV aus.

Natürlich hat der Sender von der Debatte um "Popetown" profitiert, wenn auch vielleicht nicht in finanzieller Hinsicht, wie BDKJ-Vorstand Tänzler dem Sender vorwarf: Bei all der Aufmerksamkeit könne MTV ja jetzt ordentlich Geld mit Werbespots verdienen. Dabei wurden "Popetown" und die Diskussion gestern nicht ein einziges Mal von Werbung unterbrochen. Entweder, weil MTV sich der Finanzdiskussion gar nicht erst aussetzen wollte. Oder weil sich einfach kein Werbekunde fand, der Spots schalten wollte.

In jedem Fall muss man sich ein bisschen Sorgen um MTV machen. Nicht, weil Kirche und Politiker den "Popetown"-Frevel so schnell kaum verzeihen werden. Eher schon, weil man sich ungläubig die Augen reiben musste, um zu begreifen, dass das, was da gestern ab 21.30 Uhr über den Sender lief, keine semiprofessionelle Generalprobe vom Vortag war.

Ein unmotivierter Markus Kavka fragte die Podiumsteilnehmer ab wie in einer Klausur, zwischendurch las MTV-Kollegin Mirjam E-Mails von Zuschauern vor und plauderte mit Anrufern, von denen die meisten fragten, was das denn überhaupt solle, dass man solche Unwichtigkeiten hier jetzt im Fernsehen breitwalze. Dazu stellte MTV in Wackelgrafiken die vom weltbekannten Forschungsinstitut Phone Research ermittelten Ergebnisse einer Umfrage zu Papstkritik und dem "Popetown"-Verbot bei 14- bis 39-Jährigen vor. Puh, war das langweilig.

Von den Emotionen, die in der Diskussion doch die ganze Zeit eine so große Rolle gespielt haben, war jedenfalls nichts zu spüren. Und was Henry Gründler, Moderator der RTL-"Freitag Nacht News" als Zusatzexperte im Publikum zu suchen hatte, wollte einem auch nicht so recht einleuchten, zumal Gründler mit seinen Schachtelsätzen einen leicht angetrunkenen Eindruck machte. Haben die bei MTV vorher eigentlich schon mal Live-Fernsehen gemacht? Offenbar nicht.

Um 23 Uhr war das dröge Aneinandervorbeireden dann endlich vorbei. Smudo sah schon ziemlich bettfertig aus, der MTV-Comic-Papst hatte seine vermeintlichen Schandtaten längst verbrochen, und wahrscheinlich haben die meisten, die zugesehen haben, sich hinterher gefragt, ob es das jetzt gewesen sein soll. MTV will Anfang nächster Woche entscheiden, wie es mit "Popetown" weitergehen wird. Ein Ausstrahlungsverzicht scheint nach den ersten Reaktionen gestern aber eher unwahrscheinlich.

Bleibt bloß zu hoffen, dass MTV nicht auf die junge Frau aus dem Publikum hört, die in der Sendung zu Wort kam. Die hatte angeregt, dass man "Popetown", wenn der Sender schon darauf bestehe, alle Folgen zeigen zu wollen, doch jetzt jede Woche mit Live-Diskussion ausstrahlen könnte. Dann lieber verbieten, bitte!

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